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16.5.2012 | Von:
Rüdiger Thomas

Antikommunismus zwischen Wissenschaft und politischer Bildung

Bundeszentrale für Heimatdienst und Ostkolleg

Die frühe Arbeitsphase des Ostkollegs

Ostkolleg-EröffnungEröffnung des Ostkollegs: Bundesinnenminister Gerhard Schröder im Gespräch mit seinem Staatssekretär Georg Anders und dem BZH-Direktor Paul Franken (v.l.), Foto aus "Das Parlament", 47/1957. (© Das Parlament)
Ostkolleg-ReferentenReferenten des Ostkollegs bei dessen Eröffnung: Joseph M. Bochenski, Werner Philipp und Hans Raupach (v.l.); mit dem Rücken zum Fotografen: Bundesvertriebenenminister Theodor Oberländer. Foto aus "Das Parlament", 47/1957. (© Das Parlament)
Das "Ostkolleg der Bundeszentrale für Heimatdienst" wird am 22. November 1957 durch Innenminister Gerhard Schröder (CDU) eröffnet.[71] Der Organisationserlass, ebenso wie die Geschäftsordnung des Direktoriums, in Anwesenheit des Ministers mit den Direktoriumsmitgliedern beraten, wird am 28. November verfügt.[72] Der Erlass überträgt "die wissenschaftliche Verantwortung für die Arbeitsplanung des Ostkollegs bis auf weiteres einem Direktorium", das sich seine Geschäftsordnung selbst gibt.

In beiden Texten wird nichts über die Konzeption des OK ausgeführt, stattdessen wird die wissenschaftliche Eigenverantwortung des Direktoriums, das zunächst aus zehn Mitgliedern besteht[73], und somit seine weitgehende Autonomie für die Programmplanung hervorgehoben. Die Programme der Studientagungen zeigen bereits in den Anfangsjahren, dass der Anspruch, eine wissenschaftlich fundierte Auseinandersetzung mit Theorie und Praxis des Kommunismus zu betreiben, in einer bemerkenswerten Weise eingelöst werden konnte.

Das Spektrum war so pluralistisch, wie es die beiden Protagonisten Bochenski und Lieber signalisieren: der eine als Ratgeber der Bundesregierung im KPD-Prozess, der andere als Herausgeber einer bundesdeutschen Marx-Ausgabe, die seit 1960 erscheint. Lieber wird der erste geschäftsführende Direktor des Hauses (diese Funktion wechselt im Jahresturnus und wird durch Wahl innerhalb des Gremiums bestimmt). Erster hauptamtlich beschäftigter, für die konkrete Programmplanung und die Einladungsaktivitäten zuständiger Studienleiter wird der vom BMI ernannte Rudolf Wildenmann[74], den 1959 der Osteuropahistoriker Karl-Heinz Ruffmann (bis Ende1961) ablöst, der bei der Profilierung des OK eng mit Hans-Joachim Lieber kooperiert.

Obwohl im Hinblick auf den Marxismus von konträren Positionen ausgehend, vertreten Lieber und Bochenski, der ihm 1959 nach Günther Stökl als dritter geschäftsführender Direktor nachfolgt, für das Ostkolleg gemeinsam eine Konzeption, die als Ziel die Immunisierung der intellektuellen und politischen Eliten der Bundesrepublik gegen die kommunistischen Ideen durch aufklärende Information verfolgt und diese auf ein wissenschaftliches Fundament zu stellen trachtet. So erklärt sich auch der institutionelle Rahmen des Ostkollegs mit der starken Stellung eines wissenschaftlichen Direktoriums, dem in der Frühzeit mit Gerhard von Mende[75] auch eine vormals massiv in die NS-Politik verstrickte Person "eines undurchschaubaren Intellektuellen und Strippenziehers im Kalten Krieg"[76] angehörte. Obwohl von Mende in den beiden ersten Jahren noch häufig als Referent an Tagungen des OK mitwirkte, hatte er auf die programmatische Ausrichtung und Wissenschaftskonzeption des Ostkollegs keinen nachweisbaren Einfluss. Dass er im Direktorium isoliert war, zeigt auch der Umstand, dass ihm die Position eines geschäftsführenden Direktors versagt blieb.

