Beleuchteter Reichstag

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25.7.2012 | Von:
Udo Grashoff

Leuna im Streik?

Mythos und Realität einer Zeitungsmeldung vom Sommer 1962

Im August 1962 soll die Belegschaft des Leuna-Werkes gestreikt haben. Bewaffnete Volksarmisten hätten den Streik beendet, schrieb die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Bei gründlicher Durchsicht der Akten wachsen Zweifel an dem Bericht, wenngleich es unter den Arbeitern durchaus große Unruhe gab.

Am 13. August 1962, auf den Tag genau ein Jahr nach der Abriegelung der Grenze in Berlin, meldete die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", die Chemiearbeiter in Leuna hätten gestreikt: "In den Leuna-Werken, Merseburg, hat ein großer Teil der Belegschaft von etwa 30.000 Arbeitern und 8.000 Arbeiterinnen am 2. und 3. August wegen einer Erhöhung des Produktionsaufgebotes bei anhaltender schlechter Lebensmittelversorgung mit mehrstündiger Arbeitsniederlegung protestiert." Die Meldung war nicht der Aufmacher – den hatten die sowjetischen Kosmonauten Andrijan Nikolajew und Pawel Popowitsch bekommen, die mit der Annäherung ihrer Raumschiffe Wostok III und Wostok IV bis auf wenige Kilometer den ersten "Gruppenflug" in der Raumfahrtgeschichte realisiert hatten. Aber immerhin platzierte die "FAZ"-Redaktion die 26-zeilige Nachricht aus der "Zone" auf der Titelseite.

Der spektakuläre Inhalt der wenigen Zeilen rechtfertigte diese Entscheidung voll und ganz, denn der Streik konnte der "FAZ" zufolge nur durch massiven Einsatz des militärischen Drohpotenzials der Diktatur beendet werden. Unter Berufung auf Reisende, die zu dieser Zeit in der "Zone" gewesen waren, hieß es in der Meldung, sowjetisches Militär sei zum Werk beordert worden: "Die motorisierten sowjetischen Einheiten hätten Bereitstellung in der unmittelbaren Umgebung bezogen. Verbände der Volksarmee der Zone seien in das Gelände des Leuna-Werkes gebracht worden. Infanteristen hätten mit aufgepflanztem Seitengewehr die einzelnen Fabrikkomplexe abgeriegelt. Unter dem Druck dieser militärischen Demonstration hätten sich die protestierenden Werktätigen gebeugt."

50 Jahre danach wird diese Zeitungsmeldung in einigen Chroniken im Internet aufgegriffen.[1] Doch abgesehen davon ist so gut wie nichts über den Streik im Jahr 1962 überliefert. Grund genug, diese Episode endlich genauer unter die Lupe zu nehmen.[2] Was geschah damals im Leuna-Werk, und wieso ist so wenig darüber bekannt? Wurde der Streik von der SED vertuscht, zur "Arbeitsberatung" umdeklariert? Gab es Inhaftierte, Gerichtsverfahren? Wurden die unzufriedenen Arbeiter mit Zugeständnissen besänftigt? Warum traten nach 1990 keine Zeitzeugen mit Berichten an die Öffentlichkeit?

Spuren, Indizien, Gerüchte

Ein Vorkommnis dieser Größenordnung sollte sich auf die eine oder andere Weise in den Akten des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) niedergeschlagen haben. Eine Anfrage an die Bundesbehörde für die Stasi-Unterlagen ergab jedoch, dass die Sachakten keine Hinweise auf einen Streik in Leuna im Jahr 1962 enthielten. Nur über Namen von Streikführern oder Inoffiziellen Mitarbeitern sei dieses Thema möglicherweise erschließbar, so die Auskunft. Solche waren verständlicherweise in dem "FAZ"-Artikel nicht erwähnt.

Als ähnlich unergiebig erwiesen sich die überlieferten Akten der Volkspolizei. Abgesehen von dem "Vorkommnis", dass an zwei Kesselwagen beim Schriftzug "Walter Ulbricht" das W entfernt worden war, wurden zwei Arbeiter erwähnt, die Ende 1961 zum Streik aufgerufen hätten und gegen die das MfS ermitteln würde.[3] Im August 1962 hingegen scheint nichts Dramatisches vorgefallen zu sein. Allerdings ist die Aktenüberlieferung lückenhaft. So sind die Tagesrapporte an das Ministerium des Innern für diese Zeit im Bundesarchiv nicht vorhanden.

