Beleuchteter Reichstag

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15.6.2012 | Von:
Andreas Kötzing

Keine einfachen Wahrheiten

Die Leipziger Dokumentarfilmwoche und der Fall IM "Walter"

Die Leipziger Dokumentar- und Kurzfilmwoche wurde seit den 1960er-Jahren vom MfS überwacht, insbesondere wegen der viele Gäste aus dem Westen. Dabei kamen auch zahlreiche Inoffizielle Mitarbeiter (IM) zum Einsatz. Der prominente Fall IM "Walter" zeigt, wie komplex und widersprüchlich die IM-Tätigkeit im Einzelfall sein konnte.

I

Dok Leipzig 2011Plakat des 54. Leipziger Festivals für Dokumentar- und Animationsfilm, 2011 (© Leipziger Dok-Filmwochen GmbH)
"Aber warum nicht einfach die Wahrheit?" – dieser Slogan war im Herbst 2011 in Leipzig auf den Werbeplakaten des 54. Internationalen Festivals für Dokumentar- und Animationsfilm zu lesen. Die Plakate spielten auf die vielfältigen politischen Themen an, die im Rahmen des Festivals in Filmen und Podiumsveranstaltungen aufgegriffen wurden. Die oftmals kontroversen Diskussionen unterstrichen, dass es auch im Dokumentarfilm nur selten einfache Wahrheiten gibt. Dies gilt jedoch nicht nur für politische Dokumentarfilme, sondern auch im Hinblick auf die ambivalente Geschichte des Leipziger Festivals selbst.[1]

Die Leipziger Filmwoche war das größte und wichtigste Filmfestival der DDR. Nachdem das Festival 1955 und 1956 erstmals als innerdeutsche Filmwoche veranstaltet worden war, wurde es – nach einer mehrjährigen Unterbrechung – ab 1960 mit internationaler Beteiligung fortgeführt. Jedes Jahr, meist Mitte November, trafen sich in Leipzig Filmemacher und Journalisten aus aller Welt, um eigene Filme zu zeigen, fremde Filme zu sehen und miteinander zu diskutieren, ähnlich wie auf vielen anderen internationalen Filmfestivals auch. Die Resonanz war sehr groß; insbesondere in der ersten Hälfte der 1960er-Jahren avancierte die Leipziger Filmwoche zu einem der wichtigsten internationalen Schauplätze für Dokumentar- und Kurzfilme. Was die Leipziger Filmwoche jedoch von anderen Festivals unterschied, war ihre ideologische Ausrichtung im Sinne der SED-Kulturpolitik. Getreu dem Motto
Dokfestival Leipzig 1969Die Leipziger Petersstraße im Zeichen der 12. Dokumentar- und Kurzfilmwoche 1969 (© Bundesarchiv, Bild 183-H1113-0014-001; Foto: Wolfgang Kluge)
"Filme der Welt – Für den Frieden der Welt" verstand sich das Festival als Podium für politisch engagierte Filmemacher, die sich mit Menschenrechtsverletzungen, Ausbeutung, Unterdrückung, Krieg und politischer Unfreiheit auseinandersetzten. Die Kritik beschränkte sich allerdings ausschließlich auf das westliche Gesellschaftssystem. Eine kritische Sicht auf die Probleme in den sozialistischen Ländern fand im Rahmen der Dokumentar- und Kurzfilmwoche lange Zeit nicht statt. Kontroverse Themen wie die Verfolgung politischer Gegner unter Stalin, die Niederschlagung des "Prager Frühlings" oder die Solidarność-Bewegung in Polen waren ebenso tabuisiert wie Konflikte in der DDR. Erst 1987, mit Beginn der Perestroika, konnten zahlreiche sowjetische Filme gezeigt werden, die Probleme wie Umweltverschmutzung, Alkoholismus oder die politische Unzufriedenheit in der Sowjetunion offen ansprachen. Bereits ein Jahr später wurden jedoch alle gesellschaftskritischen Filme aus der UdSSR erneut verboten.

II

Überblickt man die Literatur, die inzwischen zur Geschichte des Leipziger Festivals vorliegt,[2] so fällt auf, dass bislang ein wesentlicher Aspekt noch nicht detaillierter betrachtet worden ist: die Überwachung des Festivals durch das Ministerium für Staatssicherheit (MfS). Angesichts der Vielzahl von in- und ausländischen Gästen, die jedes Jahr nach Leipzig kamen, erscheint es naheliegend, dass das MfS in die Vorbereitungen und den Verlauf des Festivals involviert war. Die wenigen bislang bekannten Fakten beschränken sich indes auf einzelne Ereignisse aus der Festivalgeschichte,
Dokfestival Leipzig 1970Plakat zum 13. Leipziger Dokumentar- und Kurzfilmfestival, 1970 (© Leipziger Dok-Filmwochen GmbH)
wie zum Beispiel die "Kerzendemonstration" am Eröffnungsabend des Festivals im Jahr 1983,[3] oder auf Zeitzeugenerinnerungen, die jedoch kritisch hinterfragt werden müssen.[4] Mitunter finden sich in der Literatur auch spekulative Vermutungen, die aufgrund mangelnder Quellenbelege und verwirrender Detailinformationen nur wenig zu einer kritischen Analyse des Einflusses der Staatssicherheit auf das Leipziger Festival beitragen.[5]

