Beleuchteter Reichstag

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30.5.2012 | Von:
Henk Erik Meier
Marcel Reinold
Anica Rose

Dopingskandale in der alten Bundesrepublik

Öffentlicher Diskurs und sportpolitische Reaktionen

Der erste deutsche "Dopingtote": Jupp Elze

Hintergrund

Während sich der Fall Brustmann in einem sportpolitischen Umfeld ereignete, in dem Doping kaum thematisiert worden war, waren DSpÄB, DSB und das Bundesinnenministerium (BMI) ab Mitte der 1960er-Jahre in Reaktion auf Initiativen des Europarats erstmals in der Dopingfrage aktiv geworden. Das Ministerkomitee des Europarats hatte in seiner Resolution "Doping of Athletes" vom 29. Juni 1967 allerdings die Verankerung sportinterner Regelungen etwaigen staatlichen Maßnahmen vorgezogen.[45] Vor dem Hintergrund der deutschen Doktrin der Autonomie des Sports ist es nicht verwunderlich, dass in der Bundesrepublik – wie in der Mehrheit der westeuropäischen Staaten – der Weg der sportinternen Regelung eingeschlagen und kein staatliches Antidopinggesetz wie 1965 in Frankreich und Belgien erlassen wurde. Infolgedessen forderte der Deutsche Sportärztebund auf dem Bundestag des DSB 1966 eine Verpflichtung der DSB-Mitgliedsorganisationen zur satzungsmäßigen Verankerung eines gegen Doping gerichteten "Schutz-Paragraphen". Da in der Debatte beim DSB-Bundestag hervorgehoben wurde, dass der Verband als Dachorganisation keinen bindenden Beschluss gegenüber den Mitgliedsverbänden fassen konnte, wurde lediglich eine unverbindliche "Empfehlung" ausgesprochen.[46]

Jupp ElzeJoseph "Jupp" Elze, undatierte Aufnahme (© ddp/AP)
Um die öffentliche und sportpolitische Debatte um den tragischen Tod des Berufsboxers Jupp Elze zu verstehen, muss vergegenwärtigt werden, dass der gesamte Profisport im Nachkriegsdeutschland auf wenig Akzeptanz traf. Nachdem der deutsche Sport durch seine Zusammenarbeit mit den Nazis kompromittiert worden war, hatten die Sportfunktionäre den Versuch eines Neuanfangs unternommen und den Sport unter Anknüpfung an den olympischen Amateurismus als Gegenwelt zu Politik und Berufsleben positioniert. Der Berufssport hatte in diesem stark ideologisierten Bild keinen Platz. Daher grenzte sich auch der Deutsche Amateur Box Verband (DABV) klar vom Berufsboxen und dessen Verband, dem Bund Deutscher Berufsboxer (BDB) ab, dem zum Zeitpunkt der Affäre ein Kölner Nachtclubbesitzer vorstand. Während der DABV 50.000 Amateurboxer repräsentierte, vertrat der BDB nur circa 50 Berufsboxer.[47]

Die Bundesregierung wurde bereits vor dem Tod Elzes mit Forderungen nach einem Verbots des Berufsboxens konfrontiert. Auf die Kritik eines Orthopäden antwortete das BMI jedoch knapp: "Es gibt bereits zahlreiche Gerichtsurteile zu diesem Problem. Dabei ist – gestützt auf gutachtliche Stellungnahmen – allgemein festgestellt worden, daß im Verhältnis zu anderen Sportarten der Boxsport keinen besonders gefährlichen Sport darstellt."[48]

