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Die Akteure der Herrschaft im Industriebetrieb der DDR


2.3.2012
Nicht "die Partei" hat in der DDR die Herrschaft ausgeübt, es waren Menschen. Nicht "die Leitung" hat die Leistungssteigerung organisiert und die Normen festgelegt, es waren die leitenden Angestellten in den Industriebetrieben in der DDR, die eine Planerfüllung durchsetzten.

Einleitung





Die Akteure der Herrschaft im Industriebetrieb der DDR – diese Überschrift wird Befremden hervorrufen: bei Wirtschaftshistorikern, weil sie den Betrieb längst zum herrschaftsfreien Raum erklärt haben, bei Zeithistorikern, weil sie die Diktatur der DDR zwar als politisch durchherrscht begreifen, nicht aber als Ungleichheitsstruktur asymmetrischer Zugänge zu Macht und Herrschaft in allen gesellschaftlichen Bereichen. Große Empörung wird diese Überschrift bei den ehemaligen Betriebs- und Kombinatsleitern auslösen, die sich als Sachwalter ökonomischer Prozesse sehen und sich vor allem daran erinnern, unter der Knute des SED-Politbüros gelitten zu haben.

In diesem Beitrag wird demgegenüber davon ausgegangen, dass weder der Industriebetrieb im Osten noch der im Westen als "herrschaftsfreier Raum" begriffen werden kann. Hier wie dort ist er Teil der ihn umgebenden Verhältnisse und wird von deren Charakter geprägt, ohne seine Besonderheit als Produktionsstätte zu verlieren. Vorausgesetzt ist ebenfalls, dass auch im Volkseigenen Betrieb (VEB) die Entscheidungs- und Definitionsmacht über die technische und soziale Organisation ungleich verteilt waren und dass eine innerbetriebliche Herrschaftsstruktur als Befehls- und Gehorsamsverhältnis dieses Ungleichheitsverhältnis reproduzierte. Und drittens beruht der vorliegende Aufsatz auf der Annahme, dass sich die Verhältnisse, auch die im Betrieb, nur auf der Akteursebene hinreichend beschreiben lassen. Nicht "die Partei" hat in der DDR die Herrschaft ausgeübt, es waren Menschen. Nicht "die Leitung" hat die Leistungssteigerung organisiert und die Normen festgelegt, es waren die leitenden Angestellten der verschiedensten Hierarchieebenen, die eine Planerfüllung durchsetzten. Das ist der Grund, warum hier die Aufmerksamkeit auf die Akteure der Macht, auf die Subjekte von Herrschaft, auf die Gruppe der leitenden Angestellten im Industriebetrieb der DDR gerichtet wird.[1]

Was hat die Herrschaft im DDR-Betrieb
mit den Angestellten zu tun?




Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts nahm die Anzahl jener Beschäftigten, die außerhalb der unmittelbaren Produktion tätig waren, rasant zu. Ihr Charakteristikum wurde die Büroarbeit. Die Arbeit der Angestellten war weniger von der Muskelkraft und körperlichen Stärke, dafür mehr von geistiger Anstrengung bestimmt. Sie bezogen keinen Leistungslohn, sondern ein festes Gehalt. Zur Metapher für den Angestellten wurden der weiße Kragen und der weiße Kittel, die ihn von einem ölverschmierten "Blaumann" sichtbar unterschieden. Mit den Angestellten verband sich jedoch nicht nur eine veränderte Zusammensetzung der Arbeit und ihrer "geistigen" Anteile, ein Teil von ihnen wurde vom Eigentümer zur Übernahme leitender Funktionen im Unternehmen bestellt. Dieser "Leitungsfunktionär" stieg entweder direkt aus der Angestelltenschaft des Betriebes in die Führung des Unternehmens auf oder hatte sich außerhalb des Betriebes qualifiziert und konnte mit dessen Leitung und Kontrolle betraut werden. Ein Teil dieser Angestellten in leitenden betrieblichen Positionen übt seither direkt Unternehmerfunktionen aus.[2]

