Beleuchteter Reichstag

16.11.2011 | Von:
Christian Halbrock

Basisarbeit mit der kirchlichen Jugend und Ausbesserungen am Kirchendach

Die Ost-West-Treffen der evangelischen Kirche in der DDR

Zwischen den evangelischen Kirchen in Ost- und Westdeutschland bestanden Beziehungen auf allen Ebenen. An den Ost-West-Beziehungen der Kirchen vor Ort erweist sich, wie sich Christsein und Gemeindealltag in der DDR konkret gestalteten und was von offiziellen Verlautbarungen zu erwarten war.

"Wir sind doch Brüder"


Allzu häufig konzentrieren sich die Betrachtungen, die sich mit den Beziehungen zwischen den evangelischen Kirchen in Ost und West zu Zeiten der innerdeutschen Teilung beschäftigen, auf die Entscheidungsebene.[1] Im Mittelpunkt stehen dabei die kirchenleitenden Gremien, hinzu kommen die Verlautbarungen der Bischöfe und Synoden. Beachtung finden zudem noch die großen und spektakulären Ost-West-Treffen wie der gesamtdeutsche Kirchentag unter dem Motto "Wir sind doch Brüder" 1951 in Berlin oder der Leipziger Kirchentag 1954 "Seid fröhlich in Hoffnung", der noch unter starker bundesdeutscher Beteiligung stattfand.[2] Jene Betrachtung aus der Perspektive "von oben" liegt zunächst nahe und drängt sich schon aus Gründen der Quellenüberlieferung und somit nicht zuletzt häufig aus forschungsökonomischen Erwägungen auf: Schließlich sind die Beschlüsse und Denkschriften der Evangelischen Kirche in Deutschland, der EKD, ediert und beschrieben worden.[3]



Trotz der Schwierigkeiten, die sich aus der Frage ergeben, wie sich kirchliches Handeln auf den nachgeordneten Ebenen entfaltete, lohnt durchaus ein Versuch, auch einen Blick hierauf zu werfen. Der Erkenntnisgewinn kann nicht hoch genug bewertet werden. Jene nachgeordneten Ebenen, ob nun die Kirchenkreise, Kirchengemeinden oder Jungen Gemeinden vor Ort, waren im kirchlichen wie im gesellschaftlichen Kontext die eigentlichen Ebenen des praktischen Vollzuges. Hier erwies sich, wie sich Christsein und Gemeindeleben in der DDR im Alltag konkret gestalteten und was von den Verlautbarungen kirchenleitender wie staatlicher Stellen tatsächlich zu halten bzw. was von ihnen zu erwarten war.

Zum einen gaben die kirchenoffiziellen Erklärungen und Denkschriften häufig nur den Rahmen ab, in welchem das eigene Handeln zu verorten war. Die betreffenden Verlautbarungen der Bischöfe und Synoden kamen angesichts eines politisch hoch sensiblen Handlungsrahmens, den der SED-Staat vorgab, zustande und waren somit zumeist einer Wechselwirkung unterworfen: In ihnen manifestierten sich Vorstellungen sowie Ideale wie der gesellschaftliche Gestaltungsanspruch der Kirchen, den es, wie das "Wächteramt der Kirche", zu verteidigen und nicht aufzugeben galt. Zugleich wurde mit den Erklärungen auf konkret Erfahrenes, auf den Alltag der Gemeinden und das Staat-Kirche-Verhältnis reagiert und der Versuch unternommen, bestehenden Härten oder auch der Diskriminierung von Christen im DDR-Alltag entgegenzuwirken.

Eine wichtige Rolle kam in diesem Zusammenhang stets der Frage der deutschen Teilung in ihren grundsätzlichen Dimensionen und mit ihren konkreten Belastungen, zum Beispiel für die Gemeinden im Sperrgebiet an der innerdeutschen Grenze zu.[4] Von Bedeutung war zugleich, dass die "Staatsgrenzen" nicht in jeder Hinsicht den Kirchengrenze entsprachen. Das Gebiet der Kirche Berlin-Brandenburg war durch die Grenzziehung nach 1945 geteilt worden und Exklaven ost- wie westdeutscher Kirchen lagen auf der jeweils anderen Seite des Sperrzaunes. Hierzu zählten zum Beispiel die Gemeinden rund um Schmalkalden in Thüringen, die zur Kirche Kurhessen-Waldeck gehörten, oder einige Kirchengemeinden nördlich von Haldensleben und die der DDR-Propstei Blankenburg/Harz, die sich traditionell Braunschweig verbunden fühlten. Hinzu kamen auf DDR-Seite noch im Südharz mehrere Gemeinden, die ebenso wie das Amt Neuhaus an der Elbe im Bezirk Schwerin ein Teil der Landeskirche Hannover waren.[5] Die Dominsel zu Ratzeburg, seit 1937 in Schleswig-Holstein gelegen, gehörte wiederum zur Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburg, lag als "besonderer Verwaltungsbezirk" jedoch für die meisten Ostdeutschen unerreichbar auf der Westseite des Sperrzaunes. Lediglich Pensionären war gewöhnlich ein Besuch hierhin vergönnt; als Pensionärsdomizil für mecklenburgische DDR-Pfarrer im Ruhestand erwarb Ratzeburg sich im Zonenrandgebiet vor 1989 jedoch einen ganz besonderen Ruf.[6]


Fußnoten

1.
Text des gleichnamigen Vortrages, gehalten am 29.9.2011 auf der Tagung "Nach dem Mauerbau. Geteilte Entwicklungen – bleibende Verbindungen", veranstaltet vom Institut für Zeitgeschichte München–Berlin und dem Beauftragten für die Stasi-Unterlagen.
2.
Rudolf Mau, Der Protestantismus im Osten Deutschlands 1945–1990, Leipzig 2005, S. 224.
3.
Z.B. Anke Silomon, Anspruch und Wirklichkeit der besonderen Gemeinschaft. Der Ost-West-Dialog der deutschen evangelischen Kirchen 1969–1991, Göttingen 2006; Claudia Lepp,Tabu der Einheit? Die Ost-West-Gemeinschaft der evangelischen Christen und die deutsche Teilung (1945–1969), Göttingen 2005; Karoline Rittberger-Klas, Kirchenpartnerschaften im geteilten Deutschland. Am Beispiel der Landeskirchen Württemberg und Thüringen, Göttingen 2006.
4.
Dietlind Steinhöfel, Fünfzig Mark fürs Winken. Die Kirche war Zufluchtsort für die Bewohner des Sperrgebiets, in: Glaube und Heimat, 14.8.2011, S. 6.
5.
Taschenbuch der Evangelischen Kirchen in Deutschland, Bd. 3, Ausg. 1958, Stuttgart 1958, S. 453–458. Das Folgende ebd.
6.
Zuschrift v. Pfarrer i.R. Erich Michaelsen, Ratzeburg 2.9.1997.

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