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Die Aufnahmelager für West-Ost-Migranten

Öffentliche Darstellung und heimliche Überwachung nach dem Mauerbau


7.3.2013
Tobias Wunschik beschäftigt sich mit den Aufnahmelagern der DDR für West-Ost-Migranten. Im geteilten Deutschland gingen zwischen 1949 und 1988 insgesamt 600.000 Menschen von der Bundesrepublik in die DDR – davon waren 400.000 zuvor bereits nach Westdeutschland geflohen und kehrten dann zurück.

I.



Aufnahmeheim Eisenach (© Bundesarchiv, Bild 183-68348-0001, Foto: Wittig)Aufnahmeheim Eisenach (© Bundesarchiv, Bild 183-68348-0001, Foto: Wittig)
Im geteilten Deutschland flüchteten zwischen 1949 und 1988 3,3 Millionen Menschen in die Bundesrepublik.[1] Etwa 400.000 unter ihnen kamen wieder zurück in die DDR. Dahinter standen, zumindest seit der wirtschaftlichen Konsolidierung der Bundesrepublik gegen Mitte der fünfziger Jahre, wohl weniger ökonomische oder politische als vielmehr private Motive.[2] Hinzu kamen noch etwa 200.000 im Westen geborene Bürger, die in den anderen Teil Deutschlands wechselten - so genannte Erstzuziehende, wie sie Ostberlin in Abgrenzung zu den Rückkehrern nannte. Diese Wanderungsbewegung blieb nach der Pionierarbeit von Andrea Schmelz lange Zeit unerforscht; erst Bernd Stöver, Ulrich Stoll und Kim Priemel schenkten ihr wieder Beachtung.[3]

Weil die DDR beim wirtschaftlichen Aufschwung mit der Bundesrepublik nicht mithalten konnte, kamen ab Mitte der fünfziger Jahre immer weniger Menschen. Wenn jedoch die "Abstimmung mit den Füßen" schon nicht zu gewinnen war, wollte das SED-Regime die neuen DDR-Bürger zumindest streng überprüfen, um Spione, politisch Missliebige und Kriminelle herauszufiltern. Seit 1957 sollte daher jeder West-Ost-Übersiedler zunächst in einem Lager oder Aufnahmeheim untergebracht werden; dies betraf etwa 96 Prozent der West-Ost-Migranten des Jahres 1960.[4] 1958 stellte eine Neufassung des Passgesetzes das "illegale Verlassen der DDR" ausdrücklich unter Strafe. Zwar sicherte der Staatsrat im August 1964 den meisten Rückkehrern Straffreiheit zu, doch kamen zwischen Mauerbau und Jahresende 1965 insgesamt nur noch 65.803 West-Ost-Migranten - was etwa dem Durchschnitt eines Jahres vor dem Mauerbau entsprach.[5] Dabei wurden 27 Prozent der Rückkehrer und 58 Prozent der Zuziehenden abgelehnt. Dieses war ein Ausdruck einer strengeren Auswahl als vor dem Mauerbau.[6] Als die DDR dann 1966 das Passierscheinabkommen auf dringende Familienfälle beschränkte, wurde die West-Ost-Migration weitgehend zur Einbahnstraße - die nur noch 2.000 bis 3.000 Personen im Jahr zu nehmen wagten.[7]

Aufnahmeheim Barby (© Bundesarchiv, Bild 183-78976-0004, Foto: Biscan)Aufnahmeheim Barby (© Bundesarchiv, Bild 183-78976-0004, Foto: Biscan)
Aufnahmeheime bestanden Mitte der sechziger Jahre auf zentralstaatlicher Ebene in Barby, Eisenach, Pritzier und Saasa sowie auf bezirklicher Ebene in Velgast, Militzsee, Loburg, Schmalkalden, Kraftsdorf, Karl-Marx-Stadt, Zirkelschacht, Leipzig, Dresden, Kablenz, Fürstenwalde, Potsdam und Berlin-Weißensee.[8] Dieses Netz ließ sich die DDR mehr als 3 Millionen Mark im Jahr kosten. 1969 waren in den Aufnahmeheimen 285 Mitarbeiter beschäftigt, die als Angestellte der Heime die Migranten versorgten, sie als Mitarbeiter des Pass- und Meldewesens erfassten, sie als Angehörige der Kriminalpolizei vernahmen oder sie als Mitarbeiter des Betriebsschutzes bewachten. Nicht mitgerechnet sind hierbei die Mitarbeiter der Staatssicherheit, die Migranten vernahmen sowie Spitzel anwarben.[9] Obwohl die Heime ihre Plätze bereits reduziert hatten (so etwa das größte, Barby, von 650 auf 260 Betten), waren die Heime mit ihrer Gesamtkapazität von 1.500 Plätzen nicht einmal zu einem Fünftel ausgelastet. Die Migranten mussten dabei durchschnittlich 24 Tage in den zentralen und 38 Tage in den regionalen Aufnahmeheimen bleiben.

