Beleuchteter Reichstag
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6.1.2012 | Von:
Michael Westdickenberg

Das Loch in der Mauer

Ein Werkstattbericht über den innerdeutschen Literaturaustausch

Auch nach dem Mauerbau bestand ein innerdeutscher Literaturaustausch fort. Ein Kolloquium in Leipzig befasste sich mit der Mauer in der Literatur, mit Ablegern gleicher Verlage in Ost und West und der Beobachtung von Literaturkontakten durch die Staatssicherheit.
Ein Loch in der Mauer: Blick nach Ost-Berlin, Februar 1990.Ein Loch in der Mauer: Blick nach Ost-Berlin, Februar 1990. (© Michael Westdickenberg)
Zwei Jugendliche finden eine Möglichkeit, von Osten her die Mauer zu überwinden und erkunden 14-mal West-Berlin, bis sie entdeckt und verhaftet werden. Die Pointe der Erzählung "Mein Richard" von Stefan Heym[1] besteht darin, dass der Verteidiger den Staatsanwalt nach der Verurteilung anspricht, er an dessen Stelle hätte einen Orden für die Jungen beantragt, weil sie immer wieder zurückgekommen seien. Die Literaturzensurbehörde der DDR, die "Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel" (HV), verhinderte allerdings das Erscheinen dieser und zwei weiterer Erzählungen in Heyms 1976 erschienenem Erzählungsband. Über die Editionsgeschichte von Heyms Erzählband, der 1976 im Verlag Der Morgen erschien, berichtete Jan König (Leipzig) auf dem Kolloquium "Das Loch in der Mauer – reloaded. Neues zum innerdeutschen Literaturaustausch".

"Reloaded" war der Untertitel dieses Workshops, da bereits 1996 eine Tagung zum selben Thema, ebenfalls in Leipzig, stattgefunden hatte.[2] Der Zeitpunkt war mit dem 12. und dem 13. August, dem 50. Jahrestag des Mauerbaus, von dem Leipziger Buchwissenschaftler Siegfried Lokatis und der veranstaltenden Gesellschaft der Freunde und Förderer der Leipziger Buchwissenschaft nicht zufällig gewählt worden. Die Referenten waren überwiegend junge Buchforscher, Literaturwissenschaftler und Verlagshistoriker, die ihre Forschungsprojekte und Archivfunde präsentierten.

Die Mauer war für die Literaturzensurbehörde der DDR, sofern man ihre Existenz nicht als "Antifaschistischen Schutzwall" rechtfertigte, ein Tabubegriff. So veränderte Volker Braun 1972 bei der Erstveröffentlichung seines Gedichtes "Die Mauer" in der DDR den Titel und nannte es "Die Grenze", wie Hannah Schepers (Bonn) in ihrem Beitrag über Brauns schriftstellerische Reaktion auf den Bau der Mauer referierte. In diesem erstmals 1964 erschienenen Gedicht rechtfertigte Braun die Existenz der Mauer mit der Notwendigkeit, Krieg zu verhindern und die Abwanderung gen Westen zu stoppen. Gleichzeitig missbilligte er die Gewalt und plädierte dafür, andere Mittel zu benutzen, um die Menschen zum Bleiben zu veranlassen: "Schwer / Aus den Gewehren fallen die Schüsse: / Auf die, die es anders besser / Halten könnte."[3] Der sich als Internationalist verstehende Braun veröffentlichte "Die Mauer" zuerst in der Bundesrepublik und reichte das Manuskript zum Lyrikband "Wir und nicht sie", mit dem Gedicht, beim Suhrkamp Verlag (Frankfurt am Main) ohne die Genehmigung der HV ein. Man bestrafte ihn dafür mit einem zweijährigen Verbot von Westreisen und verwehrte ihm 1971 den Johannes-R.-Becher-Preis. In den 1970er-Jahren revidierte Braun seine Haltung zur Mauer und zieh sich rückblickend der Naivität. 1988 bezeichnete er die Mauer als "negativen mythos"[4], womit er die Realitätsferne der SED-Politik verurteilte.

