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Marginalien?

Drei Blicke auf den westdeutschen linken Buchhandel (VLB)
und die DDR in den 1970er-Jahren


20.9.2012
Sind die Beziehungen des linken Buchhandels in der Bundesrepublik zur DDR als Marginalie zu werten? Diese Frage wird beantwortet mit Blicken auf Umsatzzahlen und literarische Programme sowie abschließend anhand eines Perspektivenwechsels auf die linke Opposition in der DDR.

Trotz der Gründung beider deutscher Staaten, trotz des Kalten Krieges in seinen mal mehr, mal weniger heißen Phasen und trotz des kaum überwindbaren Eisernen Vorhangs verbanden beide Blöcke über den gesamten Zeitraum der Systemauseinandersetzung hinweg auch integrative Austausch- und Wechselbeziehungen miteinander. Christoph Kleßmann hatte diese in Bezug auf die DDR und die BRD bereits vor 30 Jahren auf den Begriff der "asymmetrisch verflochtenen Parallelgeschichten" gebracht. Diese Verflechtungen können auch als "Löcher in der Mauer" betrachtet werden.

Im vorliegenden Beitrag werden diese Löcher, ausgehend vom linken Buchhandel für die 1970er-Jahre, zunächst von der westdeutschen Seite betrachtet. Anders als es vielleicht zu vermuten ist, gab es auch hier feste Verbindungen. Einer einführenden Skizze des linken Buchhandels Westdeutschlands für die 1970er-Jahre folgt in einem Dreischritt der Versuch, sich der im Titel gestellten Frage differenziert anzunähern. Der Perspektivwechsel am Ende ergibt eine zusätzliche Überlegung zum wechselvollen Verhältnis zwischen den politischen Linken Ost und den politischen Linken West seit 1967/68.

Linker Buchhandel – der VLB



Beim linken Buchhandel der 1970er-Jahre handelte es sich um ein politisch-literarisches Feld von etwa 150 – 200 Verlagen, Vertrieben, Buchläden und Druckereien, von Projekten, die fest im linksalternativen Milieu[1] der Bundesrepublik und West-Berlin angesiedelt und mit gegeninstitutionellen oder fundamental-oppositionellen politischen Gruppen in dem gemeinsamen Bemühen verbunden waren, Gegenöffentlichkeit zu praktizieren und gesellschaftliche Veränderungen voranzutreiben. In ihrer alltäglichen Praxis versuchten sie auf alternativen Inseln inmitten des kapitalistischen Meeres selbstverwaltet, kollektiv organisierte Arbeit zu leisten. Zu ihrem großen Teil erwuchsen sie direkt aus den studentisch geprägten antiautoritären Revolten Ende der 1960er-Jahre. Einige ihrer wichtigen Vorläufer bestanden in der Raub- bzw. Nachdruckbewegung[2] der 1960er-Jahre, andere entwickelten sich direkt aus lokalen Gruppen des SDS heraus. Einen starken Schub erhielt der linke Buchhandel zusätzlich durch den Ausschuss der Literaturproduzenten, welche auf den turbulenten Frankfurter Buchmessen 1968ff. allen subversiven und innerhalb des Buchmarktes oppositionellen Strömungen als Plattform und Dach fungierte. Organisiert und repräsentiert wurde der linke Buchhandel Westdeutschlands durch den Verband des linken Buchhandels (VLB).

Der VLB gründete sich im Anschluss an die Frankfurter Buchmesse 1970. Sollte es beim ersten Treffen zunächst nur um konkrete Absprachen und die Koordination zwischen verschiedenen Raubdruckproduzenten gehen, so entwickelte sich in nur wenigen Monaten ein Verband mit eigenem Sekretariat sowie verbindlichen Produktions- und Distributionsrichtlinien für die assoziierten Verlage, Vertriebe und den politischen Buchläden, die zur damaligen Zeit in nahezu jeder westdeutschen Stadt mit Hochschulanbindung wie Pilze aus dem Boden schossen.[3] Die "Isolierung der vielen auf dem Buchhandelssektor arbeitenden linken Gruppen" sollte aufgehoben und "Linksgewinnlern" es in Zukunft unmöglich gemacht werden, "den linken Buchmarkt für ihre privaten Zwecke auszunutzen". Der VLB wollte "eine optimale finanzielle und agitatorische Hilfsfunktion" einnehmen "für die revolutionären Gruppen", die sich in der Ausdifferenzierung der radikalen Linken nach der Entmischung der außerparlamentarischen Opposition (APO) in Westdeutschland Ende der 1960er-Jahre gründeten.[4] Vom Branchenmagazin "Buchmarkt" wurde der Verband als neu gegründetes "Linkskartell" begrüßt. Sein Einfluss dürfe nicht unterschätzt werden.[5] Tatsächlich befanden sich kein Jahr nach seiner Gründung bereits die Adressen von 83 Buchläden, -verlagen, -vertrieben und -druckern auf der Mitgliederliste, darunter je eine aus den Niederlanden, aus Österreich und zwei aus der Schweiz.[6] Nach dem missglückten Versuch, den Zusammenschluss in Richtung eines Verbandes des kommunistischen Buchhandels zu vereinheitlichen, kam es jedoch 1972 zur Spaltung.

