Beleuchteter Reichstag

17.5.2011 | Von:
Hans Mayer

Wir sollten anfangen, aus der Geschichte zu lernen

oder: Der Faschismus wird bei uns nicht wiederkehren

Hans Mayer versuchte 1953 nachzuweisen, dass beim Aufstand des 17. Juni in der DDR wie bei der Exekution der Rosenbergs zwei Tage darauf in den USA faschistische Tendenzen wirksam waren. Dieser verschollene Text des von 1948–1963 in Leipzig lehrenden Germanisten tauchte vor einem Jahr wieder auf.

Hans Mayer (1907–2001), undatierte Aufnahme.Hans Mayer (1907–2001), undatierte Aufnahme. (© AP, Ullsteinbild)
Ich möchte Gedanken zum 17. Juni niederschreiben. Aber es gelingt nur schwer. Immer muss ich an die Rosenbergs denken. Unschuldige Menschen ermordet. Gegen die Bitten und Forderungen einer ganzen Welt. Nach zwei Jahren des Harrens in der Hinrichtungszelle. Genau so gemordet gegen den Willen der Welt wie vor 25 Jahren in den gleichen USA, [wo] die unschuldigen italienischen Arbeiter Sacco und Vanzetti streng legal durch Justizmord ums Leben kamen. Wenn das Wort Unmenschlichkeit jemals am Platze war, so hier. Die gleichen Kreise und Instanzen aber, die Ethel und Julius Rosenberg auf den elektrischen Stuhl schickten, finanzieren und organisieren ihre Schläger- und Mörderbanden gegen die Deutsche Demokratische Republik und hießen sie am 17. Juni ans Werk gehen. Der Name dieser Organisation aber lautet Kampfbund gegen Unmenschlichkeit! Welch grässliche Lüge! Welch grässlicher Hohn!

Es scheint vielen unserer Landsleute immer noch nicht klar geworden zu sein, dass man die wirkliche Unmenschlichkeit als Kampf gegen Unmenschlichkeit zurechtschminken kann. Dass man unter Freiheitsgebrüll den Mord an der Freiheit zu organisieren vermag. Der bedeutende amerikanische Schriftsteller Sinclair Lewis schrieb 1935 für seine amerikanischen Landsleute ein Buch mit dem Titel Das ist bei uns nicht möglich. So lautete nämlich die Phrase des amerikanischen Spießbürgers, wonach ein Faschismus nach deutschem und italienischem Muster im amerikanischen Lande der Freiheit angeblich nicht möglich sei. Und der Nobelpreisträger Sinclair Lewis bewies seinen Landsleuten, dass ein amerikanischer Faschismus sehr wohl möglich sein könnte. Nur würde man ihn nicht nach dem Vorbild der alten Römer ausstaffieren wie bei Mussolini, oder nach den alten Germanen wie bei uns in Deutschland, sondern mit furchtbar viel Phrasenaufwand über Freiheit, Menschlichkeit und Demokratie. In der Sache aber wäre es eben – Faschismus! Es ist nicht zu leugnen, dass die Ereignisse seitdem die Wahrheit dieser Feststellungen eines Sinclair Lewis erhärtet haben.

Es ging bei uns am 17. Juni in Wahrheit um Faschismus oder Antifaschismus. Es ist sinnlos, sich in dieser Grundfrage irgendetwas vormachen zu wollen. Außerdem haben die Älteren unter uns noch gewisse Bilder in der Erinnerung, gewisse Klänge im Ohr. Klirrende Fensterscheiben, Verbrennung von Büchern und Papieren, Brandstiftungen, Plünderungen, Jagd auf Menschen, Lynchjustiz. Wer dächte nicht an die Tage nach dem Reichstagsbrand von 1933, an die Kristallnacht von 1938. Wenn man in Leipzig eine ausgezeichnete Schauspielerin der Städtischen Bühnen, die unzählige Menschen mit ihrer Kunst erfreut hat, niederschlagen will und ihren Begleiter, einen anderen Schauspieler, der sich schützend vor sie stellte, dabei fast blind schlägt, so weiß man, wes Geistes Kind die Täter sind. Wir in Deutschland kennen doch die Weise, den Text und die Herren Verfasser. Damals, 1933 oder 1938, präsentierte sich der Mord im Braunhemd. Heute im Wildwestkostüm. Auch diese Äußerlichkeit aber entspricht genau der geschichtlichen Entwicklung.

Was wäre geschehen, wenn das da gesiegt hätte? Auch hier hat es gar keinen Sinn, sich etwas vorzumachen. Dann wäre Deutschland zu Korea geworden. Dann hätten wir Bürgerkrieg und Krieg. Dann könnte der amerikanische Generalstab in Deutschland nützliche strategische Erfahrungen sammeln, so wie der deutsche und italienische Faschismus den Spanischen Bürgerkrieg als Manöverrahmen benutzte. Aber die Manöver würden sehr bald in den dritten Weltkrieg hinüberleiten. Und dann stiegen wieder die Aktien der Rüstungswerke an der New Yorker Börse, die in den letzten Monaten infolge der sowjetischen Friedenspolitik bedenklich gewackelt hatten ...

Vor genau drei Jahren hielt Thomas Mann zu seinem 75. Geburtstag eine große politische Rede, die zugleich eine große Friedensrede war. Darin sagte er über die Sowjetunion: "Wenn nichts anderes mir Achtung für sie geböte, so wäre es ihre unveränderliche Gegenstellung zum Faschismus italienischer oder deutscher Färbung". Kein Zweifel: am 17. Juni 1953 hat die Sowjetunion bei uns von neuem die Gefahr des Faschismus gebannt.

