Beleuchteter Reichstag

21.6.2019 | Von:
Maja Apelt
Irene Zierke

„Im eigenen Leben nicht mehr mitspielen zu dürfen, ist hart.“

Wirkungen der Umgestaltung an einer ostdeutschen Hochschule

Die Soziologinnen Maja Apelt und Irene Zierke zeigen am Beispiel einer ostdeutschen Hochschule auf, dass bis heute bei dortigen Beschäftigten aufgrund des Transformationsprozesses Verunsicherungen aber auch widerständige Selbstbehauptungen erkennbar sind.

Das Bild zeigt einen Hörsaal in einer UniversitätHörsaal in einer Universität (© picture-alliance, dpa)

1989/90 begannen in den östlichen Bundesländern im Zuge der friedlichen Revolution in der DDR sowie später mit der deutschen Vereinigung vollständige Umstrukturierungen sowie auch Neugründungen von Hochschulen. Diese übernahmen ab 1990/91 nicht nur die Struktur bundesdeutscher Universitäten, sondern auch führendes Personal aus westdeutschen Bundesländern. An dieser Transformation der Universitätslandschaft auf dem Gebiet der ehemaligen DDR kritisiert etwa Peer Pasternack, Sozialwissenschaftler und Direktor des Instituts für Hochschulforschung (HoF) an der Universität Halle-Wittenberg, dass die Systemintegration der wissenschaftlichen Einrichtungen gelungen sei, aber nicht die Sozialintegration des Personals. Demnach wurden die Hochschulen in revolutionärer Geschwindigkeit umstrukturiert, die mittlere ostdeutsche Wissenschaftlergeneration blieb dabei jedoch auf der Strecke.[1] Unsere These lautet in diesem Zusammenhang: Überlegungen zu ostdeutschen Identitäten dürfen nicht allein auf die DDR-Vergangenheit der Personen rekurrieren,[2] sondern sie müssen den Wende- und Transformationsprozess in Ostdeutschland in Rechnung stellen. Dieser Prozess erklärt zu großen Teilen, warum sich viele Ostdeutsche als Bürger/innen zweiter Klasse fühlen und meinen, sich mehr als andere anstrengen zu müssen, um anerkannte berufliche Positionen zu erreichen.[3] Um dies zu untersuchen, greifen wir auf qualitative Forschungsmethoden – leitfadengestützte, narrative Interviews – zurück, die wir zwischen 2014 und 2017 mit 29 Beschäftigten an einer ostdeutschen Universität führten, welche wir aus Gründen der Anonymisierung hier „Universität Beheim“ nennen.[4] Professor/innen und Mitarbeiter/innen aus Wissenschaft und Verwaltung erzählen in Interviews, wie sie die Transformationsphase an ihrer Universität erinnern, welchen beruflichen Pfad sie zu dieser Zeit einschlugen und welche Erfahrungen sie dabei im universitären wie privaten Alltag gemacht haben.

Die Stichprobe wurde nach folgenden sozialstrukturellen Dimensionen ausgewählt:
  1. universitärer Status,
  2. Geschlecht sowie
  3. Ost- oder West-Herkunft.
In unserem Beitrag stellen wir exemplarisch anhand von vier Interviews dar, wie die Interviewten die Transformation erlebt und welche Folgen erfahrene Zuschreibungen als „ostdeutsch“ für ihr Selbstkonzept hatten. Dabei legen wir zugrunde, dass Identitäten im Rahmen gesellschaftlicher Strukturen konstruiert werden. Sie sind nicht ein für alle Mal festgelegt, vordeterminiert und schicksalhaft, sondern sie werden in Interaktionen, einem bestimmten sozialen Umfeld und über akteursspezifisches Handeln geformt. Sie sind biografisch und situativ veränderbar.[5] Es zeigt sich, dass sich die Interviewpartner/innen nicht als Opfer konstruieren, sondern als Subjekt ihrer Biografie, das sich erfolgreich gegen Abwertungen und Stigmatisierungen wehrt. Die Befragten erlangten – nach einigen turbulenten Jahren – eine stabile Beschäftigung in der Universität. Unabhängig davon, ob sie die von ihnen antizipierte Position erreicht haben oder nicht, artikulieren sie trotz beruflicher Stabilität anhaltende Verunsicherungen und Verletzungen seit der Transformation von einer DDR- zu einer bundesrepublikanischen Universität. Die ausgewählten Interviews wurden mit folgenden Personen geführt:

AP: außerplanmäßiger Professor VA: Verwaltungsangestellte OP: ordentliche Professorin WM: wissenschaftliche Mitarbeiterin

Akteure der Transformation ostdeutscher Hochschulen in den 1990er Jahren

„Aber du wusstest teilweise gar nicht, wohin der Hase eigentlich läuft“ Wie eingangs dargestellt, wurden die Strukturen ostdeutscher Hochschulen zwischen 1989 und 1994 weitgehend aufgelöst und dem westdeutschen System angepasst.[6] In der ersten Transformationsphase von Mitte 1989 bis Anfang 1990, als es in der DDR-Gesellschaft „brodelte“ und Reformkräfte versuchten, eine friedliche Revolution in Gang zu setzen, begannen auch an den Hochschulen die Auseinandersetzungen über drängende Veränderungen. Häufig gelang es allerdings eher den beharrenden Kräften, ihre Positionen zu erhalten und Neuerungen auf einem „kosmetischen“ Niveau zu belassen. Andere fühlten sich als Reformer angesprochen und zeigten sich insbesondere in der zweiten Phase um 1990/91 zu fachlichen, technischen und zu strukturellen Neuheiten bereit. An der Universität Beheim gab es wie an anderen Hochschulen eigenständige Reformbestrebungen. Teilweise wurden Gremien demokratisch gewählt, verließen politisch kompromittierte, fachlich offensichtlich wenig qualifizierte oder ungeeignete Kolleg/innen die Hochschule. Andere wurden entlassen oder in den Vorruhestand versetzt. Verbliebene Mitarbeiter/innen versuchten, eigene Studienstrukturen aufzubauen. Ausgewählte Angehörige der Universität Beheim, die bereits vor 1989 dort beschäftigt waren, erinnern sich nachfolgend daran.[7] AP – seit 2001 außerplanmäßiger Professor – hebt die damaligen Freiräume hervor, die er gemeinsam mit Kolleg/innen nutzte: „Bis zur deutschen Einheit, Oktober 1990 […] Solche Räume hab ich nie wieder, also werd ich auch nie wieder erleben. […] man konnte machen. […] Es gab kein ‚Ja, das darf man nicht machen‘ […] Und es wurde ja auch viel gemacht. Also wie gesagt, ´n neuer Studiengang, der aus unserer Sicht, aus meiner Sicht, internationalen Standards genügt hätte, haben wir geschaffen, in relativ kurzer Zeit und andre Dinge auch. Also, es war eine sehr kreative Zeit“. (Z. 500-511) „Es war hochprofessionell, hoch international“. (Z. 580 f) Anerkennung für die geleistete Arbeit während dieser Zeit scheint es bis heute nicht oder nicht in ausreichendem Maße zu geben. AP vermittelt den Eindruck, als ob er sein Engagement im Nachhinein legitimieren und verteidigen müsste und betont, was er geschaffen hat: „Dass es überhaupt hier [Bezeichnung des Studienganges] gibt, das rechne ich mir persönlich […] schon als Verdienst an“. (Z. 559-570)

Die Verwaltungsangestellte VA bekam im März 1989 die Chance, im universitären Rechenzentrum ein zentrales Schreibbüro aufzubauen. „Hat alles ganz erfolgreich angefangen, dann kam die Wende, bums aus“. (Z. 89-90)

Mit der Wende wurde sie abrupt in die „Warteschleife“ versetzt bei vollem Gehalt. Nach wenigen Monaten übernahm sie in einem universitären ABM-Projekt eine ihr angebotene Stelle als Sekretärin. „Hat mir unheimlich Spaß gemacht, war ein tolles Team. War natürlich noch so ein DDR-Biotop“. (Z 132f) Auch das Institut von OP führt Ende 1989 neue Strukturen ein. Um seinen Erhalt zu sichern, orientieren sich seine Mitarbeiter/innen an westlichen Vorbildern. Zugleich wählen sie ihre Vorgesetzten basisdemokratisch, OP wird Leiterin ihres Bereichs. „Das [Institut] hat … fast ein Jahr lang … existiert, … [und] was wir damals immer noch geglaubt haben, durch die gute Evaluation noch ´ne Chance [zu] haben, das zu retten, da hatten wir keinerlei Chance, wenn ich das heute so einschätze“. (Z. 166-199)

