Beleuchteter Reichstag
1|2 Auf einer Seite lesen

counter
24.5.2012 | Von:
Thomas Heimann

Filmische Wahrnehmung und Demokratisierung

Funktionierte das Kino in der Nachkriegszeit als Demokratisierungsinstitution? Welche Perspektiven hat der deutsche Gegenwartsfilm? Antworten auf diese Fragen sowie einen Blick auf den "Untergrundfilm" der DDR bieten drei interessante Bücher.

Sammelrezension zu:

Kino in Bewegung

Schick/Ebbrecht, Kino in BewegungThomas Schick/Tobias Ebbrecht, Kino in Bewegung (© VS)
In seinem Geleit zur vorliegenden Publikation stellt der Rektor der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) in Potsdam-Babelsberg, Dieter Wiedemann, die neue Publikationsreihe "Film, Fernsehen, Medienkultur" beim Verlag für Sozialwissenschaften vor. Nach fast 50 Jahren hat sie die traditionsreichen "Beiträge zur Film- und Fernsehwissenschaft" (BFF, 1961–2009) abgelöst und soll nun weiterhin über "wissenschaftliche und wissenschaftlich-künstlerische Forschungsergebnisse" an der Hochschule zu Tendenzen im deutschen Gegenwartsfilm informieren. Der Start ist gut gewählt, denn damit erweist sich auch die notwendige, weil überfällige Öffnung des Forschungsgegenstands als Paradigmenwechsel, die endgültige Überwindung der "Nachwendezeit" im Nachdenken und Reflektieren des deutschen Gegenwartskinos.

Interessanterweise knüpfen Tobias Ebbrecht und Thomas Schick in ihrer Einleitung zu dessen Perspektiven gerade an Statements von Filmwissenschaftlern und -historikern an, die eine Agonie des heutigen deutschen Autorenkinos behaupten (etwa Georg Seeßlen und Fernand Jung, 12). Es werde ein zwar soziologisch interessantes, aber ökonomisch eher belangloses "Potemkino" gepflegt gegenüber dem ständig wachsenden amerikanischen Verleih- und Distributionssektor. Diesen Ansichten werden Beiträge des Bandes zum neuen deutschen Kino gegenüber gestellt. So wird die heutige Bedeutung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens bei der Verwirklichung und Verwertung von neuen Filmproduktionen als "Subventionskino TV" neu bewertet, eine "ethische Wende" mit ihren transkulturellen Bezügen am Beispiel der jüngsten Produktionen von Fatih Akin skizziert, über die erfreulichen kulturell-produktiven Folgen des EU-Beitritts Polens und das Kinoschaffen als grenzüberschreitender, transnationaler Apparat in der Europäischen Union nachgedacht, bis hin zu Reflektionen über die Auswirkung der nationalen wie europäischen Filmförderung auf das deutsche Gegenwartskino, zu den internationalen Transmissionsleistungen des Goethe-Instituts für den deutschen Gegenwartsfilm sowie dessen Resonanz auf Festivals.

Die Beiträge mit unterschiedlicher analytischer Tiefe zum Gegenwartskino sind von den Herausgebern auf drei Sektoren verteilt worden. Der erste Teil versammelt Lektüren und Überblicke zu "Ästhetik und Diskursen", der zweite stellt geografische wie ästhetische "Grenzen und Übergänge" vor, der dritte bemüht sich um kontextuelle Betrachtungen und perspektivische Ansätze. Ganz in der Tradition der BFF-Vorgängerreihe wird der Band durch einen vierten Teil ergänzt: die Rückbindung des filmwissenschaftlichen Nachdenkens an persönliche Erfahrungen von Filmemachern, hier am Beispiel der "Berliner und Babelsberger Schule", und schließlich das dokumentierte Werkstattgespräch mit Filmregisseur Andreas Dresen.

