Beleuchteter Reichstag

Medien: Vergangenheit verstehen, Demokratiebewusstsein stärken

Ein Projekt des LISUM Berlin-Brandenburg


24.5.2012
Das Kino als Lernort zu nutzen, Anleitungen zu geben, um Filme als authentische Quellen zu verstehen, Medienkompetenz zu schaffen und neue Zugänge zur unmittelbaren Vergangenheit anzubieten … All das sollte heute, ob in der Forschung, in der politischen Bildung oder im schulischen Alltag als fortwährende Aufgabe gelten. Aber wie geht man hier am besten vor?

Vergangenheit verstehen, Demokratiebewusstsein stärkenBegleitheft (© LISUM Berlin-Brandenburg/Film-Ernst)
  • Vergangenheit verstehen, Demokratiebewusstsein stärken. Die DDR im (DEFA-)Film. Projektbericht und Materialien für den Unterricht, Hg. Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg (LISUM)/Film-Ernst, Ludwigsfelde: LISUM 2010, 75 S. + CD-ROM, ISBN: 9783940987631.


Das Kino als "Lesesaal der Moderne", als Ort der Unterhaltung wie der Filmbildung,[1] als Lernort zu nutzen, Anleitungen zu geben, um Filme als authentische Quellen, als "Zeitkapseln" zu verstehen, Medienkompetenz zu schaffen und neue Zugänge zur unmittelbaren Vergangenheit anzubieten … All das sollte heute, ob in der Forschung, in der politischen Bildung oder im schulischen Alltag als fortwährende Aufgabe gelten. Aber wie geht man hier am besten vor?

20 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung, 21 Jahre nach dem Fall der Mauer haben die jetzigen Schülergenerationen keine Erfahrungen mehr mit der DDR und dem Wiedervereinigungsprozess. Deshalb sieht der Direktor des Landesinstituts für Schule und Medien Berlin-Brandenburg (LISUM), Jan Hofmann, in dem Projekt "Vergangenheit verstehen, Demokratiebewusstsein stärken" eine attraktive Möglichkeit, in einer "Symbiose von Klassenzimmer und Kino die spannende, kritische und erkenntnisreiche Auseinandersetzung mit DDR-Vergangenheit anhand ihrer filmischen Konstruktionen" Wege zum geschichtlichen Verständnis zu ebnen (so Hofmann im Vorwort der Broschüre).

Für einen der beteiligten Zeitzeugen, Peter Kahane, Regisseur unter anderem der DEFA-Filme "Ete und Ali" und "Die Architekten" (letzterer wurde im Rahmen des Projektes vorgestellt) war diese Filmreihe besonders wichtig. Denn es sei zu befürchten, "dass die Erinnerung an die konfliktreiche Realität den Klischees ideologischer Vorurteile zum Opfer fällt."[2] Unterstützung erfuhr deshalb das Projekt von dem Beauftragten der Bundesregierung für die neuen Bundesländer und der damaligen Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, Marianne Birthler, der Filmhochschule "Konrad Wolf" in Potsdam, der DEFA-Stiftung und anderen.

Rund 1.000 Schülerinnen und Schüler nahmen im November/Dezember 2009 an insgesamt 13 Veranstaltungen in zehn Orten des Landes Brandenburg und in Berlin teil. Im Folgejahr wurde das Projekt weitergeführt. Es wurden 15 Filme gezeigt, darunter auch drei dokumentarische Produktionen, zwei Drittel waren einst als Produktionen der DEFA-Studios in die Kinos gekommen. Im Anschluss an die Filmvorführungen hatten die Schüler Gelegenheit, mit Experten und Mitwirkenden an den Filmprojekten ins Gespräch zu kommen und sich über die Inhalte, Formen und Wirkungen der Filme auszutauschen. Das Ziel war es, im schulischen-kulturellen Lernen sich mit erlebter Vergangenheit an Hand von kulturellen Produkten aus dieser Vergangenheit bzw. mit der Verarbeitung der DDR-Vergangenheit durch filmische Konstruktionen auseinanderzusetzen.

Nun liegt eine Broschüre vor, die als Ausgangs- oder Arbeitsmaterial für den schulischen Unterricht genutzt werden kann. Die beigelegte CD-ROM enthält Unterrichtsmaterial zu fünf der in der Reihe vorgestellten Spielfilme; nur einer davon ist ein Dokumentarfilm: Unterrichtskonzepte und -vorschläge, Pressestimmen, Abnahmeprotokolle oder -besprechungen, aufbereitete Hintergrundinformationen zum Gegenstand der Filmthematik, filmografische Angaben zu den Produktionsbedingungen, Dialogbeispiele etc.