Der Schriftsteller Erwin Strittmatter hatte den Bau der Mauer öffentlich gerechtfertigt, woraufhin sein bereits ausgedruckter Roman "Der Wundertäter" vom S. Fischer Verlag (Frankfurt am Main) makuliert wurde. Konstantin Ulmer (Hamburg) erinnerte an die Versuche des Schriftstellers Peter Jokostra, der aus der DDR in die Bundesrepublik geflüchtet war, auch die Veröffentlichung von Anna Seghers' Roman "Das siebte Kreuz" nach dem Mauerbau im Luchterhand Verlag (Neuwied) zu verhindern, und die sich anschließende Kontroverse in der Bundesrepublik über den Umgang mit Werken von Autoren aus der DDR. Jokostra und andere Schriftsteller, Publizisten und Buchhändler lehnten deren Veröffentlichung ab, weil sie dies als Anerkennung des "Ulbricht-Regimes" und dessen Literaturdoktrin empfanden. Marcel Reich-Ranicki sprach sich für die Publikation von Seghers' erstmals 1942 in Mexiko veröffentlichtem Roman aus, da er ihn nicht als DDR-Literatur betrachtete, sondern als Text gegen die nationalsozialistische Herrschaft. Reich-Ranicki lehnte einen "literarischen Schutzwall" gegen die DDR aber auch grundsätzlich ab, um nicht "die Niederlage der dortigen Literatur zu tarnen". Im Gegensatz zu Strittmatters "Wundertäter" erschien Seghers' Roman 1962 im Luchterhand Verlag, der später wegen seines Schwerpunktes mit Titeln aus der DDR schon mal "VEB Luchterhand" genannt wurde. Der Umstand, dass eine nicht unbedeutende Anzahl von Autoren aus der DDR den Bau der Mauer befürwortete, da sie sich davon größere Freiheiten im eigenen Land erhofften, thematisierte leider keiner der Vortragenden. Diese Erwartungshaltung erwies sich bekanntlich spätestens mit dem 11. Plenum des SED-Zentralkomitees vom Dezember 1965 als Illusion.

Der Verleger Christoph Links (Berlin) berichtete in seinem Vortrag über Besuche westdeutscher Autoren bei ostdeutschen Kollegen und Verlegern über eine ganz anders geartete Intervention eines Schriftstellers aus dem Westen. Als Links' Vater Roland, der Lektor im Verlag Volk und Welt war und später Leiter der Verlagsgruppe Kiepenheuer Leipzig, als Autor eines Buches über Alfred Döblin eine Einladung zu einem literaturwissenschaftlichen Kongress in die USA erhielt, fehlten ihm die notwendigen Devisen, um sie annehmen zu können. Der Schweizer Autor Max Frisch, mit Links auch freundschaftlich verbunden, versuchte, diesem mit einem Scheck über 1.000 Dollar die Reise zu ermöglichen. Mit dem Argument, die DDR solle im Ausland nicht als Bittsteller erscheinen, wurde Links die Reise trotzdem versagt. Christoph Links bezog sich daneben vor allem auf den von Bernd Jentzsch und Günter Grass initiierten lockeren Autorenkreis, der zwischen 1973 und 1978 regelmäßig, vier- bis fünfmal im Jahr, in Ost-Berlin zu einem Austausch über die eigene literarische Produktion zusammenkam.[5] Als weiteres Beispiel führte Links den West-Berliner Autor Friedrich Christian Delius an, der in den 1960er- und 70er-Jahren in seiner Funktion als Redakteur der Zeitschrift "alternative" sowie als Lektor für den Verleger Klaus Wagenbach und später den Rotbuch Verlag intensiven Kontakt unter anderem zu Wolf Biermann, Thomas Brasch, Günter Kunert, Karl Mickel und Heiner Müller hatte. Dass sich daraus mehr als reine Arbeitsbeziehungen entwickelten, ist an dem Umstand zu erkennen, dass Delius einen im Westen erhaltenen Förderpreis mit Ost-Berliner Freunden und einigen Flaschen Whisky feierte. Im Unterschied zu Grass mied Delius jedoch Zusammenkünfte mit mehreren Personen, da er die Anwesenheit von Stasispitzeln befürchtete, die seine Lektoratsarbeit hätten gefährden können.