Markierungen als Ostdeutsche

„Weil ich mich irgendwie ertappt fühlte“ In der dritten Transformationsphase wurde selten auf diese Reformbemühungen zurückgegriffen. Stattdessen wurden ab 1991 und mit der Berufung der ersten vornehmlich westdeutschen Professor/innen die Hochschulstrukturen gänzlich nach westdeutschem Vorbild eingerichtet.[8] Im Zuge dessen wurden viele Stellen im wissenschaftlichen Mittelbau und im nichtwissenschaftlichen Bereich abgebaut, unbefristete Beschäftigungsverhältnisse weitgehend in befristete umgewandelt. In Beheim wurden Verträge über drei oder sechs Monate ausgestellt, die zumeist nur kurzfristig verlängert wurden. Ehemalige Wissenschaftler/innen wechselten auf ausgeschriebene Verwaltungsstellen, andere den Wissenschaftszweig. Im Ergebnis dieser Prozesse wurde in Ostdeutschland das bis 1989 beschäftigte Personal an Universitäten um schätzungsweise 60 Prozent reduziert.[9] Bezüglich der Positionen ostdeutscher Hochschulangehöriger kann vereinfacht von einem Fahrstuhleffekt nach unten gesprochen werden. An den Universitäten vollzog sich – wie in der ostdeutschen Gesellschaft allgemein – eine sozialstrukturelle Überschichtung durch Westdeutsche: Hochschulbereiche wurden „verwestlicht“ und zugleich „vermännlicht“. Existentielle Unsicherheiten griffen um sich.[10] Die Autor/innen Jana Hensel und Wolfgang Engler stellen in ihren Gesprächen über ostdeutsche Identität heraus, dass in dem gesellschaftlichen Transformationsprozess eine Selbst- und Fremdidentifizierung als Ostdeutsche/r einsetzte.[11] Deren Leistungen während DDR- und Wendezeit wurden abgewertet, einst erreichte oder zugewiesene Positionen gingen verloren.[12] Im Laufe von 40 Jahren gebildete politische und gesellschaftliche Institutionen, Normen und Regeln wie auch institutionalisierte, habitualisierte Handlungsweisen verloren an Gültigkeit. Ostdeutsche wurden zu Fremden beziehungsweise zu Outsidern im eigenen Land, Zugereiste aus den alten Bundesländern zu „Einheimischen“.[13] Die Übertragung westdeutscher politischer und rechtlicher Strukturen auf die ostdeutschen Bundesländer sowie der Verlust von Positionen bewirkten bei vielen Menschen extreme Verunsicherungen. Sie verloren Möglichkeiten der Orientierung und das Gefühl für den eigenen Platz in der Gesellschaft, „the sense of one’s place“.[14] Erst nach und nach erfassten sie, welche Regeln gültig, welche Ressourcen anerkannt und welche Strategien wirksam waren.

Auch die Ostdeutschen unter den 29 Interviewpartnern erfuhren im Transformationsprozess an ihrer Hochschule, dass sie als nicht passend oder falsch, unterqualifiziert oder nicht zugehörig, eben als „Andere“ markiert wurden. Dabei war es nicht entscheidend, ob dies wortwörtlich an die einzelne Person herangetragen, beziehungsweise als Gerücht oder in Erzählungen zu einem Teil des Alltagswissens wurde. Diese Markierungen bewirken, dass ostdeutsche Männer wie Frauen sich in berufsbiografischen Erzählungen gezwungen sehen, ihre Position zu begründen. Das soll im Folgenden an ausgewählten Zitaten verdeutlicht werden.

AP hat die Zeit nach dem 3. Oktober 1990 als Kampf um die eigene Existenz und zugleich als Kampf zwischen Ost und West erlebt. Er artikuliert Zuschreibungen als „Ossi“, „Indio“ oder „Hilfsassistent“, mit denen er sich auseinandersetzt: „Als ich [von einem Fellowship 1994]dann wiederkam, hab ich dann `nen Vertrag für sechs Jahre gekriegt. Ja? […]Und dann haben die wieder versucht, mich rauzuschmeißen […] Und dann haben zwischendurch Professoren versucht, eben wie überall sozusagen, Ossis wie […] ich sag´s mal politisch unkorrekt… den Indio [zu behandeln], ja. Kamen also Leute an, plus Mikrofon, die also 20 Jahre lang nur in Westdeutschland auf Drittmittelprojekten waren und die wurden jetzt hier Professor. Und die dachten jetzt, die können uns behandeln wie ihre Hilfsassistenten.“ (Z. 116-128)

