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20.9.2012 | Von:
Uwe Sonnenberg

Marginalien?

Drei Blicke auf den westdeutschen linken Buchhandel (VLB)
und die DDR in den 1970er-Jahren

Ein erster Blick: Was sagen die Zahlen?

Für eine erste Antwort muss der Blick sofort auf die im Volksmund "Blaue Bände" genannten Marx-Engels-Werke (MEW) fallen. Von diesem Exportschlager der DDR konnten in der Renaissance des Marxismus an den westdeutschen Hochschulen linke Buchhandlungen jährlich mühelos Hunderte Exemplare absetzen. Einer Fieberkurve gleich stiegen die Produktionsziffern der MEW von 1968/69 über Nacht steil nach oben. Die erhöhte Temperatur hielt in diesem Fall ein volles Rotes Jahrzehnt lang an: Von 1968/69 bis 1979 druckte der Dietz Verlag in Ost-Berlin fast ebenso viele Exemplare von "Das Kapital" (305.800) wie in den 21 Jahren zuvor (311.000).[10] Ohne Zweifel wurde die weit überwiegende Mehrzahl davon in der DDR abgesetzt. Der Umfang der Ausfuhr der buchstäblich zur "Tonnenideologie" gewordenen MEW in die Bundesrepublik ist nicht bekannt. Die Nachfrage muss zwischenzeitlich jedoch so hoch gewesen sein, dass "Das Kapital" für einige linke Buchhändler um 1970 im Westen unkalkulierbar lange nicht lieferbar blieb.[11]

In Quellen und Dokumenten zum VLB findet sich für diese Zeit der Versuch einer direkten Kontaktaufnahme zu westdeutschen DDR-Verlagsauslieferungen und -Kommissionären. Das damalige Sekretariat des Verbandes wollte mit ihnen (Brückenverlag, Werbe- und Literatur-Vertriebs GmbH, Röderbergverlag und anderen) über Rabatte und Lieferbedingungen verhandeln. (Die dazu vom Sekretariat erhobenen Daten über den tatsächlichen Umsatz von DDR-Literatur in den VLB-Läden haben sich nicht erhalten. Einer in der Abteilung Verkehr beim Zentralkomitee der SED hinterlegten Notiz ist zu entnehmen, dass er 1972 bei etwa 500.000 DM gelegen habe.[12]) Die Gespräche scheiterten jedoch bereits im Ansatz, was wohl weniger der sich bereits abzeichnenden Spaltung des VLB geschuldet war, sondern vielmehr in der ideologischen Borniertheit der DDR-Offiziellen begründet lag. Denn in dem Maße, wie die westdeutsche Linke sich nach der Entmischung der APO auszudifferenzieren begann, gewannen auch die Vertreter der DDR in ihrer streng marxistisch-leninistisch geprägten Weltanschauung die Erkenntnis, dass es sich bei diesen Buchhändlerinnen und Buchhändlern des VLB um "Ultra-Linke" und somit um eine Art "Kinderkrankheit des Kommunismus" (Lenin) handeln müsse. Auf sie brauchte man weder außenpolitisch zu setzen noch musste man mit ihnen geschäftlich verhandeln. Schließlich gab es ja bereits seit 1969 auch jene von der DKP kontrollierte Arbeitsgemeinschaft sozialistischer und demokratischer Buchhändler und Verleger. Nach Recherchen des bundesrepublikanischen Verfassungsschutzes gehörten ihrem Netz Mitte der 1970er-Jahre 37 Buchläden und 17 Verlage an.[13] Sie erhielten ihre Lieferungen durch die DDR-Kommissionäre bevorzugt. Die zu Beginn der 1970er-Jahre ebenso entwickelte Idee, jene im VLB organisierten Verkaufsstellen gar zu sabotieren, wurde zugunsten eines differenzierten Vorgehens verworfen. Stattdessen sollten sie wie bürgerliche Buchläden behandelt werden.[14]