Einige Themen der ersten Tagung wurden aufgegriffen und weitergeführt. Beispielsweise von Patricia F. Zeckert (Leipzig), die über die Folgen des Mauerbaus für die Leipziger Buchmesse referierte. Schon in den vorausgegangenen Jahren hatten die schwierigen politischen Rahmenbedingungen, wie die Kündigung des Berliner Abkommens über den innerdeutschen Handel durch Bonn im September 1960, dazu geführt, dass der seit Mitte der 1950er-Jahre grundsätzliche Anstieg westdeutscher Aussteller wieder rückläufig wurde. Nach dem Mauerbau folgte nur deshalb kein offizieller Boykottaufruf durch die Bundesregierung, weil im Zuge des erneuerten Handelsabkommens mit der DDR der Zugang zu West-Berlin nicht gefährdet werden sollte. Das übernahmen die Wirtschaftsverbände, allen voran der Bund der Deutschen Industrie (BDI). Auf der zwei Wochen nach dem Mauerbau stattfindenden Leipziger Herbstmesse verzeichnete die Verlagsbranche mit 80 Prozent weniger Ausstellern nach derjenigen der Nähmaschinen und Nadeln die zweithöchste Quote. Von 16 angemeldeten westdeutschen und West-Berliner Verlagen stellten nur drei aus. Die Hälfte der freigewordenen Fläche wurde geschlossen, auf der anderen Bücher aus DDR-Produktion ausgestellt. Insgesamt aber blieb die Gesamtzahl der Aussteller konstant, da die Beteiligung aus dem westlichen Ausland stieg. Hinzu kam, dass der Boykott nicht durchgängig war, weil Kommissionäre, die jeweils mehrere Verlage vertraten, trotzdem anwesend waren. Ein Ende des Rückzugs der westdeutschen Aussteller ist erst mit der Herbstmesse 1964 auszumachen.

