Beleuchteter Reichstag

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20.9.2012 | Von:
Siegfried Lokatis

Eine gesamtdeutsche Reihe?

Der Nummern-Krieg und die Jubiläen der Insel-Bücherei 1962 und 1987

Die Insel-Bücherei ist das attraktivste Objekt für Büchersammler. Eine besondere Quelle für Überraschungen macht das Phänomen der Doppel- und Mehrfachbelegung zahlreicher Titel und Nummern aus, die zum Teil eine Folge der deutschen Teilung sind.

Auch das ist 50 Jahre her: Zum 50-jährigen Jubiläum der Insel-Bücherei im Jahre 1962 schuf der Insel-Verlag, damals noch selbständig und nicht unter den Fittichen Siegfried Unselds, aber schon von Wiesbaden nach Frankfurt am Main umgezogen, die erste Gesamtbibliographie seiner schönsten Buchreihe der Welt.

"Shalom""Shalom": Plakat zur Ausstellung "Hundert Jahre überstanden. Inselwelten" in Leipzig (© Leipziger Buchwissenschaft)
Einen schwachen Vorläufer hatte es bereits 1937 gegeben, zum 25. Jubiläum.[1] Aber dieser Katalog des aktuellen Programms war nur alphabetisch und nicht nach Nummern geordnet, sodass die gerissenen Lücken, die ausgetauschten Nummern jüdischer und anderer verfemter Autoren und Herausgeber nicht leicht auffallen konnten – es sei denn, der Leser suchte vergeblich nach den berühmten Titeln des Gründers der Reihe, Stefan Zweig, wie "Sternstunden der Menschheit", oder nach Albert Ehrensteins "Tubutsch". Heinrich Heines "Elementargeister", die Nummer 316, war 1934 durch "Das kleine Baumbuch", die "Altjüdischen Legenden" mit der Nummer 347 durch den "Sachsenspiegel" ersetzt worden. Die Nummer 158 okkupierten seit 1936 nicht mehr die Tolstoi-Erinnerungen Maxim Gorkis, sondern "Das kleine Buch der Meereswunder".

I

Die Insel-Bücherei ist mit Abstand das attraktivste und dankbarste Objekt für den Büchersammler. Jedes einzelne seiner in der Regel wunderschönen Bändlein ist individuell gestaltet, und die Titel nehmen im Regal wenig Platz weg. Man kann sie bequem unter der Schulbank wie im Bett konsumieren, leicht mit der Post verschicken, über die Grenze schmuggeln und leider auch stehlen. Insel-Bücher sind in ihrem in Friedenszeiten festen Karton vergleichsweise gut haltbar, jedenfalls entschieden haltbarer als die ältere, größere und noch auflagenstärkere Reclam-Universalbibliothek, mit der sie den für den Sammler unwiderstehlichen Reiz einer fortlaufenden Nummernzählung gemeinsam hat. Eine besondere Quelle für Überraschungen macht das Phänomen der Doppel- und Mehrfachbelegung zahlreicher Titel und Nummern aus.

Zum 100. Jubiläum 2012 werden 1.365 Nummern gezählt. Es gibt jedoch einerseits Titel, die unter verschiedenen Nummern erschienen sind, andererseits aber auch Nummern, die im Laufe der Zeit mit bis zu vier verschiedenen Titeln belegt wurden. Leider existieren einige Titel auf dem Markt überhaupt nicht oder zu kaum erschwinglichen Preisen, allen voran die 313,2, die am 4. Dezember 1943 im Bombenangriff bei der Zerstörung der Buchstadt Leipzig bis auf wenige Exemplare zerstörten Barockgedichte, für die in zwei Auktionen schon 20.000 DM erzielt werden konnten.

Zur Zeit des Baus der Berliner Mauer waren bereits etwa 700 Nummern erschienen, und es ist schwer vorstellbar, wie der Sammler ohne Bibliographie zurechtkommen konnte.

Ohne eine Gesamtbibliographie, die die Existenz solcher Raritäten verbürgte, konnte der Sammler leicht an der Suche nach fehlenden Nummern verzweifeln. Wie sollte er denn mit den damals erst 60 verschiedenen Varianten von Rainer Maria Rilkes "Cornet" zurechtkommen, hellgrün, graugrün oder dunkelgrün, in Schrifttypen wie Rudolf Kochs Maximilian, Walter Tiemanns Kleist-Fraktur, Hermann Zapfs Gilgengart, Antiqua und Diotima-Kursiv, ganz ohne Rückenschild, ohne Rückenschildnummer oder mit verschobener Rückenschildnummer. Und wieso gab es Neuauflagen dieser berühmtesten Nummer 1 nur in der Bundesrepublik? Und warum suchte man sich im Westen nach der 671 müde, Anna Seghers' in Leipzig erschienener "Hochzeit von Haiti", während im Osten die 698 aus Wiesbaden nicht zu bekommen war, ausgerechnet die "Russische Lyrik des XX. Jahrhunderts"?