Die Programme des Ostkollegs hatten thematische Kerne (Geschichte, Ideologie, Herrschaftssystem, Wirtschaft, Außenpolitik der Sowjetunion), die in vier bis fünf Einheiten umfassenden "Grundvorlesungen" behandelt wurden. Diese wurden durch variable Themenaspekte ergänzt, zusätzlich wurden Beiträge zur geistigen Auseinandersetzung mit dem Kommunismus in die Tagungsprogramme einbezogen. Eine Auswertung der Programme für die zehn ersten Tagungen im Ostkolleg[77] zeigt, dass neben den Kernthemen und wechselnden Einzelthemen (wie Rechtssystem, Erziehungssystem, Kirchen, Nationalitäten in der Sowjetunion, "Satelittenstaaten", China) meist abschließend und kontrastierend über "Die weltpolitische Lage" (Theodor Schieder), "Europa zwischen Ost und West" (Walter Hofer) oder das Thema "Der Geist des Abendlandes und das Menschenbild des Kommunismus" (Theodor Litt) referiert wurde. Auch die beiden für die 1955 gegründete Schule des Bundesamtes für Verfassungsschutz zuständigen Beamten Günther Nollau ("Die internationale Zusammenarbeit der kommunistischen Parteien") und Heinrich Degenhardt ("Die Methoden der kommunistischen Politik in der Bundesrepublik") kamen – allerdings nur in den Anfangsjahren – häufiger im OK zu Wort. Prominente Teilnehmer der ersten Tagungen waren beispielsweise Hermann Pörzgen ("FAZ"), Reinhard Appel ("Stuttgarter Zeitung"), Franz Herre ("Rheinischer Merkur") sowie mehrere Bundesrichter.

Über die Aktivitäten des Ostkollegs in den ersten vier Jahren gibt ein Bericht Aufschluss, den Karl-Heinz Ruffmann, der zu diesem Zeitpunkt seine Funktion als Studienleiter des Ostkollegs aufgab, um den neu gegründeten Lehrstuhl für osteuropäische Geschichte an der Universität Erlangen zu übernehmen, Ende 1961 vorlegte.[78] Bis dahin hatten 123 Studientagungen im Kölner Haus und vier auswärts stattgefunden, darunter waren 96 "Normaltagungen" (für die seit 1960 der Begriff "Studientagungen" eingeführt wurde), zehn Kurztagungen für Wirtschaftler und Journalisten (Dauer: dreieinhalb Tage), fünf Sondertagungen für Verwaltungsjuristen (Dauer: 14, dann zehn Tage, darin eine mit Schwerpunkt DDR), drei Sondertagungen für Pädagogen, drei West-Ost- und vier Aufbautagungen (für qualifizierte Teilnehmer aus den Grundtagungen, erstmals 1961 durchgeführt). "Auf den Normaltagungen (Dauer: eine Woche, Teilnehmer: Angehörige verschiedener Berufe) wurden Grundkenntnisse über den Sowjetkommunismus vermittelt. Dabei ergab sich aus den in der Anfangszeit gesammelten Erfahrungen die Notwendigkeit, die eigene Position in der Auseinandersetzung mit dem Kommunismus stärker herauszuarbeiten." Mit einem Sonderseminar wirkte das OK bei der Attaché-Ausbildung des Auswärtigen Amtes mit; zudem veranstaltete es Seminare für Stabsoffiziere an der Führungsakademie der Bundeswehr.

Unter den 4.444 Teilnehmern stellte der höhere Verwaltungsdienst mit etwa einem Sechstel den höchsten Anteil, je ein Zehntel waren Lehrer an höheren Schulen, Offiziere oder Teilnehmer aus dem Bereich der Wirtschaft, acht Prozent Studenten, drei Prozent waren Hochschullehrer und wissenschaftliche Assistenten, Angehörige der Justiz waren mit sechs Prozent, Journalisten und Gewerkschaftler mit je vier Prozent vertreten, zu geistlichen und anderen kirchlichen Berufen gehörten drei Prozent. 155 Teilnehmer (3,5%) kamen aus dem Ausland, vornehmlich aus der Schweiz und aus Österreich. Insgesamt 120 "wissenschaftlich ausgewiesene Sachkenner" waren im Zeitraum von November 1957 bis Ende 1961 als Referenten im OK tätig, darunter 26 "führende ausländische Sowjetologen". Die Grundvorlesungen wurden weitgehend von den Mitgliedern des Direktoriums des Ostkollegs gehalten.

