Beleuchteter Reichstag

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16.5.2012 | Von:
Rüdiger Thomas

Antikommunismus zwischen Wissenschaft und politischer Bildung

Bundeszentrale für Heimatdienst und Ostkolleg

Fazit: Rationaler Antikommunismus als wissenschaftliche Aufklärung

Eine eingehende Analyse der Bundeszentrale für Heimatdienst und des Ostkollegs in der Gründerzeit der Bundesrepublik führt zu einem Ergebnis, das mit vordergründigen Pauschalurteilen, wie sie noch 50 Jahre nach Gründung der Bundeszentrale zu vernehmen waren, keineswegs übereinstimmt. "In den 50er Jahren wirkte sie (…) an der antikommunistischen Restauration mit, war ein Auffangbecken diverser Naziideologen und verstand sich als deutsche Antwort auf die Re-Education der Westalliierten" – so leitet Felix Klopotek ein Interview mit Gudrun Hentges ein[85], die sich als Kritikerin der Bundeszentrale wiederholt exponiert hat. Hentges verweist dabei einerseits ausschließlich (und insoweit zu Recht) auf die gravierende NS-Belastung Gerhard von Mendes und zum anderen auf den Umstand, dass die Bundeszentrale in den 1950er-Jahren – neben dem Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen – auch strikt antikommunistische Organisationen finanziell gefördert hat. Dabei werden jedoch entscheidende Faktoren ausgeblendet: Das Gründungspersonal der Bundeszentrale war ausnahmslos dem deutschen Widerstand gegen Hitler verbunden, und die publizistischen Eigenaktivitäten des Hauses werden dabei völlig außer Acht gelassen. Eine Inhaltsanalyse der Leitmedien der Bundeszentrale in ihrem Gründungsjahrzehnt, die mit ihren hohen Auflagen eine große Reichweite sowohl in bildungsqualifizierten sozialen Milieus als auch im Rahmen der politischen Bildung in der Schule hatte, ergibt, dass die Eigenpublikationen der BZH – zumal im Vergleich mit anderen in dieser Zeit publizierten Beiträgen – überwiegend dem Informationsanspruch eines rationalen Antikommunismus im Sinne einer tatsachengestützten Information und einer wissenschaftlichen Analyse zugeordnet werden können. Dabei zeigen sich unter dem Anspruch einer pluralistischen Orientierung auch politische Urteilspositionen, die gelegentlich nicht frei von einer polemischen Diktion gewesen sind, doch sind solche Texte, für die hier ebenfalls Beispiele präsentiert worden sind, in der deutlichen Minderheit.

Dass auch die Tätigkeit des Ostkollegs in der Verantwortung eines weitgehend politisch unabhängigen Direktoriums mit Referentenauswahl und Tagungskonzepten den Prinzipien wissenschaftlicher Aufklärung weitgehend gefolgt ist, konnte hier zumindest exemplarisch sichtbar werden.

Die Wirksamkeit einer Bildungsarbeit, die an dem Gebot einer wissenschaftlich fundierten Auseinandersetzung mit dem Kommunismus ausgerichtet war, demonstriert indirekt eine Einschätzung des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR, die in ihrer absurden Polemik verdeutlicht, wie sich ein ideologischer Anti-Antikommunismus als Gegenmodell irregeleiteter Formen der Auseinandersetzung ausnimmt: "Die Bundeszentrale für Heimatdienst ist die offizielle Propagandazentrale der Bonner Regierung. Ihre Haupttätigkeit besteht in Hetze gegen das sozialistische Lager, besonders gegen die Sowjetunion und die DDR; Förderung des Revanchismus durch Propagierung der Bonner Revanchepolitik; Bekämpfung fortschrittlicher Bestrebungen in Westdeutschland mit den Mitteln der Publizistik; politische ideologische Beeinflussung der westdeutschen Bevölkerung mit dem Ziel, sie durch Vermittlung einer sogenannten staatsbürgerlichen Bildung für den westdeutschen Staat zu gewinnen und auf die Linie der Adenauer-Politik festzulegen; Rechtfertigung des nationalen Verrats der westdeutschen Imperialisten mit Hilfe der Propagierung der NATO und der Idee der sogenannten europäischen Integration."[86] Solche Phrasen aus den Bunkern des Kalten Krieges sind wahrlich kein Zeichen für Recherchesorgfalt oder analytischen Verstand. Die Westexperten aus dem Osten hätten besser ihren Lenin gelesen: "Die Wahrheit ist immer konkret."[87] Ein solcher unabgegoltener Denkanstoß könnte Anlass sein, der Bundeszentrale im 60. Jahr ihres Bestehens auch zu ihrer Arbeit in den Gründerjahren Respekt zu bezeugen.


Die vorliegende Studie ist aus einem Vortrag hervorgegangen, gehalten am 4.11.2011 auf der Tagung "Antikommunismus in der frühen Bundesrepublik Deutschland. Zur politischen Kultur im Kalten Krieg" in Königswinter, veranstaltet vom Institut für Zeitgeschichte, vom Lehrstuhl für Neuere Geschichte I des Historischen Instituts der Universität Potsdam, von der Bundeszentrale für politische Bildung und dem "Deutschland Archiv".

Fußnoten

85.
Der Heimatdienst, in: StadtRevue. Das Kölnmagazin 12/2002, http://www.stadtrevue.de/archiv/archivartikel/328-der-heimatdienst/ [15.5.2012]. Zu Mende erklärt Hentges: "Er nahm sowohl auf die konzeptionelle Ausrichtung des Ostkollegs als auch auf die personelle Besetzung der Dozentenstellen maßgeblichen Einfluss, entwickelte Seminarkonzeptionen und trat als Referent auf." Für die ersten beiden Einschätzungen lassen sich keine Belege finden (s.o., Anm. 75).
86.
Zusammenstellung über die "Bundeszentrale für Heimatdienst" mit dem "Ostkolleg", o.J. (1963), BStU, MfS, ZAIG 9895. Siehe auch K. Wohlgemuth, Die "Bundeszentrale für Heimatdienst" – Ein Instrument zur Propagierung der Bonner Kriegspolitik, in: Dokumentation der Zeit, 8/1961, S. 12–20.
87.
W. I. Lenin, Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution, in: ders., Ausgewählte Werke, Bd. 1, Berlin 1961, S. 595.

Hier erfahren Sie mehr über die 60-jährige Geschichte der Bundeszentrale für politische Bildung, die anfangs noch Bundeszentrale für Heimatdienst hieß und vor allem das Demokratiebewusstsein in der jungen Republik verankern sollte.

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