Beleuchteter Reichstag

50 Jahre Mauerbau


15.6.2011
Neue Bücher zum Leben mit und an der Berliner Mauer und zu ihrer Geschichte.

Buchschwemme zum 50. Jahrestag des Mauerbaus




Maria Nooke, Lydia Dollmann (Hg.): Fluchtziel Freiheit. Berichte von DDR-Flüchtlingen über die Situation nach dem Mauerbau – Aktionen der Girrmann-Gruppe (Veröffentlichungen der Stiftung Berliner Mauer), Berlin: Links 2011, 144 S., € 14,90, ISBN: 9783861536208.

Gerhard Sälter, Tina Schaller, Anna Kaminsky (Hg.): Weltende – Die Ostseite der Berliner Mauer. Mit heimlichen Fotos von Detlef Matthes (Veröffentlichungen der Stiftung Berliner Mauer), Berlin: Links 2011, 108 S., € 14,90, ISBN: 9783861536222.

Clemens Niedenthal: Nahaufnahme. Fotografierter Alltag in West-Berliner Flüchtlingslagern (Veröffentlichungen der Stiftung Berliner Mauer), Berlin: Links 2011, 96 S., € 12,90, ISBN: 9783861536215.

Jochen Maurer: Dienst an der Mauer. Der Alltag der Grenztruppen rund um Berlin (Beiträge zur Geschichte von Mauer und Flucht), Berlin: Links 2011, 267 S., € 29,90, ISBN: 9783861536253.

Jens Schöne: Ende einer Utopie. Der Mauerbau 1961 in Berlin, Berlin: Berlin Story 2011, 144 S., € 14,95, ISBN: 9783863680008.

Klaus-Dietmar Henke (Hg.): Die Mauer. Errichtung, Überwindung, Erinnerung (dtv premium), München: dtv 2011, 607 S., € 24,90, ISBN: 9783423248778.


Seit Monaten häufen sich Veröffentlichungen über den 13. August 1961 und die Folgen der Absperrung von Berlin (West) – bzw. der DDR und Berlin (Ost). Dutzende von Büchern und Broschüren zum Thema sind bereits erschienen oder angekündigt; wer sich über diesen deutsch-deutschen Schicksalssonntag im Sommer 1961 informieren will, kann auf ein breites Angebot zurückgreifen. Nicht alles, was da gedruckt und vertrieben wird, trägt dazu bei, das Wissen über die Abriegelung West-Berlins zu erweitern. Dazu gehört der wieder aufflammende Streit, wer denn nun für den Bau der Mauer ursächlich verantwortlich war – Nikita Chruschtschow oder Walter Ulbricht. Es sollte sich längst herumgesprochen haben, dass die DDR im Wesentlichen ein Produkt Stalins war und das Sagen in Grundsatzfragen die KPdSU hatte. Was auch bedeutete: Moskau 1961 befahl die Mauer; Ost-Berlin durfte das Baumaterial zur Verfügung stellen.

Manche der neuen Arbeiten zur Mauer sind schlichtweg ein Ergebnis cleverer publizistischer Wiederkäuer, die nur der bevorstehende runde Jahrestag animierte, bekannte Erkenntnisse in anderer Verpackung unter Einbeziehung von ein paar Zusatzinformationen noch einmal anzubieten.

"Fluchtziel Freiheit"




Maria Nooke/Lydia Dollmann, Fluchtziel FreiheitMaria Nooke/Lydia Dollmann, Fluchtziel Freiheit (© Christoph Links Verlag Berlin)
Die Herausgeberinnen des Buches "Fluchtziel Freiheit", Maria Nooke und Lydia Dollmann, behaupten nicht, grundlegend Neues anzubieten. Redlich weisen sie die Leser darauf hin, auf welche Quellen sie sich beziehen. Einer breiteren Öffentlichkeit im vereinten Land sind zum Beispiel die Aktivitäten der West-Berliner studentischen Fluchthilfeorganisation Detlef Girrmanns und seiner Mitstreiter Bodo Köhler und Dieter Thieme zu Anfang der 1960er-Jahre weitgehend unbekannt, die Marion Detjen in ihrer Dissertation "Ein Loch in der Mauer. Die Geschichte der Fluchthilfe im geteilten Deutschland 1961–1989" (München 2005) sowie zuvor Susanne Gieffers 1997 in einer Magisterarbeit schilderten und die nunmehr im ersten Band der Schriftenreihe, zusammen mit neu erschlossenen Flüchtlingsberichten von DDR-Bürgern, aufbereitet wurden.