Ostkolleg-ReferentenAuswahl von Referenten in einer Broschüre des Ostkollegs von 1963 (© Privatarchiv Rüdiger Thomas)
Eine Broschüre des OK, die Ende 1963 auch in drei Fremdsprachen (Englisch, Französisch, Spanisch) gedruckt wurde, enthält neben einem Musterprogramm auch exemplarisch Leitfragen, die im Rahmen der Seminare erörtert werden sollten. Dort heißt es beispielsweise: "Was hat sich in der Sowjetunion seit Stalins Tod verändert? Ist es wahr, dass das kommunistische Russland die USA in der Wirtschaft überholen wird? Warum hat Chruschtschow Veränderungen in der sowjetischen Wirtschafts- und der Parteiorganisation betrieben? Wieweit ist die Ideologie ein bestimmender Faktor der sowjetischen Innen- und Außenpolitik? Gibt es Anzeichen, dass sich die Sowjetunion in ein bürgerliches System verändert? Welche politische Bedeutung hat das Nationalgefühl der nichtrussischen Völker? Ist die friedliche Koexistenz eine konkrete Hoffnung oder eine vorsätzliche Irreführung? Streben die politischen Führer der SU weiter nach der Weltrevolution oder wollen sie allein die Macht des Sowjetstaates erhalten? Was können wir tun, um der konstanten Bedrohung des Kommunismus in der Welt zu widerstehen?"[79]

Das Direktorium verstand das OK als weltweit einzige Bildungsinstitution, die für qualifizierte Bevölkerungsschichten eine geistig-politische Auseinandersetzung mit dem Kommunismus auf wissenschaftlicher Grundlage etabliert hatte. Dies wurde 1964 durch zwei Sonderveranstaltungen unterstrichen: Im Mai fand ein Erfahrungsaustausch über "Vorurteile und Klischees bei der Behandlung von Ostfragen" statt, an dem insgesamt 38 namhafte Journalisten und Direktoriumsmitglieder teilnahmen. Im Dezember 1964 war es endlich gelungen, eine bereits seit September 1962 vom Direktorium angeregte supranationale Veranstaltung zu realisieren, die unter dem Arbeitstitel "NATO-Tagung" stand. An dem "Internationalen Colloquium" zum Rahmenthema "Ostforschung und politische Bildung" (in der Planungsverantwortung des neuen, aus der Bundeszentrale Anfang 1964 als Studienleiter übergewechselten Werner Maibaum) nahmen 50 Personen, Ostforscher, Botschaftsvertreter sowie Repräsentanten von Bildungseinrichtungen zur Auseinandersetzung mit dem Kommunismus aus den NATO-Mitgliedsstaaten Belgien, Dänemark, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Italien, den Niederlanden, Norwegen, Portugal und den USA sowie aus Schweden, der Schweiz und die Mitglieder des OK-Direktoriums teil.[80]

Während Karl-Heinz Ruffmann in einem Beitrag "Entstehung und Stellung des Ostkollegs im Rahmen der politischen Bildung" vorstellte, sollten zwei Grundsatzreferate, die unterschiedliche Akzente setzten, als Debattenimpulse dienen. Joseph M. Bochenski referierte "Zur geistigen Auseinandersetzung mit der kommunistischen Ideologie"[81], und Hans Joachim Lieber bilanzierte "Erfahrungen über Möglichkeiten und Grenzen wissenschaftlicher Aufklärung". Das Kolloquium wurde durch den Bundesinnenminister Hermann Höcherl eröffnet, der sich – anders als sein Amtsvorgänger Gerhard Schröder – bereits auf der Linie eines rationalen Antikommunismus bewegte. "In seinen Ausführungen betonte er, daß eine Immunisierung gegenüber dem Totalitarismus ohne eine eingehende Berücksichtigung des totalitären Sowjetsystems unmöglich ist. Politische Bildung darf aber nicht mit staatlicher Schulung verwechselt werden. Sie soll vielmehr die Voraussetzungen für eine persönliche Entscheidung aller Staatsbürger schaffen, die auf sachgemäßer Unterichtung und differenzierter Aufklärung basiert."

Bochenski betrachtete in seinem Eingangsbeitrag die "Intensivierung der geistigen Auseinandersetzung" als "die bedeutendste Aufgabe, die der politischen Bildung im Bereich der Analyse kommunistischer Wirklichkeit gestellt ist". Er lehnte die Ausarbeitung einer "Gegenideologie" strikt ab, "weil die Grundwerte unserer westlichen Lebensordnung nicht in dogmatischer Weise bestimmbar sind". Stattdessen müsse sich die politische Bildung darauf konzentrieren, "die gemeinsamen Elemente der Grundwerte bewußt zu machen." Diese Fokussierung auf die Ideologie wurde in der Diskussion erheblich relativiert. "Von besonderer Bedeutung sind dabei die wirtschaftliche Entwicklung, Wandlungen der politischen Struktur und eine zunehmend deutlicher werdende Differenzierung der monolithischen Ideologie innerhalb der kommunistischen Welt."

