Beleuchteter Reichstag

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1.9.2011 | Von:
Bogdan Musial

Der Bildersturm

Aufstieg und Fall der ersten Wehrmachtsausstellung

Vergangenheitsbewältigung und Geschichtskultur der 1990er-Jahre

Der Umgang der deutschen Gesellschaft mit der NS-Vergangenheit hat sich von 1945 bis in die 1990er-Jahre grundlegend gewandelt. Nach einer kurzen Periode der von den Alliierten verordneten Abrechnung mit der NS-Vergangenheit folgte in den 1950er-Jahren kollektives Verdrängen. Ab Ende des Jahrzehnts zeichnete sich ein Wandel in der Einstellung breiter Kreise der deutschen Gesellschaft gegenüber der NS-Vergangenheit ab. Bis heute hat sich das Bild der NS-Zeit fundamental geändert. In das Zentrum der Betrachtung rückte allmählich der Mord an europäischen Juden, der heute sowohl in Deutschland als auch in den anderen westlichen Ländern die Diskussionen über die NS-Vergangenheit dominiert.

In den 1970er- und 80er-Jahren entwickelte sich die kritische Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte zu einem der Grundprinzipien der deutschen Innen- und Außenpolitik. Auch die heutige Bundesrepublik definiert sich durch ihre kritische Distanz zur NS-Zeit, durch die Politik der sogenannten Vergangenheitsbewältigung, die sich nach Helmut Dubiel durch die "fast religiöse Sehnsucht nach einer radikalen Abkehr von der Vergangenheit" auszeichne.[8]

Man sprach sogar von einem "negativen Nationalismus", den Aleida Assmann wie folgt definierte: "Im Zentrum dieser Form des Nationalismus steht eine Sakralisierung des Holocaust, eine 'Holocaustfixierung', die die Vernichtung der Juden zur negativen Sinnstiftung deutscher Geschichte macht. [...] Der Nationalstolz findet eine Umkehrung im deutschen 'Schuldstolz' (G[yörgy] Konrad)."[9] Die "pathetischen Rituale des klassischen Nationalismus" ersetzten neue, die der Vergangenheitsbewältigung, die jedoch bald zu einer "mechanischen Ritualisierung" wurden, wie beispielsweise die jährlichen Gedenkveranstaltungen zum 8. Mai im Bundestag, so Helmut Dubiel im Interview mit der "taz".[10]

In den 1990er-Jahren bekam der ritualisierte Prozess der Vergangenheitsbewältigung einen neuen Schub, der sich durch hohe Emotionalisierung und Mobilisierung individueller Betroffenheit auszeichnete. Und gerade die Wehrmachtsausstellung entwickelte sich zu einem Symbol und einem festen Bestandteil dieser Etappe der deutschen Vergangenheitsbewältigung. Sie brachte neue Impulse in die eingefahrene und mechanische Routine der Vergangenheitsbewältigung der 1980er-Jahre ein. Die Ausstellung jagte "Schrecken" ein, setzte Emotionen frei und artete teilweise in eine kollektive Hysterie (so wurde es nötig, einen Seelsorge-Dienst für Ausstellungsbesucher einzurichten) und Krawalle aus.

Die Gegner und Befürworter der Ausstellung gründeten Förder-, Träger-, Initiativ- bzw. Anti-Wehrmachtsausstellung-Vereine, sie schrieben Petitionen und füllten Zeitungsspalten mit Leserbriefen, sie protestierten und demonstrierten, lieferten sich Rededuelle und zuweilen Straßenschlachten. Es gab Sachschäden, Verletzte, Verhaftete, Morddrohungen, Bombenanschläge und zahlreiche Anklagen und Gerichtsprozesse. Im Mittelpunkt all dieser Geschehnisse stand die Wehrmachtsausstellung. Sie wurde bald zu einem beinahe religiösen Kultobjekt und Symbol des Kampfes gegen die "Ewiggestrigen", gegen die "revisionistischen" Kräfte in Deutschland, welche die deutsche Schuld nicht akzeptieren wollten.

Die Eröffnungsveranstaltungen an den einzelnen Stationen der Ausstellung, an denen regelmäßig Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens teilnahmen, wurden immer feierlicher, sie zogen Tausende von Besuchern und Hunderte von Journalisten an. Ausstellungsorte entwickelten sich zu Pilgerstätten, zu denen ganze Schulklassen im Rahmen des Unterrichts geführt wurden. Jan Philipp Reemtsma stellte in einem Interview selbstkritisch fest: "Oft wurde die intellektuelle Auseinandersetzung verlassen, und der Ausstellungsbesuch bekam etwas Religiös-Bekenntnishaftes."[11]

Auch die Ausstellungsräume wurden immer repräsentativer, vom ehemaligen Fabrikgebäude Kampnagel in Hamburg, dem Foyer der Humboldt-Universität in Berlin, den Rathäusern in München, Bremen und Hannover, der Paulskirche in Frankfurt am Main bis zu Gebäuden des Schleswig-Holsteinischen Landtages in Kiel. Es gab sogar die Initiative, die Ausstellung im Bundestag zu zeigen, die jedoch im April 1997 scheiterte.[12]

Die Schau wurde zum Gegenstand zahlreicher zum Teil bewegender Landtagsdebatten (in Bremen, Wiesbaden, Hannover, Kiel, Saarbrücken und Hamburg) und löste beinahe eine Regierungskrise in Bremen aus.[13] Sogar im Bundestag diskutierten die Abgeordneten über die Ausstellung, und dies gleich zweimal: am 13. März und am 24. April 1997. Angesichts dessen verwundert es kaum, dass 81 Prozent der befragten Ausstellungsbesucher in Frankfurt am Main angaben, die Ausstellung sei wichtig für das nationale Selbstverständnis der Deutschen.[14] Die Diskussion im Bundestag machte die Ausstellung beinahe sakrosankt, was von nicht wenigen Parlamentariern beabsichtigt war. So beantragte die PDS am 12. März 1997 einen Beschluss, der die Kritik an der Ausstellung im Endeffekt verbieten sollte, setzte sich damit jedoch nicht durch.[15]

Eine wichtige Etappe in dem Wandel der Ausstellung zum fast religiösen Kultobjekt des vereinigten Deutschlands war die Verleihung der Carl-von-Ossietzky-Medaille der Internationalen Liga für Menschenrechte an die Ausstellungsmacher im Dezember 1997.