Teilweise gelungen scheint das bei dem ältesten der Filme, dem Farbfilm "Ernst Thälmann – Führer seiner Klasse" (Regie: Kurt Maetzig) aus dem Jahr 1955, einer Zeit, in der in der DDR wie auch in der Bundesrepublik die Masse der Kinofilme nur selten in Farbe produziert wurden. Auf der beiliegenden CD sind ausführliche Materialien zur kritischen Arbeit mit Dokumenten zum historischen Kontext der Filmgeschichte und Ideologiebildung vorhanden, leider keine zu den Rezeptionsbedingungen, was gerade in diesem Fall von erheblicher Bedeutung wäre: Im Grunde hatte jeder Heranwachsende in der DDR die beiden Teile der Thälmannfilme sehen müssen, ob im Schulalltag oder im Rahmen von Veranstaltungen der "gesellschaftlichen Massenorganisationen" FDJ oder Junge Pioniere (hier zumindest den ersten Teil: "Ernst Thälmann – Sohn seiner Klasse", 1954; Regie ebenfalls Kurt Maetzig).

Vom Nutzungsstandpunkt der Geschichtspädagogen aus betrachtet, zeigt das Material gerade zu diesem Beispiel auch die hermeneutischen Grenzen des angestrebten Verstehens auf. Denn diese Hagiografie in filmischen Bildern aus der frühen DDR sollte nicht nur von der Kontexterschließung erfassbar werden, sondern gerade vom Bildmaterial. Leider gibt nur ein Unterrichtshinweis Anregung für die kritische Beschäftigung mit Filmbildern und propagandistischer Absicht (Begleittext-PDF zu dem Film, S. 11). Überhaupt werden film-/bildsprachliche Vorgehensschritte für den Unterricht nur wenig angeboten. Mitunter ist die Erarbeitung "filmsprachlicher Umsetzung" zwar in den Zielvorschlägen erwähnt, aber doch nur selten gibt es konkrete Handreichungen für die Beschäftigung mit filmischer Inszenierungsweise. Weitgehend beschränken sie sich auf Textvergleiche zwischen filmischer und historischer Realität, etwa bei den zur Verfügung gestellten Materialien auf CD-ROM zum DEFA-Spielfilm "Karla" (1965; Regie: Hermann Zschoche; Drehbuch: Ulrich Plenzdorf), der zu der 1966 verbotenen DEFA-Jahresproduktion an Kinospielfilmen zählt und erst 1990 in restaurierter Fassung zu sehen war. Gelungen sind bei dem Material zu "Karla" die weiterführenden und eng am Medium ansetzenden Arbeitsanregungen, etwa der Vorschlag eines historischen Vergleichs einer Unterrichtsszene aus "Karla" mit einer aufgezeichneten historischen Unterrichtsstunde aus der DDR (zu sehen auf der DVD "Mauerbau im DDR-Unterricht", 2005; siehe Begleittext-PDF zu "Karla", S. 5)

Besser gelöst scheint diese Kombination von Textdokumenten, Stellungnahmen und Anleitungen zur kritischen Analyse der Filmbilder bei dem einzigen DEFA-Dokumentarfilm in der Reihe, "flüstern & schreien" (Regie: Dieter Schumann) aus dem Jahr 1988. Dessen Premiere fand im Oktober 1988 statt, der abendfüllende Film lief dann in allen DDR-Bezirken. Er hatte eine geschätzte halbe Million Zuschauer, nicht nur, weil bekannte Bands und Interpreten darin auftraten, sondern weil auf viele Filmvorführungen Live-Konzerte der Bands "Silly" mit Tamara Danz, "Feeling B" und anderen folgten. Das zur Verfügung gestellte Arbeits- und Hinweismaterial zu dem Film schlägt unter anderem vor, anhand ausgewählter Szenen die Gründe zu finden, warum der DDR-Staat Punks so negativ einstufte und welche Motive und Standpunkte Jugendliche vertraten.

Anhand des Films "Sonnenallee" (Regie: Leander Haußmann; 1999), nach dem Drehbuchmitautor Thomas Brussig sein erfolgreiches Buch "Am kürzeren Ende der Sonnenallee" veröffentlichte, wird vorgeschlagen, die Frage zu erörtern, ob bzw. wie das Leben unter den diktatorischen Verhältnissen in der DDR als Komödie aufgearbeitet werden kann, ohne den "Schleier der Nostalgie" (Brussig) darüber zu breiten. Im Begleittext zu dem Film werden neben dem Text der FDJ-Hymne "Sag mir wo du stehst" und Informationen zum "Oktoberklub" auch jeweils Quellentexte zu den zentralen Figuren der Handlung angeboten sowie Fotomaterial, um diese Form der Konstruktion von Geschichte zu erarbeiten.