Der tragische Protagonist der Affäre, Joseph "Jupp" Elze, war seit 1961 Profiboxer und bestritt bis zu seinem Tod 42 Profikämpfe, von denen er 34 gewann. Während Elze ein regionales Sportidol war, galt er als taktisch und technisch limitiert, aber auch als schlagkräftig und risikofreudig.[49] Im Kampf gegen den amtierenden Europameister im Mittelgewicht, Juan Carlos Duran, zeigte Elze bereits während des intensiven Schlagabtausches Anzeichen von Desorientierung, bevor er in der 15. und letzten Runde zu Boden ging und nach seiner Aufgabe bewusstlos zusammenbrach. Acht Tage später erlag Elze seinen schweren Gehirnverletzungen. Bei der Obduktion wurde durch den zuständigen Gerichtsmediziner die Einnahme eines Dopingmittels, vermutlich des Aufputschmittels Pervitin[50], festgestellt.[51] Obwohl ein zweifelsfreier Nachweis, dass Elzes Tod durch Doping verursacht worden ist, nicht vorlag, hatte dieser Dopingbefund ein staatsanwaltschaftliches Ermittlungsverfahren zur Folge und löste eine öffentliche Grundsatzdiskussion um den Boxsport in Deutschland aus. Zudem sorgte die Tatsache, dass Elze seine Frau und den anderthalbjährigen Sohn faktisch mittellos hinterließ, für große öffentliche Betroffenheit und inspirierte eine Spendenaktion, durch die Elzes Management der Witwe ein Dreifamilienhaus kaufen konnte.[52]

Der öffentliche Skandal

Die erhebliche Medienaufmerksamkeit ist auch darauf zurückzuführen, dass sich vor allem der Kölner "Express" in der "Hilfsaktion Jupp Elze" engagierte. Großes Medieninteresse zogen auch die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft auf sich. Die Beteiligten wiesen zunächst jeden Dopingverdacht von sich, leugneten eine Beteiligung, verstrickten sich in Widersprüche und griffen schließlich den zuständigen Gerichtsmediziner an.[53] Darüber hinaus wurden der Ringrichter sowie Elzes Manager und Trainer dafür verantwortlich gemacht, dass sie zu spät eingegriffen hätten. Auch wurde darüber spekuliert, ob die schweren Acht-Unzen-Handschuhe die Wahrscheinlichkeit von Verletzungen erhöhten, wie Elzes Gegner behauptete.[54] Neben der Todesursache wurden die sportpolitischen Reaktionen intensiv dargestellt, wobei die positive Würdigung der zeitnahen Reaktion des Bundes Deutscher Berufsboxer relevant für das sportpolitische "Überleben" des Profiboxens gewesen sein dürften.[55]

Deutlich wurde weiterhin das schlechte Image des Profiboxens. Es galt als Sport mit besonderen Gesundheitsrisiken; die "SZ" nannte 263 tote Berufsboxer in der Nachkriegsära[56], die "WAZ" zählte 500 Tote seit der Jahrhundertwende.[57] Obwohl keine Belege für die Verbreitung von Doping im Profiboxen existierten, wurde auf fehlende Dopingkontrollen hingewiesen.[58] Diese Wahrnehmung des Profiboxens als besonders gefährlichen Sport wurde lediglich in "Bild" relativiert, in der der einstige Profi-Europameister Bubi Scholz das Boxen als "harten, ritterlichen Sport" bezeichnet, der nur in der Hand falscher Leute brutal und gefährlich sei.[59] Die Presse sah die Erklärung für die besonderen Gesundheitsgefahren im Profiboxen in der Profitorientierung von Management und Veranstaltern. Die "FAZ" fasste die Vorbehalte gegen das Profiboxen exemplarisch zusammen: "Die Diskussion, ob Boxsport lizenzierter Totschlag ist, flammt wieder auf […] Neue Schutzmaßnahmen werden immer wieder gefordert, helfen aber wenig, solange die Vernunft und das natürliche Leistungsvermögen der Boxer von beruflichem Ehrgeiz und Gewinnsucht immer wieder verdrängt werden. Das ist beim professionellen Radfahren (Doping) ebenso, und auch im Motorsport."[60] Dem Profiboxen wurde die Existenzberechtigung abgesprochen, "da finanzsüchtige Interessengruppen von Veranstaltern dem Gelde mehr zugetan sind als der Gesundheit ihres Schützlings, der im Fahrwasser der Abhängigkeit oft auch selbst nicht mehr die eigene Kontrollfähigkeit besitzt."[61] Das Bild skrupelloser Geschäftspraktiken im Profiboxen wurde dadurch komplettiert, dass der Boxer aufgrund erheblicher Provisionen an sein Management, Trainingsgebühren sowie einer Ablösezahlung wenig von seinen Kampfbörsen profitiere.[62]