Mitarbeiter, Rückkehrer, Zuziehende und Staatssicherheit in den Zentralen Aufnahmeheimen und den Aufnahmeheimen der Bezirke (1969)Mitarbeiter, Rückkehrer, Zuziehende und Staatssicherheit in den Zentralen Aufnahmeheimen und den Aufnahmeheimen der Bezirke (1969)
Inbesondere weil der erhoffte Zuspruch ausblieb, wurden etliche Lager und Heime geschlossen, so im Sommer 1972 Blankenfelde und Pritzier.[10] Die deutsch-deutschen Grundlagenverträge führten nicht automatisch zu mehr West-Ost-Migranten, doch gingen jährlich 1.000 bis 1.200 schriftliche Voranfragen aus der Bundesrepublik ein.[11] Um die Kräfte zu bündeln, wurde dann im April 1979 das Zentrale Aufnahmeheim Röntgental (mit einer Kapazität von 117 Betten) eröffnet.[12] Im Gegenzug wurden dann auch Saasa und Barby geschlossen; neben einigen Bezirksheimen blieb auf zentraler Ebene lediglich Molkenberg bestehen, bis es 1986 in das neue Haus 11 in Röntgental verlegt wurde.[13]

Tabelle [14]


II.



Auch das neue Aufnahmeheim unterstand zwar dem Ministerium des Innern, doch hinter den Kulissen zog die Staatssicherheit die Strippen.[15] Sie hatte zur Errichtung von Röntgental beigetragen und steuerte das Reglement vor Ort. Leitende Kader im Ministerium des Innern kooperierten mit der Geheimpolizei, und als Leiter Röntgentals fungierte ein Offizier in besonderem Einsatz, Roland Stegbauer. Bei einer Belegung mit durchschnittlich nur 12 West-Ost-Migranten unterstanden ihm 114 Mitarbeiter, die der Hauptabteilung Kriminalpolizei, dem Bereich Innere Angelegenheiten und dem Betriebsschutz angehörten. Stegbauer nicht untergeordnet waren die 19 Hauptamtlichen Mitarbeiter der Staatssicherheit,[16] die in Röntgental Vernehmungen führten und unter den vorgenannten Beschäftigten 26 Zuträger führten (22,8 Prozent).[17] In dieser Stärke waren die verschiedenen Abteilungen der Staatssicherheit sonst nur in besonders bedeutsamen Diensteinheiten des Ministeriums des Innern präsent.[18]

Die Beschäftigten sollten dem SED-Regime treu ergeben sein sowie möglichst keine "Westverwandtschaft" besitzen.[19] Weil die Praxis oft eine andere war, führte die zuständige Hauptabteilung VII in den achtziger Jahren etwa 25 Überwachungsmaßnahmen (in Form einer Operativen Personenkontrolle/OPK) jährlich überwiegend gegen die Mitarbeiter Röntgentals durch.[20] Und 1977 liefen gegen die seinerzeit 72 Mitarbeiter Barbys immerhin sieben OPKs.[21] So wurde beispielsweise ein Vernehmer der Kriminalpolizei ab 1987 in OPK bearbeitet, weil er trotz eines Gehalts von 1.700 Mark wegen Unterhaltszahlungen in finanziellen Schwierigkeiten steckte und deswegen als erpressbar galt. Es wurden dann sieben Inoffizielle Mitarbeiter (IM) auf ihn angesetzt, Zweitschlüssel von Dienstzimmer und Wohnung gefertigt sowie sein Telefon abgehört - letztlich ergebnislos.[22] Dagegen wurde selbst ein Kraftfahrer Röntgentals entlassen, da er in "negativen Kreisen" verkehrte.[23] Und die Staatssicherheit überprüfte selbst zeitweilig eingesetzte Handwerker[24] sowie sämtliche 700 Einwohner der Gemeinde Röntgentals.[25]