Liebers Referat[82] verwies auf Vorurteilsstrukturen, die bei einer "auf Aufklärung abzielenden politischen Bildungsarbeit" beachtet werden müssten. Diese zeigten sich generationenspezifisch, in Klischeevorstellungen oder einer verbreiteten "Neigung zum Denken in Alternativ-Modellen."[83] Ein vorwiegend affektiv akzentuierter Antikommunismus stehe zudem im Zusammenhang mit der eher emotional bestimmten Abwehrreaktion eines bloßen "Anti-Antikommunismus". Lieber hob die doppelte Aufgabe hervor, "im Zuge von Informierung über das Sowjetsystem zugleich kritische Bewußtseinserhellung über die eigene Lebensordnung leisten zu müssen".[84]


Fußnoten

71.
Bericht in: Das Parlament, 47/1957, S. 16. In seiner mit bellicoser Rhetorik unterlegten Eröffnungsrede fokussiert Schröder die Aufgabe des OK auf die ideologische Auseinandersetzung: "Es geht hier nicht um den machtpolitischen Gegensatz zwischen Ost und West. Hier geht es allein um die ideologische Auseinandersetzung. Sie ist uns aufgezwungen, weil die östliche Heilslehre mit der Herrschsucht und dem Eroberungswillen einer fanatischen Prophetie auftritt – als der einzig wahre Glauben, der alles seiner Pseudo-Wahrheit unterwerfen will." Schröder redet hier zwar einmal von der – den sonst im interministeriellen Verkehr und im Gebrauch der BZH vorherrschenden – "geistig-politische(n) Auseinandersetzung mit dem Kommunismus", formuliert aber als Aufgabe des OK, "vielen in allen Bereichen des öffentlichen Lebens Tätigen Erkenntnisse für die geistige Bekämpfung des Kommunismus [zu] vermitteln." (ebd.) Der Entwurf des OK (unter Mitwirkung des Direktoriumsmitglieds Werner Markert) hingegen erklärte: "Das Ostkolleg ist eine Einrichtung der politischen Bildung und hat eine doppelte Aufgabe. Durch Vorträge wissenschaftlich ausgewiesener Sachkenner des In- und Auslandes bietet es eine systematische Unterrichtung über die ökonomischen, sozialen, politischen und kulturellen Gegenwartsprobleme Osteuropas und der Sowjetunion. In offener Diskussion (…) soll den Teilnehmern der Studientagungen eine eigene Urteilsbildung ermöglicht werden, um die erarbeiteten Einsichten für die geistige Auseinandersetzung mit dem Sowjetkommunismus und seinen Auswirkungen fruchtbar zu machen – unter Besinnung auf Idee und Wirklichkeit der Freien Welt.": BArch B 168/772, zit.: Maibaum (Anm. 63), S. 93.
72.
BMI, Erlaß über die Errichtung des Ostkollegs, 28.11.1957, http://www.bpb.de/36447 [15.5.2012].
73.
Bei Gründung des OK wurden als Mitglieder des Direktoriums berufen: Joseph M. Bochenski, Hans Koch († 9.4.1959), Hans Joachim Lieber, Werner Markert, Gerhard von Mende († 16.12.1963), Werner Philipp, Georg von Rauch, Hans Raupach, Günter Stökl; Karl C. Thalheim. Das Direktorium kooptierte 1960 Boris Meissner, weiterhin bis 1963 Otto Schiller sowie Karl-Heinz Ruffmann (vgl. Maibaum [Anm. 63], S. 100 – 103.). Während die Gründungsmitglieder des Direktoriums vom BMI ernannt waren und insoweit auch dessen politische Interessen erkennen lassen, geben die Kooptierungen durch das Direktorium Aufschluss über dessen wissenschaftliche Grundhaltung. Dabei sind ausnahmslos unbelastete und liberale Persönlichkeiten ausgewählt worden, darunter in der Folgezeit u.a. Ernst Fraenkel, Hans-Adolf Jacobsen oder Peter Christian Ludz. Nicht einmal als Referent im OK berücksichtigt wurde der NS-belastete deutsch-baltische Osteuropahistoriker Reinhard Wittram (Göttingen), auch das Marburger Herder-Institut war im Direktorium nicht präsent. – Zur Ostforschung der NS-Zeit vgl. Werner