So zeigt sich im Hinblick auf die ethischen Maßstäbe der Kommentatoren, dass das Profiboxen deshalb abgelehnt wurde, weil mit Berufssport die prinzipielle Gefahr verbunden wurde, dass die Gesundheit der Sportler den Profitinteressen geopfert würde.[63] Die Wahrnehmung des Profisports war somit 1968 immer noch von einer ethischen Neuausrichtung des Sports in der Nachkriegsära als "zweckfreiem Spiel" geprägt, worauf eine Stellungnahme der Amateurboxer zur Affäre auch erkennbar anspielte.[64] Allerdings ist festzuhalten, dass die beiden Boulevardzeitungen keine prinzipiellen Vorbehalte gegen den Profiboxsport äußerten. Zwar mahnte "Bild" eine bessere soziale Absicherung der Profiboxer durch ihr Management an, wertete aber die Tatsache, dass Elze nach dem Ende seiner Boxlaufbahn zum Sozialfall geworden wäre, nicht grundsätzlich gegen das Profiboxen.[65] Der "Express", immerhin Initiator der "Hilfsaktion Jupp Elze", beschränkte sich auf die Darstellung der prekären finanziellen Situation der Familie und äußerte keine eigenständige grundsätzliche Kritik am Profiboxen.[66] Allerdings positionierte sich "Bild" klar gegen "Doping-Gangsterei"[67] im Sport und artikulierte am deutlichsten sportpolitische Forderungen.

Die beiden Qualitätsblätter "Frankfurter Allgemeine" und "Süddeutsche Zeitung" stellten die Existenzberechtigung des Profiboxens nur indirekt in Frage, indem sie auf die Diskussion über ein generelles Boxsportverbot besonders in der SPD-Bundestagsfraktion hinwiesen.[68] Die liberale Position der Bundesgesundheitsministerin Käte Strobel erfuhr nur wenig Resonanz. Strobel machte zwar die politischen Vorbehalte gegen den Boxsport wegen der Gesundheitsgefährdungen und vermeintlich verrohender Wirkungen deutlich, erklärte aber, man habe "nicht die Möglichkeit, in einem freiheitlichen Staatswesen die Menschen zu ihrem Glück zu zwingen und bestimmte Dinge zu verbieten."[69]

Die "WAZ" äußert sich dagegen dezidiert kritisch gegenüber dem Profiboxen und fordert zunächst zwar nicht dessen Verbot, aber seinen Ausschluss von den Sportverbänden.[70] Schließlich beschränkt sich die "Westdeutsche Allgemeine" später auf die Forderung nach einer größeren Entscheidungsbefugnis der Ärzte.[71] Die klarsten und deutlichsten Forderungen finden sich in der "Bild"-Zeitung, die das Profiboxen nicht grundsätzlich ablehnt, sondern eine maßvolle Reaktion anmahnt. Ex-Profiboxer Bubi Scholz wird zum Sprachrohr der Forderung: "Alle Macht den Ärzten!"[72]

Der Kölner Sporthallen-Direktor, der in Reaktion auf einen Antrag der Kölner CDU-Fraktion nach dem Kampf angekündigt hatte, vorläufig kein Profiboxen in Köln mehr zu erlauben, präsentierte in der "Bild"-Zeitung einen Reformkatalog für das deutsche Profiboxen. Dieser beinhaltete eine Beschränkung auf zehn Runden, eine Stärkung der Ringärzte, befristete und permanente Lizenzentzüge für Boxer nach K.O.-Niederlagen sowie strengere ärztliche Dopingkontrollen und eine Rezeptpflicht für Dopingmittel.[73] "Bild" bezeichnete zudem die DSB-Initiative zur Schaffung eines staatlichen Antidopinggesetzes als überfällig ("Endlich!"): "Dem Dopingsünder müssen strafrechtliche Folgen drohen …", als "schnelle Hilfe für den Sport" sei aber ein staatliches Dopingkontrollinstitut erforderlich.[74] DSB-Präsident Willi Daume erneuerte in "Bild" seine Forderungen nach einem staatlichen Dopinggesetz, selbst wenn dafür eine Grundgesetzänderung notwendig sei.[75]