Ihm wurde kundgetan, dass die Universität Beheim kein Platz mehr für ihn sei. Obwohl ursprünglich einheimisch, fühlt er sich als Fremder und wird zum Objekt institutioneller Diskriminierung gemacht. Dennoch sieht er sich nicht einfach als Opfer dieser Prozesse, sondern stellt heraus, dass er aktiv um seine Chance gekämpft hat. Trotz aller Widrigkeiten und Versuche, ihn zu entlassen, bleibt er an der Universität Beheim. Teil seines Widerstandes gegen die Opferrolle ist es, seine „Gegner“ zu diskreditieren, also diejenigen Westdeutschen, die von ständigen Drittmittelprojekten aus Professuren bekamen.[15] Er bezeichnet sie als „akademisches Prekariat“. (Z. 173)

Die Professorin OP ist in dieser Frage ambivalent. Einerseits empfindet sie anfangs „Berührungsängste“ gegenüber westdeutschen Kolleg/innen, andererseits erschreckt sie die „Rivalität zwischen“ ostdeutschen Kolleg/innen um universitäre Positionen. Sie selbst will als Individuum und als Wissenschaftlerin gesehen werden. Das gelingt nur bedingt, wie in ihrem späteren Alltag als Professorin deutlich wird:

„Mir ist das mal passiert, dass ich ´ne Vorlesung gehalten habe und da kam dann einer […] auf mich zu. Und der hatte auch so Schmisse, also der war wahrscheinlich im Studentenkorps. Und der hat zu mir gesagt: ´Frau [Name], Sie können noch so gut Ihre Vorlesung machen, aber Ihnen merkt man noch deutlich Ihre politische Vergangenheit an, Sie können nicht lügen´. Und da stand ich so da und dachte: ´Mensch, der hat dich so richtig ertappt irgendwie (lacht kurz auf), […] was sagst du jetzt nur´? Damals haben mich Studenten gerettet, die haben gesagt: ´Mensch, hau ab, lass die Frau in Ruhe´. So in der Art, und denen war ich so dankbar, denn ich war nicht in der Lage ´ne ordentliche Antwort zu geben, weil ich mich irgendwie ertappt fühlte. Ich dachte: ´Mensch, der merkt dir noch an, dass du wirklich da vor Jahren da noch ganz anders gesprochen hast und so´. Und der hat ja Recht, eigentlich ist es unmöglich.“ (Z. 642-651).

OP wird hier und in anderen Situationen als Ostdeutsche mit „politischer Vergangenheit“ markiert. Das demütigt sie, denn wiederholte Überprüfungen auf Mitarbeit bei der Staatssicherheit oder eine besondere Position in der SED fallen bei ihr negativ aus. Dennoch schafft sie es nicht, sich von entsprechenden Vorhaltungen gänzlich zu emanzipieren.

Selbstbewusst reagiert hingegen die Verwaltungsangestellte VA auf Zuschreibungen, die sie als rückständig bezeichnen: „Man hat, gerade in meiner Position als Sekretärin und Verwaltungstante […], dann auch mit diesen Leuten zu tun, und das war dann doch ein bisschen so wie man es dann vielleicht von anderen auch schon gehört hatte: dass die so taten, als müssten die uns das Rechnen und Schreiben beibringen, als ob wir die Blöden wären, ja?“ (Z. 135-139)

Und die selber waren vielleicht die fünfte Garnitur, die hier rüber gekommen ist. Das war wirklich […] mit diesen anderen Menschen war für mich nicht leicht. […] Ich war nie eine Anhängerin von ‚früher haben wir das so und so gemacht´, dazu war ich damals noch viel zu jung […] aber dieses sich behandeln lassen als wäre man irgendwie so einer ganz unten, das konnte ich nicht ab, ja?“ (Z. 141-152)

Die Begegnung mit ihrem „ersten echten West-Chef“ und die spätere Zusammenarbeit mit weiteren Westkolleg/innen wertet sie im Vergleich zu dieser allgemeinen Einschätzung durchaus positiv. Die regionale Herkunft verliert für VA an Bedeutung, auch weil sie sich als Fachkraft profilieren kann.

