Beleuchteter Reichstag

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13.9.2011 | Von:
Robert Meyer
Lutz Haarmann

Das Freiheits- und Einheitsdenkmal

Die geschichtspolitische Verortung in der Ideengeschichte der Bundesrepublik

4. Materielle Gestaltung

Nachdem eine erste, inhaltlich sehr weit gefasste Ausschreibung kläglich gescheitert war, sollte die künstlerische Gestaltung des Denkmals im zweiten – nicht öffentlichen – Wettbewerb die friedliche Revolution 1989 und die Wiedererlangung der deutschen Einheit fokussieren. Der Beitrag der Leipziger Bürgerinnen und Bürger, denen der Änderungsbeschluss des Bundestages eine herausgehobene Rolle an der friedlichen Revolution zubilligte, sollte nun mit einem eigenen Denkmal gewürdigt werden. In Berlin sollte durch das in der Nähe des geplanten Denkmals liegende Deutsche Historische Museum der Bezug zur gesamten deutschen Freiheits- und Einheitsgeschichte hergestellt werden können. Auf den ursprünglich vorgesehenen Ort der Information wurde fortan verzichtet.[65]

Sieger des zweiten Wettbewerbs um die Ausschreibung für das "Freiheits- und Einheitsdenkmal" in Berlin: der Entwurf "Bürger in Bewegung" von Milla und Partner in Zusammenarbeit mit Sasha Waltz. Ansicht vom Kronprinzenpalais über den Kupfergraben, im Hintergrund das Stadtschloss (Wiederaufbau in Planung) und das ehemalige DDR-Staatsratsgebäude.Sieger des zweiten Wettbewerbs um die Ausschreibung für das "Freiheits- und Einheitsdenkmal" in Berlin: der Entwurf "Bürger in Bewegung" von Milla und Partner in Zusammenarbeit mit Sasha Waltz. Ansicht vom Kronprinzenpalais über den Kupfergraben, im Hintergrund das Stadtschloss (Wiederaufbau in Planung) und das ehemalige DDR-Staatsratsgebäude. (© Milla und Partner)
Unter den ursprünglich 28 eingereichten Entwürfen wurde am 13. April 2011 von Kulturstaatsminister Bernd Neumann der Beitrag der Architekten Milla und Partner in Zusammenarbeit mit der Künstlerin Sasha Waltz "Bürger in Bewegung" als Sieger verkündet. Dieser Entwurf, der von den Juroren gelobt wurde, weil er "weitgehend und in eindrücklicher Weise" mit den Vorstellungen der Auftraggeber übereinstimme, umfasst drei konzeptionelle Kerngedanken. Erstens werde hier den "mutigen Bürgern" von 1989 gedacht, die als Basis der gegenwärtigen Freiheit angesehen werden. Zugleich soll das Denkmal, das an eine Schale erinnert, auch Vermächtnis der Bürgerbewegung und zugleich Aufforderung an die nächsten Generationen sein. Zweitens sei das Denkmal begehbar, und somit könne sich der heutige Bürger als Teil des Denkmals betrachten. Drittens sei das entworfene Denkmal beweglich, und zwar wenn sich mehrere Bürger zusammenschließen und das Denkmal gemeinsam betreten. Hierzu formulierten die Künstler: "Freiheit und Einheit sind keine dauerhaften Zustände, sondern müssen stets neu gestärkt und definiert werden, sie erfordern ständiges Engagement."[66] Insgesamt befand die Jury laut Neumann zum Beitrag von Waltz, Milla und Partner: "Die künstlerische Formensprache schafft einen symbolischen Ort der positiven Erinnerung an die Friedliche Revolution und Wiedervereinigung als glücklichste Ereignisse der jüngeren deutschen Geschichte." Der Bund erhoffe sich zudem, dass der Ort dieses Denkmals, das einen "interaktiven Charakter" habe, zu einem "lebendigen Ort der Auseinandersetzung mit unserer jüngsten Geschichte entwickeln" werde.[67]

Während Andreas Kilb sich in seiner Kritik an dem Entwurf in der "Frankfurter Allgemeinen" vornehmlich auf die Realisierbarkeit des Auftrages und auf Probleme mit den Sicherheitsvorkehrungen bezog[68], erkannte der Osteuropahistoriker Karl Schlögel in der "Welt" unter dem Titel "Wir brauchen die Wippe nicht" Probleme der Authentizität eines Freiheits- und Einheitsdenkmals. Berlin benötige keinen weiteren Ort der Inszenierung. In ganz Berlin könnten Spuren der Teilung besichtigt werden, etwa an der Bernauer Straße, am Checkpoint Charlie, ja insbesondere am Brandenburger Tor. An diesem Ort fielen "Ort und historisches Ereignis" auf ideale Weise zusammen. Ähnliches gelte in Bezug auf das nationalsozialistische Erbe der Stadt. Anstelle eines Holocaust-Memorials hätte man in Berlin, so Schlögel, durchaus die Möglichkeit authentischer Orte, beispielsweise die Villa, in der die Wannseekonferenz stattfand, oder den Bendler-Block.[69]


Fußnoten

65.
Vgl. den Ausschreibungstext des Wettbewerbs für ein Freiheits- und Einheitsdenkmal in Berlin 2010, Nichtoffener Wettbewerb, http://www.bbr.bund.de/cln_015/nn_22808/
DE/WettbewerbeAusschreibungen/
PlanungsWettbewerbe/Ablage__
AbgeschlWettbewerbe/Ablage__
2010/FED__Bekanntmachung.html [6.9.2011].
66.
Preisträger für ein Freiheits- und Einheitsdenkmal, http://www.bbr.bund.de/cln_015/nn_22808/
DE/WettbewerbeAusschreibungen/
PlanungsWettbewerbe/Ablage__
AbgeschlWettbewerbe/Ablage__2010/
FreiheitEinheitDenkmal/Freiheits
EinheitsDenkmal__2/Preise__
Wettbewerb.html [6.9.2011].
67.
Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Pressemitteilung Nr. 141, 13.4.2011.
68.
Andreas Kilb, Bewegte Bürger, umstellt von Zäunen und Wachen, in: FAZ, 15.4.2011, S. 33.
69.
Karl Schlögel, Wir brauchen die Wippe nicht, in: Die Welt, 28.5.2011, S. 1.

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