All solche Rätsel ein für allemal zu klären, machte sich der Verlagsforscher und Hersteller des Insel-Verlags Heinz Sarkowski nach Leipzig auf, um im Archiv des dortigen, aus westlicher Sicht einstigen Stammhauses für seine Jubiläums-Bibliographie zu recherchieren. Eine vollständige private Sammlung existierte, wie aber erst Sarkowski nachweisen konnte, damals noch nicht, und auch im Frankfurter Archiv, das heißt in der heute in Marbach befindlichen "recht vollständigen" Sammlung der Tochter des Verlegers Anton Kippenberg, hatte er "nur unter der Aufsicht einer älteren Mitarbeiterin" recherchieren dürfen.[2]

II

Bis 1960 hatte es in keinem anderen in beiden Teilen Deutschlands aktiven "Parallelverlag" auch nur annähernd gute Beziehungen gegeben wie zwischen den beiden Insel-Verlagen in Leipzig und Wiesbaden. Voraussetzung dieser seltsamen Symbiose war, dass trotz des Wegzugs mit den Amerikanern im Juli 1945 nach Wiesbaden, der in den Augen Kippenbergs nur ein der Not geschuldetes Provisorium darstellen sollte, Leipzig weiter als Hauptsitz mit Wiesbaden als Zweigstelle galt. Es schien auch schwer vorstellbar, fern von den Druckereien und Setzereien der zerstörten Buchstadt ein adäquates buchkünstlerisches Niveau zu finden. Allgemein gesprochen basierte die auf die allmähliche Stärkung Wiesbadens hinauslaufende, gute Zusammenarbeit auf einer zensurpolitischen Situation, die die Auswertung des gewaltigen Fonds an Lagerbeständen, Rechten und Druckvorlagen eines so weitgehend bürgerlich-konservativen Hauses wie des Insel-Verlages in der DDR verhinderte, während deren Verwertung in Westdeutschland auch in den Augen der Ost-Berliner Literaturbehörde lukrative Deviseneinnahmen versprach. Überdies erfreute sich der sonst recht misstrauisch beäugte Leipziger Insel-Verlag, wie es hieß, der übrigens unverdienten Gunst[3] des Kulturministers Johannes R. Becher.

"Schwarze Bücher""Schwarze Bücher": Plakat zur Ausstellung "Hundert Jahre überstanden. Inselwelten" in Leipzig (© Leipziger Buchwissenschaft)
Jedenfalls kam es erst nach dessen Tod 1958 zur finalen Beziehungskrise: Nach dem Verbot eines (entsprechend älteren Zensurvorgaben) "kulturpolitisch naiven" gesamtdeutsch konzipierten Jubiläumsjahrbuchs im Herbst 1959 mit den im Osten damals schwer publizierbaren Autoren Rudolf Binding, Hans Carossa und Hugo von Hofmannsthal und ohne das "nötige Gegengewicht neuer sozialistischer oder bewußt antifaschistisch-demokratischer Veröffentlichungen"[4] suchte der Leiter des Leipziger Hauptsitzes am 12. April 1960 sein Heil in der Flucht nach Wiesbaden, das dort in einer Gesellschafterversammlung am 30. April 1960 zum Hauptsitz des Verlages erklärt wurde. Daraufhin wurde dem ostdeutschen Insel-Verlag zugunsten des Dietz-Verlages das Papierkontingent um 22 Tonnen gekürzt und mit Gerhard Keil ein bewährter Genosse als Verlagsleiter eingesetzt – bis dahin hatte es im gesamten Leipziger Insel-Verlag kein einziges SED-Mitglied gegeben. Keil inspizierte zunächst die bürgerlichen Altlasten und schlug dem Ministerium eine Reihe von Lagerbeständen, die sonst in den Westen exportiert zu werden pflegten, wegen ihres in der DDR "nicht vertretbaren politischen Inhalts" zum Einstampfen vor.[5]


Fußnoten

1.
Die Insel-Bücherei 1912–1937, Hg. Insel-Verlag, Leipzig 1937.
2.
Heinz Sarkowski, Meine bibliographischen Bemühungen um den Insel-Verlag, in: Aus dem Antiquariat, 1/1994 (Beilage des Börsenblatts für den Deutschen Buchhandel, 28.1.1994), S. A12–A19, hier A14.
3.
Becher erinnerte sich nach außen hin zwar gern und stolz an seine frühen Gedichte beim Insel-Verlag, doch hatte sich Kippenberg schon in den 1920er-Jahren und erst recht in der NS-Zeit von dem kommunistischen Autor scharf distanziert.
4.
Jahrbuch der Insel 1959, Gutachten Gert Hillesheim, Okt. 1959, BArch DR-1 5121.
5.
Ministerium für Kultur, Abt. Literatur und Buchwesen (Manfred Häckel) an den Insel-Verlag-Kollegen Keil, 24.8.1960, Sächs. Staatsarchiv Leipzig (SächsStAL), Gustav Kiepenheuer Verlag 740. Betroffen davon waren nicht nur 35.000 Exemplare der "Bildwerke" Georg Kolbes mit einer Büste Francos, 1817 verschmerzbare Exemplare von Rudolf Bindings massenhaft aufgelegtem "Opfergang", Niccolo Machiavellis "Mensch und Staat", sondern auch zwei besonders hübsche Titel: Fritz Kredels Soldatenbuch (722 Stück) und "Des Jahres Lauf" von Ernst Redslob (40 Stück). Wiesbaden pflegte bei solchen Titeln pro Stück eine Westmark zu zahlen. Statt der 38 500 DM gab es jetzt nur 387 Ostmark von der Altpapierhandlung Schaarschmidt für 4 300 kg Makulatur. Dafür garantierte die Firma eine "restlose, aber rohstofferhaltende Vernichtung" durch Einkollerung in einer Papierfabrik: Bestätigung Otto Schaarschmidt, 17.11.1960, ebd.

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