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57 Stunden im Westen

Flucht und Rückkehr des DDR-Grenzkommandeurs
Klaus-Dieter Rauschenbach


6.7.2011
Am 2. Juni 1981 flüchtete der DDR-Grenzkommandeur Klaus-Dieter Rauschenbach. Bereits zwei Tage später kehrte er – angeblich freiwillig – in die DDR zurück. Die Umstände von Rauschenbachs Flucht und Rückkehr sollten schließlich von einem Bundestagsuntersuchungsausschuss geklärt werden.

Der letzte Arbeitstag




Klaus-Dieter Rauschenbach (r.) im Gespräch mit Kollegen.Klaus-Dieter Rauschenbach (r.) im Gespräch mit Kollegen. (© BStU, MfS, AU 13454/89, S. 49.)
Der letzte Arbeitstag von Oberstleutnant Klaus-Dieter Rauschenbach im Grenzregiment 3 in Dermbach verläuft unerfreulich. Ein Polit-Offizier will bei den Grenztruppen aufhören und hat ein Entpflichtungsgesuch gestellt. Rauschenbach überlegt, wie er den Mann noch umstimmen kann. Im Regiment ist es seit längerer Zeit unruhig. Im Januar 1981 sind zwei Soldaten in den Westen geflüchtet, immer wieder gibt es Schlägereien und Alkoholexzesse in den Kasernen, Rauschenbach muss herbe Kritik von seinem Vorgesetzten, Generalmajor Walter Tanner, einstecken.[1] Mehrmals wird er disziplinarisch gemaßregelt. Der Druck macht ihm schwer zu schaffen, seit einigen Monaten ist er in psychiatrischer Behandlung. Die Karriere des 39-jährigen Oberstleutnants, die bis zu seiner Beförderung zum Kommandeur zwei Jahre zuvor geradlinig verlief, hat einen Knick bekommen.

Der gebürtige Thüringer ist seit seinem 17. Lebensjahr bei der Armee. Im Oktober 1959 meldet er sich freiwillig zur Nationalen Volksarmee (NVA), besucht die Unteroffiziersschule und wechselt ein Jahr später zur Offiziersschule für Mot.-Schützenkommandeure in Frankenberg, die er 1962 abschließt. Im November 1964, da ist Rauschenbach bereits bei den DDR-Grenztruppen, wird er von der Hauptabteilung (HA) I des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) als inoffizieller Mitarbeiter angeworben und als IM "Blitz" geführt.[2]

Die Flucht




Für den Mittag des 2. Juni 1981 bestellt Rauschenbach seinen Fahrer vor das Stabsgebäude in Dermbach. Er möchte hinaus fahren an die Grenzanlage, um auf andere Gedanken zu kommen. Um 13.00 Uhr hält der geländegängige P3 vor dem Haus. Rauschenbach steigt ein und gibt seinem Fahrer die Order, zum Sicherungsabschnitt VII zu fahren. Am Tor 31 nimmt der Kommandeur über Funk Verbindung zur Führungsstelle auf. Er ist nervös, bringt die Kennzahlen durcheinander, die an diesem Tag gelten. Nach mehreren Anläufen kann er sich schließlich erinnern und das Tor öffnet sich für den P3.

Fluchtskizze des MfS.Fluchtskizze des MfS. (© BStU, MfS, AU 13454/89, S. 11.)
Der Geländewagen fährt auf dem Kolonnenweg langsam weiter, mehrmals bittet Rauschenbach seinen Fahrer, stehen zu bleiben. Am Flüsschen Ulster steigt der Kommandeur sogar aus, um Forellen zu beobachten. In gemächlichem Tempo geht es den Seelesberg hinauf. Ein Stück weiter in einer Senke fordert Rauschenbach seinen Fahrer plötzlich auf, langsamer zu fahren und schließlich anzuhalten. "Ich glaube, da ist ein Grenzstein umgefallen", sagt er zu dem Gefreiten, der sich im dritten Halbjahr seines Wehrdienstes befindet. Der Fahrer steuert den P3 an den letzten Grenzzaun, der die DDR von der Bundesrepublik trennt. Rauschenbach stellt sich auf die Motorhaube, schaut Richtung Bundesrepublik. Der Zaun ist mit drei Metern aber zu hoch, als dass der 1,68 Meter große Offizier ihn so einfach überklettern könnte. Also weist er seinen Fahrer an, das Fahrzeug längs zum Zaun hin zu rangieren. Während des Manövers balanciert er auf der Motorhaube. Als der P3 zum Stehen kommt, stößt sich Rauschenbach vom Verdeck ab und zieht sich hoch. Einen Moment sitzt er noch rittlings auf dem Zaun, schwingt dann sein anderes Bein hinüber, springt auf den Boden und geht sofort Richtung Grenzlinie. Als er nur noch wenige Meter vom bundesdeutschen Territorium entfernt ist, dreht er sich noch einmal um und ruft seinem Fahrer zu, dieser solle über Funk melden, dass an dieser Stelle ein Grenzstein fehlt. Der Gefreite verlässt den P3 und geht einige Schritte zur Sprechstelle.[3]