Etwa 1.000 Einwohnern aus Ost-Berlin und der DDR konnten die tapferen Frauen und Männer der Girrmann-Gruppe nach dem Mauerbau bis ins Jahr 1964 die Flucht in den Westen ermöglichen. Mit Hilfe gefälschter Ausweise und Pässe, auch über Drittländer, durch den Einsatz umgebauter Fahrzeuge, mit der Schleusung durch die Kanalisation und durch Tunnelbauten in Berlin. Diese Aktivitäten wurden im Westen kaum unterstützt und bescherten den Helfern berufliche, finanzielle und andere Probleme. Die verdeckte Hilfe einiger West-Berliner Behörden (Polizei, Verfassungsschutz) und Politiker reichte nicht aus, um diese studentische Organisation ausreichend abzustützen. Auch hatte die damalige Leitung der Freien Universität Berlin nicht die Courage, diese Fluchthelfer, die vor allem in studentischen Selbstverwaltungsgremien beschäftigt waren, zu decken oder sie wenigstens gewähren zu lassen. Im Gegenteil: Sie entließ diese Leute, weil sie deren außeruniversitären Einsatz nicht billigte. Nicht zuletzt deshalb, weil die Herren Professoren Gefährdungen von Studenten und Mitgliedern des Lehrkörpers bei Fahrten über die Transitstrecke zwischen West-Berlin und dem Bundesgebiet befürchteten. Bequemlichkeit, Anpassung, Ignoranz und Feigheit bestimmten das Handeln dieser Leute, deren Verhalten einem noch heute die Schamesröte ins Gesicht treibt.

Der offiziellen DDR war die westliche Fluchthilfe immer unangenehm und die politisch Verantwortlichen in Ost-Berlin taten alles, um die Helfer zu behindern und zu kriminalisieren. Wenn man ihrer habhaft wurde, verurteilte man sie oft zu mehrjährigen Zuchthausstrafen. Dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) glückte es, in diese "Feindorganisationen" Spitzel einzuschleusen, was die idealistisch gesonnenen West-Berliner Studenten der 60er-Jahre leider nicht rechtzeitig erkannten. Diese Verräter in den eigenen Reihen richteten erheblichen Schaden an und trugen dazu bei, das Vertrauen in die westliche Fluchthilfe insgesamt zu untergraben und ins Zwielicht zu rücken.

Den Hauptteil des ersten Bandes der Stiftung machen rund 40 "Flüchtlingsberichte" von Einwohnern Ost-Berlins und DDR aus der Zeit nach Errichtung der Mauer aus, die dem Leser auch früher hätten angeboten werden können. Vielleicht hätten die Herausgeberinnen besser daran getan, diese Berichte optisch stärker hervorzuheben, da sie über die Situation in Ost-Berlin und der DDR nach dem Mauerbau in einer Dichte Auskunft geben, die bisher selten anzutreffen war. Sie machen deutlich, dass sich die meisten Menschen aus verständlichen Gründen nicht trauten, gegen die Absperrmaßnahmen offen zu protestieren. Nach den Erfahrungen des 17. Juni 1953 und des Ungarnaufstandes vom Herbst 1956 fühlten sich viele Bürger wehrlos, zumindest aber verunsichert. Vorwürfe an den Westen, nichts gegen den Mauerbau getan zu haben, verbunden mit dem Verdacht, vom Westen längst abgeschrieben zu sein, verwundern deshalb nicht. Eine Lehrerin, die Anfang 1962 flüchten konnte, berichtete, dass nach dem 13. August "im Großen und Ganzen Verzweifelung herrschte" und die Schulkinder und auch die meisten Lehrer angewidert auf den aktuellen politischen Unterricht reagierten: "Alle müssen heucheln, dass sonst Existenz und Freiheit auf dem Spiel stehen." Und eine Studentin, mit ausländischem Pass Anfang 1962 über Warnemünde nach Dänemark geflüchtet, meinte, dass die meisten Menschen gegen das Ulbricht-Regime seien, aber niemand sich traue, öffentlich dagegen aufzutreten. Gewalt, die alles unterdrücke, ließe die Menschen untätig sein. Diese hätten auf eine Aktion der Westmächte gewartet, aber umsonst. Nun hofften sie auf den wirtschaftlichen Zusammenbruch der DDR. Trotz Verbots würden nach wie vor westliche Rundfunk- und Fernsehsender gehört und gesehen und deshalb sei die Verbindung zum Westen nicht ganz abgerissen. Die Menschen seien erst jetzt klug geworden und meinten, dass es so weit nicht hätte kommen müssen. Ein weiterer Flüchtling berichtete, dass der "Arbeiter-und-Bauern-Staat" am wenigsten diese Arbeiter und Bauern hinter sich habe. Aber leider müsste auch gesagt werden, dass die Bevölkerung im Osten nach der Erfahrung, dass der Westen die Mauer hingenommen habe, nun keine Hoffnung mehr hege, dass es einmal zur Befreiung von diesem verhassten Regime kommen werde. Insgesamt berichteten alle Flüchtlinge von einer tiefen Resignation der Menschen im Osten.

