Beleuchteter Reichstag

18.5.2011 | Von:
Ingrid Sonntag

Die Freie Akademie der Künste in Leipzig 1992–2003

Nur aus einer Prägung des sächsischen Kulturraumes hervorgegangen?

Gründungswidersprüche


Die Gründungsveranstaltung ist als Modell der künftigen Arbeit der Akademie konzipiert worden: interdisziplinäres Experiment, Austausch zwischen den Generationen, künstlerische Einmischung, Teamarbeit. Ministerpräsident Kurt Biedenkopf gratulierte zum "Forum für Kunst und Kreativität".[7] Noch am selben Tag verkündete die Sächsische Staatskanzlei, dass der Freistaat Sachsen über die Errichtung einer "Sächsischen Akademie der Künste in Dresden" entschieden habe.[8]

Bereits auf der Pressekonferenz nach der konstituierenden Sitzung traten die ersten internen Widersprüche zutage. Der gekürte Präsident Udo Zimmermann reduzierte die Motive, die zur Gründung geführt hatten, auf allgemeine Ziele einer Künstlergemeinschaft. Vor allem beanstandete er das Verfahren zur Auflösung der ehemaligen Ost-Berliner Akademie, die Zögerlichkeit des Freistaates Sachsen bei der Gründung einer Landesakademie und bewertete die "Absichtserklärung für eine Staats-Akademie" in Dresden als "regressiv". Leipzig mit seiner Weltoffenheit hingegen sei für eine Akademie der "richtige Ort".[9]

Zimmermann konnte sich nicht entscheiden, mit der Akademiegründung einen politischen Konflikt mit der Landesregierung auszufechten oder nicht. Für die meisten Initiatoren der Leipziger Akademie spielte dieser Konflikt eine untergeordnete Rolle. Sie waren sowohl vom ungestümen Gründungsprozess wie vom Einfallsreichtum der Eröffnungsveranstaltung angetan, von den Begegnungen mit Kollegen, für manchen am alten Lebensort (wie Guntram Vesper), mit der Gründung einer Akademie in Leipzig "ein Zeichen" zu setzen: "Die Kunst ist auch noch da."[10]

Neue Widersprüche taten sich bei Zuwahlen von Mitgliedern auf. Werner Heiduczek hatte der Mitgliederversammlung im Herbst 1992 Erich Loest und Wolfgang Mattheuer zur Wahl vorgeschlagen, denn sie legitimierten sich "durch Werk und Biographie". Beide wurden nicht gewählt, ohne dass es zu einer Diskussion darüber kam. Klaus Staeck hat 1998 eine Versöhnung mit Erich Loest herbeigeführt.


Fußnoten

7.
Schreiben Biedenkopf, 17.6.1992, Archiv FAK.
8.
Chronik der Entstehung der Sächsischen Akademie der Künste, in: Jahrbuch der Sächsischen Akademie der Künste 1996–1997–1998, Dresden 2000, S. 195. Vgl. Moritz Jähnig, Krieg der Akademien?, in: Junge Welt, 20.6.1992.
9.
Georg-Friedrich Kühn, Streitbares und tolerantes Nachdenken über Kunst, in: Frankfurter Rundschau, 23.6.1992.
10.
Guntram Vesper, Rede zur Gründungsveranstaltung am 17. Juni 1992, in: Freie Akademie der Künste zu Leipzig, Leipzig 1993, S. 18.

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