Beleuchteter Reichstag

12.5.2011 | Von:
Reiner Merker

"... und stets Künder seiner Zeit zu sein"?

Neuausrichtung und Behauptung des Gustav Kiepenheuer Verlages zu Beginn der 50er-Jahre

Möglichkeiten


Mit dieser Erfahrung des Scheiterns, sowohl in der Frage des Almanachs, als auch in der internen und externen Durchsetzung von Manuskripten des alten Autorenstamms, wurde es notwendig die Möglichkeiten des Verlages konkreter zu bestimmen. Grundsätzlich mussten zunächst alle Fragen des Fortbestehens ausgelotet und Strategien für die weitere Arbeit durch den Verlag entwickelt werden. Ein Ergebnis dieses internen Diskussionsprozesses bestand in der Entwicklung eines Strukturplanes für den Verlag: Nicht mehr die Person des Verlegers sollte den Verlag repräsentieren, sondern eine Verlagsleitung, die sich aus Geschäftsführung, Lektorat und Buchproduktion zusammensetzte. Dabei wurde ausdrücklich darauf verwiesen, es sei "in der sich entwickelnden Gesellschaftsordnung sehr schwer, sich als selbständiger Verlag zu behaupten".[27]

Zudem forderte im November 1950 der Kulturelle Beirat für das Verlagswesen in Person von Vilmos Korn dazu auf, eine Denkschrift zur zukünftigen Verlagsarbeit auszuarbeiten.[28] Hintergrund dieser Aufforderung war die grundsätzliche Erweiterung der Einflussnahme des Kulturellen Beirats und seines Nachfolgers, des Amtes für Literatur und Verlagswesen, auf die Verlagsplanungen in der DDR[29] und die Zuweisung von Literaturschwerpunkten.

In der bereits vier Wochen später vorliegenden Schrift wird erstmals ausführlich das Programm skizziert, welches im weiteren Verlauf der Verlagsgeschichte in weiten Teilen maßgeblich sein sollte. Zwar ist hier auch noch die Rede von moderner Literatur, die auch die westdeutschen Leser anspricht bzw. diesen die zeitgenössische Literatur der Volksdemokratien vermittelt, daneben steht aber bereits ein weiterer deutlicher Schwerpunkt. Hier heißt es, dass Werke verlegt werden sollen, die "die Entwicklung des Fortschritts in der Geschichte dokumentieren und deshalb für die Gegenwart von besonderer Aktualität sind." Dabei sollten sowohl Zeitdokumente in Neubearbeitung als auch moderne Darstellungen berücksichtigt werden.[30]

Dieses Ansinnen stieß jedoch auf wenig Gegenliebe, wurden hier doch verlegerische Akzente durch Noa Kiepenheuer gesetzt, die zwar ihrer eigenen Interessenlage entsprachen, nicht jedoch der kulturpolitischen Stoßrichtung der SED. Entsprechend deutlich fiel die Ablehnung durch den Kulturellen Beirat aus: Dem vom Verlag 1951 gesetzten Schwerpunkt, in der Jahresplanung für 1951 mit Titeln von Honoré de Balzac, Emile Zola, Guy de Maupassant, Charles Dickens etc. untersetzt, wurde eine klare Absage erteilt. Von 33 geplanten Publikationsvorhaben wurden 19 abgelehnt. Der Verlag sollte sich im Rahmen der Gesamtplanung in der DDR verstärkt um die "Herausgabe moderner, literarisch wertvoller Bücher" bemühen, sowohl "fortschrittlicher" Autoren des Westens als auch der Literatur der Sowjetunion und der Volksdemokratien.[31] Diese Aufforderung blieb in den nächsten zwei Jahren in der Tendenz dieselbe. 1952 heißt es von Seiten des Amtes für Literatur und Verlagswesen gar: "es fehlt eine klare Auseinandersetzung mit den Problemen der Gegenwart."[32]

Der Tod Stalins und die damit einhergehenden Entschleunigung des "Aufbaus des Sozialismus" in der DDR, sowie die kulturpolitischen Lockerungen nach dem 17. Juni 1953 eröffneten dem Kiepenheuer Verlag erstmals die Möglichkeit, zumindest in der Frage der Verlagsschwerpunkte, eigene Ziele abzustecken. Nachdem die Verlagsplanung für 1954 im Frühjahr 1953 zunächst noch im Rahmen der "Empfehlungen" des Amtes für Literatur und Verlagswesen verlief, wurden diese ab Dezember 1953 neu diskutiert: "Wir hatten schon gleich nach dem 11. Juni daran gedacht, eine Erweiterung und Differenzierung unseres Planes vorzunehmen, wollten jedoch, ehe wir daran gingen, die erste Planbesprechung im Zeichen des neuen Kurses abwarten."[33] Das Amt räumte ein, dass die Herausgabe "zeitnaher Belletristik mit unterhaltendem Charakter" die Entfaltung des Verlags hemme und schlug eine Erweiterung um gesellschaftskritische Werke vor. Dabei wollte es der Verlag aber nicht belassen und erweiterte seinerseits den Rahmen um das Klassische Erbe und die Neuauflage älterer Verlagswerke.[34] Bei diesem Vorschlag handelte es sich aber nicht nur um eine Verschiebung von Schwerpunkten, sondern um den Versuch der Erweiterung der bisherigen Lizenz. Diese sah lediglich die Herausgabe moderner Belletristik unter den Schlagworten "fortschrittliche humanistische Literatur des kapitalistischen Auslands" und "demokratisch-kämpferische Werke der westdeutschen Gegenwartsliteratur" sowie Literatur zur kulturellen Tradition und gesamtdeutschen Bedeutung Weimars vor.