Neben den politisch-ideologischen Differenzen waren die Verbindungen zwischen West und Ost dadurch belastet, dass einige Verlage meist schon in den späten 1940er-Jahren neben ihren Stammhäusern in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) bzw. DDR Dependancen in der Bundesrepublik oder West-Berlin gründeten, wodurch es zu Konflikten über die Verfügungsgewalt, über Autorenrechte, Absatzgebiete und Honorarzahlungen kam. Anke Schüler (Leipzig) beleuchtete die Hintergründe der Trennung zwischen Reclam Leipzig und Reclam Stuttgart. Ernst Reclam hatte, um auch in den westlichen Besatzungszonen präsent zu sein, zusätzlich zum Stammhaus in Leipzig 1947 die Reclam Verlags GmbH Stuttgart als selbstständiges Unternehmen gegründet. Beide Verlage kooperierten zunächst miteinander, bis nach der Übersiedlung aller als Gesellschafter eingetragenen Mitglieder der Familie Reclam in die Bundesrepublik der Leipziger Verlag in Treuhandschaft überführt wurde. Die Reclams erkannten das nicht an und begannen, Maßnahmen wie ein Einfuhrverbot der Leipziger Bücher in die Bundesrepublik einzuleiten. 1953 wurden die Mitglieder der Familie Reclam durch die DDR enteignet, woraufhin die Kontakte zwischen Leipzig und Stuttgart fast völlig abbrachen. Carmen Laux (Leipzig) berichtete über den "Kampf" des Leipziger Reclam Verlages um seine vielfach nach Westdeutschland abgewanderten Autoren, als diese begannen, die Rechte an ihren Werken zurückzufordern. Die Publikationsmöglichkeiten des Verlages waren erheblich eingeschränkt, da er stark von Demontagen betroffen war – er verlor den größten Teil seiner technischen Anlagen –, von Papierknappheit und Zensurbeschränkungen. Unzufriedene Autoren, deren Werke nicht oder nicht erneut erscheinen durften oder denen Honorare nicht überwiesen worden waren, versuchte Reclam seit 1947 zu halten, indem er ihnen den Wechsel nach Stuttgart nahelegte. Bis 1953 wanderten mindestens 50 Autoren nach Stuttgart oder zu anderen westdeutschen Verlagen ab, wobei hier genauere Angaben wünschenswert gewesen wären. Ingrid Sonntag (Leipzig) präsentierte und kommentierte einige Fundstücke aus dem Archiv des Reclam Verlages Leipzig, die sie als Beleg dafür nahm, dass der Verleger und Cheflektor Hans Marquardt in den 1950er- und 60er-Jahren erfolgreich ein liberales wie ein linksbürgerliches Verlagsmodell kopiert und sich an der Klassischen Moderne orientiert habe. Als Vorbild dienten Marquardt dabei Reihen des Rowohlt Verlages (Hamburg, ab 1960 Reinbek), dessen Leiter Ernst Rowohlt auch in der DDR großes Ansehen genoss, wie die Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Universität Leipzig im Jahr 1959 beweist. Die vor dem Mauerbau begonnene, von Reiner Kunze herausgegebene Lyrikanthologie "Mein Wort – ein weißer Vogel. Junge deutsche Lyrik" (Leipzig 1961) belegt dies ebenfalls und kann als gegen den Bitterfelder Weg gerichtet interpretiert werden. Der mit drei Beiträgen vergleichsweise starke Fokus des Kolloquiums auf dem Reclam Verlag war im Übrigen dadurch bedingt, dass dieser, heute in Ditzingen bei Stuttgart ansässig, das Leipziger Archiv dem dortigen Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft für Forschungszwecke zur Verfügung gestellt hat.

Das Verhältnis zwischen den Insel Verlagen in Leipzig und Wiesbaden bzw. Frankfurt am Main war bereits vor dem Bau der Mauer äußerst angespannt, wie Siegfried Lokatis (Leipzig) berichtete, der sich in seinem Vortrag mit den "Insel-Büchereien" beider Verlage beschäftigte. Im April 1960 war der Leipziger Verlagsleiter Richard Köhler in den Westen geflohen. Der folgende Selbstmord des Leipziger Vertriebschefs Franz Vogel ging nach Angabe Heinz Sarkowskis, der 1962 zum 50-jährigen Jubiläum der "Insel-Bücherei" eine Bibliografie erstellte, darauf zurück, dass er der Mitwisserschaft dieser Republikflucht verdächtigt wurde. Im Oktober 1960 erklärte sich die westdeutsche Zweigstelle zum Hauptsitz. In Leipzig war man, vor allem wegen der Frage der Rechte, nicht bereit, den daraus abgeleiteten Führungsanspruch anzuerkennen. Das Ministerium für Kultur vergrößerte seinen Einfluss auf den Verlag, indem ein Treuhänder als Leiter und neue Lektoren eingesetzt wurden. Mit dem Mauerbau verschlechterte sich das Verhältnis zwischen beiden Verlagen weiter, dem Westdeutschen Sarkowski wurde nun der Zutritt zum Leipziger Archiv verwehrt und die zuvor vereinbarte Übernahme eines Teils der in Frankfurt am Main gedruckten Auflage der Bibliografie abgelehnt. Die Beziehungen zwischen den beiden Häusern brachen aber nie ganz ab, und bis 1989 vereinbarten beide Verlage hin und wieder Mitdruckgeschäfte und die Übernahme einzelner Titel. Wie Lokatis mit anschaulichen Beispielen illustrierte, unterschieden die Ausgaben sich durch die Auswahl der Autoren und der Texte, durch die Gestaltung des charakteristischen Einbandes, durch die Preisbildung sowie die Zahl der herausgegebenen Titel erheblich voneinander.