"Weltende"




Gerhard Sälter u.a., WeltendeGerhard Sälter u.a., Weltende (© Christoph Links Verlag Berlin)
Schaut man sich die Schwarz-Weiß-Fotos an, die der zweite Band der Schriftenreihe der Stiftung Berliner Mauer mit dem Titel "Weltende – Die Ostseite der Berliner Mauer", herausgegeben von Gerhard Sälter, Tina Schaller und Anna Kaminsky, abdruckt, wird die Tristesse des Lebens mit der Mauer im Ost-Berliner Grenzgebiet bei diesen Aufnahmen, die Detlef Matthes 1986/87 heimlich machte, für den Betrachter erkennbar, auch wenn die Grenzsperren der 60er-Jahre noch um einiges hässlicher anzuschauen waren. Während der West-Berlin zugewandte Teil der Mauer mit frechen, politischen, obszönen Sprüchen und Malereien versehen werden konnte, waren Bürgern Ost-Berlins solche Freiheiten versagt. Sie kamen ohnehin nur bis an die meist unansehnlichen Hinterlandmauern heran, die nur auf Höhe der "Protokollstrecken" in den 80er-Jahren mit einem halbwegs gefälligen, farblich unterschiedlich abgesetzten Anstrich versehen wurden. Ansonsten überwog eine öde grau-weiße Farbe.

Im letzten Jahrzehnt der DDR bemühten sich die Verantwortlichen, die Absperrungen nach Osten ein wenig ansehnlicher zu machen, dabei aber zugleich auch die "Grenzsicherheit" zu erhöhen, beispielsweise durch massive Blumenkübel vor dem ersten Grenzhindernis "freundwärts". "Blumenkastensperren" konnten, mit Stiefmütterchen bepflanzt, auf den ersten Blick für den uninformierten Bürger ein Beleg für die scheinbare Normalität dieses menschenfeindlichen Grenzregimes sein. Dass diese Zierbauten nur deshalb errichtet wurden, um die Flucht mit Fahrzeugen zu verhindern, mussten Ortsfremde nicht sofort erkennen.

Aufnahmen im Grenzgebiet waren generell verboten, wurden aber öfter von jenen gemacht, die sich mit Fluchtabsichten trugen. Von einigen Ost-Berliner Hochhäusern am Grenzgebiet zu West-Berlin konnte man die DDR-Grenzanlagen überblicken und – sofern man sich unbeobachtet fühlte – auch fotografieren. Im Zusammenhang mit einer Festnahme durch das MfS wegen einer anderen Geschichte entdeckte man die Mauerfotos bei Detlef Matthes und stellte ihm unangenehme Fragen. Die anschließende MfS-Untersuchungshaft bewog Matthes, einen Ausreiseantrag zu stellen, der ihn nach sechs Monaten Wartezeit Anfang 1988 von der DDR-Staatsbürgerschaft befreite. Die abgebildeten Fotos im Band "Weltende ..." entnahm er seinen MfS-Unterlagen, die ihm die Stasi-Unterlagenbehörde (BStU) 1994 aushändigte.

