counter
10.5.2012 | Von:
Christoph Busch

Der "Nationalsozialistische Untergrund" im Lichte rechtsradikaler Gewalt

6. Der "NSU": (Dis-)Kontinuität der Gewalt?

Angesichts des bislang dargestellten Verhältnisses von Rechtsradikalismus und Gewalt lautet die Frage, inwiefern die Mordserie des "NSU" eine Kontinuität bzw. eine Diskontinuität rechtsradikaler Gewalt darstellt. Der Tatverlauf ist ungewöhnlich. Rechtsradikale Gewalttaten sind meist "heiße" Taten, die aus aggressiver Stimmung heraus geschehen. Rechtsradikale begehen sie spontan oder nur mit kurzfristiger, eher grober Planung. Eine Tötung der Opfer nehmen die Täter zwar in Kauf, streben diese aber in der Regel nicht ausdrücklich an. Die Attentate des "NSU" aber waren "kalte" Taten. Die Täter planten die Morde langfristig und systematisch. Sie wählten bewusst die Opfer aus und versuchten, möglichst wenige Spuren zu hinterlassen. Die Taten geschahen bis auf eine in den westlichen Bundesländern, also weit entfernt von Thüringen und Sachsen, woher die Mitglieder des "NSU" stammten und wo sie sich nach ihrem Untertauchen vermutlich versteckten. Auch der Tathergang, mit einer Pistole auf das Opfer zu schießen, weicht vom Muster rechtsradikaler Gewalt deutlich ab. In der Regel töten Rechtsradikale durch Schlag- oder Stichwaffen oder treten mit Springerstiefeln ihre Opfer zu Tode. Das Nagelbombenattentat in Köln stellt eine Besonderheit der Anschlagsserie dar. Es war zwar ebenfalls systematisch geplant und auf die Ermordung von Menschen ausgelegt, zielte jedoch nicht auf einen bestimmten Menschen, sondern auf Migranten allgemein. Denn der Ort des Attentats ist eine beliebte Geschäftsstraße von türkischstämmigen Migranten. Das einzige Beispiel für ein solches Attentat ist der Anschlag Gundolf Köhlers auf das Münchener Oktoberfest 1980, bei dem der rechtsradikale Täter auch eine Bombe mit Nägeln zündete. Eine weitere Besonderheit des "NSU"-Taten ist die Tötung der Polizistin Michèle Kiesewetter 2007 in Heilbronn. Hier ist noch ungeklärt, ob es sich um einen geplanten Mord handelt oder ob die Täter sich in der Situation spontan zur Gewalt entschlossen, um sich einer Polizeikontrolle zu entziehen. Ein geplanter Polizistenmord durch Rechtsradikale ist in Deutschland ohne Beispiel. Der Fall des Polizistenmörders Kay Diesner zeigt aber, dass flüchtige rechtsradikale Gewalttäter auch die Tötung von Polizisten in Kauf nehmen.

In der Öffentlichkeit wurde die Mordserie oftmals als Rechtsterrorismus bezeichnet. In sozialwissenschaftlicher Perspektive trifft der Begriff Terrorismus aber nicht zu. Denn ein Wesensmerkmal von Terrorismus ist die kommunikative Komponente, die die Konstruktion der Wirklichkeit beeinflussen soll. Gewalt ist demnach nur das Mittel zum Zweck, um Angst zu verbreiten, die Legitimation des Staates als Hüter der öffentlichen Ordnung zu untergraben und die eigene Gruppe als stark darzustellen. Einige Beobachter des Rechtsradikalismus meinen, dass dies dem "NSU" durchaus gelungen sei. So argumentiert der Journalist Patrick Gensing: "Die Tat ist die Botschaft".[47] Auch bei anderen rechtsradikalen Gewalttaten wie in Hoyerswerda oder Rostock-Lichtenhagen hätte es keine Bekennerschreiben gegeben. Der aus der Ideologie stammende Vernichtungsgedanke werde in Liedern, auf Demonstrationen und auf Kleidungsstücken hinreichend und öffentlich artikuliert. Die Mordserie des "NSU" ist mit den pogromartigen Taten aber nicht zu vergleichen, weil hier Täter und Motiv der Öffentlichkeit unbekannt waren. Ein Ereignis benötigt aber einen Deutungsrahmen, damit die Öffentlichkeit es interpretieren kann, mit anderen Worten: Der Text erhält erst durch den Kontext seine Bedeutung. Wenn aber eine pluralistische Öffentlichkeit mehrere Kontexte der Mordserie diskutiert, dabei den rechtsradikalen Kontext weit überwiegend als nicht plausibel zurückweist und die Täter darauf verzichten, in die Diskussion durch Bekennerschreiben, -anrufe oder -videos einzugreifen, um die rechtsterroristische Interpretation zu stärken, dann ist den Tätern offenbar nicht daran gelegen, Angst zu verbreiten. Dies trug dazu bei, dass die Behörden jahrelang in die falsche Richtung ermittelten und die Familien der Ermordeten zu doppelten Opfern machten, indem die Polizei die Morde als Folge illegaler Geschäfte darstellten. Demgegenüber hätten Bekennerschreiben gerade bei Migranten erhebliche Bedrohungsgefühle ausgelöst und ihr Vertrauen in den Staat als Ordnungsmacht tiefgreifend erschüttert. Die Produktion des
Diese DVD mit Aufnahmen von den Morden der terroristischen Vereinigung "Nationalsozialistischer Untergrund" wird am Donnerstag (01.12.2011) im Dienstgebäude der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe gezeigt. Mit einem Fahndungsplakat sucht die Bundesanwaltschaft nach weiteren Hintermännern und Unterstützern der Neonazi-Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU). Foto: Franziska Kraufmann dpa/lswDVD der "NSU". (© picture-alliance/dpa)
Videos des "NSU", in dem die Täter ihre Morde in einem Comicfilm präsentieren, spricht wiederum eigentlich dafür, dass die Rechtsradikalen die Absicht besaßen, ihre Gewalttaten zu kommunizieren. Offen bleibt aber bislang, warum sie das Video über mehrere Jahre nicht veröffentlichten. Erst nach dem Selbstmord und der eher zufälligen Aufdeckung der fremdenfeindlichen Hintergründe der Mordserie ging das Video einigen Journalisten und Politikern zu. Die kommunikative Wirkung des rechtsradikalen Hintergrunds der Gewalttaten war nun aber begrenzt, da die Mörder bereits tot waren und damit die Bedrohung wegfiel. Zudem lagen die Taten bereits einige Jahre zurück.

