Beleuchteter Reichstag

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3.5.2012 | Von:
Christian Becker

Marginalisierung der Sportgeschichte?

Eine Disziplin zwischen Entakademisierung und wachsender öffentlicher Wertschätzung

Die Geschichte des Sports genießt seit einigen Jahren ein wachsendes öffentliches Interesse. Zugleich aber werden die Ausgaben für die akademische Erforschung der Sportgeschichte seit Jahren gekürzt, werden Institutionen zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Sportgeschichte geschlossen. Einblicke in ein Paradoxon.



In den kommenden Wochen werden wir auf vielen Wegen und in zahlreichen Medien mit allen unverzichtbaren und lässlichen Details zu den Olympischen Sommerspielen in London versorgt werden. Gewiss werden wir dabei auch – wenn vielleicht auch nur auf Arte – erfahren, dass bereits 1908 und 1948 Olympische Sommerspiele in der englischen Hauptstadt ausgetragen wurden. In diesem Zusammenhang wird uns vermutlich erklärt werden, warum 1908 die Spiele insgesamt 193 Tage dauerten und die Marathondistanz seitdem exakt 42,195 km beträgt. Auch die Tatsache, dass 1948 bei den ersten Sommerspielen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zwar keine deutschen Sportlerinnen und Sportler zugelassen, sehr wohl aber deutsche Sportfunktionäre anwesend waren, dürfte uns näher gebracht werden – eventuell sogar von Menschen, die per Insert als Sporthistorikerin oder Sporthistoriker ausgewiesen werden. Es gibt sie also doch noch, diese rare und flüchtige Spezies von Experten, die sich professionell oder zumindest semi-professionell mit der Entwicklung des Sports und seinen kulturellen, politischen und sozialen Voraussetzungen wie Implikationen im historischen Kontext befasst.

Allein, dass dies an dieser Stelle derart betont werden muss, weist auf Entwicklungen hin, welche noch vor 20 Jahren kaum denkbar schienen: Noch zu Beginn der 1990er-Jahre beklagte zwar die Zunft der Sporthistorikerinnen und -historiker beinahe rituell die defizitäre Wahrnehmung sowie Anerkennung durch die Allgemeingeschichte und litt unter mangelnder öffentlicher Aufmerksamkeit, sie war jedoch universitär vergleichsweise gut etabliert. Heute werden sporthistorische Fragen und Themen dagegen publizistisch und museal in einem weitaus stärkeren Maße aufgegriffen, doch aus den universitären Stellenplänen und Curricula ist die Sportgeschichte mittlerweile beinahe gänzlich eliminiert worden. Und so bewegt sich das Fach momentan im Paradoxon von Entakademisierung und wachsendem öffentlichen Interesse.

Die Entakademisierung der Sportgeschichte

Die Geschichte von Körperkultur und Sport zählte traditionell zu den zentralen Inhalten der Turn- und dann später auch der Sportlehrerausbildung, die zunächst noch im außeruniversitären Raum stattfand.[1] Nach 1945 etablierte sich zuerst an den ostdeutschen Hochschulen, ab den späten 1960er- und frühen 1970er-Jahren dann auch an den Instituten für Sportwissenschaft der westdeutschen Universitäten die Sportgeschichte als eigenständige Disziplin innerhalb der Sportwissenschaften, wenn auch stets mit einer geringeren Wertschätzung als die eher anwendungsorientierten naturwissenschaftlichen Disziplinen Trainings- und Bewegungswissenschaft sowie Sportmedizin und als die Sportpädagogik, der verständlicherweise in der Sportlehrerausbildung ein zentraler Raum gebührt. Dennoch lassen sich die 1970er- und 80er-Jahre als die "goldenen" Jahre der akademischen Disziplin Sportgeschichte zumindest in der Bundesrepublik bezeichnen, in der sie an zahlreichen Universitätsstandorten vertreten und in den Lehrplänen gut verankert war, die Lehrstuhlinhaberinnen und -inhaber bemerkenswerte Forschungsleistungen und Publikationen präsentierten und in den internationalen Fachgremien an führender Stelle tätig waren.[2] Die Disziplin Sportgeschichte profitierte in Westdeutschland dabei auch von der Pluralisierung der Studienabschlüsse mit Diplom, Staatsexamen und vor allem Magister, die nun auch Kombinationen wie Geschichts- und Sportwissenschaft möglich machte und somit vermehrt Impulse von der Allgemeingeschichte bekam und aufnahm.