Strategien der Verweigerung

Löser, Strategien der VerweigerungClaus Löser, Strategien der Verweigerung (© DEFA-Stiftung)
Diese Untersuchung über die auf Schmalfilm (Super 8) oder vereinzelt auch auf Video hergestellten unabhängigen Produkte einer versteckten, "klandestinen Filmkultur" in der letzten Dekade der DDR (13) hat Claus Löser als Dissertationsschrift an der Babelsberger Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) eingereicht. Hinter dem sperrigen Titel versteckt sich eine nahezu erschöpfende Untersuchung der Handlungsbedingungen, kulturellen Verortung und Zielvorstellungen sowie ihrer staatlichen Überwachung als Teil einer autonomen, "zweiten" Kultur in der DDR seit der Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976. Beigefügt sind neben einer Chronik der Ereignisse des DDR-"Untergrundfilms" ab 1980 auch aufschlussreiche Dokumente aus dem BStU-Bestand, die die staatliche Beobachtung der filmischen Aktivitäten des Autors dokumentieren. Löser war selbst aktiver Mitstreiter dieser unabhängigen Schmalfilmszene, in Chemnitz (damals Karl-Marx-Stadt). Die Staatssicherheit hatte ihn schon als Jugendlichen ins Visier genommen, weil er sich mit anderen Gleichaltrigen eigenständig über Kunst, Kultur und Religion auseinandersetzte (378f).

Deutlich herausgearbeitet werden von Löser die Wurzeln dieser Szene einerseits aus dem künstlerischen Umgang bekannter Malergrößen wie etwa A. R. Penck, Jürgen Böttcher, Lutz Dammbeck oder Cornelia Schleime mit dem Schmalfilmformat, zum anderen in der kreativ eigensinnigen und damit unter den DDR-Bedingungen zwangsläufig politischen Aneignung einer kulturellen Ausdrucksform, über die der Staat in seiner ganzen Komplexität waltete. Erkennbar wird die Breite dieser Szene über Berlin hinaus in die Bezirksstädte. Die Breite und auch die Begrenztheit dieses Spektrums der überlieferten und von Löser dokumentierten Arbeiten dieser filmischen Subkultur lag an den schwierigen Umständen, an das Material, etwa über Westkontakte heranzukommen, aber auch an den nur vereinzelten Möglichkeiten in der DDR, sich technisches Know-how an Bildaufnahme-, -mischtechnik und -entwicklung zu verschaffen. Gleichzeitig spielte auch die Ästhetik der frühen MTV-Musikkurzfilme Anfang der 80er-Jahre in der DDR-Szene eine stimulierende Rolle.

Damit waren der kreative Akt des "Underground"-Filmens und die Vorführung dieser Produkte in der DDR, unabhängig von ihrem künstlerischen Wert, "ein Dokument des Aufbegehrens gegen einen totalitär begründeten medialen Notstand für sich." (397) Deshalb sollte auch Claus Lösers unverzichtbare Studie möglichst bald mit einer möglichst vollständigen Sicherung und kommentierten Präsentation dieser entstandenen Kulturprodukte ergänzt werden.
1|2 Auf einer Seite lesen

Publikationen zum Thema

Deutschland Archiv 2018

Deutschland Archiv 2018

Der Band enthält eine Auswahl der wichtigsten Artikel, die im Jahr 2018 erschienen sind.

Deutschland Archiv 2017

Deutschland Archiv 2017

Der Band enthält eine Auswahl der wichtigsten Artikel, die im Jahr 2017 erschienen sind.

Deutschland Archiv 2016

Deutschland Archiv 2016

Der Band enthält eine Auswahl der wichtigsten Artikel, die im Jahr 2016 erschienen sind.

Schriftenreihe Bd. 1664 "Deutschland Archiv 2015": Cover

Deutschland Archiv 2015

Der Band enthält eine Auswahl der wichtigsten Artikel, die im Jahr 2015 erschienen sind.

Schriftenreihe Bd. 1544 "Deutschland Archiv 2014": Cover

Deutschland Archiv 2014

Der Band enthält eine Auswahl der wichtigsten Artikel, die im Jahr 2014 erschienen sind.

Coverbild Deutschland Archiv 2013

Deutschland Archiv 2013

Der Band enthält eine Auswahl der wichtigsten Artikel, die im Jahr 2013 erschienen sind.

Zum Shop

Deutschlandarchiv bei Twitter

Chronik der Mauer

Es erwartet Sie eine Fülle von multimedial aufbereiteten Informationen über Mauerbau und Mauerfall - und über die Opfer der Grenze.

Mehr lesen auf chronik-der-mauer.de

Dossier

Stasi

Alles wissen, alles kontrollieren, Menschen manipulieren. Aus der Arbeitsweise der DDR-Geheimpolizei "Stasi" ist auch viel zu lernen über die Mechanismen von Diktaturen der Gegenwart. In der DDR überwanden couragierte Bürgerinnen und Bürger allerdings 1989 ihre Angst vor der "Staatssicherheit".