Strategisch entspricht das Verhalten des "NSU" durchaus den kursierenden rechtsterroristischen Strategiepapieren, wonach man kleine, möglichst abgeschottet arbeitende Zellen bilden solle. Der Generalbundesanwalt ermittelt zwar gegen eine Reihe von Rechtsradikalen wegen Unterstützung des "NSU", allerdings haben die betreffenden Personen dem Mördertrio "lediglich" geholfen, indem sie eine Waffe besorgten, die Wohnung zeitweise zur Verfügung stellten oder ein Auto anmieteten. Bislang gibt es keine Hinweise, dass neben Zschäpe weitere Personen kontinuierlich in die Aktivitäten von Mundlos und Böhnhardt eingebunden waren. Finanziell war der "NSU" durch seine Banküberfälle, bei denen seine Mitglieder insgesamt über 600.000 Euro erbeuteten, autark und konnte sich dadurch das Leben im Untergrund leisten. Die relativ starke Abschottung der Gruppe hatte zwar den Preis, auf ein öffentliches Bekenntnis zu den Taten zu verzichten, erschwerte den Behörden freilich die Strafverfolgung.

Die Auswahl der Opfer durch den "NSU" steht in der Kontinuität rechtsradikaler Gewalt. Migranten sind die größte Opfergruppe. Bei den situativen Taten werden die Opfer aus dieser Gruppe relativ beliebig ausgewählt. Terroristen suchen für ihre Anschläge jedoch symbolische Ziele aus, um die psychologische Wirkung zu maximieren. Das sind entweder prominente Personen oder Orte bzw. Gebäude, an denen viele Personen getroffen werden. Der "NSU" führte die Anschläge aber gegen den migrantischen Jedermann durch, meist ein Kleingewerbe betreibende Männer mittleren Alters. Dass es hauptsächlich türkischstämmige Migranten betraf, dürfte einerseits der Tatsache geschuldet sein, dass diese die größte Migrantengruppe in Deutschland darstellen, und zum anderen dem Umstand, dass diese Gruppe ein häufiges Opfer fremdenfeindlicher Kampagnen darstellt. Mit Ausnahme der erschossenen Polizistin, bei der die Faktenlage noch unklar ist, bestand zwischen Tätern und Opfern keine persönliche Beziehung. Die nicht prominenten Opfer sind ein Indiz dafür, dass es dem "NSU" nicht um Terrorismus ging, also nicht darum, Gewalt als Mittel einzusetzen, um Angst zu verbreiten. Vielmehr drängt sich der Eindruck auf, dass die Täter aus rassistisch motivierter Mordlust heraus handelten.

Die Täter entsprechen in sozialstruktureller Hinsicht annähernd dem Profil rechtsradikaler Gewalttäter. Uwe Mundlos war bei dem ersten Mord 27 Jahre, Uwe Böhnhardt 22 und Beate Zschäpe 25 Jahre alt. Damit lag die Gruppe im Durchschnitt geringfügig über dem typischen Alter fremdenfeindlicher Gewalttäter. Dass mit Zschäpe eine Frau zu der Zelle gehörte, ist keine Besonderheit. Denn auch wenn Frauen oftmals Gewalttaten nicht selbst ausführen, unterstützen sie die männlichen Täter in psycho-sozialer Hinsicht bei ihren Aktivitäten. Bemerkenswert ist, dass beide Männer aus Familien mit bürgerlichem Bildungshintergrund stammen. Der Vater von Mundlos ist Professor für Informatik[48], und die Eltern Böhnhardts sind Ingenieur bzw. Lehrerin[49]. Eine solche Biografie ist zwar bei rechtsradikalen Gewalttätern eher selten, doch bezieht sich diese Erkenntnis auf spontane Gewalttäter. Im Gegensatz dazu handelt es sich bei Anschlagsserie des "NSU" um systematisch geplante Taten über einen mehrjährigen Zeitraum, was die Täter intellektuell stärker fordert. Es ging eben nicht darum, sich in einer Situation von seinen Aggressionen vereinnahmen und ihnen freien Lauf zu lassen. Der geplante Mord von Menschen weist auf eine enorme rassistisch motivierte Gewaltbereitschaft hin. Diese übertrifft sogar die Tradition militanter Fremdenfeindlichkeit in der radikalen Rechten, wie sie seit den 1990er-Jahren zu beobachten ist.


Fußnoten

47.
Patrick Gensing, Die Tat ist die Botschaft, http://www.publikative.org/2011/11/25/die-tat-ist-die-botschaft/ [4.3.2012].
48.
Vgl. Petra Sorge, Vom Musterschüler zum rechten Killer, in: Cicero, 22.11.2012.
49.
Vgl. Per Hinrichts, "Unser Sohn" Uwe Böhnhardt, der Terrorist, in: Welt am Sonntag, 26.12.2012.