Weitere mögliche Quellen wären die Unterlagen der Parteikontrollkommissionen der SED. Auch hier wurden oft Dinge diskutiert, die offiziell nicht zur Sprache kamen. Und tatsächlich fand sich eine Auflistung der Bezirksparteikontrollkommission (BPKK) Halle über alle Streiks im zweiten Halbjahr 1962. Zu 24 Arbeitsniederlegungen soll es in diesem Zeitraum im Bezirk Halle gekommen sein. Die Gesamtzahl der Beteiligten wird mit 330 angegeben, was zu niedrig ist, weil bei einigen Streiks die Teilnehmerzahl nicht gemeldet worden war. Als Arbeitsniederlegung mit der höchsten Zahl an Beteiligten nennt die Liste einen Streik im Mansfeld-Kombinat, an dem 160 Kollegen teilnahmen – darunter auch 18 SED-Mitglieder. Leuna taucht in der Liste nicht auf.[4]

Ein anderer Bericht der BPKK vom 1. September 1962 ließ jedoch aufhorchen. Darin heißt es, in Zeitz sei darüber diskutiert worden, auch streiken zu wollen "so wie in Leuna".[5] Und ein Bericht der SED-Kreisleitung Leuna vermerkt, dass am 13. August 1962 um 9.40 Uhr bei einem Betriebsdirektor des Leuna-Werks folgender Anruf eingegangen sei: "Um 11 Uhr wird ein Sitzstreik durchgeführt. Wir wollen nicht gestört werden."[6] Der Anruf sei von einem Werksapparat aus erfolgt. Ein Streik hat an diesem Tag aber nicht stattgefunden.

Eine weitere vage Spur: In einer Parteiversammlung im Bau 20 des Leuna-Werkes fragten SED-Mitglieder Mitte August 1962, "ob es wahr sei, dass im Werk schon Unruhen entstanden sind."[7]

Wie sehr die SED in diesen Tagen verunsichert war, zeigte sich nicht nur darin, dass viele Genossen ihr Parteiabzeichen nicht trugen. In der Sitzung der SED-Kreisleitung Leuna vom 30. Juli 1962 äußerte ein Parteimitglied, dass "sich die Feindarbeit im Monat Juli verstärkt hat. Es nehmen wieder die Schmierereien und es n[immt] auch zu, dass die Bilderständer in der Stadt Leuna und auch innerhalb des Werkes beschädigt, beschmiert und umgeschmissen werden usw. Das müssen wir beachten und dürfen keineswegs glauben, dass der Gegner bei uns ins Mauseloch gekrochen ist, sondern, Genossen, je größer unsere Erfolge sind, desto größer wird auch der Feind seine Anstrengungen machen, um unsere Erfolge irgendwie zunichte zu machen […]. Deshalb auch solche Dinge, wie das Verteilen von Flugblättern, wie es in der vorigen Woche passiert ist in der Stadt Leuna und innerhalb des Werkes. Wir müssen aufpassen, damit also nicht eine solche Diskussion innerhalb des Werkes auftaucht, dass wir diesen feindlichen Flugblättern irgendwie Folge leisten."[8] Der Inhalt der Flugblätter ist nicht bekannt, man kann nur mutmaßen, dass diese die weit verbreitete Unzufriedenheit in der Bevölkerung aufgriffen und zu Protestaktionen aufriefen.

Es gibt Indizien dafür, dass die SED die Kampfgruppen auf mögliche Arbeitsniederlegungen und Demonstrationen vorbereitete. In der bereits erwähnten Parteiversammlung im Bau 20 des Leuna-Werkes fragten Genossen, "warum die Kampfgruppen üben, wie man Menschenansammlungen auseinander treibt; gegen wen man diese Kampfgruppen einsetzen will."[9] Im Bezirk Halle hatten die Kampfgruppen knapp 26.000 Mitglieder. Ein Kämpfer, zugleich Genosse, äußerte im August 1962, er sei bei der letzten Kampfgruppenausbildung regelrecht geschliffen worden. Diese Art der Ausbildung hätte bei ihm den Eindruck erweckt, die Regierung erwarte Unruhen in der Bevölkerung.[10]

Mächtige Unruhe

Spuren, Indizien, Gerüchte – die grundsätzliche Frage bleibt jedoch: Was geschah am 2. und 3. August 1962 im Leuna-Werk?