Ein Verlag, der seit 1951 ebenfalls zweigleisig existierte, war der Carl Marhold Verlag in Halle (Saale) und Berlin (West), Gegenstand des Vortrages von Anna-Maria Seemann (Erlangen). Der Carl Marhold Verlag war ein naturwissenschaftlich-medizinisches Haus mit einem Schwerpunkt auf der Heilpädagogik und mit Herausgaben von Werken des Psychoanalytikers Carl Gustav (C. G.) Jung. Der Verlagsleiter Wolfgang Jäh begründete nach seinem Weggang aus Halle in einem Brief an die Belegschaft ausführlich, was ihn zu seinem Schritt bewogen hatte. Die meisten Autoren des Verlages befanden sich mittlerweile im Westen, was eine angemessene Honorarzahlung erheblich erschwerte. Jäh bemängelte die Zensur, außerdem war er nicht bereit, wie gefordert auf sein heilpädagogisches Programm zu verzichten. Nach der Neueröffnung des West-Berliner Verlages gab es zunächst eine Phase der loyalen Zusammenarbeit mit dem gegenseitigen Angebot von Lizenzen und Manuskripten sowie getrennten Vertriebsgebieten, was wohl auch dem Umstand geschuldet war, dass der Geschäftsführer des Verlages in Halle ein Schwager Jähs war. 1952 wurde dort ein neuer Treuhänder eingesetzt und Jähs Schwager als Geschäftsführer entlassen. Zwischen beiden Verlagen kam es nun zu Streitigkeiten über Verfügungsrechte und Absatzgebiete mit beiderseitigen Alleinvertretungsansprüchen. 1955 gipfelte der Konflikt in dem Versuch des inzwischen als VEB Carl-Marhold firmierenden Verlages, Marhold in Berlin das Führen des Namens und die Nutzung der alten Rechte zu untersagen. Im Rahmen von Profilierungen des Verlagswesens der DDR wurde der Verlag in Halle Ende 1959 aufgelöst und bildete den Grundstock für den neugegründeten Verlag für Grundstoffindustrie. Carl Marhold Berlin wurde in den 1980er-Jahren vom Verlag Volker Spiess übernommen.