Philipp, Nationalsozialismus und Ostwissenschaften, in: Forschungen zur osteuropäischen Geschichte 33 (1983), S. 286–303. Zur geschichtspolitischen Belastung der Ostforschung siehe auch Rüdiger Hohls/Konrad Jarausch, Versäumte Fragen. Deutsche Historiker im Schatten des Nationalsozialismus, Stuttgart/München 2000; Kai Arne Linnemann, Das Erbe der Ostforschung: Zur Rolle Göttingens in der Geschichtswissenschaft der Nachkriegszeit, Marburg 2002, S. 9–33, zur Ostforschung insb. S. 16ff. Für die Nachkriegsentwicklung vgl. als instruktiven Überblick Jens Hacker, Osteuropa-Forschung in der Bundesrepublik, in: APuZ, B 37/60, S. 591–622.
74.
Wildenmann begann seine Karriere als Redakteur der "Deutschen Zeitung und Wirtschaftszeitung" und wurde nach einer Tätigkeit im BMI wegen seiner Verwaltungskompetenz ausgewählt; er hatte keinen Bezug zur Kommunismusforschung.
75.
Wegen Gerhard von Mende ist der BZH, insb. von Gudrun Hentges (Anm. 15), ein nachwirkendes Erbe von NS-Gedankengut unterstellt worden. Geb. 1904 in Riga war Mende als Russlandforscher auf die "türko-tatarischen sowjetischen Völker" spezialisiert und hatte 1936 seine Schrift "Der nationale Kampf der Rußlandtürken. Ein Beitrag zur nationalen Frage in der Sowjetunion" publiziert. Sein Buch "Die Völker der Sowjetunion" (1939) enthält stark antisemitische Formulierungen. Im Juni 1941 wurde Mende im Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete als Experte zunächst für den Kaukasus, später darüber hinaus für "Fremde Völker" tätig. Gleichzeitig wechselte er 1941 von der Posener an die Berliner Universität auf einen Lehrstuhl für Volks- und Landeskunde der Sowjetunion und wurde 1944 auf den "Lehrstuhl für Volkstumskunde des Ostraums" berufen (vgl. dazu Ingo Loose, Der Turkologe Gerhard von Mende, in: Rüdiger vom Bruch u.a. [Hg.], Die Berliner Universität in der NS-Zeit, Stuttgart 2005, S. 62–67). Mende sah in den muslimischen Turkvölkern der SU eine Widerstandskraft gegen den Kommunismus, die sich während des Zweiten Weltkriegs in einem eigenen Sonderverband formierte (für die der spätere Bundesvertriebenenminister Theodor Oberländer verantwortlich war). Nach Kriegsende ist Mende kurzzeitig als Professor für Russlandkunde in Hamburg tätig, muss diese Funktion wegen seiner NS-Belastung aber schon bald verlassen. Er findet seit 1949 als Experte Kontakt zu antikommunistischen US-Organisationen, u.a. Radio Free Europe, Radio Liberty und CIA (vgl. Bernd Stöver, Die Befreiung vom Kommunismus. Amerikanische Liberation Policy im Kalten Krieg 1947–1991, Köln u.a. 2002, S. 317ff). Durch Unterstützung des Bundesvertriebenenministers Oberländer baut er Mitte der 1950er-Jahre zunächst ein "Büro für heimatvertriebene Ausländer" in Düsseldorf auf, aus dem 1956 die "Forschungsstelle Osteuropa" (ihre Berichte erscheinen unter dem Namen "Forschungsdienst") hervorgeht, die verschiedene Expertisen für Bonner Regierungsstellen erarbeitet. Offenbar aufgrund politischer Protektion durch Oberländer und BMI-Beamte wird Mende 1957 Mitglied im Direktorium nicht nur des Ostkollegs, sondern 1961 auch im neu gegründeten Bundesinstitut zur Erforschung des Marxismus-Leninismus, ohne jedoch in beiden Gremien jemals Leitungsfunktionen einzunehmen. Die Behauptung Looses (S. 66f, unter Berufung auf Hentges), Mende habe "eine zentrale Rolle als konzeptioneller Vordenker der Errichtung des in Köln ansässigen Ostkollegs" gespielt und "maßgeblichen Einfluss auf dessen Struktur und inhaltliche Ausrichtung" genommen, erweist die quellengestützte