Leuna-GewerkschafterHeile Welt der Propaganda: "Die Grüße Walter Ulbrichts überbrachte der junge AGL [Abteilungsgewerkschaftsleitung]-Vorsitzende Hellmuth Neuwirth, der zusammen mit neun weiteren Angehörigen der Leuna-Werke am 16. und 17.6.1962 am Außerordentlichen Nationalkongreß in Berlin teilnahm, seinen Kollegen von der Abteilung Transport und Werkspedition. In einer Versammlung, in der er über seine Eindrücke vom Nationalkongreß berichtete, verpflichteten sich die Speditionsarbeiter, zur Stärkung unserer Republik und damit im Dienste des Friedens bis zum Jahresende pro Belegschaftsmitglied 1.500 DM an Stelle der bisher vorgesehenen 550 DM für den Siebenjahrplanfond zu erarbeiten." – Originaltext ADN (© Bundesarchiv, Bild 183-94602-0001; Foto: Schmidt)
Neben SED, MfS und Volkspolizei gab es in der DDR noch weitere Meldewege, zum Beispiel den des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB). Auch hier wurden Arbeitskonflikte und Arbeitsniederlegungen erfasst und statistisch ausgewertet. "Es zeigt sich, dass in der ganzen Republik die Arbeiter gegenwärtig eine mächtige Unruhe haben. Es ist eine Vertrauensfrage, die steht. Die haben kein Vertrauen", klagte ein Gewerkschaftsfunktionär aus Halle am 14. Dezember 1962 bei einer Beratung des FDGB-Bundesvorstandes in Berlin.[11] In der Streikstatistik schlug sich diese Unruhe in einem Anstieg der Vorkommnisse nieder. Für das dritte Quartal wurden dem FDGB 35 Arbeitsniederlegungen aus der gesamten DDR gemeldet: "Eine Konzentration gab es in den Monaten August und September." Als Schwerpunkt hob der Gewerkschaftsbund den Bezirk Karl-Marx-Stadt mit elf Streiks hervor. Von einem großen Streik in Leuna indes war auch hier nicht die Rede.[12] Lediglich ein anderer Bericht des FDGB vom 5. Juli meldete, dass im Walzwerk Hettstedt und in Quedlinburg Arbeiter gedroht hätten: "Wir werden es bald so machen wie in Leuna!" Anlass für diese Drohung waren Gerüchte gewesen, "wonach in den Leuna-Werken Frauen aufgrund mangelhafter Versorgung einen Sitzstreik durchgeführt hätten."[13]

Die vielen Gerüchte deuten darauf hin, dass zu dieser Zeit ein Streik geradezu "in der Luft lag". Aber: Hat er stattgefunden?


Fußnoten

1.
Z.B.: Deutsches Rundfunkarchiv, Jahrestage regional 2012, S. 69, http://www.dra.de/online/hinweisdienste/jahrestage/jt-regio_2012.pdf; Jugendopposition.de, http://www.jugendopposition.de/index.php?id=1566; chroniknet, http://www.chroniknet.de/daly_de.0.html?year=1962&month=8 [26.6.2012].
2.
Für die Anregung zu dieser Recherche dankt d. Vf. Katrin Wenzel, MDR FIGARO. Dort wird am 28.7.2012 der Essay "Fischwurst, Kohldampf, Kosmonauten – Recherche zu einem angeblichen Streik im Leunawerk 1962" gesendet.
3.
Vgl. Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt, Abt. Mersenburg (LHASA, Abt. MER), BdVP Halle, Bestand Nr. 19.1, Nr. 1206.
4.
Vgl. LHASA, Abt. MER, SED-BL Halle, BPKK IV/214/994, Bl. 122–125.
5.
Vgl. LHASA, Abt. MER, SED-BL Halle IV/2/4/865, n. pag.
6.
LHASA, Abt. MER, SED-KL Leuna, IV/412/263, Bl. 75.
7.
BArch, DY 30/IV 2/5/3270, Bl. 426.
8.
BArch, DY 30/IV 2/2/3246, Bl. 164.
9.
BArch, DY 30/IV 2/5/3270, Bl. 426.
10.
Vgl. BArch, DY 30/IV 2/5/3124, Bl. 5–17.
11.
BArch, DY 30/IV 2/6.11/54, Bl. 121.
12.
Vgl. BArch, DY 38/1137, Bl. 196–198.
13.
BArch, DY 38/1137, Bl. 138.

Die Bösebrücke an der Bornholmer Straße in Berlin, Ende 1961.
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