Während die Einen danach in großen Teilen zu dem 1973 gegründeten Kommunistischen Bund Westdeutschlands (KBW) übergingen, errichtete die übrig gebliebene Mehrheit unter dem Namen VLB ein strukturell loses Netzwerk, das bis Ende der 1970er-Jahre bundesweit Bestand haben sollte. Auch wenn sich hierin vor allem der buchhändlerischen Selbsthilfe gewidmet wurde, gingen daraus in Abgrenzung zum "bürgerlichen Buchhandel" vielfältige Kooperationen hervor und lebte in ihm der Geist der antiautoritären Revolten fort. Insbesondere im Kampf gegen politische Zensur wurde es zu einer wichtigen Adresse für die westdeutsche radikale Linke. Wichtigste Schaltstelle in der Kommunikation untereinander war die Frankfurter Sozialistische Verlagsauslieferung (SOVA). Jenseits von Staat einerseits und von Terrorismus andererseits repräsentierten ihre Projekte Mitte der 1970er-Jahre ein breites politisches Spektrum, dessen kleinster gemeinsamer Nenner eine antistalinistische Grundhaltung gewesen ist. Zu den bekanntesten Verlagen des VLB zählten: Neue Kritik, VSA, Karin Kramer, Wagenbach, Olle & Wolter, Nautilus, Politladen Erlangen, Trikont, Frauenoffensive, Rotbuch, Merve, Association und nicht zuletzt der Frankfurter Verlag Roter Stern, gegründet durch den früheren SDS-Vorsitzenden Karl Dietrich "KD" Wolff. Ihr Pluralismus schlug sich auch in der Sortimentgestaltung der assoziierten Buchläden wieder. Nachdem die unmittelbaren Revolutionshoffnungen verflogen waren, verstanden sie sich Mitte der 1970er-Jahre als parteiunabhängige Literaturdienstleister für die verschiedenen sozialen und politischen Bewegungen. Aus Agitationszentralen hatten sie sich zu fest installierten Kommunikationsorten und Nachrichtenbörsen innerhalb des linksalternativen Milieus Westdeutschlands entwickelt.[7]

Viele der Gründerinnen und Gründer dieser Buchhandelsunternehmen einte neben ihrer vergleichsweise undogmatischen Haltung innerhalb des Spektrums der radikalen Linken, Kinder der BRD zu sein und damit in der Breite auch das Phänomen, dass ihnen Rom vertrauter war als Dresden und ihnen Che Guevaras Guerilla-Zug durch die Wälder Boliviens Ende der 1960er-Jahre näher lag als ein reformkommunistisches Frühlingserwachen in Prag, welches zumindest für den osteuropäischen Raum ein neues Kettenkarussell aus Hoffnung und Enttäuschung in Bewegung setzte. Weder mit der als grau wahrgenommenen Wirklichkeit in der DDR wollten sie etwas anfangen, noch konnten sie als Neue Linke dem sowjetischen Kommunismusmodell etwas abgewinnen. Gerd Koenen meinte in Bezug auf diese, seine Generation, die DDR sei zu "einem weißen Fleck auf der Netzhaut ihres Weltbildes" geworden: "Was wirklich dort vor sich ging, ob in der DDR oder in China, wollten wir möglichst nicht so genau wissen."[8] Das war eine Grundkonstante, die sich bis 1989 zog und noch Jahre darüber hinaus bestehen blieb. Dennoch gab es auch unter ihnen eine starke Minderheit, die sich für die gesellschaftlichen Entwicklungen in der DDR interessierte oder konkrete politische Solidarität mit osteuropäischen oppositionellen Gruppen leistete.
Rudi Dutschke, Steffen Friedrich und Johannes RauRudi Dutschke bei einer Diskussion in Wattenscheid mit dem Kämmerer von Wanne-Eickel, Friedrich Steffen, und dem Wuppertaler Stadtrat Johannes Rau (v.l.), 4. Februar 1968 (© ddp/AP)
Rudi Dutschke, der sich 1968, kurz vor dem Attentat auf ihn, in Prag mit tschechischen Studenten traf, und die Gruppen des im Dezember 1973 gegründeten Sozialistischen Osteuropakomitees (SOK) seien hier stellvertretend genannt. Mit dem SOK war die Absicht verbunden, "sich speziell um die verfolgte Linke in den Staaten des 'real existierenden Sozialismus' zu kümmern – über sie zu informieren, ihnen eine Publikationsmöglichkeit in der BRD anzubieten."[9] Die Frage vor diesem Hintergrund lautet: Sind die Beziehungen des durch den VLB konstituierten linken Buchhandels mit der DDR als eine Marginalie anzusehen?



