Beleuchteter Reichstag

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3.2.2012 | Von:
Wolfgang Schlott

Deutsch Deutsche Deutschland

"Die deutsche Seele", "Wundersames Deutschland", "Die Verfeinerung der Deutschen" – drei literarische Annäherungen an Deutsches, die Deutschen und Deutschland.

Thea Dorn, Richard Wagner: Die deutsche Seele, München: Knaus 2011, 560 S., € 26,99, ISBN 9783813504514.

Stefan von Senger und Etterlin: Wundersames Deutschland, Berlin/Leipzig: Patchworld 2010, 192 S., € 18,–, ISBN 9783941021044.

Erwin Seitz: Die Verfeinerung der Deutschen. Eine andere Kulturgeschichte, Berlin: Insel 2011, 824 S., € 28,–, ISBN 9783458175056.



Die deutsche Seele

Die deutsche SeeleDie deutsche Seele (© Knaus-Verlag)
Wer zwischen den Stichworten "Abendbrot" und "Zerrissenheit" auf über 500 Seiten, eingebettet von Gemälden, Kupfer- und Holzstichen, Plakaten, Vignetten, Illustrationen, Filmstills und Fotografien, einen Spaziergang macht durch das Gefilde der deutschen Seele, dessen Blicke werden sicherlich zuerst auf viele ihm wohlbekannte Bilder treffen, bevor er das Inhaltsverzeichnis überfliegt. In der Regel sind es drei Abbildungen pro Stichwort, die die Aufmerksamkeit des Betrachters auf markante Motive der deutschen Kulturgeschichte vom 12. Jahrhundert bis in die Gegenwart lenken. Und wer gleich zu Beginn seiner schweifenden Betrachtungen auf das Stichwort "Abgrund" stößt, der wird zunächst überrascht sein: die Porträts der Philosophen Friedrich Nietzsche (1899) und Martin Heidegger (1933) leiten den Abstieg in einen deutschen Abgrund ein, dessen Bebilderungen vom Kaiser Barbarossa auf dem Kyffhäuser, Motiven aus Erzbergwerken bis zur Fotografie von Castorbehältern in einem atomaren Endlager reichen. Und wenn die visuell gesättigte Überraschung in die aufmerksame Textlektüre übergeht, entdeckt der Leser ein sich wiederholendes Gestaltungsprinzip in diesem kulturgeschichtlichen Kompendium. Es ist eine lockere, essayistisch gestylte Darstellung, die zwischen philosophischen Sentenzen, sprichwörtlichen Weisheiten, Legenden und Dokumenten, historischen Ereignissen und volkstümlichen Bräuchen pendelt und dabei eine spannende Aufzeichnung hinterlässt, in denen die luftigen Konturen einer Seele zu erkennen sind, deren Wesen so widersprüchlich erscheint.

Vor welchen Aufgaben standen Thea Dorn, die aus dem hessischen Offenbach stammende Schriftstellerin und TV-Journalistin, und Richard Wagner, der renommierte Romancier, aufgewachsen im deutschsprachigen Banat? Ihr gemeinsames Vorwort verrät etwas über die Methoden, mit denen sie die Umrisse und Inhalte der deutschen Seele zu erfassen versuchen: "Wir wollen dieses Land nicht in den Sektionssaal schieben, wir beugen uns nicht im weißen Kittel mit spitzem Werkzeug darüber, um einzig die kranken Stellen herauszuschneiden und unter dem Mikroskop zu betrachten. Wir sind keine Pathologen." (7) Vielmehr seien sie von der Sehnsucht getrieben, ihre Kultur in allen ihren Tiefen und Untiefen, ihren Schrullen und Fragwürdigkeiten zu erkunden. Und woher nehmen sie ihre Motivation, ein so ungewöhnliches kulturhistorisches Kompendium zu einem Zeitpunkt zu veröffentlichen, da Deutschland sich nach ihren Worten herunterwirtschafte und sogar sein Gedächtnis verliere? Es sind hauptsächlich zwei Aspekte, die sie aufgreifen: die Scham über die Verbrechen des Nationalsozialismus zum einen, die Verdrängung von Geschichte in einer von Skrupeln freien Existenzweise zum anderen. Doch von solchen dualistischen Antriebsmomenten lassen sich Dorn und Wagner nicht leiten. Vielmehr verweisen sie auf einen sporadisch auftretenden Patriotismus oder eine Streitkultur, die beispielsweise auch über den Rechtsstatus von Einwanderern heftig diskutiere. Das seien markante Merkmale eines freiheitlich-demokratischen Staates, in dem das "Deutschsein" so oft verleugnet werde. Da verliere man "die Orientierung, die Selbstgewissheit, den Lebensmut." (8) Deshalb auf, liebe Leser, machen wir uns – gemeinsam mit den Autoren – auf die Suche nach der deutschen Seele!