Ergänzt werden die Grenzaufnahmen Matthes' von der Ostseite der Mauer durch einige flankierende Artikel, unter anderem durch einen Aufsatz des Schriftstellers und ehemaligen Grenzsoldaten Lutz Rathenow über die Mauer "und ihr Verdrängen im Alltag". Rathenow, seit kurzem Landesbeauftragter für Stasi-Unterlagen im Freistaat Sachsen, berichtet davon, dass es für Einwohner Ost-Berlins und der DDR lebensnotwenig gewesen sei, "ein System der Ignoranz gegenüber der Grenze zu organisieren." Anderenfalls wäre das Leben jeden Tag unerträglich gewesen. So näherten sich viele Menschen instinktiv erst gar nicht der Mauer oder liefen offenen Auges an ihr vorbei und hatten schließlich die Zustände in Ost-Berlin verinnerlicht: "Es gab eine verfaulte Vernunft in dieser Stadt, in diesem Land ... Es schien immer unvernünftig zu sein, sich in fundamentale Opposition zu begeben, Widerstand zu leisten." Ein solches Verhalten war verständlich und hatte triftige Gründe, da die Menschen nicht vom Untergang des Staates ausgehen konnten.

"Nahaufnahme"




Clemens Niedenthal, NahaufnahmeClemens Niedenthal, Nahaufnahme (© Christoph Links Verlag Berlin)
Von dieser Grundannahme gingen schon während der 50er-Jahre viele Einwohner des angeblichen Arbeiter-und-Bauern-Staates aus und verließen deshalb ihre Heimat in Richtung Westen. Hier waren diese "Republikflüchtigen" längst nicht immer willkommen, was aber selten eingeräumt wurde, schon gar nicht seitens der etablierten Parteien. Die Behörden im Westen hatten gottlob die Pflicht, diese Menschen aufzunehmen, denn sie waren nach Recht und Gesetz der Bundesrepublik Deutsche wie diejenigen, die bereits im Geltungsbereich des Bonner Grundgesetzes lebten. Zum Ärger der Verantwortlichen in der DDR gab es seinerzeit und auch später nach Ansicht des Westens nur eine deutsche Staatsangehörigkeit. Dieser Rechtsgrundsatz erleichterte das Eingliederungsverfahren für Millionen ehemalige DDR-Einwohner, das durch allerlei bürokratische Hürden gekennzeichnet war und meistens in bescheidenen Verhältnissen begann.

Der Bild-Text-Band "Nahaufnahme" von Clemens Niedenthal legt davon Zeugnis ab. Die Fotos aus den West-Berliner Übergangslagern, vor allem aus Berlin-Marienfelde, lösen beim Betrachten Beklemmungen aus, weil durch die Bilder aus den 50er-Jahren deutlich wird, unter welch primitiven Bedingungen die Flüchtlinge Wochen und Monate in Notquartieren hausen mussten, bevor sie nach Westdeutschland ausgeflogen werden konnten. Die Schwarz-Weiß-Fotos, die von der ehemaligen Evangelischen Flüchtlingsseelsorge stammen, zeigen die Anstrengungen gerade der Kirchen, diesen Menschen zu helfen. Auf den Fotos sind Diakonissinnen, Pfarrer und kirchliche Helfer zu sehen, die Kleidung verteilen und mit den Flüchtlingen persönliche Gespräche führen sowie Konfirmationen und Gottesdienste abhalten. Einzelne Aufnahmen berühren besonders, so zum Beispiel Bilder von einer Massenunterkunft in einer alten Fabrikhalle, von einem Schlafsaal mit mehr als zwei Dutzend Jugendlichen sowie ein Foto von einer Frau aus dem Osten, die mit ihren 15 (!) Hunden Aufnahme fand.

Begleittexte des Fotobandes informieren in knapper Form über den Alltag, streifen auch Themen, wie zum Beispiel die Spionagefurcht der Aufnahmebehörden, die "Befragungen" durch westliche Dienste und den widerwärtigen Einsatz des MfS im Umfeld und innerhalb der Übergangslager.