Fluchtskizze des MfS.Fluchtskizze des MfS.
(© © BStU, MfS AU 13454/89, S. 12.)
Ein fehlender Grenzstein ist es natürlich nicht, für den sich Oberstleutnant Rauschenbach hinter dem Zaun interessiert. Er marschiert auf kürzestem Weg durch das hohe Gras zur Staatsgrenze. Er ist sich absolut sicher, dass ihn dabei niemand beobachtet; sein Fahrer hat von der Sprechstelle aus keinen freien Blick auf das Gelände hinter dem Zaun. Hier, ungefähr 100 Meter südwestlich der Grenzsäule 1771 können auch die Soldaten auf den Beobachtungstürmen nicht auf den Abschnitt sehen, an dem ihr Grenzkommandeur kurz nach 14.00 Uhr dabei ist, sich in die Bundesrepublik abzusetzen. Rauschenbach hat die Stelle nicht zufällig gewählt. Hier befindet sich die operative Grenzschleuse "Berg", durch die Agenten des MfS die DDR unerkannt betreten und verlassen. Ein halbes Dutzend solcher Agentenschleusen gibt es im Bereich des GR-3 Dermbach, und Klaus-Dieter Rauschenbach kennt sie alle.[4]

Der Grenzkommandeur im Westen




MfS-Aufnahme des Fluchtwegs. Westliche "Grenzorgane" untersuchen das Waldstück.MfS-Aufnahme des Fluchtwegs. Westliche "Grenzorgane" untersuchen das Waldstück. (© BStU, MfS AU 13454/89, S. 28.)
Direkt hinter der Demarkationslinie schließt sich auf der bundes- republikanischen Seite ein kleines lichtes Waldstück an. Rauschenbach wandert durch das Unterholz und nach ein paar Metern trifft er auf einen Waldweg. Hinter dem Wäldchen führt der Weg zum 50-Einwohner-Dorf Habel in der hessischen Gemeinde Tann/Rhön. Das erste Haus, das Rauschenbach gegen 14.15 Uhr erreicht, ist der Bauernhof der Brüder Konrad und Georg Röder. Der Offizier spricht einen der beiden Landwirte an und erklärt ihm, dass er eben aus der DDR über Grenze gekommen ist, will wissen, wo die nächste Dienststelle des Zolls oder des Bundesgrenzschutzes ist. Der Landwirt nimmt ihn mit ins Haus und ruft die Dienststelle des Zollgrenzdienstes in Tann/Rhön an. Eine gute halbe Stunde später treffen zwei Zollbeamte auf dem Hof der Brüder Röder ein und nehmen Rauschenbach zunächst seine Dienstpistole mit den sechs Schuss Munition ab. Dann geht es im Auto zur Zolldienststelle nach Tann, wo er zum ersten Mal über die Umstände seiner Flucht befragt wird.

Um 16.30 Uhr landet ein Hubschrauber des Bundesgrenzschutzes (BGS) auf einer Wiese oberhalb der Zolldienststelle und bringt Rauschenbach nach Fulda. Dort, in der BGS-Kaserne, soll die grenzpolizeiliche Erstvernehmung stattfinden. Bevor der Pilot Fulda ansteuert, fliegt er noch eine Schleife über den Grenzabschnitt bei Tann. Rauschenbach soll den BGS-Beamten noch einmal zeigen, wo er ein paar Stunden zuvor über den Metallgitterzaun geklettert ist.