Ein zweiter schweifender Blick auf die rund 70 Stichworte löst meist deutliche, manchmal aber auch verschwommene Assoziationen aus: Arbeitswut, Bierdurst, Doktor Faust, Fußball, Gemütlichkeit, German Angst, Kindergarten, Männerchor, Musik, Mystik, Reinheitsgebot, Schrebergarten, Spießbürger, Vater Rhein, Wanderlust, Vereinsmeier, Weib, Weihnachtsmarkt, Wiedergutmachung, Winnetou – die meisten unter ihnen sind Bestandteile unserer alltäglichen Gedankenwelt. Das Stichwort "Arbeitswut" zum Beispiel, seit wenigen Jahren mit dem angelsächsischen Begriff "workoholic" in Verbindung gebracht, nähert sich in der Zwischenzeit bereits dem Bedeutungsfeld "Burnout". Doch erst der Blick in die Vergangenheit offenbart wesentliche Merkmale der deutschen Arbeitswut. Sie bildete sich aufgrund der Verinnerlichung des protestantischen Arbeitsethos unter der Einwirkung der Lutherschen Reformation heraus, erreichte mit der kapitalistischen Produktionslogik im 19. Jahrhundert und der forcierten Ausbeutung der Arbeitskraft im Spätkapitalismus und im Staatssozialismus am Ende des 20. Jahrhunderts bestimmte Grenzbereiche der physischen und psychischen Auslastung menschlicher Leistungsfähigkeit.

Mit wenigen Ausnahmen (Abendbrot, Buchdruck, Strandkorb, Weihnachtsmarkt) sind die Stichworte mit tief schürfenden und stets transparenten Darstellungen versehen, die oft mit einer Anekdote beginnen und einer ironisierenden Anspielung auf die unerschöpfliche Dimension der eben "erfassten" Erscheinung enden. Der umfangreichste Beitrag mit 33 Druckseiten ist der deutschen Weiblichkeit gewidmet. Aufgeteilt in »Das Weib«, mit philosophischen und linguistischen Überlegungen zur rätselhaften Herkunft des sächlichen Geschlechts des Weibes, und »Kleine Galerie deutscher Frauenbilder«, aufgefädelt nach schönen Seelen, deutschen Mädchen, Lulus und Lolas, Fräuleinwunder, Amazonen wie auch nach wilden Weibern, entfaltet der Beitrag ein Feuerwerk reizvoller Sentenzen und sprühender Reflexionen. Und dies alles mit Abbildungen verschiedenster Frauenkörper.

Natürlich gibt es auch andere Stichworte (zu empfehlen sind "Vater Rhein" und "deutsche Musik" ebenso wie "German Angst"), die den Leser in die schauerlichen und Schauder erregenden Abgründe und in die höchsten Gipfel deutscher Lust jagen. Was bleibt, ist eine lehrreich-amüsante Lektüre und Bilderbetrachtung in einem pompös ausgestatteten Kompendium: "Alles was deutsch ist. Eine Liebeserklärung" – so eindrucksvoll, so bildsam, so aphoristisch, so locker wurde selten für die bewussten und unterbewussten Gefilde unserer Landsleute geworben. Also ein Lese- und Bildungsvergnügen zugleich!



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