Angesichts der grundsätzlichen Vorbehalte gegen das Berufsboxen ist bemerkenswert, dass die zeitnahen Änderungen des BDB zum Schutz der Profiboxer die öffentliche Empörung sehr bald dämpften. Die Regeländerungen kommentierte "Bild" positiv ("Endlich! Endlich! Endlich!"[76]). Die "WAZ" bescheinigte dem Profiverband, dass er "diesmal nicht versucht hat, bisherige Maßnahmen nachträglich noch zu rechtfertigen, sondern über den eigenen Schatten gesprungen ist und schnell und positiv reagiert hat."[77] Auch die "SZ" begrüßte die Regeländerungen, forderte aber weitere Anstrengungen und eine ethisch zu verstehende "Neuorientierung", wonach das Boxen humaner werden und sich dem uneingeschränkten Schutz der Athleten widmen müsse.[78]

Sportpolitische Reaktionen

Der Skandal um den Tod Jupp Elzes löste folgende sportpolitische Reaktionen aus: Erstens wurden Maßnahmen zur Reduzierung der Gefahren des Boxsports diskutiert und umgesetzt. Zweitens lebte die Antidopingdebatte wieder auf. Zunächst illustrierte der Fall Elze allerdings die Grenzen einer strafrechtlichen Aufarbeitung von Dopingvergehen. Aufgrund der schwierigen Kausalzurechnung blieben die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen trotz erheblichen Medieninteresses ergebnislos.[79]

Fünf Tage nach Elzes Tod forderte das BMI den DSB unter Hinweis auf die "heftig" geführte öffentliche Diskussion auf, Stellung zu nehmen zu einem Boxverbot, zu den bestehenden Sicherungsmaßnahmen sowie zu deren tatsächlicher Einhaltung im Fall Elze.[80] Das Präsidium des DSB reagierte darauf im Gegenzug unter anderem mit der Forderung an die Bundesregierung, beim Berufsboxverband auf eine Neuordnung der Schutzbestimmungen im Sinne der Richtlinien des DABV einzuwirken.[81] Der Amateurboxverband seinerseits distanzierte sich vom Profiboxen und stellte fest, dass der Amateurboxsport nicht als gefährlich gelten könne, wenn streng nach den geltenden Schutzbestimmungen des DABV verfahren werde.[82] Dennoch stärkte der DABV die Rolle der Sportärzte sowohl während der Kämpfe als auch in den Verbandsstrukturen.[83]

Der BDB argumentierte nach dem Tod Elzes, dass nicht das Boxen die Todesursache gewesen wäre, sondern Doping und daher keine besondere Gesundheitsgefahr vom Profiboxen selbst ausgehe.[84] Dem Profiverband waren die politischen Gefahren für das Berufsboxen jedoch bewusst, da die Mitglieder des BDB noch vor der Beerdigung Elzes zu einer Sondersitzung zusammenkamen und "verschärfte Schutz- und Dopingvorschriften" verabschiedeten. Diese sahen vor, dass der Ringarzt jederzeit den Kampf abbrechen durfte, Dopingproben nach jedem Kampf genommen wurden sowie ein Lizenzverlust und die Einbehaltung der Kampfbörse bei Dopingmissbrauch drohten. Die Rundenzahl wurde von 15 auf zehn Runden verkürzt.[85] Diese Initiativen waren auch geboten, weil die Direktoren der deutschen Sporthallen sie zur Bedingung für weitere Profikämpfe machten.[86] Allerdings akzeptierte die European Boxing Union nur eine Verkürzung auf zwölf Runden,[87] wenngleich sie in Reaktion auf Elzes Tod ebenfalls ein striktes Dopingverbot erließ.[88] Die Hoffnungen der Berufsboxer auf mehr Einfluss im BDB und auf bessere soziale Absicherung wurden jedoch bald enttäuscht.[89] Ebenso hielten Klagen über den dilettantischen Charakter des deutschen Profiboxens an.[90]

Darüber hinaus führte der Fall Elze zur Wiederaufnahme der Antidopinginitiativen im deutschen Sport. In Reaktion auf die bereits erwähnte Aufforderung des BMI zur Stellungnahme beschloss das Präsidium des DSB, die Bundesregierung zu bitten, "ein Gesetz gegen das Doping zu schaffen, nachdem offenbar die Wettkampfbestimmungen diesen gegen alle sportlichen Regeln verstoßenden Missbrauch nicht verhindern können".[91]