Auch im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur wanderten Verlage nach Westdeutschland ab, wie das Beispiel des Berliner Franz Schneider Verlages zeigt. Der unterhielt seit 1947 zunächst in Augsburg, später in München, eine Zweigniederlassung, wie Matthias Sharichin (Leipzig) berichtete, dessen Thema die Kinder- und Jugendliteratur in der SBZ war. Die Forschung auf dem Gebiet der Kinder- und Jugendliteratur hat sich bisher vorwiegend dem Zeitraum der DDR zugewandt, was unter anderem mit der schwierigen Quellenlage der vorausgegangenen Besatzungszeit erklärt werden kann. Der Neuaufbau des Verlagswesens war oftmals noch örtlichen Stellen überlassen, sodass das Leipziger "Börsenblatt" in diesem Zusammenhang von einem "chaotischen" Broschüren- und Traktatunwesen sprach. Eigentlich aber war mit der Lizenzierungspflicht des SMAD-Befehles Nr. 19 vom 20. August 1945 die Sowjetische Militäradministration in Deutschland die oberste Kontroll- und Genehmigungsbehörde, seit 1946 ergänzt durch den Kulturellen Beirat, der als Hilfsorgan eine Vorauswahl bei der Vergabe von Druckgenehmigungen traf.
Julia Frohn (Berlin) beschäftigte sich mit solchen deutsch-deutschen Literaturzeitschriften, die – wenn auch unterschiedlich motiviert – der Ost-West-Vermittlung dienen sollten. Die bekannteste war die von Alfred Kantorowicz herausgegebene Zeitschrift "Ost und West". Sie existierte nur von 1947 bis 1949, weil ihr Erscheinen beim ZK der SED nicht mehr erwünscht war. Allerdings hatten sich vorher schon westdeutsche Schriftsteller zurückgezogen, die befürchteten, als Autoren einer sowjetisch lizenzierten Zeitschrift in Misskredit zu geraten. Ein Rezensionsorgan – "Das Buch von Drüben" – mit deutsch-deutschen Herausgebern und Rezensenten, dessen prominentester Johannes Bobrowski war, schien auf Ost-West-Vermittlung ausgerichtet zu sein, trug aber, so das zuständige Referat beim Ministerium für Kultur, lediglich aus taktischen Gründen gesamtdeutschen Charakter, um im Westen einen Bedarf an DDR-Literatur auszulösen, was nicht gelang. Weitere, im Umfeld des Kiepenheuer Verlages, des Verlages der Nation und des Schriftstellerverbandes der DDR geplante Zeitschriften kamen über den Projektstatus nicht hinaus.

Eine ungewöhnliche Editionsgeschichte stellte Franziska Galek (Leipzig) vor – in unüblicher Form, als Drama in fünf Akten: die des im Henschelverlag erschienenen Buches "Der deutsche Volkstanz" von Herbert Oetke. Ungewöhnlich vor allem deshalb, weil Oetke nach einigen Jahren Aufenthaltes in der DDR in seine Heimat Hamburg zurückgekehrt war und nun als westdeutscher Autor ein Buch in einem DDR-Verlag veröffentlichen wollte, nachdem die vorher kontaktierten westdeutschen Verlage kein Interesse an einer Publikation des umfangreichen Manuskriptes gezeigt hatten. Oetke musste sich insgesamt 17 Jahre lang gedulden, bis sein Buch 1983 endlich erschien. Dass es vorher zu Missverständnissen gekommen war, deren Folgen die Zufriedenheit aller Beteiligten nach der Publikation erheblich trübten, ist wohl auch der erschwerten Kommunikation über die deutsch-deutsche Grenze hinweg anzulasten.

Außergewöhnlich war auch die "Orientalische Bibliothek", über die Antonia Ritter (Leipzig) vortrug. Die Reihe erschien zwischen 1985 und 1991 in Kooperation zwischen dem C. H. Beck Verlag (München) in der BRD sowie der Verlagsgruppe Kiepenheuer (Leipzig) und dem Verlag Volk und Welt (Ost-Berlin) in der DDR. In dieser Zeit entstanden 25 Bände, darunter wichtige Romane und Erzählungen verschiedener Epochen aus der Mongolei, aus China und Syrien, Titel von Nagib Machfus und Rabindranath Tagore. Ritter stellte fest, dass sich eine Herausgabe für beide Seiten nur durch die Zusammenarbeit lohnte und es diese Reihe wie auch die "Bibliothek des 18. Jahrhunderts" andernfalls nicht gegeben hätte. Beck reduzierte sein Absatzrisiko durch die Produktion in der DDR und die zusammengenommen höhere Auflage. Von 15.000 Exemplaren gingen bis zu 3.000 an den westdeutschen Verlag. Für die Verlage in der DDR und ihre anleitenden Stellen war die Aussicht auf den Export und damit die Einnahme von Devisen der wichtigste Grund für die Kooperation. Interessanterweise verkauften sich beide Reihen in Ost und West unterschiedlich gut: Der Absatz der "Orientalischen Bibliothek", die ja schon von der Konzeption her ein "Loch in der Mauer" darstellte, war in der DDR besser, wohingegen die "Bibliothek des 18. Jahrhunderts" für den Münchener Verlag der größere kommerzielle Erfolg war.