Im Rahmen eines Forschungsprojektes, in dem die deutsch-deutschen Filmbeziehungen im Kontext der Filmfestivals von Leipzig und Oberhausen untersucht wurden,[6] konnten in den vergangenen Jahren erstmals ausführliche Aktenrecherchen in den Beständen des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU) zu beiden Festivals vorgenommen werden. Insbesondere für das Leipziger Festival wurde dabei eine Vielzahl an Akten ausgewertet, die einen umfassenden Einblick in die Überwachung des Festivals durch das MfS ermöglichen, darunter auch zahlreiche IM-Vorgänge. Dabei ist meist ersichtlich, ob die betroffenen Personen aus individuellem Interesse bzw. aus politischer Überzeugung mit dem MfS kooperierten; in einigen Fällen lassen sich die Hintergründe der Tätigkeit als inoffizielle Mitarbeiter (IM) der Staatssicherheit jedoch deutlich schwerer auflösen. Häufig sind die überlieferten Akten nur unvollständig erhalten, sodass sich das genaue Ausmaß der IM-Tätigkeit nicht mehr im Detail rekonstruieren lässt. In anderen Fällen erlauben die Unterlagen des MfS nur einen begrenzten Einblick in die Motive und Beweggründe der Personen, die sich zu einer Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit verpflichteten. Mitunter sind die Akten auch in sich widersprüchlich, sodass sich bei einzelnen Sachverhalten kein kohärentes Bild ergibt. Wie wichtig es ist, in diesen Fällen die Unterlagen des MfS mit anderen Quellen abzugleichen, soll im Folgenden an einem IM-Fall verdeutlicht werden, der aufgrund seiner Prominenz für das Leipziger Festival von besonderer Bedeutung ist. Er betrifft Fred Gehler, der von 1994 bis 2004 als Direktor des Leipziger Festivals tätig war.


Fußnoten

1.
Vgl. als Überblick zur Geschichte der Leipziger Dokumentar- und Kurzfilmwoche Caroline Moine, Eine DDR zwischen Provinzialismus und internationaler Öffnung. Das Leipziger Dokumentarfilmfestival als Ort der Begegnung und des kulturellen Austauschs, in: Emmanuel Droit/Sandrine Kott (Hg.), Die ostdeutsche Gesellschaft. Eine transnationale Perspektive, Berlin 2006, S. 147–163. Der Aufsatz basiert auf der Diss. der Autorin: Caroline Moine, Le cinéma en RDA, entre autarcie culturelle et dialogue international: une histoire du festival international de films documentaires de Leipzig; 1949–1990, Diss. Paris 2005.
2.
Vgl. u.a. Weiße Taube auf dunklem Grund. 40 Jahre Internationales Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm, Hg. Leipziger Dok-Filmwochen GmbH, Berlin 1997; Fred Gehler/Rüdiger Steinmetz (Hg.), Dialog mit einem Mythos. Ästhetische und politische Entwicklungen des Leipziger Dokumentarfilm-Festivals in vier Jahrzehnten, Leipzig 1998; Christiane Mückenberger, Fenster zur Welt. Zur Geschichte der Leipziger Dokumentar- und Kurzfilmwoche, in: Günter Jordan/Ralf Schenk (Red.), Schwarzweiß und Farbe. DEFA-Dokumentarfilme 1946–92, 2. Aufl., Berlin 2000, S. 364–381; Ralf Schenk (Red.), Bilder einer gespaltenen Welt. 50 Jahre Dokumentar- und Animationsfilmfestival Leipzig, Hg. Leipziger Dok-Filmwochen GmbH, Berlin 2007.
3.
Am Abend des 18.11.1983 versammelten sich mehrere Demonstranten vor dem Kino "Capitol". Nachdem sie einen Kreis gebildet und Kerzen entzündet hatten, wurden sie von Einsatzkräften der Volkspolizei und des MfS verhaftet. Vgl. Günter Jordan, Die Demonstration von Leipzig, in: Schenk (Anm. 2), S. 125–129.
4.
Vgl. z.B. das Gespräch mit Hans-Dieter Tok, ehem. Filmredakteur der "Leipziger Volkszeitung", der in den 1970er-Jahren auch als Leiter des Pressebüros auf dem Leipziger Festival aktiv war, in: Andreas Kötzing, Die Internationale Leipziger Dokumentar- und Kurzfilmwoche in den 1970er Jahren. Eine Studie über das politische Profil des Festivals, Leipzig 2004, S. 150–158. Tok war seit 1963 als IM für das MfS tätig; vgl. dazu Steffen Reichert, Transformationsprozesse. Der Umbau der LVZ, Münster 2000, S. 55.
5.
Vgl. Heidi Martini, Dokumentarfilm-Festival Leipzig. Filme und Politik im Blick und Gegenblick, Berlin 2007, S. 40–45.
6.
Vgl. Andreas Kötzing, Kultur- und Filmpolitik im Kalten Krieg. Die Filmfestivals von Leipzig und Oberhausen in gesamtdeutscher Perspektive, Diss. phil. Leipzig 2012 (ersch. vorauss. Frühjahr 2013).

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