Beleuchteter Reichstag

16.11.2011 | Von:
Tom Thieme

Mehr als ein Weltliterat

Die Sonderrolle Stefan Heyms in der Ära Honecker

Stefan Heym und die Überwindung der SED-Diktatur


Stefan Heym spricht auf der Kundgebung am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz.Stefan Heym spricht auf der Kundgebung am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz. (© Bundesarchiv, Bild 183-1989-1104-039, Foto: Hubert Link)
1990 traf Stefan Heym das Schicksal vieler ostdeutscher Bürgerrechtler und Dissidenten: Was er wollte, bekam er nicht – eine demokratische und sozialistische DDR –, und was er bekam, wollte er nicht – den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik.[21] Darum mutet es paradox an, dass gerade Heyms Verdienste um das Ende der SED-Herrschaft – politisch wie literarisch – herauszustellen sind. Kein anderer DDR-Schriftsteller wagte sich beim Widerstand gegen die SED-Herrschaftspraxis soweit hervor wie er, allerdings konnte auch niemand aus einer derart komfortablen Position schreiben wie er. Die meisten seiner Kollegen waren entweder überzeugte Sozialisten oder opportunistische Mitläufer. Kritische Autoren mussten dagegen häufig den Weg der Ausreise nach Westdeutschland wählen. Diese Option stellte sich für Heym nie ernsthaft. Erstens hielt er trotz aller Kritik den Sozialismus für das bessere System, zweitens fühlte er sich stets seinen Lesern in Ost und West verpflichtet und wollte seine Anhänger im Osten nicht im Stich lassen. Drittens war es nicht zuletzt eine gute Portion Eitelkeit, die "den Querulanten" der DDR zu einem stets gern gesehenem Gast in den Westmedien machte. Als ehemaliger Ost-Schriftsteller in der Bundesrepublik wäre er nur einer unter vielen gewesen, was ihn viertens nicht zuletzt aus finanziellen Gründen in der DDR hielt, wo er sich fünftens den Nimbus des Ausnahmeliteraten uneingeschränkt bewahren konnte.

Stefan Heyms literarisches Oeuvre zählt in Umfang und Bedeutung zu den wichtigsten Werken der deutschen Nachkriegsliteratur. Viele seiner Bücher wurden zu internationalen Bestsellern und seine verständlichen, häufig ironisch witzigen, wenn auch nicht immer bestechenden und brillanten Ausdrucksformen sind sein Markenzeichen. Doch Stefan Heym spielte unter den DDR-Schriftstellern nicht nur wegen seiner Biografie und seines Renommees eine herausragende Rolle – er nutzte diese auch bei vielen Gelegenheiten. Die gewaltige Wirkung von Heyms Belletristik hat zwei wesentliche Ursachen. Zum einen waren Heyms Bücher keine gesellschaftlich unbedeutenden Individualgeschichten, sondern stets zeitkritische Befunde über Probleme und Missstände in der DDR, die er in seinen Romanen aus literarischer Fiktion und politischer Realität geschickt verknüpfte. Zum anderen machte ihn diese für DDR-Verhältnisse kritische Schreibweise sowohl in der Bundesrepublik als auch in der DDR zu einem vielbeachteten Autor. Da die meisten Westschriftsteller im Osten nicht veröffentlichen durften und es außer Heym und Christa Wolf keine DDR-Literaten gab, die es in der Bundesrepublik zu größerem Erfolg gebracht hatten, lässt sich die These aufstellen, dass Stefan Heym in der Zeit des Kalten Krieges der meistgelesene Gegenwartsautor in Gesamtdeutschland war und somit auf künstlerischem Gebiet einen entscheidenden Teil zum Zusammenhalt der beiden deutschen Staaten beigetragen hat. Konsequent zeichnete er ein kritisches Abbild der (real)sozialistischen Diktatur, offerierte somit seinen Lesern, aber auch Künstlerkollegen und Politikern im In- und Ausland die Fehlentwicklungen in seiner Heimat und leistete damit einen wichtigen Beitrag zur inneren wie äußeren Destabilisierung der DDR. Dies erkannte der deutsche Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll lange vor dem Ende des "sozialistischen Experimentes". 1972 schrieb er treffend wie vorausschauend über Stefan Heym und die DDR: "Was nutzen Verträge, Annäherungen, Normalisierung, Beteuerungen, wenn ein Autor nicht da erscheinen darf, wo die Sprache gesprochen und gelesen wird, in der er schreibt? Das wird letzten Endes nur peinlich und ist eines Staates unwürdig, der international anerkannt sein möchte, aber seine Literatur, die längst international anerkannt ist, selbst nicht anerkennt."[22]


Fußnoten

21.
Siehe Eckhard Jesse, Systemwechsel in Deutschland. 1918/19–1933–1945/49–1989/90, Köln u.a. 2010, S. 136–156.
22.
Heinrich Böll, Der Lorbeer ist immer noch bitter, in: Der Spiegel, 18.9.1972.

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