Der Fahrer des Grenzkommandeurs beweist in der Zwischenzeit Geduld. Obwohl er jenseits des Grenzzauns kein Lebenszeichen seines Vorgesetzten wahrnimmt, bleibt er auf seinem Posten und wartet auf Rauschenbachs Rückkehr. Erst als gegen 16.45 Uhr Beamte des BGS auf der anderen Seite des Zaunes auftauchen und dem Gefreiten zurufen, dass er sich zeigen solle, dämmert ihm, dass etwas nicht stimmt. Er informiert seine Dienststelle über Funk, dass der Kommandeur in Richtung Bundesrepublik verschwunden und nicht zurückgekommen ist.

Um 17.00 Uhr trifft die Hubschrauberbesatzung in Fulda ein. Sofort beginnen mehrere Beamte mit der Befragung. Rauschenbach bekommt Kartenmaterial vorgelegt, muss zeigen, bis wohin der Abschnitt reicht, für den er bis vor wenigen Stunden als Kommandeur des GR-3 verantwortlich war, muss Organigramme der Grenztruppen bestätigen, bekommt Fotos von Grenztruppenchef Klaus-Dieter Baumgarten und Generalmajor Walter Tanner vorgelegt. Ohne Pause geht es weiter. Gibt es Starkstromanlagen an der Grenze? Wie genau lautet der Schießbefehl? Wo befinden sich die Personenschleusen des MfS im Abschnitt des GR-3? Ist Rauschenbach inoffizieller Mitarbeiter des MfS? Wie sieht die innere Organisation der Grenztruppen aus? Die Vernehmungsbeamten machen ihm klar, dass die Zeit drängt. Später am Abend wollen zwei Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes (BND) Rauschenbach in Fulda abholen und nach München fahren. Um 22.00 Uhr darf Rauschenbach sich in der Kaserne hinlegen, bleibt allerdings unter ständiger Beobachtung. Kurz nach Mitternacht übernehmen ihn die BND-Mitarbeiter. Ohne Zwischenhalt fahren sie nach München, wo sie im Morgengrauen ankommen. Sie quartieren den Flüchtling in einer konspirativen Wohnung am Stadtrand ein und lassen ihn in den kommenden zwei Tagen keinen Moment aus den Augen.[5]

Während Rauschenbach im Auto Richtung München sitzt, beginnt die Untersuchungsabteilung der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit Suhl mit der Tatortuntersuchung am Grenzzaun. Über viele Stunden werden alle Spuren von Rauschenbachs Flucht akribisch dokumentiert, die Reifenspuren des P3, mit dessen Hilfe der Oberstleutnant über den Zaun geklettert ist, vermessen, wird der Tatort aus jedem denkbaren Winkel fotografiert und eine Rekonstruktion des Ablaufs versucht.

Besonders interessiert die Ermittler das Fluchtmotiv. Nach der Vernehmung einiger Kollegen des Oberstleutnants aus dem Regiment in Dermbach und dem Durchblättern seiner Personalakte scheint das Bild für die Untersuchungsabteilung des MfS klarer zu werden. Nachdem Rauschenbach sich schon über Monate in psychiatrischer Behandlung befunden hat, sollte er wegen verschiedener Beschwerden noch in der selben Woche zur Untersuchung im Bezirkskrankenhaus Hildburghausen erscheinen. Seine Kollegen bezeichnen ihn in den Vernehmungen durch das MfS als führungsschwach und labil, dafür mit einem ausgeprägten Hang zur Überheblichkeit. Besonders das bevorstehende Gespräch mit Generalmajor Tanner muss Rauschenbach am Tag seiner Flucht beschäftigt haben. Der Kommandeur habe in letzter Zeit geradezu Angst vor den Anrufen seines Vorgesetzten gehabt, sagt einer seiner Kollegen. Rauschenbach hat offenbar befürchtet, noch in derselben Woche als Grenzkommandeur abgesetzt zu werden.



Fußnoten

1.
Reinhold Albert/Hans-Jürgen Salier, Grenzerfahrungen kompakt. Das Grenzregime zwischen Südthüringen und Bayern/Hessen von 1945 bis 1990, Leipzig/Hildburghausen 2009, S. 165.
2.
BStU, MfS, BV Leipzig, AIM, Nr. 1004/89, Bd. 1, Bl. 54–56.
3.
BStU, MfS, AU, Nr. 13454/89, Bd. 2, Bl. 66–77.
4.
BStU, MfS, BV Leipzig, AIM, Nr. 1004/89, Bd. 2, Bl. 43–45.
5.
BStU, MfS, BV Leipzig, AIM, Nr. 1004/89, Bd. 2, Bl. 135–137.

 

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