Beleuchteter Reichstag
1 | 2 | 3 Pfeil rechts

"Erfolge unserer Sportler –
Erfolge der DDR"

Das Leipziger Sportmuseum und die museale Präsentation der (Sport-)Nation DDR


3.5.2012
1977 erhielten die leistungssportlichen Erfolge der DDR mit dem Leipziger Sportmuseum eine attraktive Plattform. Das Sportmuseum war jedoch mehr als ein Schaukasten realsozialistischer Erfolge. In den Museumsvitrinen wurden sowohl das Anerkennungsstreben der DDR als auch die deutsch-deutsche Systemkonkurrenz greifbar.



Einleitung



"Wir gegen uns – Sport im geteilten Deutschland". Unter diesem Titel zeigte das Zeitgeschichtliche Forum Leipzig Ende 2009 eine Ausstellung zum deutsch-deutschen Sport zwischen 1945 und 1990. Ziel der Ausstellung war es, "die politische Dimension und die oft ambivalente Rolle des deutschen Sports in Ost und West während des Kalten Krieges transparent zu machen".[1] Eines der ausgestellten Objekte, ein Modell des Leipziger Sportforums, trug an einem der Gebäude die Beschriftung "Sportmuseum Leipzig". Es verwies darauf, dass es zwischen 1977 und 1991 in Leipzig bereits nicht nur eine Ausstellung, sondern ein ganzes Sportmuseum gegeben hatte, in dem deutsche Sportgeschichte noch unter einer ganz anderen Zielstellung präsentiert worden war. Als eine "Stätte sozialistischer Bildung und Erziehung", so der 1. Sekretär der Leipziger SED-Bezirksleitung, Horst Schumann, zur Eröffnung,[2] hatte das Sportmuseum Leipzig einen Beitrag leisten sollen, um die DDR als "sozialistische Nation" zu legitimieren.[3] Beide Male war der Sport also Gegenstand musealer Präsentation und Interpretation, jedoch unter völlig verschiedenen Prämissen und Zielsetzungen.

Museen und Ausstellungen sind zweifellos in jedem Gesellschaftssystem Spiegel und Speicher der Geschichts- und Weltsicht ihrer Zeit. Wie präsentierte sich also die "Sportnation" DDR im Leipziger Sportmuseum? Folgte die museale Präsentation strikt politischen Leitlinien und konnte sie tatsächlich einen Beitrag dazu leisten, ein DDR-spezifisches Nationalgefühl in der Bevölkerung zu verbreiten?

Sport- und Museumsnation DDR?



Von Beginn an kämpfte die DDR um ihre internationale Anerkennung als eigenständiger deutscher Staat. Seit Anfang der 1970er-Jahren definierte sich der SED-Staat schließlich in Abgrenzung zur Bundesrepublik als "sozialistische Nation". Dieses theoretische Konstrukt sollte auf verschiedensten Wegen bei den Ostdeutschen in ein DDR-spezifisches, nationales Wir-Gefühl transformiert werden. Zwei Felder versuchte die SED-Führung in besonderem Maß für diesen Zweck zu instrumentalisieren: den Sport und historische Museen.

Vor allem der Spitzensport war, so das häufig bemühte Zitat Erich Honeckers, in der DDR nicht Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck.[4] Er sollte einerseits aller Welt die Leistungsfähigkeit des ostdeutschen Teilstaates deutlich machen und andererseits im eigenen Land Nationalstolz auf die errungenen Siege hervorrufen. Historische Museen, bereits seit einiger Zeit von Nationalismusforschung und Geschichtswissenschaft als Einrichtungen von "zutiefst politischer Natur" und als Orte des Ideologietransfers erkannt[5], sollten auch im SED-Staat durch die Präsentation und Verbreitung eines nationalen Geschichtsbildes ein DDR-Nationalgefühl stärken: Sie trugen im Idealfall, so das Kulturpolitische Wörterbuch der DDR, "durch die Darstellung der Geschichte des deutschen Volkes auf marxistisch-leninistischer Grundlage dazu bei, den Stolz auf die Errungenschaften der DDR und ein sozialistisches Geschichts- und Staatsbewusstsein zu entwickeln."[6] Interessanterweise standen sowohl der Spitzensport als auch die Museen in der DDR Anfang der 1970er-Jahre nicht nur im Fokus der Staatsideologen; sie befanden sich auch auf dem Höhepunkt ihrer gesellschaftlichen Akzeptanz und Popularität. Viele Ostdeutsche freuten sich über die Erfolge der DDR-Athleten bei internationalen Wettbewerben in den 1970er-Jahren (erstmals war bei den Olympischen Sommerspielen in Mexico-City 1968 die Bundesrepublik in der "Nationenwertung" überholt und acht Jahre später in Montreal auch die USA überflügelt worden).[7] Mit 21,2 Millionen Besuchern allein im Jahr 1971 erfreuten sich Museen aller Gattungen in der DDR wachsender Beliebtheit.[8]

Eröffnung Sportmuseum LeipzigDer Direktor des Stadtgeschichtlichen Museums Leipzig, Lothar Wenzel, bei der Führung von Ehrengästen, darunter DTSB-Chef Manfred Ewald (r.) und der 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Leipzig, Horst Schumann (M.), durch das Sportmuseum Leipzig bei dessen Eröffnung. (© Heinz Krabbes)
Das 1977 eröffnete Leipziger Sportmuseum vereinte somit zwei beliebte und für die Präsentation der DDR als eigenständige "sozialistische Nation" zentrale Felder.


