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25.7.2012 | Von:
Mario Keßler

Olympia zwischen Sport und Politik

40 Jahre nach "München 1972"

München 1972

Schiller/Young, München 1972Kay Schiller/Christopher Young, München 1972 (© Wallstein)
Doch Mitte der 1960er-Jahre veränderten sich die sportpolitischen Rahmenbedingungen, und zwar sowohl für die DDR als auch für die Bundesrepublik. Bis 1965 konnte die DDR sich international durchaus gegenüber der Bundesrepublik – und zwar trotz des Mauerbaus und der Ausschaltung der innenpolitischen Opposition – als der "bessere" deutsche Staat präsentieren, als der von "unverbesserlichen Altnazis" in der BRD in Schach gehaltene Paria. Spätestens mit der neuen Ostpolitik der Regierung Brandt-Scheel ab 1970 war dieses Bild politisch irrelevant geworden. Dessen ungeachtet pflegte die DDR es im Vorfeld der 1966 nach München vergebenen Olympischen Spiele weiterhin, obgleich das Bild zur bloßen Propagandafigur hinabsank. Diese Querelen stehen im Blickpunkt der Arbeit von Kay Schiller und Christopher Young, die zuerst 2010 unter dem Titel "The 1972 Munich Olympics and the Making of Modern Germany" bei der University of California Press erschienen ist.

Neu an diesem Buch sind die auf Beständen des Bundesarchivs in Koblenz wie des IOC-Archivs in Lausanne beruhenden Erkenntnisse über das Ausmaß der Anstrengungen von Bewerberstadt, Bundesregierung und (anfangs zögernd) der bayerischen Landesregierung, die Spiele nach München zu holen. Die Bundesregierung scheute keine finanziellen Anstrengungen, durch umfangreiche Entwicklungshilfe an Staaten der Dritten Welt deren IOC-Mitglieder zur Stimmabgabe für München zu bewegen. So wurden zum Beispiel Marokko fast 194 Millionen DM an Entwicklungshilfe zur Verfügung gestellt. Gleichfalls interessant zu lesen sind die offiziellen Bemühungen, München als weltoffenes Gegenbild zu den Berliner Spielen von 1936 zu präsentieren, die nunmehr – anders als bisher – in den Mainstream-Medien sehr kritisch gesehen wurden (so wurde übrigens Leni Riefenstahl jede noch so bescheidene Mitwirkung an der künstlerischen Ausgestaltung des Rahmenprogramms versagt, obwohl sie sich sehr darum bemühte). Die Richtlinien in allem, was die künstlerische Gestaltung der Anlagen bis hin zu den Piktogrammen betraf, gab mit Otl Aicher ein Designer vor, der als Jugendlicher zum antifaschistischen Widerstand gehört hatte und zudem mit einer Schwester von Hans und Sophie Scholl verheiratet war. Willi Daume, der NOK-Präsident der Bundesrepublik, verwies auf diese Personalie besonders gern, hoffte er doch, der "Propaganda aus dem Osten" entgegenwirken zu können, die München als Heimstätte von Vertriebenenverbänden und von faschistischen Exilorganisationen wie den Überresten der kroatischen Ustascha sowie als Herberge amerikanischer "imperialistischer Hetzsender" wie Radio Free Europe und Radio Liberty brandmarkte. Hierbei tat sich besonders die DDR hervor, deren Presse sogar forderte, München die Spiele wieder zu entziehen.

Das Missfallen der DDR, die Spiele dennoch beim "Klassenfeind" ausgerichtet zu sehen, stellen die Autoren in den Kontext der unter Erich Honecker betriebenen Politik der Abgrenzung gegenüber der Bundesrepublik. Die DDR-Doktrin der zwei getrennten Nationen stand gegen das von Willy Brandt entworfene Bild von den zwei Staaten bei Fortbestand einer deutschen Nation. Somit gebar die politische Lage ein Paradox: Ungeachtet ihres sportpolitischen Erfolges geriet die DDR politisch insgesamt in die Defensive, und dies zu einem Zeitpunkt, als sie durch ihre zentralistische Sportpolitik (und das einsetzende Doping) einen fulminanten Aufstieg zum "Sportwunderland" verzeichnen konnte. Angesichts einer veränderten internationalen Lage und gegenüber einer sich rapide modernisierenden Bundesrepublik, deren Kanzler Willy Brandt nunmehr ein früherer Hitlergegner war, griffen die alten DDR-Klischees nicht mehr.

