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Olympia zwischen Sport und Politik

40 Jahre nach "München 1972"


25.7.2012
Die Olympischen Spiele 1972 in München und deren Vorgeschichte werden von drei Neuerscheinungen behandelt. Die Darstellungen widmen sich den Sportbeziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten im Kalten Krieg sowie dem sportpolitischen Stellenwert der Spiele, die von dem Terroranschlag auf die israelische Olympiamannschaft überschattet wurden.

  • Juliane Lanz: Zwischen Politik, Protokoll und Pragmatismus. Die deutsche Olympiageschichte von 1952 bis 1972, Berlin: Wissenschaftlicher Verlag 2011, 427 S., € 58,–, ISBN: 9783865736260.
  • Kay Schiller/Christopher Young: München 1972. Olympische Spiele im Zeichen des modernen Deutschland, Göttingen: Wallstein 2012, 397 S., € 29,90, ISBN: 9783835310100.
  • David Clay Large: Munich 1972. Tragedy, Terror, and Triumph at the Olympic Games, Lanham MD: Rowman & Littlefield, 2012, 372 S., $ 29,95, ISBN: 9780742567399.


Sportliche Großveranstaltungen erreichten mit dem Aufkommen des Fernsehens ein Millionenpublikum. Dies galt besonders für die ohnehin prestigereichen Olympischen Spiele, die seit ihrer Gründung als Politikum ersten Ranges begriffen wurden, ging es hier doch um die Selbstdarstellung der Nationen. So zog der Kalte Krieg naturgemäß auch den Sport in Mitleidenschaft, und dies galt besonders für die Sportbeziehungen zwischen beiden deutschen Staaten. Während die Bundesrepublik ihren politischen Alleinvertretungsanspruch auch bei den Olympischen Spielen durchzusetzen suchte, ging es der DDR um den Nachweis der vollen Eigenstaatlichkeit auch in diesem Feld.

Zwischen Politik, Protokoll und Pragmatismus



Lanz, Zwischen Politik, Protokoll und PragmatismusJuliane Lanz, Zwischen Politik, Protokoll und Pragmatismus (© wvb)
Diese deutsch-deutsche Rivalität zwischen den Spielen von Helsinki 1952 und München 1972 steht im Zentrum der Rostocker Dissertationsschrift von Juliane Lanz. Sie setzt mit dem Neuaufbau im Sportbereich beider deutscher Staaten in vergleichender Perspektive ein. Im Westen wurden die institutionellen Strukturen der Vorkriegszeit wiederbelebt und eine hohe personelle Kontinuität gewährleistet. Dies ging so weit, dass mit Adolf Friedrich Herzog von Mecklenburg-Schwerin und mit Karl Ritter von Halt als Präsidenten des 1949 wiederbelebten "Nationalen Olympischen Komitee für Deutschland" zwei belastete Führungsfiguren aus der Zeit der Nazidiktatur in die leitenden Positionen aufrückten. Die DDR hingegen distanzierte sich nicht nur vom Erbe des Nazismus, sondern vom bürgerlichen Sportbetrieb überhaupt und hob die antifaschistischen Traditionen des kommunistischen Arbeitersports hervor. Das 1951 in der DDR gegründete NOK verstand sich explizit als Gegengründung zum bundesdeutschen Komitee. Die Autorin zeigt, wie die bundesdeutsche Sportführung, ganz im Einklang mit der Bundesregierung, den Sport als unpolitische Sache definierte, während in der DDR der Leistungssport zum Vehikel wurde, mittels dessen die westdeutsche Hallstein-Doktrin durchbrochen und die internationale Anerkennung des zweiten deutschen Staates erreicht werden sollte.

Auf der 45. Session erkannte das Internationale Olympische Komitee (IOC) 1951 in Lausanne zunächst nur das westdeutsche, nicht das ostdeutsche NOK an, dessen Sportler bei den Olympischen Spielen 1952 somit noch fehlten. Es scheint kaum glaubhaft, ist aber wahr: Die DDR schickte nach Lausanne eine Delegation, in der niemand Englisch sprach, und so unterschrieben die Ostdeutschen das englische Dokument, das zunächst nur ein NOK für Deutschland anerkannte – nämlich das bundesdeutsche. (33) Da in den vom IOC beschlossenen deutsch-deutschen Verhandlungen keine Einigung über das weitere Vorgehen erzielt wurde, kam das Exekutivkomitee des IOC in Paris 1955 zu einem Kompromiss, der für die Olympischen Spiele des folgenden Jahres Ausscheidungswettkämpfe festlegte, in denen die Teilnehmer einer gemeinsamen deutschen Olympiamannschaft ermittelt wurden. Für die ostdeutsche Republik war dies der erste "Punktsieg" in der internationalen Sportpolitik, da das IOC somit ein eigenständiges NOK der DDR anerkannte.

Nach dem Bau der Berliner Mauer und dem folgenden Abbruch der sportlichen Kontakte von westdeutscher Seite schwand im IOC die Bereitschaft, die Fiktion eines einheitlichen Deutschlands auf sportlicher Ebene aufrechtzuerhalten. So sprachen sich im Oktober 1965 die IOC-Mitglieder auf ihrer Jahrestagung in Madrid mit 44 gegen vier Stimmen für die Aufstellung zweier deutscher Olympiamannschaften aus. Für 1968 sollten beide Mannschaften noch eine gemeinsame Flagge, Schwarz-Rot-Gold mit den Olympischen Ringen, und eine gemeinsame Hymne, Beethovens "Ode an die Freude", behalten, bis das IOC nach den Spielen von Mexiko auch diese symbolische Gemeinsamkeit abschaffte.

Hatte die Bundesrepublik bis 1965 der sich anbahnenden Anerkennung der DDR im sportpolitischen Bereich erbitterten Widerstand entgegengesetzt, so gab sie dann diesen Widerstand, wie Juliane Lanz zeigt, relativ schnell auf. Als Grund benennt sie zu Recht einerseits die angesichts des Leistungsaufschwungs im DDR-Sport drohende deutliche numerische Unterlegenheit der West-Athleten in den gemeinsamen Olympiamannschaften, andererseits die zunehmende Anpassung der bundesdeutschen Politik an die Realitäten. Der Großen Koalition in Bonn (1966) und der Bildung der sozialliberalen Regierung (1969) war ein Generationswechsel im bundesdeutschen Sport vorausgegangen: Die "Kalten Krieger" vom Schlage Karl Ritter von Halts oder Peco Bauwens', des Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), wurden durch pragmatisch denkende Sportpolitiker abgelöst, als deren weitaus profiliertester sich Willi Daume erwies, der sich über politisch kurzsichtige Festlegungen der Bundesregierung gegebenenfalls hinwegzusetzen verstand. Ein dritter Grund war das Bestreben der Bundesrepublik, Olympische Spiele auszurichten, nachdem unter anderem die Bewerbung zur Ausrichtung der Fußball-Weltmeisterschaft 1966 durch das nationalistische, die DDR-Stadien vereinnahmende Auftreten Bauwens' gescheitert und die Box-Europameisterschaft 1965 von Paris nach Ost-Berlin verlegt worden, als den DDR-Sportlern die Einreise nach Frankreich verweigert werden sollte.




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