Die geschilderte Entwicklung vollzog sich im Grunde nicht anders in der DDR. Trotz aller statistischen Tricks, den Anteil der Angestellten gering zu halten, um so die "führende Rolle" der Arbeiterklasse wenigstens quantitativ beweisen zu können, stieg deren Anteil in der Industrie durchaus vergleichbar mit dem in westlichen Industrieländern. Hier wie da machte die Gruppe der Gehaltsempfänger in den 1970er-/80er-Jahren durchschnittlich die Hälfte der Beschäftigten aus. Und in West wie Ost bestand das betriebliche Leitungspersonal aus Angestellten, deren Doppelfunktion auch im VEB darin bestand, für den reibungslosen Verlauf der Produktion zu sorgen und die Beschäftigten zu immer höherer Leistung anzutreiben. Diese Gruppe von Funktionären und Leitern hatte in der DDR einen ganz spezifischen Charakter – als "herrschende Funktionselite". Im Folgenden wird beschrieben, wie sie im Zuge der "Modernisierung von Herrschaft" ihr unverwechselbares Aussehen bekam, welcher Leitertypus sich als besonders geeignet für das zentralistische Wirtschaftssystem der DDR erwies und in welchem Verhältnis diese herrschenden Funktionäre zur "ohnmächtigen Funktionselite" – das ist die technische und betriebswirtschaftliche Intelligenz ohne Leitungsfunktionen – ihres Betriebes standen. Am Ende wird danach gefragt, ob die leitenden Industrieangestellten ein eigenes Milieu ausgebildet hatten und wie demgegenüber das der qualifizierten Angestellten, die keine Leitungsfunktion innehatten, beschrieben werden kann.

Die Ausgangslage nach 1945:
Alte Intelligenz und neue Machthaber




Sieht man davon ab, dass in der Sowjetischen Besatzungszone der besondere Status des Beamten bereits 1945 abgeschafft worden war, glich die Angestelltenhierarchie in ihrem Aufbau der traditionell überkommenen Differenzierung. Zur oberen Leitungshierarchie eines DDR-Industriebetriebes gehörten der Werkdirektor, der technische Direktor, der kaufmännische Direktor, der Produktions- und ökonomische Direktor sowie der Hauptbuchhalter. Die unterste Angestelltenhierarchie bildete das technische und Verwaltungspersonal ohne Leitungsfunktion und ohne Hoch- und Fachschulabschluss. In der mittleren Hierarchieebene befanden sich die qualifizierten, meist mit einem Fach- oder Hochschulabschluss ausgestatteten, technischen und ökonomischen Angestellten mit und ohne Leitungsfunktionen.[3]

Aus unterschiedlichsten Gründen waren die Angestellten für die DDR-Partei- und Staatsführung von Anbeginn eine "Problemgruppe".
Plakat des FDGB wirbt für Fachschulungen für Angestellte, Dezember 1948.Plakat des FDGB wirbt für Fachschulungen für Angestellte, Dezember 1948. (© Bundesarchiv, Plak 100-023-041, Grafik: Kotter)
Die neuen Führer standen in der Tradition der Arbeiterbewegung, mit der sie das Misstrauen gegenüber den Angestellten und eine besondere Hochschätzung der Arbeiter verband.[4] Zur alten kam eine neue Ideologie, mit der den Angestellten der eigene Stellenwert im Betrieb streitig gemacht wurde. Die Beschäftigten in der DDR hießen "Arbeiter und Angestellte" oder "Werktätige", das waren in den 1980er-Jahren rund 90 Prozent der arbeitenden Bevölkerung. Damit wurde einerseits die spezifische Situation der Industrieangestellten ignoriert und andererseits die Tatsache verschleiert, dass ein Teil der Angestellten in der DDR als betriebliche Leiter zu Funktionären des neuen Wirtschaftssystems geworden waren.