Fußnoten

1.
Vgl. Helge Heidemeyer, Flucht und Zuwanderung aus der SBZ/DDR 1945/1949-1961. Die Flüchtlingspolitik der Bundesrepublik Deutschland bis zum Bau der Berliner Mauer, Düsseldorf 1994, S. 45.
2.
Vgl. Andrea Schmelz, Migration und Politik im geteilten Deutschland während des Kalten Krieges. Die West-Ost-Migration in die DDR in den 1950er und 1960er Jahren, Opladen 2002, S. 45-48. Einen extremen Sonderfall stellen rund 600 Fälle von Entführung durch die Staatssicherheit dar. Vgl. Karl-Wilhelm Fricke, Entführungsaktionen der DDR-Staatssicherheit und die Folgen für die Betroffenen, in: Materialien der Enquete-Kommission "Überwindung der Folgen der SED-Diktatur", Band II/1, S. 1169-1208; Susanne Muhle, Auftrag: Menschenraub. Das MfS und seine inoffiziellen Mitarbeiter im „speziellen Westeinsatz“; http://www.stiftung-aufarbeitung.de/uploads/pdf/muhle.pdf [1.10.2012].
3.
Vgl. Schmelz (Anm. 2), Bernd Stöver, Zuflucht DDR. Spione und andere Übersiedler, München 2009; Ulrich Stoll, Einmal Freiheit und zurück. Die Geschichte der DDR-Rückkehrer, Berlin 2009; Kim Christian Priemel (Hg.), Transit/Transfer. Politik und Praxis der Einwanderung in die DDR 1945-1990, Berlin 2011.
4.
Vgl. Schmelz (Anm. 2), S. 188-190, 225.
5.
Vgl. Stöver (Anm. 4), S. 83.
6.
Vgl. Schmelz (Anm. 2), S. 207.
7.
Vgl. Stöver (Anm. 4), S. 85, 214.
8.
Vgl. Instruktion des Ministeriums für Staatssicherheit vom 15.11.1965; BStU, MfS-Bdl/Dok. 3349.
9.
Vgl. Gerhard Neumeier, "Rückkehrer" in die DDR. Das Beispiel des Bezirks Suhl 1961 bis 1972, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte Nr. 1/2010, S. 69-91.
10.
Vgl. Befehl 65/72 des Ministerium des Innern vom 9.6.1972; BStU, MfS-BdL/Dok. 010615.
11.
Vgl. Stöver (Anm. 4), S. 85; Stellungnahme der Abteilung 3 der Hauptabteilung VII vom 19.4.1978; BStU, MfS HA VII 519, Bl. 10-15.
12.
Vgl. Dienstanweisung 1/79 des Ministers für Staatssicherheit vom 9.3.1979; BStU, MfS-BdL/Dok. 6818. S.a. Ordnung 134/86 des Ministers des Innern über das Zentrale Aufnahmeheim vom 9.4.1986; BStU, MfS-BdL/Dok 11773.
13.
Vgl. Dienstanweisung 1/79 des Ministers für Staatssicherheit vom 9.3.1979; BStU, MfS-BdL/Dok. 6818. S.a. Ordnung 134/86 des Ministers des Innern über das Zentrale Aufnahmeheim vom 9.4.1986; BStU, MfS-BdL/Dok 11773.
14.
Vgl. Arbeitsergebnisse der Aufnahmeheime 1.1969-30.6.1970; BStU, MfS ZKG 17098, Bl. 19-22; Übersicht über die bestehenden Aufnahmeheime; BStU, MfS ZKG 17098, Bl. 23-24; Schreiben des Leiters der Hauptabteilung VII vom 3.5.1971; BStU, MfS ZKG 17098, Bl. 7-8. Die Zwischensumme der Mitarbeiter in den Aufnahmeheimen der Bezirke (Spalte 5) wird im Originaldokument mit 83 angegeben.
15.
Vgl. ausführlich hierzu mit weiteren Nachweisen Tobias Wunschik, Migrationspolitische Hyperthophien: Aufnahme und Überwachung von zuwanderern aus der Bundesrepublik Deutschland in der DDR, in: Jochen Oltmer (Hrsg.), Migration, Staat und Politik (IMIS-Beiträge Nr. 32/2007), S. 33-60.
16.
Vgl. Sicherungskonzeption der Hauptabteilung VII/3 für das Zentrale Aufnahmeheim vom 31.1.1983; BStU, MfS HA VII Bdl. 455.
17.
18 Inoffizielle Mitarbeiter für Sicherheit (IMS), 5 Gesellschaftliche Mitarbeiter für Sicherheit (GMS), 1 hauptamtlicher Inoffizieller Mitarbeiter (HIM), 1 Experten-IM (IME) sowie 1 Offizier in besonderem Einsatz (OibE). Vgl. Abteilung 3 der Hauptabteilung VII: Einschätzung des Standes der Vorbeugung vom 19.3.1987; BStU, MfS HA VII/AKG PK 1/2.2., Bd. 7, Bl. 77-113.
18.
Vgl. Tobias Wunschik, Hauptabteilung VII: Ministerium des Innern, Deutsche Volkspolizei (Anatomie der Staatssicherheit. Geschichte, Struktur, Methoden. MfS-Handbuch), BStU, Berlin 2009.
19.
Vgl. Ordnung 134/86 des Ministers des Inneren über das Zentrale Aufnahmeheim vom 9.4.1986; BStU, MfS-BdL/Dok 011773, Bl. 5.
20.
Hauptabteilung VII/3 vom 11.1.1986, 15 S. und 1 Anlage; BStU, MfS HA VII Bdl. 782.
21.
Vgl. Jens Müller, Übersiedler von West nach Ost in den Aufnahmeheimen der DDR am Beispiel Barbys, Naumburg 2000, S. 85.
22.
Vgl. BStU, MfS AOPK 183/89.
23.
Vgl. [Abschlußbericht der OPK; Deckblatt fehlend] o.D. [1982/83]; BStU, MfS HA VII 4470, Bl. 32-36.
24.
Vgl. Ordnung 134/86 des Ministers des Inneren über das Zentrale Aufnahmeheim vom 9.4.1986; BStU, MfS-BdL/Dok 011773, Bl. 6.
25.
Vgl. Stoll (Anm. 5), S. 18.
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Autor: Tobias Wunschik für bpb.de
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