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Subjektorientierte historische Bildung

Geschichtslernen in der Auseinandersetzung mit widersprüchlichen Deutungsangeboten zur DDR-Geschichte


27.6.2012
Was heißt historische Bildung in der Auseinandersetzung mit der Zeitgeschichte? Zur Beantwortung dieser Frage wird das Verhältnis zwischen der öffentlichen Debatte in der Geschichtskultur, den subjektiven Perspektiven der Lernenden in einer kulturell heterogenen Gesellschaft auf diese Debatte und einer Theorie historischen Lernens beleuchtet.



1. Der "Kampf um die Deutungshoheit"



Geschichtsmesse 2012 LesebuchTitelblatt des Lesebuches zur 5. Geschichtsmesse 2012 (© Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur)
Geschichtsmesse 2012 HoheneckerinnenZeitzeuginnengespräch auf der Geschichtsmesse 2012 in Suhl mit Margot Jann, Anita Goßler und Konstanze Helber vom Frauenkreis der ehemaligen Hoheneckerinnen (v.l.); Moderation: Ulrike Greim, Rundfunkbeauftragte der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. (© Christian von Ditfurth)
"Die Zukunft der Aufarbeitung – Demokratie und Diktatur in Deutschland und Europa nach 1945" – unter diesem Titel fand im März 2012 die 5. Geschichtsmesse der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in Suhl statt. Im Verlauf der dreitägigen Veranstaltung besonders beeindruckend war sicherlich die Vorführung des Films "Ein Tag zählt wie ein Jahr – Die Frauen von Hoheneck" und das anschließende Gespräch mit Zeitzeuginnen, in dem diese von ihren leidvollen, traumatischen Erfahrungen im Frauengefängnis Hoheneck bei Stollberg (Erzgebirge), von unrechtmäßigen Verfahren und unmenschlichen Misshandlungen erzählten; so wurden beispielsweise den jungen Müttern ihre Kinder weggenommen, wenn sie diese in der Haft zur Welt brachten – mit psychischen Langzeitfolgen bis heute. Die ehemaligen politischen Gefangenen berichteten ferner von der Verarbeitung dieser Erlebnisse und von ihrem Einsatz als Zeitzeugen in Schulen. Darüber hinaus wurden auf der Geschichtsmesse in unterschiedlichen Sektionen Projekte vorgestellt, die unter den Überschriften "Opposition und Repression in der DDR" oder "Die SED-Diktatur in der Region" zusammengefasst wurden.[1]

Insgesamt ist hier eine Deutung der DDR-Geschichte dominierend, und zwar die, die DDR als Diktatur und Unrechtsstaat zu sehen. Dies wird beispielsweise deutlich, wenn in der Sektion "Die heile Welt der Diktatur? Alltags- und Sozialgeschichte der DDR" eine Ausstellung der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland vorgestellt wird, die zu einer kritischen Auseinandersetzung mit dem DDR-Alltag führen soll. "Die oft subtil ausgeübte Repression der SED und die alles durchdringende Stasi-Überwachung verblassen in populären Erinnerungen oder werden als das 'Leben der Anderen' wahrgenommen. Die Ausstellung soll verdeutlichen, dass der Alltag selbst von politischer Repression durchdrungen war", heißt es in der Projektvorstellung.[2] Mit anderen Worten: Die Ausstellung will den Besucherinnen und Besuchern eine bestimmte Deutung der DDR nahebringen.

In der Dokumentation dieser Tagung werden einzelne Rückmeldungen zitiert, etwa: "Aussagen von Zeitzeugen prima." (sic!) – "Besonders wichtig ist mir die Aufarbeitung in der Region und die Aufarbeitung der Diktaturen in den Nachbarländern."[3] Zu vermuten ist, dass auch hier die genannte Deutung im Vordergrund steht, wenngleich auf der Tagung noch andere Deutungen und Themen diskutiert wurden.[4]

Früher war alles besser, Tagung Radebeul 2012Faltblatt zur Tagung "Früher war alles besser" (© Sächsische Landeszentrale für politische Bildung)
Nicht weit entfernt und zur gleichen Zeit fand unter dem Titel "Früher war alles besser. Historisches Bewusstsein zwischen Aufklärung und Verklärung" in Radebeul eine Tagung statt, die von der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung veranstaltet wurde. Im Zentrum stand hier ebenfalls eine Auseinandersetzung mit der DDR-Geschichte, aber in spezifisch anderer Deutung. In der Dokumentation dieser Tagung sind einige Leitfragen vorgegeben: "Wie erinnern wir uns an die DDR? War früher tatsächlich alles besser oder trügt uns die Erinnerung? Und wie kann man einer Verklärung der DDR-Vergangenheit entgegenwirken?"[5] Dass überhaupt diese Fragen diskutiert werden, ist aus Sicht jener Zeitzeugen, die in Suhl aufgetreten sind, sicherlich kaum verständlich und wirft die Frage nach den Gründen dafür auf.