Fußnoten

1.
Hans Walter Hütter, Vorwort, in: Wir gegen uns. Sport im geteilten Deutschland, Hg. Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Darmstadt 2009, S. 7.
2.
Zit.: Lothar Wenzel, Ein Sportmuseum in Leipzig, in: Informationen für die Museen der DDR 8 (1977) 4, S. 28.
3.
Feinkonzeption für die inhaltliche Gestaltung des Sportmuseums, Stadtarchiv Leipzig, MStGe 43, Bl. 5. – Zur Selbstdefinition der DDR als sozialistische Nation vgl. u.a.: Ulrich Mählert, Kleine Geschichte der DDR, München 2009, S. 124f, u. als "Sportnation": Jutta Braun, "Jedermann an jedem Ort – einmal in der Woche Sport". Triumph und Trugbild des DDR-Sports, in: Thomas Großbölting (Hg.), Friedensstaat, Leseland, Sportnation? DDR-Legenden auf dem Prüfstand, Berlin 2009, S. 177–195.
4.
Erich Honecker, Ansprache anlässlich des Deutschen Sportausschusses, 1.10.1948, BArch DY IV 2/18/3.
5.
Benedict Anderson, Die Erfindung der Nation – Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts, Frankfurt a.M. 2005, S. 154. – Zur Rolle historischer Museen und Ausstellungen als Träger und Vermittler nationaler Identität vgl. u.a.: Günther Mittler, Neue Museen – Neue Geschichte?, in: APuZ, 49|2007, S. 13–20.
6.
Manfred Berger (Hg.), Kulturpolitisches Wörterbuch, Berlin (O.) 1978, S. 501.
7.
Thomas Fetzer, Die gesellschaftliche Akzeptanz des Leistungssports, in: Hans Joachim Teichler, (Hg.), Sport in der DDR – Eigensinn, Konflikte, Trends, Köln 2003, S. 293.
8.
Besucherzahlen nach: Dieter Heinze, Die Hauptaufgaben der Museen in den Jahren 1974/75, in: Neue Museumskunde 16 (1974) 3, S. 165.

counter
 
Die Baltische Menschenkette am 23. August 1989 in TallinnTagung

Deutschlandforschertagung 2016: Wendekinder, Kriegskinder.

Die Umbrüche der 1990er Jahre zeitigten für die Generation, die als Kinder den Zerfall der sowjetisch dominierten Gesellschaften erlebten, langfristige Folgen. Zu dieser Generation zählen die deutschen "Wendekinder" ebenso wie die Kinder der politischen Umwälzungen in Mittel- und Osteuropa. Wie geht diese Generation mit ihrer Geschichte, ihrer Gegenwart und ihrer Zukunft in Europa um? Weiter... 

Publikationen zum Thema

Schriftenreihe Bd. 1664 "Deutschland Archiv 2015": Cover

Deutschland Archiv 2015

Der Band enthält eine Auswahl der wichtigsten Artikel, die im Jahr 2015 erschienen sind.

Schriftenreihe Bd. 1544 "Deutschland Archiv 2014": Cover

Deutschland Archiv 2014

Der Band enthält eine Auswahl der wichtigsten Artikel, die im Jahr 2014 erschienen sind.

Coverbild Deutschland Archiv 2013

Deutschland Archiv 2013

Der Band enthält eine Auswahl der wichtigsten Artikel, die im Jahr 2013 erschienen sind.

WeiterZurück

Zum Shop

Deutschlandarchiv bei Twitter

Bei der Aufarbeitung der DDR - Vergangenheit sind die Archive der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU) von grundlegender Bedeutung.Dossier

Geschichte und Erinnerung

Wird die DDR-Diktatur verharmlost? Und warum begann die intensive Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit erst so spät? Die Deutung von Geschichte ist oft umstritten - und nicht selten ein Politikum. Weiter... 

Brandenburger TorDossier

Deutsche Teilung - Deutsche Einheit

13. August 1961: In den frühen Morgenstunden beginnt der Bau der Mauer. Die Teilung bekommt eine konkrete Gestalt. Mehr als 20 Jahre nach dem Mauerfall ist Deutschland in vielem noch immer ein Land mit zwei Gesellschaften. Weiter... 

www.chronik-der-mauer.de

Chronik der Mauer

Es erwarten Sie ein Fülle von herausragenden und multimedial aufbereiteten Informationen zum Thema. Weiter... 

zum Fragebogen >

Ihre Meinung ist uns wichtig


Vielen Dank für Ihren Besuch von bpb.de!

Wir wollen unseren Internetauftritt verbessern - und zwar mit Ihrer Hilfe. Dazu laden wir Sie herzlich zu einer kurzen Befragung ein. Sie dauert etwa 10 Minuten. Die Befragung führt das unabhängige Marktforschungsinstitut SKOPOS für uns durch.

Bitte unterstützen Sie uns mit Ihrer Teilnahme. Ihre Meinung ist uns sehr wichtig!

Ihre Bundeszentrale für politische Bildung

Information zum Datenschutz und zur Datensicherheit


Als unabhängiges Marktforschungsinstitut führt SKOPOS Institut für Markt- und Kommunikationsforschung GmbH & Co. KG im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung diese Befragung durch.

Zur Durchführung der Befragung erhebt SKOPOS Ihre IP-Adresse. Diese wird umgehend anonymisiert und getrennt von den Befragungsdaten verarbeitet, deshalb ist eine Identifizierung von Personen nicht möglich. Weitere personenbeziehbare oder personenbezogene Daten werden nicht erhoben.

Die Befragung entspricht den gesetzlichen Bestimmungen zum Datenschutz und den Richtlinien des Berufsverbandes Deutscher Markt- und Sozialforscher e.V. sowie der Europäischen Gesellschaft für Meinungs- und Marketingforschung. Es erfolgt keine Weitergabe an Dritte.

Weitere Informationen und Kontaktdaten finden Sie hier.