Ich kann mich noch an einen anderen faschistischen Putschversuch erinnern. Das war am 4. Februar 1934 in Paris. Damals zogen die Feuerkreuzler auf mit ihrem Führer, dem Herrn Grafen Casimir de la Rocque. Sie wollten das Parlament stürmen und eine faschistische Diktatur errichten. In den besseren Vierteln wurden sie von den eleganten Damen und Herren mit Jubel begrüßt. Als sie sich aber den Arbeitervierteln nahten, war es aus mit dem Grafen Casimir. Und zwei Tage später, am 6. Februar, marschierte in einer Riesendemonstration das werktätige Volk von Paris auf. Die Feuerkreuzler und ihre Auftraggeber kehrten in den Schatten zurück, formierten sich als fünfte Kolonne – und waren dann im Krieg wieder zur Stelle, um Hitler den Weg nach Paris zu ebnen.

Am 17. Juni haben wir alle die Provokateure gesehen und die Mitläufer und die entweder sympathisierenden oder unentschlossen daneben stehenden Betrachter. Wir sahen aber keine geschlossene Abwehrfront unserer Arbeiterschaft, die man auch nur entfernt mit jener politisch klaren und entschlossenen Haltung des Pariser Volkes hätte vergleichen können. Und das ist sehr bitter. Das zeigt, wie groß doch immer noch die Unklarheit bei uns ist über die Grundfragen von Krieg und Frieden, von Faschismus und Antifaschismus. Es zeigt aber zugleich, wie formal, im Grunde oberflächlich, wie sehr in einer schematischen Methode des Kreuz und Querzitierens die grundsätzliche politische Schulung bei uns durchgeführt wurde. Wenn ihre Ergebnisse so aussahen!

Da sind Arbeiter in Leipzig – und es waren wirkliche Arbeiter, darüber soll man sich nicht täuschen – mit sog. sozialdemokratischen Losungen gegen unsere Staatsmacht aufmarschiert. Aber ihre sozialdemokratischen Losungen hatten sie aus faschistischen Händen empfangen und in einer faschistisch gelenkten Bewegung voran getragen. Und damit waren es eben faschistische Losungen. Und sie bedachten dabei nicht, dass auch im März 1933 die SPD im Reichstag geglaubt hatte, sie müsse den faschistischen Terror gegen die Kommunisten billigen und sich von der Linken distanzieren. Erreicht hatte sie damit bloß eine Schonfrist von genau 5 Wochen: dann wurden die sozialdemokratischen Arbeiterorganisationen genau so zerschlagen und verfolgt. Mir scheint, wir alle sollten endlich einmal anfangen, aus unserer deutschen Geschichte zu lernen.

Wir alle müssen Lehren ziehen: Volk und Regierung. Die Verwirklichung des Prinzips von Kritik und Selbstkritik ist noch nicht einmal in den Ansätzen bei uns sichtbar. Die Regierung hat in ihren Maßnahmen den Anfang gemacht. Ich meine aber, dass dies erst ein Anfang ist. Vieles muss geändert und verbessert werden. Zunächst steht das allgemeine Wohlbefinden, das materielle und politische, natürlich im Vordergrund. Erst wenn ein echtes Vertrauensverhältnis besteht, ist der Faschismus endgültig geschlagen. Aber auch in dem Bereich, der unsereinen, den Professor, den akademischen Lehrer, in meinem Falle besonders den Professor der Literaturgeschichte, betrifft, liegt vieles im Argen. Kunstfeindliches Banausentum, halbgebildete Besserwisserei, bürokratische Kunst- und Literaturdiktatoren haben schweren Schaden angerichtet und ein Gefühl des Unbehagens bei vielen Künstlern und Wissenschaftlern hervorgerufen.

Es war unser Fehler, dass wir nicht längst offen und rückhaltlos gesprochen und auf all diese Missstände hingewiesen haben. Ich jedenfalls mache mir diesen Vorwurf, dass ich mich resignierend auf mein Fachgebiet zurückzog, statt das, was Ich als fehlerhaft in unserem öffentlichen Leben betrachtete, in der Öffentlichkeit auszusprechen und an den Mann zu bringen. Ich bin der Meinung, dass wir alle jetzt miteinander sprechen müssen. Dass gesprochen und gehört werden soll.

Dem Teufel, also dem Geiste, welcher stets verneint, antwortet Goethes Faust mit folgenden Worten:

So höre denn, wenn du es niemals hörtest:
Die Menschheit hat ein fein Gehör,
Ein reines Wort erreget schöne Taten.
Der Mensch fühlt sein Bedürfnis nur zu sehr
Und lässt sich gern im Ernste raten.


Dass dem so ist, dass also die menschliche Vernunft in der Lage ist, die Kräfte der Unmenschlichkeit zu bannen, hat trotz allem die Weltbewegung zur Rettung der Rosenbergs bewiesen. Zwei unschuldige Menschen zwar konnten trotz dieser Gegenkraft noch gemordet werden. Aber der ganz große Mord, das ganz große Geschäft, der Krieg wird nicht stattfinden. Und der Faschismus wird bei uns nicht wiederkehren. Das muss die Lehre des 17. Juni sein.

Der Text wurde erstmals veröffentlicht von Andreas H. Mytze in seiner Zeitschrift "europäische ideen", 147 (2010), S. 25–27.


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