Einschneidend sind die Erinnerungen von WM – wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Beheim. Sie hadert anhaltend mit den universitären Umstrukturierungen, die den Abschluss ihrer Habilitation und die angestrebte Karriere verhinderten:

„Meine Habilschrift war im Wesentlichen fertig, und ich wusste, dass ich im Juni 1990 verteidigen soll. Und im April, ich glaube, das war der 14. April, wurden wir […] alle entlassen.“ (Z. 57-59)

Auch die vorgesehenen Gutachter der Habilitationsschrift wurden entlassen. Zu westdeutschen Kolleg/innen hatte sie noch keine Kontakte, sodass das Habilitationsverfahren nicht eröffnet werden konnte.

Verletzungen und Unsicherheiten aus der Wendezeit haben dazu geführt, dass sie das Projekt Habilitation nicht noch einmal in Angriff genommen hat. Ebenso erzählt sie, dass sie Angebote aus den USA und eine Bewerbung an eine andere Universität abgelehnt hat. Sie begründet dies mit familiären Aufgaben und weil sie den Neuaufbau der Uni Beheim nicht verpassen, sich einbringen wollte. Das macht sie sieben Jahre lang auf Grundlage befristeter Arbeitsverträge.

„…immer wieder und ohne Perspektive und ohne, ohne, ohne ... und es ging vor und zurück, also. Jetzt habe ich mir einen unbefristeten Vertrag [gesichert], kann meinen Job machen. Also dass sich beruflich für mich etwas verbessert hätte? Ne. Im Osten wäre ich längst Professor. 1990 wäre ich ein Professor geworden“. (Z. 1354-1358)

WM ist frustriert, als Ostdeutsche trotz ihres Fachwissens und Engagements in Lehr- und darauf bezogenen Forschungsaktivitäten keine Professur erreicht zu haben. Denn eigentlich „…waren plötzlich alle [Ostdeutschen] nicht mehr gefragt. Punkt. Und wenn man uns noch mitmachen ließ, dann mussten wir dafür sehr dankbar sein. Aber das war ja unser Land. Das war unsere Hochschule. Das war unser Leben. Und im eigenen Leben nicht mehr mitspielen zu dürfen, das ist schon hart“. (Z. 991-996) Als Makel erkennt sie ihre Herkunft aus einem System, das sich überlebt hat und mehrheitlich abgelehnt wird.

Schlussbemerkungen

Die Selbstbilder der Interviewpartner/innen haben sich während der Transformationszeit verändert. Sie offenbaren, dass kaum geltendes Recht und weniger neuartige Strukturen sie verletzten – schließlich versuchten sie erfolgreich, sich anzupassen und als erforderlich erkannte Änderungen des DDR-Systems zu unterstützen. Verletzungen wurden eher ausgelöst durch den Transfer von Eliten und Kolleg/innen sowie die unmittelbare Konfrontation mit deren Vorurteilen und alltäglichen, als negativ empfundenen Zuschreibungen. Es handelt sich um Markierungen als Ostdeutsche im Sinne von weniger kompetent, weniger wert, politisch verstrickt in ein inakzeptables System etc. Die Interviewpartner/innen unterscheiden sich aber darin, welche Label sie aufnehmen, wie sie damit umgehen und sie schließlich verarbeiten. Bedeutsam erscheint uns dabei, dass eine vermeintlich objektiv erfolgreiche Position nach der Transformation nicht direkt mit einer erfolgreichen Selbstthematisierung einhergeht. Es bleibt anzumerken, dass skizzierte Verletzungen unserer Interviewpartner/innen keine Abwehrhaltungen bewirken, wie sie sich im Rechtspopulismus gegenüber der Gesellschaft zeigen. Aber sie sind anhaltend, identitätsstiftend und präsent, wenn sie „provoziert“ werden.

Zitierweise: „„Im eigenen Leben nicht mehr mitspielen zu dürfen, ist hart.“ Wirkungen der Umgestaltung an einer ostdeutschen Hochschule“, Maja Apelt/Irene Zierke, in: Deutschland Archiv, 29.5.2019, Link: www.bpb.de/292891