Im November 1968 wurde Doping zum ersten Mal im Deutschen Bundestag thematisiert, als der SPD-Abgeordnete Franz Josef Zebisch eine Anfrage zu den Konsequenzen aus dem Dopingfall Elze stellte. In seiner Antwort verwies der zuständige Bundesinnenminister Ernst Benda auf die bereits erfolgten Initiativen der Bundesregierung, des DSB und des DSpÄB und stellte fest, dass "die bestehenden strafrechtlichen Bestimmungen über die fahrlässige und vorsätzliche Körperverletzung und Tötung bereits einen weitergehenden Schutz gegen das Doping bieten und weitere Maßnahmen von den Sportfachverbänden in deren Statuten geregelt werden sollten."[92]

Allerdings bat das BMI im Mai 1969 in ähnlich lautenden Briefen DSB, NOK und DSpÄB um Informationen, welche Schritte bislang gegen Doping eingeleitet worden wären. Der DSB befragte daraufhin seine Verbände[93] und kam zu dem ernüchternden Ergebnis, dass lediglich vier der 42 angeschriebenen Verbände Antidopingbestimmungen in ihren Satzungen aufwiesen. Damit wurde die weitgehende Wirkungslosigkeit vorangegangener Initiativen deutlich. Zudem wiesen die existierenden Dopingbestimmungen mit Ausnahme der Regelungen im Radsport nur eine geringe Komplexität auf.[94] Die Regelungen des Deutschen Leichtathletik- und des Deutschen Amateur Box Verbandes umfassten wenige Zeilen und kamen über eine Spezifizierung des Dopingbegriffs, moralische Verurteilung und relativ allgemeingehaltene Sanktionen nicht hinaus. In den Regelungen des DLV und des DABV ist von Dopingkontrollen noch nicht die Rede.[95] Damit waren die formalen Voraussetzungen für eine wirksame Kontrolle und Sanktionierung von Dopingvergehen zu dieser Zeit nicht vorhanden.

Schließlich führte die wiederbelebte Dopingdebatte zu einem Meilenstein in der Dopingbekämpfung, den "Rahmen-Richtlinien zur Bekämpfung des Dopings" von 1970. Diesen Richtlinien ging ein Expertensymposium im November 1969 unter der Leitung des Freiburger Sportmediziners Joseph Keul voraus, in dessen Folge beim Bundestag des DSB im folgenden Jahr die Annahme von Dopingbestimmungen beantragte. Diesmal wurden konkrete inhaltliche Vorschläge zur Ausgestaltung der Rahmenrichtlinien präsentiert,[96] die vom Hauptausschuss des DSB im September 1970 verabschiedet wurden.[97] Die Rahmenrichtlinien stellten ein gegliedertes Regelwerk mit ausführlicher Dopingliste dar, das den komplexen regulativen Anforderungen von Antidoping deutlich gerechter wurde als vorherige Regelungen. Zudem waren diese Bestimmungen nicht mehr nur als unverbindliche Empfehlung an die Sportverbände, sondern als Erlass an alle im DSB zusammengeschlossenen Turn- und Sportverbände formuliert. Diese verpflichteten sich, "die Verwendung von Dopingmitteln im Sport zu verbieten und das Doping mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln zu bekämpfen".[98]

Damit führte der Fall Elze nicht zu grundsätzlich neuen Diskussionen und Initiativen im Antidoping, jedoch zu einer Wiederaufnahme und deutlichen Verstärkung sportpolitischer Bemühungen. Im Gegensatz zur Debatte nach dem Fall Brustmann, die sich wesentlich auf die Dopingdefinitionsfrage beschränkte, stand nun die konkrete Ausgestaltung von Antidopingmaßnahmen im Mittelpunkt, wobei die bundesdeutsche Sportpolitik trotz der öffentlichen Erregung an dem gewählten Weg der sportinternen Regelung festhielt. Diese Prozesse mündeten in die Verabschiedung der Rahmenrichtlinien des DSB zur Bekämpfung des Dopings 1970, die einen konkreteren und stärker verpflichtenden Charakter trugen. Allerdings vernachlässigten die Rahmenrichtlinien Fragen der praktischen Umsetzung von Antidoping in Form von Dopingkontrollen. Tatsächlich wurden Kontrollen zu dieser Zeit fast ausschließlich im Radsport vorgenommen.