Mitte der 1970er-Jahre hatte sich in den meisten Städten ein einander ignorierendes Nebeneinander von DKP-kontrollierten und VLB-orientierten Buchläden entwickelt. Ein überparteilich gestaltetes Marburger AStA-Erstsemesterinfo empfahl schon 1972 präferenzlos sowohl den "Roten Buchladen" als auch den "Wissen und Fortschritt"-Buchladen der DKP für die Lektürewünsche der Studierenden.[15] Allerdings wird heute von Zeitzeugen immer wieder betont, dass man entweder in den einen oder in den anderen Buchladen ging. Unternommen wurden damit identitäre Schritte, für die am Ende auch die Umsatzzahlen sprachen: Vom Hannoveraner Buchladen "Internationalismus", einem Glutkern des VLB, ist der Jahresumsatz für das Geschäftsjahr 1975 überliefert – mit nur 4,23 Prozent war der Anteil der Bücher aus der DDR am Gesamtumsatz sehr gering.[16]

Die Zahlen sprechen für sich: Bei den Verbindungen des linken Buchhandels zur DDR handelte es sich eindeutig um eine Marginalie, sieht man einmal von den Exportschlagern der Blauen Bände ab. Doch selbst diese konnten sich Bundesbürgerinnen und Bundesbürger in den 1970er-Jahren so problemlos wie billig direkt aus der DDR mitbringen lassen.


Fußnoten

10.
Tel. Auskunft v. Jörn Schütrumpf, Leiter des Karl Dietz Verlages, Berlin 27.1.2012.
11.
"Wir mußten auch große Lager haben […] weil die DDR ihre Ausgabepolitik so merkwürdig machte. Die haben alle drei Jahre mal den MEW 23 nachgedruckt und dann gab es mal längere Zeit wieder keinen. So mussten wir 300 Stück MEW auf Lager halten, damit halbwegs Kontinuität für die Belieferung da war.": Zusammenfassende Darstellung des Tonbandprotokolls vom Gespräch Roland Kreling mit dem Marburger Buchhändler Christian Boblenz, geführt im März 1985, in: Friedhelm Lyschik, "Roter Stern". Geschichte eines alternativen Projekts, unveröff. Diplomarb., Uni. Marburg 1988, S. 109–116, hier 113.
12.
Probleme der Entwicklung des progressiven Verlagswesens in der BRD, 25.10.1973, BStU, MfS, HA II 32220, Bl. 130. Allerdings ist dieser Mitteilung nicht zweifelsfrei zu entnehmen, ob sich diese Zahl tatsächlich nur auf den durch den VLB repräsentierten Buchhandel bezog.
13.
Unter ihnen z.B. die namhaften Verlage Pahl-Rugenstein, Röderberg und Weltkreis: Betrifft: Verfassungsschutz 1976 – Rechtsextremismus, Linksextremismus, Terrorismus, Spionageabwehr, sicherheitsgefährdende und extremistische Bestrebungen von Ausländern, Hg. Bundesminister des Innern, Bonn 1977, S. 89.
14.
"Die ultralinken Verlage und Buchhandlungen, die als Führungszentren linksopportunistischer Gruppierungen auftreten, sind grundsätzlich von jeder Belieferung durch die DDR und durch progressive Verlage der BRD auszuschließen (vollständiger Boykott). Die 'linken' Buchhandlungen, die darüber hinaus bestehen, können beliefert werden. Die Bezugsbedingungen sind wie bei den bürgerlichen Buchhandlungen zu gestalten": Zur Taktik gegenüber ultralinken Verlagen und Buchhandlungen, BStU, MfS, HA II 32220, Bl. 129.
15.
AStA Universität Marburg, Informationen für Erstsemester, Sommersem. 1972, als Auszug im Archiv des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, W2/7 4197.
16.
Chico, o. T., in: fragezeichen. Info für die hannoversche Linke, 5 (1976), S. 15.

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