In diese Zeit fallen auch die Gründung einer eigenen wissenschaftlichen Vertretung, der Sektion Sportgeschichte innerhalb der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft (dvs, 1981), die seitdem jährlich Tagungen veranstaltet, und die erstmalige Herausgabe von Fachzeitschriften: "Stadion" (seit 1975) und der "Sozial- und Zeitgeschichte des Sports" (seit 1987), heute "SportZeiten".

Etwaige Hoffnungen, mit der Wiedervereinigung Deutschlands würde die Sportgeschichte als akademische Disziplin ihren Stellenwert sogar noch ausbauen können, weil sie für die wissenschaftshistorische und allgemeine "Aufarbeitung" des Sports in den beiden Teilen Deutschlands benötigt werden würde, wurden schnell enttäuscht. Zwar war Sportgeschichte an allen Instituten für Körpererziehung der Universitäten der DDR und natürlich auch an der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) in Leipzig breit gelehrt worden, besaßen einzelne ihrer ostdeutschen Vertreter auch in der Bundesrepublik und international einen guten Ruf, doch war sie vielfach als
Turn- und Sportfest Leipzig 1977"Die 1500 Mitglieder des Übungsverbandes der ASV [Armeesportverein] 'Vorwärts' gestalteten das Abschlußbild ihrer Vorführungen zur Sportschau im Leipziger Zentralstadion unter der Losung 'Stärkt unsere DDR'." (Originaltext ADN), 30. Juli 1977. (© Bundesarchiv, Bild 183-S0730-104; Foto: Peter Koard)
"Legitimationswissenschaft" missbraucht worden und galt aufgrund ihrer ideologischen Ausrichtung auf den Marxismus-Leninismus nun als derart belastet, dass auch aus diesen Gründen entsprechende Lehrstühle "abgewickelt" bzw. nicht wieder mit Sporthistorikern besetzt wurden.

Auch in Westdeutschland wurden seit den 1990er-Jahren Professuren und andere akademische Stellen für Sportgeschichte umgewidmet und zumeist der Sportpädagogik zugeschlagen, sodass es heute in der gesamten bundesdeutschen Universitätslandschaft im Zeichen von verkürzten Studienzeiten, Credit-Points, Bachelor und Master keinen Platz mehr für eine sporthistorische Lehre zu geben scheint und nur noch eine Professur explizit für Sportgeschichte (an der Deutschen Sporthochschule in Köln) denominiert ist. Die akademische Lehre und Forschung in der Sportgeschichte werden daher nun in erster Linie quasi nebenbei von Professorinnen und Professoren sowie ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern getragen, die schon qua Stellenbeschreibung primär anderen Disziplinen wie der Sportpädagogik verpflichtet sind. Dass dies bei allem Engagement und auch persönlichen Interessen nicht ohne Auswirkungen auf den Umfang und auf die Qualität von Lehre und Forschung in der Sportgeschichte bleiben kann, dass sich auf diese Weise keine kontinuierlich betreuten Forschungsschwerpunkte und vor allem auch kein akademischer Nachwuchs, geschweige denn etwaige "Schulen" in diesem Bereich bilden können, dürfte selbst Bildungs- und Wissenschaftspolitikern einsichtig sein. Innerhalb der Sportwissenschaften ist die Sportgeschichte zunehmend marginalisiert. Ihr langsames Absterben als wissenschaftliche Disziplin wird billigend in Kauf genommen, ohne dass sich dagegen angesichts der Verteilungskämpfe innerhalb der anderen sportwissenschaftlichen Disziplinen ernsthaft Widerstand regen würde.


Fußnoten

1.
Hierzu und zum Folgenden ausführlich Michael Krüger, Sportwissenschaft und Schulsport: Trends und Orientierungen (1). Sportgeschichte, in: Sportunterricht, 8/2006, S. 227–234, sowie ders./Hans Langenfeld, Sportgeschichte im Rahmen der deutschen Sportwissenschaft, in: dies. (Hg.), Handbuch Sportgeschichte, Schorndorf 2010, S. 12–19.
2.
Vgl. hierzu neben Krüger (Anm. 1) den Überblick von Hans Langenfeld, Sportgeschichtsschreibung nach 1945, in: Michael Krüger/ders. (Anm. 1), S. 29–37.

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