Schließlich sei noch auf den jüngsten Film der Reihe verwiesen, auf "Wie Feuer und Flamme" unter Regie von Connie Walther (Buch: Natja Brunckhorst) aus dem Jahr 2001. Er ist im Begleitheft allerdings nur recht dürftig vorgestellt. Auch hier stehen Punks im Zentrum der Handlung, ein retrospektiver, teilweise biografisch gefärbter Blick auf die deutsch-deutsche Teilungsrealität am Beispiel eines Punk-Pärchens. Gerade diese Ausgangssituation macht es sicherlich für den Unterricht interessant, mit geeigneten Materialien die Bedürfnisse und Wünsche von Jugendlichen unter den damaligen Bedingungen zu hinterfragen und in historisches Wissen einzubringen. Immerhin gibt es zu diesem Film ein Begleitheft der Bundeszentrale für politische Bildung.[3]

Die Zielgruppen des zur Verfügung gestellten Materials sind Pädagogen für SchülerInnen in Oberstufenjahrgängen von Gymnasien, Realschulen mit weiterführenden Klassen, Kollegs des zweiten Bildungswegs und bedingt auch anderen Schulformen. Das ist zunächst nicht verwunderlich, da dort die Lehrpläne genügend Spielraum für die thematische Beschäftigung vorsehen. Aber wie wird in Realschulen und Hauptschulen mit der doppelt deutschen bzw. der DDR-Vergangenheit umgegangen, und wie kann dieser so reichhaltige Materialfundus des DEFA-Filmerbes für solche schulischen Bildungsanforderungen genutzt werden?

Auf die Frage, ob diese Auswahl gültig sein kann bzw. ob die Erweiterung eines Filmkanons für den schulischen Unterricht in einem solchen doch recht aufwendigen Maße fortgeschrieben werden sollte, lässt sich feststellen, dass hier nur ein kleiner Ausschnitt, thematisch wie bezogen auch auf das DEFA-Erbe, berücksichtigt wurde. Ein Nachteil ist zudem, dass die Regiearbeit der im DEFA-Fundus eh nur dünn gesäten Werke von Frauen keine Berücksichtigung fand, etwa von Evelyn Schmidt "Das Fahrrad" (1982), von Iris Gusner "Alle meine Mädchen" (1980) und "Die Taube auf dem Dach" (1973/1990) oder Hanne Unterberg mit dem unterschätzten Kinderfilm "Isabel auf der Treppe" (1984). Ein weiteres irritierendes Moment ist die Feststellung, dass kein DEFA-Film der Siebzigerjahre in dieser Auswahl zu finden ist. Trotz aller Einschränkungen bleiben genügend relevante Filme aus dieser Zeit, um Risse in einer zeitweilig stabilisierten Gesellschaft und das Brüchige einer vermeintlich sicheren "Ankunft im Alltag" zu thematisieren. Nicht als Auswahl, sondern als wertfreie Beispiele seien etwa genannt: "Die Schlüssel" (Egon Günther, 1974), "Für die Liebe noch zu mager?" (Bernhard Stephan, 1974) oder "Bankett für Achilles" (Roland Gräf, 1975).

Schließlich ein weiterer Vorschlag für Quellentexte zu Filmbeispielen: SchauspielerInnen und ihre Geschichte, ihr Weg von der DDR in die alte bzw. neue Bundesrepublik oder reflektierende Stellungnahmen etwa von Corinna Harfouch, Manfred Krug, Peter Sodann oder Jutta Hoffmann.

Sehr zu begrüßen sind Nachfolgeprojekte und weitere Ansätze, das DEFA-Erbe, auch im Unterricht einzusetzen. So soll sich der Rundfunk Berlin Brandenburg (RBB) zurzeit darum bemühen, Dokumentarfilme zur Geschichte des Landes Brandenburg zusammenzustellen und zur Verfügung zu stellen. Ende Februar dieses Jahres 2012 hat auch das Pädagogische Landesinstitut in Rheinland-Pfalz einen ersten Schritt in der Lehrerfortbildung unternommen mit dem Projekt "DDR im Film", mit einer zum Teil anderen Auswahl von Filmbeispielen, darunter "Berlin Ecke Schönhauser" (Regie: Gerhard Klein; 1957), der Verbotsfilm "Spur der Steine" (Regie: Frank Beyer; 1966/1990) und "Das Leben der Anderen" (Regie: Florian Henckel von der Donnersmarck; 2006) sowie einigen Dokumentationen wie "Chronik der Wende", "Leben in der DDR" oder "Jugend in Ost und West". Dazu liegen auch Begleitmaterialien in ähnlicher Weise wie beim vorgestellten Projekt vor (Kontextmaterialien, Zeitzeugeninterviews und Unterrichtskonzeptionen).[4]


Fußnoten

1.
Ingeborg Havran, Filmheft "Wie Feuer und Flamme" von Connie Walther und Natia Brunckhorst, Deutschland 2001, Köln 2001.
2.
»http://bildungsserver.berlin-brandenburg.de/6021.html« [7.5.2012].
3.
Als PDF unter http://www.bpb.de/34187/ [7.5.2012].
4.
Rückfragen dazu bitte an das Landesinstitut Pädagogik Rheinland-Pfalz, Filmbuero@pl.rlp.de.

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