Der Vorsitzende des Hamburger Institus für Sozialforschung Jan Philipp Reemtsma, und die Kuratoriumsmitglieder des Vereins zur Foerderung der Ausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944" Franz Vranitzky, Ex-Bundeskanzler Österreichs, mitte, und der ehemalige Vorsitzende der SPD Hans-Jochen Vogel auf einer Pressekonferenz am Dienstag, 22.Juni 1999, in Hamburg.Der Vorsitzende des Hamburger Institus für Sozialforschung Jan Philipp Reemtsma, und die Kuratoriumsmitglieder des Vereins zur Foerderung der Ausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944" Franz Vranitzky, Ex-Bundeskanzler Österreichs, mitte, und der ehemalige Vorsitzende der SPD Hans-Jochen Vogel auf einer Pressekonferenz am Dienstag, 22.Juni 1999, in Hamburg. (© AP, Foto: Michael Probst)
Mit der Gründung des "Vereins zur Förderung der Ausstellung Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944", der am 1. August 1999 die Ausstellung vom Hamburger Institut für Sozialforschung übernahm, fand diese Entwicklung ihren vorläufigen Höhepunkt. Zu den Mitglieder des Trägervereins gehörten unter anderen der damalige Bundesinnenminister Otto Schily, Ignatz Bubis, Hans Koschnick, Hans-Jochen Vogel und Franz Vranitzky. Dem Verein stand ein wissenschaftlicher Beirat aus 22 Historikern zur Seite, die der Ausstellung das Siegel der Wissenschaftlichkeit verliehen. Auf Provinzebene bildeten sich ähnliche Vereine, etwa in Düsseldorf.[16]

Paradoxerweise wurde eine Ausstellung, die darauf abzielte, den Mythos von der "sauberen" Wehrmacht zu zerstören, selbst zu einem Mythos.[17] Folglich entwickelte sich die Auseinandersetzung um die Wehrmachtsausstellung zur Konfrontation von zwei konträren Mythen: der Legenden von der "sauberen" Wehrmacht und von der "wissenschaftlich sauberen" Ausstellung. Unter diesen Umständen war eine sachliche Debatte kaum möglich.

Noch im Sommer 1999 glaubten viele, dass "die Ausstellung die Wahrnehmung deutscher Geschichte und Gegenwart in den kommenden Jahren nachdrücklich bestimmen" werde, und zwar nicht nur in Deutschland.[18] Für Dezember 1999 war eine englische Version der Ausstellung geplant, die in New York und anschließend in anderen Weltmetropolen gezeigt werden sollte. Dazu kam jedoch nicht mehr, denn wenige Wochen davor wurde die Ausstellung suspendiert und ein Jahr später endgültig geschlossen.


Fußnoten

8.
Einbruch in die Rituale, in: taz, 25.6.1999.
9.
Aleida Assmann/Ute Frevert, Geschichtsvergessenheit. Vom Umgang mit deutschen Vergangenheiten nach 1945, Stuttgart 1999, S. 66f.
10.
Einbruch in die Rituale, in: taz, 25.6.1999.
11.
Interview mit Jan Philipp Reemtsma und Bogdan Musial. in: Die Welt, 16.9.2000.
12.
Ausstellung zur Wehrmacht wird nicht im Bundestag gezeigt, Deutscher Bundestag, 30.4.1997.
13.
Bernd Greiner, Bruch-Stücke. Sechs westdeutsche Beobachtungen nebst unfertigen Deutungen, in: Eine Ausstellung und ihre Folgen. Zur Rezeption der Ausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944", Hg. Hamburger Institut für Sozialforschung, Hamburg 1999, S. 15–86, hier 41.
14.
Hans-Günter Thiele (Hg.), Die Wehrmachtsausstellung. Dokumentation einer Kontroverse, Bremen 1998, S. 170–223; Ilka Quindeau, Die Einschätzung des Nationalsozialismus im Spiegel der Ausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944". Meinungen – Reaktionen – Positionen, Frankfurt a. M. 1998, S. 31.
15.
Entschließungsantrag der Gruppe PDS u.a. v. 12.3.1997, dok.: Hans-Günter Thiele (Hg.), Die Wehrmachtsausstellung. Dokumentation einer Kontroverse, Bremen 1998, S. 220.
16.
Kloppfechtereien. In Düsseldorf wurde um die Wehrmachtsausstellung gestritten, in: Frankfurter Rundschau, 15.4.2000.
17.
Jörg Friedrich, Die 6. Armee im Kessel der Denunziation. Ende der Legende von der sauberen Wehrmachtsausstellung, in: Berliner Zeitung, 30./31.10.1999.
18.
Dirk Schümer, Kampf der Mythen. Die Verbrechen der Wehrmacht, in: FAZ, 25.6.1999.

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