Mehr lesen

Online-Angebot der bpb und der Robert-Havemann-Gesellschaft

jugendopposition.de

Wie haben junge Menschen in der DDR mit Mut und Musik gegen Stasi und SED-Diktatur gekämpft? Zeitzeugen berichten. Mit zahlreichen Texten, Videos, Audios, Fotos und Dokumenten.

Mehr lesen auf jugendopposition.de

Wird die DDR-Diktatur verharmlost? Und warum begann die intensive Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit erst so spät? Die Deutung von Geschichte ist oft umstritten - und nicht selten ein Politikum.

Mehr lesen

13. August 1961: In den frühen Morgenstunden beginnt der Bau der Mauer, die Deutsche Teilung wird zementiert. Am Abend des 9. November 1989 kommt es zum Mauerfall. Bald 30 Jahre danach ist Deutschland in vielem noch immer ein Land mit zwei Gesellschaften.

Mehr lesen

Online-Archiv

www.wir-waren-so-frei.de

Fast 7.000 private Filme und Fotos aus der Umbruchzeit 1989/90 sowie über 100 begleitende Erinnerungstexte. Dazu ost- und westdeutsche Medienberichte. Die persönlichen Erfahrungen der Fotografen und Filmemacher bieten zusammen mit der öffentlichen Berichterstattung vielfältige Blicke auf die historischen Ereignisse und deren Auswirkungen auf den Alltag in Ost und West.

Mehr lesen auf wir-waren-so-frei.de

Zu dem Thema "Children of Transition, Children of War, the Generation of Transformation from a European Perspective" diskutierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der Deutschlandforschertagung 2016 vom 3. bis 5. November 2016 in der Universität Wien. Die Tagungsdokumentation gibt Einblick in die Themen und Ergebnisse.

Mehr lesen

Der Tag in der Geschichte

  • 17. Juli - 2. August 1945
    Die Potsdamer Konferenz der »Großen Drei« (Truman, USA; Stalin, Sowjetunion; Churchill, ab 28. 7. Attlee, Großbritannien) beschließt, Deutschland zu entmilitarisieren, zu entnazifizieren, zu demokratisieren, zu dekartellisieren und nach dem Prinzip der... Weiter
  • 17. Juli 1954
    Die zweite Bundesversammlung wählt in der West-Berliner Ostpreußenhalle im ersten Wahlgang Theodor Heuss (FDP) zum Bundespräsidenten (871 Stimmen). Die KPD hatte Alfred Weber (SPD) gegen seinen Willen nominiert. Weiter
  • 17. Juli 1985
    In Paris beschließen auf deutsch-französische Initiative 17 europäische Staaten das EUREKA-Projekt. Es verstärkt die Kooperation in der zivilen hochtechnologischen Forschung, vor allem in der Mikroelektronik und Materialforschung, in der Informations-und... Weiter
  • 17. Juli 1990
    Die Ergebnisse der dritten Runde der 2+4-Serie in Paris präjudizieren drei Vorentscheidungen: die identische Entschließung des Bundestages und der Volkskammer zur Endgültigkeit der Oder-Neiße-Grenze (21. 6. 1990), die NATO-Gipfelkonferenz in London (5./6. 7.... Weiter
  • 17. Juli - 6. August 1997
    Das Oderhochwasser erreicht das Land Brandenburg und überflutet nach Deichbrüchen vor allem Landstriche südlich von Frankfurt/O., z. B. die Ziltendorfer Niederung. Am größten zivilen Katastropheneinsatz in Deutschland seit 1945 beteiligen sich auch die... Weiter
  • 15./17. Juli 1947
    An die Stelle der überholten US-Direktive JCS 1067 (11. 5. 1945) tritt die neue Direktive JCS 1779: Danach soll die deutsche Selbstverantwortlichkeit auf Länderebene gefördert, die Demontage auf Kriegsindustrien beschränkt, der Lebensstandard erhöht und die... Weiter
  • 16./17. Juli 1978
    Weltwirtschaftsgipfel in Bonn: Die Staats-und Regierungschefs der sieben wichtigsten westlichen Industrienationen (USA, BRD, Japan, Frankreich, Großbritannien, Italien und Kanada) vereinbaren, ihre Wirtschaftspolitik abzustimmen und so die weltweite Rezession... Weiter