Munich 1972

Large, Munich 1972David Clay Large, Munich 1972 (© Rowman & Littlefield)
Nehmen die deutsch-deutschen Kontakte und Konflikte bei Kay Schiller und Christopher Young breiten Raum ein, so greift David Clay Large weiter aus: Er behandelt im Detail die konzertierte Aktion afrikanischer Staaten, durch eine Boykottdrohung das von einem weißen Rassistenregime regierte Rhodesien von den Spielen in München auszuschließen – eine Drohung, der sich das IOC letztlich beugte – wie auch Spannungen innerhalb des US-amerikanischen Olympiateams und darüber hinaus: Amerikanische Stellen waren besorgt, dass schwarze US-Soldaten, die im Raum München stationiert waren, eventuell gegen die offiziell beendete, faktisch aber noch fortbestehende Ungleichheit zwischen Weißen und Schwarzen in den Vereinigten Staaten protestieren könnten. Dies geschah schließlich nicht, und einzelne Protestaktionen schwarzer Sportler erreichten bei Weitem nicht die Wirkung wie vier Jahre zuvor in Mexiko. Auch der Vietnamkrieg warf seine Schatten auf die Spiele; die am Rande der Veranstaltungen sichtbaren Proteste gegen die brutale amerikanische Kriegsführung blieben jedoch in ihrer Wirkung begrenzter, als es US-Stellen vorher befürchtet hatten. Schließlich erwähnt Large das groteske Tauziehen um die Flaggenträgerin des US-Teams bei der Eröffnungsfeier: Die Diskuswerferin Olga Connolly durfte die Flagge erst ins Stadion tragen, nachdem massive Widerstände konservativer Publizisten beiseite geräumt waren, galt sie doch als ausgewiesene Linke und entschiedene Gegnerin des Vietnamkrieges. Die Sowjetunion und ihre Verbündeten wollten jedoch aus diesem Fall kein Kapital schlagen, hatte die Sportlerin doch anderthalb Jahrzehnte zuvor ihre Heimat, die Tschechoslowakei, nicht nur der Liebe zu ihrem US-Kollegen Harold Connolly wegen verlassen, sondern auch, weil sie diesen Sozialismus Moskauer Prägung nicht wollte.

Das alles überschattende Ereignis, mit dem die Münchner Spiele dauerhaft verbunden bleiben, war die Geiselnahme und Ermordung israelischer Sportler durch palästinensische Terroristen der Organisation "Schwarzer September". Sowohl Schiller und Young als auch Large widmen dem bedrückenden Ereignis breiten Raum, wobei letzterer den amerikanischen Reaktionen einen stärkeren Platz einräumt. George McGovern, demokratischer Herausforderer von US-Präsident Richard Nixon bei den anstehenden Wahlen, forderte einen Rückzug der US-Olympiamannschaft von den Spielen, was dieser mit sicherem Gespür für die amerikanische Mehrheitsmeinung ablehnte. Das unbeholfene Vorgehen der deutschen Sicherheitskräfte stieß auf scharfe Kritik in Israel, wo verschiedene Stimmen daran erinnerten, dass die Generation der einstigen Nazijugendführer heute die Verantwortung für die Sicherheit der Olympiagäste trage, der sie nur ungenügend nachgekommen sei. Während die bundesdeutsche Seite dazu neigte, den Terroristen nachzugeben, die die Freilassung arabischer Gefangener in Israel (und der beiden RAF-Terroristen Andreas Baader und Ulrike Meinhof) forderten, lehnte Israel dies strikt ab: "Wenn wir nachgeben, wird sich kein Israeli irgendwo auf der Welt noch seines Lebens sicher fühlen", erklärte Premierministerin Golda Meir. (211) Drei Geiselnehmer konnten festgenommen werden. Sie wurden jedoch wenige Wochen später durch die Entführung einer Lufthansa-Maschine freigepresst. Einer der Drahtzieher hielt sich Jahre später zeitweilig in der DDR auf. In deren Presse war 1972 von "Freischärlern", nicht von Terroristen die Rede, die Berichterstattung ließ indes, anders als Large schreibt, keine "Schadenfreude" zu. Vielmehr wurde der "Terrorangriff" als solcher bezeichnet, wie bei Large ebenfalls nachzulesen ist. Die ostdeutschen Kommentare ließen allerdings durchblicken, dass im Osten ein solcher Überfall nicht denkbar gewesen wäre. Die DDR sah in der Besetzung der von Israel 1967 eroberten Gebiete die Ursache für den Terrorismus, ohne die endemische Feindschaft arabischer Kräfte gegen die Existenz des jüdischen Staates zu erwähnen. (235) Mark Spitz, siebenfacher Olympiasieger im Schwimmen, wurde nach dem Überfall und dem Ende seiner Wettkämpfe unter Sicherheitsvorkehrungen nach London ausgeflogen, worüber damals begreiflicher Weise nicht berichtet wurde.