"Dienst an der Mauer"




Jochen Maurer, Dienst an der MauerJochen Maurer, Dienst an der Mauer (© Christoph Links Verlag Berlin)
Jochen Maurer, ein jüngerer Bundeswehroffizier, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Militärgeschichtlichen Forschungsamt (MGFA) in Potsdam, verfasste – so das Vorwort – nach Ansicht des Direktors der Stiftung Berliner Mauer und des Amtschefs des MGFA einen "wesentlichen Beitrag zum Selbstverständnis und politischen Auftrag (nach innen und außen) der Grenztruppen in und um Berlin" und erläuterte deren Rolle im Gesamtsystem des DDR-Grenzregimes. Maurers Arbeit "Dienst an der Mauer. Der Alltag der Grenztruppen rund um Berlin" konzentriert sich, wie der Untertitel ankündigt, auf Fragen wie: "Wer leistete Dienst in den Grenztruppen? Welche Beweggründe hatten zu dieser Entscheidung geführt? Welche Aufgaben hatten die Grenztruppen in und um Berlin genau? Und welche Besonderheiten waren gerade für diese Stadt und ihren Sonderstatus bezeichnend?" (13) Quellenbasis der Studie waren vor allem die amtlichen Chroniken der Grenztruppen, in erster Linie die des Grenzkommandos Mitte sowie Unterlagen der Hauptabteilung I des MfS.

Die Einsatzgrundsätze der DDR-Grenztruppen in Berlin und an der innerdeutschen Grenze und damit auch die der drei Grenzkommandos Nord, Mitte und Süd sind seit langem bekannt. Maurer geht deshalb ins Detail und nimmt sich im Grenzkommando Mitte speziell das Grenzregiment 33 in Berlin-Treptow vor (Angehörige dieses Regiments töteten am 5. Februar 1989 den flüchtigen 20-jährigen DDR-Bürger Chris Gueffroy). Über die Motive der Soldaten im Grenzdienst sowie zu Fragen der Disziplin, Ordnung und zu den Fahnenfluchten im Berliner Raum erfährt der Leser dabei manches, was die Kenntnisse über das Binnenklima der DDR-Grenztruppen bereichert. Auch der Abschnitt über die Tätigkeit des MfS in den Berliner Grenztruppen ist höchst lesenswert. Zu kurz kommt bei Maurer jedoch die Entwicklung des Grenzkommandos Mitte ab Mitte der 80er-Jahre, die eine gewisse Entmilitarisierung der Grenztruppen einleitete: So mussten zum Beispiel bisher unterstellte Truppenteile und Einheiten wie das Artillerieregiment 26 und die Geschoßwerferabteilung 26 an die Landstreitkräfte der Nationalen Volksarmee (NVA) abgegeben werden. Im Zusammenhang damit wird die etwa zeitgleich aufkommende Diskussion bei Stabsoffizieren der Grenztruppen darüber, welche Aufgaben die DDR-Grenzer zukünftig haben sollten – weiter militärische oder demnächst in erster Linie grenzpolizeiliche – von Maurer nicht registriert.

Merkwürdig berührt ferner, dass der Autor manchmal den Anschein erweckt, als habe er völliges Neuland betreten. Und befremdlich wirkt es, dass in seinem Quellen- und Literaturverzeichnis eine Reihe grundsätzlicher Werke zu den Grenztruppen und zur DDR-Grenzsicherung (einschließlich des Grenzregimes in und um Berlin), die zum Teil schon seit den 90er-Jahren vorliegen, überhaupt nicht auftauchen. Zu nennen wären da zum Beispiel die Veröffentlichungen von Wolfgang Rathje, Walter Jablonsky, Volker Koop, Roman Grafe, Hendrik Thoß und dem Rezensenten, die jeder, der sich heute mit der Materie befasst, kennen müsste. Vor allem die Studien von Rathje aus den Jahren 1996 und 2001 (Magisterarbeit und Dissertation), die auf sehr umfangreichen Archivrecherchen basieren, befassen sich bis ins Detail mit der Beschaffenheit der Mauer einschließlich ihrer Bewachung, finden aber keinerlei Erwähnung bei Maurer, der zurzeit an einer Dissertation zu den Grenztruppen rund um Berlin arbeitet. Ferner fällt auf, dass er die – zugegeben – oft ärgerliche Ehemaligen-Literatur von DDR-Grenzern aller Dienstgradgruppen (etwa von Klaus-Dieter Baumgarten, Peter Freitag, Kurt Frotscher, Richard Hebstreit, Gerhard R. Lehmann, Raimar Richard) nicht zur Kenntnis nimmt, die jede Menge Aussagen über den Grenzeralltag – auch an der Mauer – enthält.