Tatsächlich gelang es, die Phasen der politischen Entspannungen zwischen 1953 und 1956 zu nutzen, um das Verlagsprofil im Sinne oben genannten Vorschlages gegenüber dem 1954 gegründeten Ministerium für Kultur zu verankern. So hieß es 1954 von Seiten des Verlags: "Wir begrüßen es sehr, daß uns für die Verlagsplanung 1955 vom Amt für Literatur und Verlagswesen ein weitaus größeres Aufgabengebiet als bisher zugewiesen worden ist. Dadurch sind wir nicht nur imstande, der Tradition unseres Verlages wieder in weitaus größerem Umfang zu entsprechen, sondern vermögen vor allem auch den großen Initiativen, die der 4. Parteitag der SED nicht zuletzt auch auf dem Gebiet der Kultur gegeben hat, nach Kräften zu entsprechen."[35] Das Hauptaugenmerk liegt zukünftig auf der Pflege des "kulturellen Erbes" und hier insbesondere auf dem bisher "wenig Beachteten, Verschollenen oder Vergessenen". Ein wichtiger Aspekt sind dabei Lebenserinnerungen als Zugang zu kultureller und sozialer Verfassung, insbesondere bisher nicht vorliegende Originalfassungen. Dabei sollte sowohl deutschsprachige, slawische, englisch-amerikanische als auch romanische Literatur in den Blick genommen werden.[36]

Verantwortet hatte diesen Vorschlag nicht die Verlegerin allein, die verlegerischen Ziele wurden dem Ministerium für Kultur 1956 de facto durch den gesamten Verlag erklärt. Das entsprechende Schreiben war sowohl von Noa Kiepenheuer als auch dem Geschäftsführer Paul Stengel, dem Lektor Friedrich Minckwitz und der Verlagsmitarbeiterin Käthe Oehlwein unterschrieben.[37] Auch dieses gemeinsame Auftreten war ein Ergebnis der zunächst internen Diskussion um die Fortführung des Verlags.


Fußnoten

27.
Peter Voss, Entwurf Strukturplan, o. O. [1951], SächsStAL, Kiepenheuer Verlag Sign. 0490, Pag. 7.
28.
Peter Voss, Reisebericht Berlin 1.11. bis 6.11.1950, Tabarz 16.11.1950, SächsStAL, Kiepenheuer Verlag Sign. 0489, Pag. 17.
29.
Zum Amt für Literatur und Verlagswesen: Siegfried Lokatis, Verlagspolitik zwischen Plan und Zensur, in: Jürgen Kocka (Hg.), Historische DDR-Forschung. Aufsätze und Studien, Berlin 1993, S. 303–325.
30.
Noa Kiepenheuer, Denkschrift, Weimar 14.12.1950, SächsStAL, Kiepenheuer Verlag Sign. 0490, Pag. 53.
31.
Ludolf Koven, Schreiben zur Verlagsplanung, Berlin 14.4.1951, SächsStAL, Kiepenheuer Verlag Sign. 0543.
32.
Fritz Apelt, Schreiben zur Verlagsplanung, Berlin 28.8.1952, SächsStAL, Kiepenheuer Verlag Sign. 0543.
33.
Kiepenheuer Verlag, Schreiben an Amt für Verlagswesen und Literatur, Weimar 7.12.1953, SächsStAL, Kiepenheuer Verlag Sign. 0943, Bl. 1.
34.
Kiepenheuer Verlag, Schreiben an Amt für Verlagswesen und Literatur, Weimar 7.12.1953, SächsStAL, Kiepenheuer Verlag Sign. 0943, Bl. 6.
35.
Kiepenheuer Verlag, Begründung Planentwurf 1955, Weimar 24.5.1954, SächsStAL, Kiepenheuer Verlag Sign. 0943, Bl. 1.
36.
Kiepenheuer Verlag, Rahmenentwicklungsprogramm bis 1980, [1967,] SächsStAL, Kiepenheuer Verlag Sign. 0490, Pag. 33–36.
37.
Kiepenheuer Verlag, Schreiben an Ministerium für Kultur, Weimar 6.12.1956, SächsStAL, Kiepenheuer Verlag Sign. 0543, Pag. 33f.

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