Die Beobachtung des westdeutschen Verlagswesens durch das Ministerium für Staatssicherheit am Beispiel des Suhrkamp Verlages (Frankfurt am Main) war das Thema von Berthold Petzinna (Berlin). Das Ministerium sah die Geschäftskontakte des Verlages zu DDR-Autoren als Teil einer ideologischen Unterwanderung an, hinter der es verschwörungstheoretisch die Bonner Regierung vermutete. Eine regierungskritische Position des Verlagsleiters Siegfried Unseld wurde als Manöver angesehen, um in der DDR bei Verlagen und Autoren den nötigen Anklang zu finden und um bei staatlichen Organen kein Misstrauen hervorzurufen. Hintergrund dessen ist der Umstand, dass westdeutsche Verlage sich vor allem für solche Autoren interessierten, die der Kulturpolitik der DDR kritisch gegenüberstanden. Insofern galt die größere Aufmerksamkeit des MfS paradoxerweise nicht politisch konservativen Verlagen, sondern liberalen bis linksliberalen Verlagen galt. Maßgeblichen Einfluss auf den Kurs Suhrkamps unterstellte man dem Cheflektor Walter Boehlich und der Gruppe 47, vornehmlich Hans Magnus Enzensberger. Die Lektorin Elisabeth Borchers wurde als Vertreterin der "gegnerischen Kontaktpolitik und der politisch-ideologischen Diversionstätigkeit" (PID) gegenüber Schriftstellern und Verlagsmitarbeitern der DDR ausgemacht. Spielte man daher auch mal mit dem Gedanken, den Kontakt zu Suhrkamp einzustellen, so war dies aus ökonomischen Gründen jedoch nicht angeraten. Denn Suhrkamp besaß die Rechte zahlreicher namhafter Schriftsteller der westlichen Welt und die Weltrechte für die Werke Bertolt Brechts.

Kerstin Schmidt (Leipzig) widmete sich den Literaturkritiken von Kurt Batt aus den 1960er- und 70er-Jahren. Batt, der in Leipzig bei Hans Mayer studiert und über niederdeutsche Literatur promoviert hatte, war seit 1959 Lektor und von 1961 bis 1975 Cheflektor des Rostocker Hinstorff Verlages. Er veröffentlichte außerdem literaturwissenschaftliche Arbeiten zum Expressionismus, zur Literatur der Bundesrepublik, Österreichs und der Schweiz sowie zahlreiche Kritiken unter anderem zu Werken von Günter Grass oder Peter Handke wie zu in der DDR erschienener Literatur. Seine Rezensionen zeichneten sich dadurch aus, dass sie an literaturwissenschaftlichen Beurteilungskriterien und nicht an politischen Zweckmäßigkeiten ausgerichtet waren. Mit seiner Haltung machte er den Hinstorff Verlag vor allem für damals junge Autoren wie Jurek Becker und Klaus Schlesinger interessant, sie brachte ihm aber auch zunehmend Schwierigkeiten durch die SED-Bezirksleitung Rostock ein.

Eyk Henze (Leipzig) beschäftigte sich mit der Lyrikreihe "Antwortet uns!" beim Verlag Volk und Welt, die als Prototyp dieses Genres in der DDR gilt und damit als Vorläufer der bekannteren Reihe "Poesiealbum" des Verlags Neues Leben. Der durch den Titel erkennbar appellative Charakter der Reihe wurde dadurch unterstrichen, dass auf dem hinteren Umschlag eine Postkarte abgebildet war, mittels derer man eine Rückmeldung an den Verlag schicken konnte. Absatzprobleme zu Anfang der 1960er-Jahre führten zur Einstellung der Reihe. Der Schriftsteller Gerhard Zwerenz hatte nach seiner Flucht aus der DDR 1958 Titel und Erscheinungsbild der Reihe übernommen, um mit Hilfe des Ostbüros der SPD eigene Gedichte mit dem Titel "Galgenlieder vom Heute" unauffällig in die DDR schleusen zu können.