"Ende einer Utopie"




© Berlin Story Verlag, Berlin.© Berlin Story Verlag, Berlin. (© Berlin Story Verlag )
Eine knappe Einstiegsinformation über den Berliner Mauerbau und die Folgen bietet das soeben erschienene Buch von Jens Schöne "Ende einer Utopie. Der Mauerbau in Berlin 1961". In der Ankündigung des Verlags wird die Veröffentlichung als gut lesbar (was stimmt) und fundiert vorgestellt und behauptet, dass dieses Buch "eine Fülle neuer Erkenntnisse" brächte. Allerdings: Wirklich neue Erkenntnisse waren nicht zu entdecken. Zwar verweist Jens Schöne zum Beispiel ausdrücklich auf neuere Untersuchungen, die überzeugend gezeigt hätten, dass die treibende Kraft für den Mauerbau nicht in Moskau, sondern in Ost-Berlin saß. Gerade das aber ist mehr als umstritten. Die DDR war über weite Strecken, vor allem in Fragen, die Deutschland als Ganzes einschließlich Berlins betrafen, so etwas wie eine 16. Sowjetrepublik. Nicht souverän genug, um auf diesem Feld selbständig Entscheidungen zu treffen. Zuzustimmen ist dagegen der zentralen Aussage von Schöne, wonach mit dem Mauerbau klar wurde, dass der Traum von einer besseren, gerechteren Gesellschaft in der DDR endgültig gescheitert war und der Mauerbau bereits im Kern das Ende der sozialistischen Entwicklung Ostdeutschlands in sich trug. Hübsch und zutreffend formuliert. Aber ist das eine neue Erkenntnis?





"Die Mauer"




Klaus-Dietmar Henke, Die MauerKlaus-Dietmar Henke, Die Mauer (© dtv)
Wer sich über alle Facetten des Mauerbaus, des Mauerfalls und über die Berliner Aktivitäten des Mauergedenkens nach 1989/90 informieren will, ist mit dem 600-Seiten-Sammelband "Die Mauer" mehr als gut bedient. Was hier an Faktenwissen, Analysen und Meinungen zusammen getragen wurde, ist vorbildlich. Der Herausgeber Klaus-Dieter Henke, Zeithistoriker an der TU Dresden und Vorsitzender des Beirats der Stiftung Berliner Mauer, bewies ein "glückliches Händchen" bei der Auswahl der fast 30 Autoren, die allesamt Abhandlungen schrieben, die bleibenden Wert haben. Vielleicht gelang das gerade deshalb, weil man sich auf das Wesentliche zu beschränken hatte. Sicherlich wären manche Leser außerhalb Berlins mit weniger Informationen über die Auseinandersetzungen beim Aufbau der "Gedenkstätte Berliner Mauer" ausgekommen, aber der durch viele Rückschläge verzögerte Aufbau der Einrichtung an der Bernauer Straße stand natürlich im Fokus derjenigen, die unmittelbar beteiligt und betroffen waren. Die Verbitterung über jene Politiker, die mehr bremsten als förderten, ist nachvollziehbar.

Die einzelnen Beiträge zeichnen sich durch kompakte und neueste Basisinformationen aus, die auch neugierig auf vertiefende Studien machen; von einigen der jüngeren Autoren sind für die Zukunft weitere Arbeiten zur Mauer, Grenze und Grenzsicherung angekündigt, auf die man gespannt sein darf.

Abgeschlossen wird der Sammelband durch ein längeres Literaturverzeichnis zur Geschichte der Berliner Mauer, das rund 35 Seiten umfasst und ausländisches Schrifttum sowie eine Reihe von Zeitschriftenbeiträgen einschließt. Eine Beschränkung auf Buchveröffentlichungen und einige grundlegende Aufsätze wäre besser gewesen; durch Berücksichtung auch sehr kurzer Aufsätze hat man den Begriff "Sammelband" etwas zu weit gefasst. Insgesamt ein Band über die Mauer und ihre Folgen, der – neben den grundlegenden Abhandlungen von Hans-Hermann Hertle – zu einem der Standardwerke werden wird.




 
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