In der Dokumentation der Radebeuler Tagung wird dieser Befund erklärt: "Prof. Dr. [Bodo von] Borries aus Hamburg führte mit seinem Vortrag 'Vorstellungen von Geschichte. Zwischen kommunikativem Gedächtnis und kultureller Überlieferung' in das Thema ein. Er machte deutlich, wie individuelle Erinnerungen an glückliche Zeiten dem kritischen Blick der Geschichtswissenschaft auf Nationalsozialismus und DDR widersprechen können. Seine These: Gerade wenn die Gegenwart als bedrückend empfunden wird, neigen Menschen dazu, die Vergangenheit zu verklären."[6] Hier ist sicherlich die geschichtstheoretische Einsicht zu betonen, dass "Geschichte" nicht mit Vergangenheit gleichzusetzen ist, sondern immer eine rückblickende, perspektivische Erzählung ist, die kleine Ausschnitte der Vergangenheit beleuchtet. Darin fließen Orientierungsbedürfnisse und Fragestellungen Gegenwart mit ein,[7] etwa, dass die eigene Biografie nach 1989/90 einen großen Bruch erfahren hat und die als beklemmend empfundene Gegenwart die Vergangenheit umso schöner leuchten lässt.

In Radebeul wurde dieses Phänomen weiter diskutiert: "Stefan Wolle, wissenschaftlicher Leiter des DDR-Museums Berlin, erläuterte das Entstehen von Verklärung. Die Erinnerung entstehe im Alltag der Menschen und diese 'heile Welt' wird vom offiziellen Geschichtsbild in Frage gestellt. Wichtig sei es hier, zu differenzieren: Viele Menschen sähen 'ihre gesamte Lebensleistung vor 1989 in Frage gestellt'".[8] Es gibt also eine Differenz zwischen einem "offiziellen Geschichtsbild" und den Deutungen vieler Menschen, die von den aktuellen Lebensumständen abhängen. Dies gilt aber nicht nur für Verklärungen, sondern für jede Form von Historie.

Die beiden Tagungen dokumentieren eine ungebrochene Debatte um die Deutung zur DDR-Geschichte. Es konkurrieren unterschiedliche historische Sinnbildungsangebote, die – und das ist sicherlich der Kern der Auseinandersetzung – jeweils andere politische Schlussfolgerungen nahelegen. Deutlich werden diese in der Debatte um die "Sabrow-Komission", die "Empfehlungen (…) zur Schaffung eines Geschichtsverbundes 'Aufarbeitung der SED-Diktatur'" erstellen sollte. Dieser Kampf um die Deutungshoheit ist dokumentiert[9] und soll hier nicht aufgearbeitet werden. Vielmehr wird die Frage erörtert, welche Schlussfolgerungen daraus für das historische Lernen zu ziehen sind. Jugendliche werden damit konfrontiert, dass an sie widersprüchliche Deutungs- und Sinnbildungsangebote herangetragen werden – etwa im Kontakt mit Zeitzeugen in der Familie, in der Schule oder in den Medien – und sie sich dazu verhalten müssen. Die Frage ist also, wie historisches Lernen unter den oben skizzierten Bedingungen konzipiert sein sollte. Um diese Frage beantworten zu können, ist ein dreifacher Blick auf historisches Lernen nötig: Erstens ist auf die gesellschaftlichen Deutungsangebote im Spannungsverhältnis zwischen denen der Zeitzeugen, der Geschichtskultur und der zeithistorischen Forschung einzugehen, zweitens auf die Perspektiven der Lernenden auf diese Deutungsangebote und drittens auf die domänenspezifische Logik historischen Denkens und Lernens. Abschließend sind diese Überlegungen in einen größeren Kontext einzuordnen.



Fußnoten

1.
Geschichtsmesse 2012 – das Lesebuch. Die Zukunft der Aufarbeitung – Demokratie und Diktatur in Deutschland und Europa nach 1945, Hg. Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, http://www.stiftung-aufarbeitung.de/Geschichtsmesse/pdf/Lesebuch2012.pdf [18.6.2012].
2.
Ebd., S. 30.
3.
Wie fanden Sie die Geschichtsmesse? Suhl 2012 aus Sicht der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, Hg. Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, http://www.stiftung-aufarbeitung.de/Geschichtsmesse/pdf/2012/Auswertung.pdf [18.6.2012].
4.
So gab es auf der Tagung u.a. Sektionen zum historischen Lernen in der Einwanderungsgesellschaft und zur historisch-politischen Bildung in der Auseinandersetzung mit Rechtsradikalismus. Vgl. im Einzelnen Geschichtsmesse (Anm. 1).
5.
Vgl. Carola Oreschko, Früher war alles besser. Historisches Bewusstsein zwischen Aufklärung und Verklärung, http://www.bstu.bund.de/DE/BundesbeauftragteUndBehoerde/Aktuelles/2012_03_08_Dresden_Frueherwarallesbesser.html [29.6.2012].
6.
Ebd. Vgl. Bodo von Borries, Vorstellungen von Geschichte – zwischen kommunikativem Gedächtnis und kultureller Überlieferung, http://www.infoseiten.slpb.de/fileadmin/daten/dokumente/RadebeulErinnerung4.pdf [29.6.2012].
7.
Vgl. Jörn Rüsen (Hg.), Historische Orientierung. Über die Arbeit des Geschichtsbewußtseins sich in der Zeit zurechtzufinden, Köln 1994.
8.
Oreschko (Anm. 5).
9.
Vgl. Martin Sabrow u.a. (Hg.), Wohin treibt die DDR-Erinnerung? Dokumentation einer Debatte, Göttingen 2007.

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