Fußnoten

45.
Resolution (67) 12, i. dt. Übersetzung versandt: Mitgliederrundschreiben des DSB, Frankfurt a. M. 15.11.1967, BArch, B322/122.
46.
Reinold u.a. (Anm. 44).
47.
Hans Grebe, Ärztliche gutachtliche Stellungnahme […] zum Thema "Boxen" bzw. "Boxverbot", Frankenberg 8.7.1968, DSOB-Archiv, Ordner 283.
48.
Schreiben BMI an Mirecki, Bonn 24.5.1968, DOSB-Archiv, Ordner 258.
49.
WAZ, 22.6.1968.
50.
FAZ, 22.6.1968.
51.
Vgl. Express, 24.6., 2.7.1968.
52.
Express, 17.7.1968.
53.
Express, 24.6., 2.7.1968.
54.
FAZ, 15.6.1968.
55.
FAZ, 27.6.1968; SZ, 28.6.1968; Bild, 27.6.1968; WAZ, 27.6.1968; Express, 27.6.1968.
56.
SZ, 22.6.1968.
57.
WAZ, 21.6.1968.
58.
SZ, 22.6.1968.
59.
Bild, 22.6.1968.
60.
FAZ, 15.6.1968.
61.
WAZ, 21.6.1968.
62.
Express, 19.6.1968; Bild, 5.7.1968.
63.
FAZ, 15.6.1968; SZ, 22.6.1968; WAZ, 21.6., 24.6.1968.
64.
WAZ, 8.7.1968.
65.
Bild, 5.7.1968.
66.
Express, 19.6.1968.
67.
Bild, 25.6., 8.7.1968.
68.
FAZ, 15.6.1968; SZ, 24.6.1968.
69.
WAZ, 22.6.1968.
70.
WAZ, 21.6.1968.
71.
WAZ, 24.6.1968.
72.
Bild 22.6.1968.
73.
Bild 25.6.1968.
74.
Bild, 8.7.1968.
75.
Bild, 2.8.1968.
76.
Bild, 27.6.1968.
77.
WAZ, 27.6.1968.
78.
SZ, 28.6.1968.
79.
Vgl. Express, 2.7.1968; Bild, 27.9.1968; FAZ, 26.7.1968.
80.
Schreiben BMI an DSB, Bonn 25.6.1968, DOSB-Archiv, Ordner 283.
81.
Beschlußprotokoll der 68. Präsidialsitzung des DSB am 6.7.1968, Frankfurt a. M. 16.7.1968, DOSB-Archiv, Ordner Protokolle DSB-Bundestage, S. 4f.
82.
Grebe (Anm. 47).
83.
SZ, 6.9.1968.
84.
Schreiben BDB an den Generalsuperintendenten von Berlin, Berlin 24.7.1968, DOSB-Archiv, Ordner 283.
85.
FAZ, 27.6.1968.
86.
Bild, 1.8.1968.
87.
FAZ, 29.11.1968.
88.
WAZ, 18.11.1968.
89.
Bild, 15.7.1968.
90.
Bild, 19.7.1968.
91.
Beschlußprotokoll (Anm. 81), S. 4f; Schreiben DSB an BMI, Frankfurt a. M. 11.7.1968, DOSB-Archiv, Ordner Protokolle DSB-Bundestage.
92.
196. Sitzung des Deutschen Bundestags, Bonn 15.11.1968, DOSB-Archiv, Ordner 283, S. 10556.
93.
Schreiben DSB an Spitzenverbände, Frankfurt a. M. 28.5.1969, BArch, B322/9.
94.
Sportordnung des BDR 1963, Ziffer 29b; Strafmaß bei Verstößen präzisiert 1968: vgl. Radsport v. 23.4.1968.
95.
Vgl. z.B. Amtliche Leichtathletik Bestimmungen 1968, Regel 16 – schärfer gefasst gemäß IAAF 1971; DABV Wettkampf-Bestimmungen 1967, § 38.
96.
Tagesordnung der ord. Mitgliederversammlung beim 8. Bundestag 1970 des DSB am 24./25.4.1970, DOSB-Archiv, Ordner Protokolle DSB-Bundestage, Pkt. 16.
97.
Beschlußprotokoll der 8. Hauptausschuß-Sitzung des DSB am 26.9.1970 in Mannheim, Frankfurt a. M. 29.9.1970, Pkt. 5.
98.
Deutscher Sportbund, Rahmen-Richtlinien zur Bekämpfung des Dopings, 1970, Präambel.

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