Rekonstruktion der Gründungsgeschichte und Frühphase des OK als haltlos. Mende publizierte dreimal bei der BZH (APuZ, B 16/60; Informationen zur politischen Bildung, Folgen 78/79 u. 91). Im OK hat Mende 1957–1959 häufiger als Referent von Studientagungen mitgewirkt, und zwar zu Wirtschaftsgeografie und Herrschaftssystem der Sowjetunion, nicht jedoch zu seinem aus der NS-Zeit belasteten Spezialgebiet, das er in der Forschungsstelle weiter betrieb. Die v. Vf. gesichteten Protokolle der Direktoriumssitzungen enthalten keine substanziellen Beiträge von Mendes zur Tätigkeit des OK.
76.
Stefan Meining, Eine Moschee in Deutschland. Nazis, Geheimdienste und der Aufstieg des politischen Islam im Westen, München 2011, S. 106.
77.
Diese Materialien sind offenbar nicht archiviert. Für die Überlassung von Kopien dankt d. Vf. seinem früheren Kollegen Horst Müller.
78.
Vgl. Rechenschaftsbericht des Ostkollegs […] für die Zeit vom 22. November 1957 bis 31. Dezember 1961, BArch B 168/723, zit.: Maibaum (Anm. 63), S. 94–99, Anh. 5. Das Folgende ebd.
79.
Das Faltblatt liegt d. Vf. in englischer Sprache vor.
80.
Werner Maibaum, gez. Rüdiger Thomas, Bericht über das internationale Kolloquium vom 14. bis 16.12.64, 27.1.1965. Die folgenden Zitate ebd. – Das gedruckte Tagungsprogramm liegt d. Vf. vor.
81.
Wiedergabe nach Maibaum/Thomas (Anm. 80). Die Argumentation folgt Joseph M. Bochenski, Der freie Mensch in der Auseinandersetzung zwischen West und Ost, in: APuZ, B 23/63, S. 3–12.
82.
Hans Joachim Lieber, Erfahrungen über Möglichkeiten und Grenzen wissenschaftlicher Aufklärung (unveröff., von Lieber für die Weitergabe autorisiertes Typoskript; im Besitz d. Vf.).
83.
"Während bei den jüngeren Teilnehmern ständig wachsend ein zunehmender Grad an Informiertheit über das Sowjetsystem zu beobachten ist, sind bei der älteren Generation oft nur solche Kenntnisse vorhanden, die einzelnen Tatbeständen des Sowjetsystems beigeordnet sind (etwa auf Grund von Erlebnissen aus der Kriegsgefangenschaft oder auf Grund einseitiger Lektüre). (…) Damit ist nicht nur ein Schwarz-Weiß-Denken gemeint, das nach dem Motto hier alles gut, dort alles schlecht verfährt und das zum Zweck einer Abwertung des Sowjetsystems die eigenen Lebensordnung unkritisch verklärt. Ein solches Schwarz-Weiß-Denken ist zunehmend im Schwinden begriffen, und zwar in dem gleichen Maße, in dem die Kenntnis über Wandlungsprozesse im Sowjetsystem der Nach-Stalin-Zeit zunimmt und in dem gleichen Maße auch, in dem die Wirklichkeit der eigenen Gesellschaft in ihrem Spannungsgefüge kritisch durchdacht wird." (Ebd., S. 2f).
84.
Hier trifft sich Liebers Konzept mit Neuansätzen, die Christina von Hodenberg seit den frühen 1960er-Jahren auch im westdeutschen Journalismus erkennt: "Dem Appell an den antikommunistischen Konsens stellte man das Bild einer Öffentlichkeit entgegen, in der Konflikt und Demokratie zum Tagesgeschäft gehörten." (Dies., Die Journalisten und der Aufbruch zur kritischen Öffentlichkeit, in: Ulrich Herbert [Hg.], Wandlungsprozesse in Westdeutschland. Belastung, Integration, Liberalisierung 1945–1980, Göttingen 2002, S. 304). Vgl. auch dies., Konsens und Krise: Eine Geschichte der westdeutschen Medienöffentlichkeit 1945–1973, Göttingen 2006.

Hier erfahren Sie mehr über die 60-jährige Geschichte der Bundeszentrale für politische Bildung, die anfangs noch Bundeszentrale für Heimatdienst hieß und vor allem das Demokratiebewusstsein in der jungen Republik verankern sollte.

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