Uwe Sonnenberg (Potsdam) trug über den linken Buchhandel in der BRD in den 1970er-Jahren vor und warf die Frage auf, welche Bedeutung die DDR für diesen und umgekehrt, welche Bedeutung dieser für die DDR hatte. Mit "linkem Buchhandel" war nicht die DDR-nahe, von der DKP kontrollierte "Arbeitsgemeinschaft sozialistischer und demokratischer Buchhändler und Verleger" gemeint, welche Sonnenberg unter den Begriff "Parteibuchhandel" fasste, sondern die 150–200 Buchläden, Verlage und Vertriebe, die sich seit 1970 im "Verband des linken Buchhandels" (VLB) organisierten. Nach der Abspaltung der maoistischen, parteifixierten K-Gruppen 1972/73 entwickelte der VLB sich zu einem bundesweiten Netzwerk des undogmatischen Teils der Linken, der den rebellischen Geist der Studentenbewegung tradierte und später Bestandteil der Alternativbewegung wurde. Politische Literatur aus der DDR blieb – mit Ausnahme einiger Bände der Werke von Marx und Engels, die zeitweise sogar vergriffen waren – in der Bedeutung für den linken Buchhandel marginal. Anders sah es bei der Belletristik aus, wo vor allem der Rotbuch und der Wagenbach Verlag Werke von Wolf Biermann, Thomas Brasch oder Heiner Müller herausbrachten. In linken westdeutschen Verlagen publizierte Literatur spielte umgekehrt eine wichtige Rolle für oppositionelle Gruppen in der DDR. In einer Bibliothek aus diesem Kontext, die Anfang der 1990er-Jahre der Robert-Havemann-Gesellschaft übergeben wurde, stammte nach Sonnenberg mehr als ein Drittel der Titel aus der Produktion des westdeutschen linken Buchhandels.

Zusammengenommen belegt die Mehrheit der Beiträge, wie schwierig es angesichts der unterschiedlichen politisch-gesellschaftlichen Rahmenbedingungen war, Kontakte über die Mauer aufrechtzuerhalten und unverzerrte Sichtweisen auf die jeweils andere Seite zu generieren. Das Schicksal von Alfred Kantorowicz' Zeitschrift "Ost und West" mag dafür beispielhaft sein. Andererseits zeigen der Autorenkreis um Bernd Jentzsch und Günter Grass oder die Kontakte Friedrich Christian Delius' als Redakteur und Lektor, dass es mehr "Löcher in der Mauer" gab, als angenommen. Manche Projekte, wie die "Orientalische Bibliothek", wurden nur durch eine Kooperation auf offizieller Ebene realisiert, andere wiederum gerade durch ein Unterlaufen einer solchen Kooperation, wie die Veröffentlichung von in der DDR unerwünschten Texten in der Bundesrepublik.

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Fußnoten

1.
In: Stefan Heym, Gesammelte Erzählungen, München 1998, S. 331–348.
2.
Vgl. Mark Lehmstedt/Siegfried Lokatis (Hg.), Das Loch in der Mauer. Der innerdeutsche Literaturaustauch, Wiesbaden 1997.
3.
Volker Braun, Die Mauer, in: Ders., Texte in zeitlicher Folge, Bd. 2, Halle/S. 1990, S. 82–85.
4.
Volker Braun, Werktage 1. Arbeitsbuch, Frankfurt a. M. 2009, S. 877.
5.
Vgl. Roland Berbig (Hg.), Stille Post. Inoffizielle Schriftstellerkontakte zwischen West und Ost, Berlin 2005.

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