Fußnoten

1.
Sven Reichard/Detlef Siegfried (Hg.), Das Alternative Milieu. Antibürgerlicher Lebensstil und linke Politik in der Bundesrepublik Deutschland und Europa 1968–1983, Göttingen 2010; Cordia Baumann u.a. (Hg.), Linksalternative Milieus und Neue Soziale Bewegungen. Außerparlamentarischer Protest und mediale Inszenierung in den 1970er Jahren in der Bundesrepublik und Westeuropa, Heidelberg 2011.
2.
Vgl. Albrecht Götz von Olenhusen, Handbuch der Raubdrucke – Bibliographie, Bericht, Dokumente, Freiburg i. Br. 2002.
3.
Zum Wandel dieser Buchläden vgl. Uwe Sonnenberg, Agitation und Aufklärung – Zur Geschichte linker Buchläden seit "1968", in: Marcel Bois/Bernd Hüttner (Hg.), Beiträge zur Geschichte einer pluralen Linken, Bd. 2, Berlin 2010, S. 16–19.
4.
VLB, Presseerklärung, dok.: Verband des linken Buchhandels & Theorie-Arbeitskreis Alternative Ökonomie in der AG SPAK, Selbstverwaltung am Beispiel des linken Buchhandels. Unterlagen für Sommerseminar 21.7.–25.7.1986.
5.
Horst W. Schors, "Linke Kooperation", in: Buchmarkt 8 (1970), S. 38.
6.
Stand: 27.9.1971, in: VLB-Info 7/71, Anhang.
7.
Vgl. Uwe Sonnenberg, Der Verband des linken Buchhandels (VLB) in den 1970er Jahren – Ein Netzwerk innerhalb der Netzwerke, in: Baumann u.a. (Anm. 1), S. 161–188.
8.
Gerd Koenen, Die APO, ihre Erben und die DDR, in: Hans-Joachim Veen u.a. (Hg.), Wechselwirkungen Ost-West. Dissidenz, Opposition und Zivilgesellschaft 1975–1989, Köln u.a. 2007, S. 129–138, hier 129 u. 137. Vg. z.B. die Aussage von Renate Fink, seit den frühen 1970er-Jahren in mehreren VLB-Buchladenkollektiven West-Berlins und Hamburgs engagiert: "Die DDR interessierte uns nie sonderlich, das waren Spießer, die machten es streng und billig, bieder und eng, und die permanente Revolution hat ja nicht stattgefunden", in: Die Zeit, 2.11.1990; vgl. auch Michael Müller, "Angelika Gerlach, wohnhaft in Erfurt". 68 und die DDR, in: Daniel Cohn-Bendit/Rüdiger Dammann (Hg.), 1968. Die Revolte, Frankfurt a. M. 2007, S. 203–221. Zum wechselhaften und problematischen Verhältnis zwischen Ost- und Westlinken grundlegend: Ferenc Fehér/Agnes Heller, Die Linke im Osten – Die Linke im Westen. Ein Beitrag zur Morphologie einer problematischen Beziehung, Köln 1986.
9.
Peter Offenborn, "Socialismus ano – okupace ne!" Aus der Arbeit des Sozialistischen Osteuropakomitees (SOK), in: Horch und Guck, 34 (2001), S. 37–39, hier 37f. Offenborn gehörte 1978 zu den Gründern des Hamburger Buchladens Osterstraße, der auf dem durch den VLB bereiteten Boden auch in den 1980er/90er-Jahren eine aktive Rolle spielen sollte.

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