Bei Large findet sich eine ausführliche Schilderung der Wettkämpfe. Er zeigt die Konfusion in der Vorbereitung amerikanischer Athleten, die im versäumten Antreten zweier Hundertmeterläufer ihren grotesken Tiefpunkt erreichte, ebenso wie das unfaire Verhalten des im Basketballfinale der UdSSR unterlegenen amerikanischen Teams. Sowjetische, nicht amerikanische Leichtathleten wurden zu Stars der Spiele: Waleri Borsow, Nikolaj Awilow, Ljudmila Bragina oder Faina Melnik. Die packenden Duelle ost- und westdeutscher Sprinterinnen setzten Glanzlichter. Die Olympiasieger Renate Stecher, Ruth Fuchs und Wolfgang Nordwig, alle aus Jena, zeigten, dass in der thüringischen Stadt nicht nur universitäre Gelehrsamkeit und optische Industrie zu Hause waren. Die von einigen Kampfrichtern benachteiligte sowjetische Turnerin Olga Korbut, aber auch ihre DDR-Konkurrentinnen Karin Janz und Erika Zuchold wurden von einem fairen Publikum gefeiert, aus dessen Köpfen mancher Stereotyp des Kalten Krieges schon verschwunden war. Natürlich erwähnt auch Large das Duell der Speerwurf-Recken Klaus Wolfermann und Jānis Lūsis, das der Westdeutsche mit zwei Zentimetern Vorsprung vor dem Letten gewann. Beide Konkurrenten schlossen eine Freundschaft fürs Leben – ungeachtet aller von sowjetischer Seite aufgetürmten Hindernisse.

Sowohl Schiller und Young als auch Large setzen sich kritisch mit der Rolle von IOC-Präsident Avery Brundage auseinander, der, anders als die westdeutschen Gastgeber, durchaus positiv Bezug auf die Olympischen Spiele von 1936 nahm. Seiner Entscheidung, die Münchner Spiele fortzusetzen, kann aber auch im Nachhinein kaum widersprochen werden. Sie abzubrechen, hätte eine noch größere Selbstbestätigung für den organisierten Terrorismus bedeutet. Large diskutiert schließlich, und dies zu Recht, eine damals verschwiegene Seite aus der Biografie Willi Daumes, nämlich seine Mitwirkung an der Ausbeutung von Zwangsarbeitern im besetzten Belgien ab 1940 sowie seine Spitzeldienste für den "Sicherheitsdienst" (SD) der SS. So bündelten die Münchner Spiele und ihre Vorgeschichte wie in einem Brennglas fast alle politischen Fragen ihrer Zeit. Die drei hier vorgestellten Bücher zeigen dies in vorbildlicher Weise auf.


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