In der SBZ und frühen DDR, als der überwiegende Teil der Betriebsleitungen aus Ingenieuren, Technikern und Betriebswirten aus Zeiten vor 1945 bestand, gab es noch keinen zwingenden Grund, die sozialen und Klassendifferenzierungen innerhalb der Angestellten zu leugnen. Sie galten als Ausdruck und "Überbleibsel" der überkommenen kapitalistischen Verhältnisse.[5] Die Schwierigkeit im Umgang mit den Fachkräften bestand vielmehr darin, sie trotz ihrer bürgerlichen Herkünfte und Denkweisen für die neue Gesellschaft zu gewinnen. Für die Partei begann ein komplizierter Prozess der Disziplinierung einerseits und der Privilegierung der alten technischen und ökonomischen Intelligenz andererseits. Es war ein permanenter Balanceakt zwischen Hofierung ihrer benötigten Kompetenzen und politischer Unterdrückung. Seit 1949 beschloss das SED-Politbüro mehrmals den Aufbau von Zusatzversorgungssystemen für Angehörige der Intelligenz. 1951 wurden die "Intelligenzrente" eingeführt und Einzelverträge abgeschlossen, was teilweise auch die Kinder privilegierte. Die Versorgung mit Wohnraum und in den ersten Jahren noch mit Nahrungsmitteln und Konsumgütern schufen bessere Arbeits- und Lebensbedingungen und sollten die qualifizierten Führungskräfte an ihre Funktion innerhalb der Planwirtschaft binden.[6] Bis in die 1960er-Jahre jedoch hielten die Klagen darüber an, dass sich die technischen und kaufmännischen leitenden Angestellten nicht oder nur widerstrebend der offiziellen Politik, namentlich den Vorgaben der Staatlichen Plankommission unterordnen und dass sie nicht mit den örtlichen Beauftragten der SED zusammenarbeiten würden.

Die Kontrolle ihrer Tätigkeit übernahmen Funktionäre der Partei, die auf allen Ebenen der Wirtschaft, auch in den Betrieben, die zentrale Order durchzusetzen hatten. Aus Sicht der alten, aber auch der inzwischen aus den Hochschulen kommenden neuen Intelligenz waren die von der SED in den Betrieben und Ministerien eingesetzten Funktionäre allerdings keine Partner. Ihre Qualifikation war mangelhaft, sie waren fachlich dem akademisch gebildeten Personal nicht gewachsen. Kontrolleure der "ZK-Brigaden" verschlechterten die Stimmung zwischen der Partei und den Werkleitungen erheblich.[7]



Fußnoten

1.
Vgl. Renate Hürtgen, Angestellt im VEB. Loyalitäten, Machtressourcen und soziale Lagen der Industrieangestellten in der DDR, Münster 2009, S. 21–31. Die Themen und Argumentationen im vorliegenden Beitrag entsprechen verschiedenen Kapiteln des Buches und sind dort ausführlich belegt.
2.
Vgl. zur Geschichte der Angestellten und der Angestelltenforschung: ebd., S. 7–37.
3.
Vgl. Estrid Binder, Das Verhältnis zur Arbeit bei nichtleitenden Angestellten im sozialistischen Industriebetrieb, [unveröff.] Diss. A Halle-Wittenberg 1985.
4.
Die Episode der Gründung einer Angestelltengewerkschaft (1946–1949), die rasch mit einer kampagneartigen Diffamierung der Angestellten beendet wurde und der Aufbau einer Einheitsgewerkschaft, die nach dem Prinzip "eine Branche – eine Gewerkschaft" funktionierte, macht diese Zugehörigkeit deutlich. Vgl. Hürtgen (Anm. 1), S.47-53.
5.
Vgl. Georg Wagner-Kyora, Loyalität auf Zeit – zur Identität der Management-Elite in der Industrie der DDR in den fünfziger Jahren, in: Peter Hübner (Hg.), Eliten im Sozialismus. Beiträge zur Sozialgeschichte der DDR, Köln u.a. 1999, S. 299–308.
6.
Vgl. Dierk Hoffmann, Sicherung bei Alter, Invalidität und für Hinterbliebene, Sonderversorgungssysteme, in: Geschichte der Sozialpolitik in Deutschland seit 1945, Hg. Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung/Bundesarchiv, Bd. 8, Baden-Baden 2006, S. 329–375.
7.
Hürtgen (Anm. 1), S. 107.

 
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