Fußnoten

1.
Peer Pasternack, Die wissenschaftliche Elite der DDR nach 1989, in: Hans-Joachim Veen (Hrsg.), Alte Eliten in jungen Demokratien. Wechsel, Wandel und Kontinuität in Mittel- und Osteuropa, Köln/Weimar/Wien, 2004, S. 121–148, hier S. 126, S. 129, S. 142.
2.
Naika Foroutan, Das nennt man Emanzipation, in: Zeit Online, 1. 4. 2019, www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2019-03/naika-foroutan-ostdeutsche-muslime-diskriminierung-rassismus, letzter Zugriff 17.05.2019.
3.
Vgl. bspw. Kathleen Heft, Brauner Osten – Überlegungen zu einem populären Deutungsmuster ostdeutscher Andersheit, in: Feministische Studien 2 (2018), S. 357- 366.
4.
Wir bedanken uns bei allen Universitätsangehörigen, die uns für Interviews zur Verfügung standen. Außerdem geht unser Dank an alle Studierenden, die an unserer Untersuchung mitgearbeitet haben.
5.
Vgl. Alexander Geimer/Steffen Amling/Sasa Bosancic (Hrsg.), Subjekt und Subjektivierung. Empirische und theoretische Perspektiven auf Subjektivierungsprozesse, Wiesbaden 2019.
6.
Renate Mayntz, Die Erneuerung der ostdeutschen Universitäten zwischen Selbstreform und externer Intervention, in: dies. (Hrsg.), Aufbruch und Reform von oben. Ostdeutsche Universitäten im Transformationsprozess, Frankfurt/M. 1994, S. 283–312.
7.
Bei der Zitation gelten folgende Regeln: S oder R bezeichnet den Interviewpartner/die Interviewpartnerin, Z verweist auf die Zeilennummern der Sequenz im Transkript des jeweiligen Interviews, unterstrichene Worte werden betont laut gesprochen, Auslassungen aus dem Interview oder Einfügungen der Autorinnen sind in eckige Klammern gesetzt.
8.
Vgl. Mayntz, Anm. 6; Hellmut Wollmann, Die Transformation der politischen und administrativen Strukturen in Ostdeutschland – zwischen ‚schöpferischer Zerstörung‘, Umbau und Neubau, in: Hans Bertram/Raj Kollmorgen (Hrsg.), Die Transformation Ostdeutschlands. Berichte zum sozialen und politischen Wandel in den neuen Bundesländern, Opladen 2001, S. 33–52.
9.
Pasternack, Anm. 1.
10.
Vgl. Stefan Hradil/Eckart Pankoke (Hrsg.), Aufstieg für alle? Opladen 1997; Reinhard Krakel, Politische Soziologie der sozialen Ungleichheit, Frankfurt/M. 2004, S. 284-315; Rainer Geißler, Die Sozialstruktur Deutschlands. Aktuelle Entwicklungen und theoretische Erklärungsmodelle, Bonn 2010, S. 185, S. 367; Raj Kollmorgen, Außenseiter der Macht. Ostdeutsche in den bundesdeutschen Eliten, in: Ulrich Busch/ Michael Thomas (Hrsg.), Ein Vierteljahrhundert Deutsche Einheit. Facetten einer unvollendeten Integration, Berlin 2015, S. 189–220, hier S. 212.
11.
Vgl. Wolfgang Engler/Jana Hensel, Wer wir sind. Die Erfahrung, ostdeutsch zu sein, Berlin 2018.
12.
Vgl. Michael Vester/ Michael Hofmann/Irene Zierke (Hrsg.), Soziale Milieus in Ostdeutschland. Gesellschaftliche Strukturen zwischen Zerfall und Neubildung, Köln 1995.
13.
Norbert Elias/John L. Scotson, Etablierte und Außenseiter, Frankfurt/M. 1990; Alfred Schütz, Der Fremde, in: ders., Gesammelte Aufsätze, Bd. 2, Den Haag 1972, S. 53–69.
14.
Erving Goffman, Symbols of Class Status, in: The British Journal of Sociology, 2 (1951) 4, S. 294–304.
15.
„Unter Drittmitteln werden diejenigen finanziellen Mittel verstanden, die den Hochschulen und Forschungseinrichtungen oder einzelnen Forschern in diesen Institutionen über die vom Unterhaltsträger zur Verfügung gestellten laufenden Haushaltsmittel und Investitionen (Grundausstattung) zusätzlich von dritter Seite zufließen. Sie werden i. d. R. für bestimmte Projekte oder Forschungsbereiche befristet bereitgestellt. Das kann mit Auflagen des Drittmittelgebers über Gegenstand und Organisation des Forschungsvorhabens, über die Bewirtschaftung der Mittel und über die Veröffentlichung und Nutzung der Forschungsergebnisse verbunden sein.“ Bundestagsdrucksache 10/225, 4.07.1983, S. 2.

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