Beleuchteter Reichstag

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20.9.2012 | Von:
Franziska Galek

Das große Volkstanzbuch von Herbert Oetke

Eine deutsch-deutsche Editionsgeschichte in fünf Akten

Als sich der DDR-Verlag Henschel dazu entschloss, ein von vielen Verlagen bereits abgelehntes Manuskript eines westdeutschen Autors zu publizieren, ahnte er nicht, welche Subventionen, Korrekturen und Bearbeitungen bis zur Drucklegung notwendig würden. Es dauerte zehn Jahre, bis das Werk 1982 schließlich erschien.

In der DDR wurden Bücher nicht ausschließlich verhindert, zensiert und makuliert, sondern in einigen Fällen überhaupt erst möglich gemacht.
Herbert Oetke, Der deutsche Volkstanz, Band 1Herbert Oetke, Der deutsche Volkstanz, Band 1 (© Henschelverlag)
Für den Hamburger Volkstanzforscher Herbert Oetke war die Veröffentlichung in einem DDR-Verlag die einzige Chance, sein Lebenswerk jemals gedruckt zu sehen. Nach 17 Jahren Wartezeit konnte der Autor endlich ein Exemplar seines Buches "Der deutsche Volkstanz" in den Händen halten. Verlegt wurde es vom Ost-Berliner Henschelverlag Kunst und Gesellschaft im Jahr 1982. Dem fertigen Buch ging eine lange Phase des Prüfens, Bearbeitens und Korrigierens voraus, die sich in einem Dreieck zwischen West-Autor, Ost-Verlag und Ost-Gutachter entspann. Die Rekonstruktion dieser langwierigen deutsch-deutschen Editionsgeschichte bietet vielfältige Analysepunkte des Literatur- und Wissenstransfers zwischen Ost und West. Sie legt die speziellen Arbeitsweisen des DDR-Verlagswesens offen, welches auch im Umgang mit West-Autoren keine besonderen Rücksichten kannte. Sie zeigt aber vor allem, dass es manche Buchideen im Osten Deutschlands leichter hatten als im Westen.

Die umfangreiche Überlieferung erlaubt es, die Veröffentlichungsgeschichte aus dem Blickwinkel aller drei Parteien zu betrachten. Die Nachlässe des Autors Herbert Oetke und des Gutachters Kurt Petermann liegen im Tanzarchiv Leipzig, welches seit 2011 in der Leipziger Universitätsbibliothek untergebracht ist. Im Archiv des Henschelverlages finden sich die entsprechenden Akten aus dem Lektorat. Für die Rekonstruktion des komplexen Prozesses – mit seinen vielen, teils parallel verlaufenden Vorgängen – bietet sich ein "Kunstgriff" an: Die Darstellung der Editionsgeschichte als klassisches Drama in fünf Akten mit einem Epilog.

Dramatis Personae

Herbert Oetke (1904–1999)Herbert Oetke (1904–1999) (© Volkstanz, 4/1984, S. 64)
Protagonist des Fünfakters ist der Autor Herbert Oetke. Er wurde 1904 geboren und wuchs in Hamburg auf. Über die Wandervogelbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts gelangte Oetke zum Volkstanz. Nach seiner Kunsthandwerks-Ausbildung[1] widmete er sich ab 1924 ganz dem Forschen und Sammeln von fast vergessenen deutschen Volkstänzen und Melodien. Oetke schrieb Aufsätze über traditionelle Volkskunst und gab verschiedene Volkstanzsammlungen heraus.[2] Während des Zweiten Weltkrieges verschlug es Oetke nach Berlin, wo er sich nach 1945 zunächst niederließ.[3] Er fand im sowjetisch besetzten Teil Deutschlands viele Gleichgesinnte, mit denen er gemeinsam an der Erforschung und Sammlung deutscher Tänze arbeiten konnte. Der Aufbau und die wissenschaftliche Anleitung des Staatlichen Volkskunstensembles der DDR war eine der ersten Aufgaben Oetkes in Ostdeutschland.[4] Damit gehörte er nach 1945 zu den wichtigsten Kulturarbeitern, die die Volkstanzpflege in der DDR durch den Aufbau von Forschungseinrichtungen und Publikationen wesentlich vorantrieben.

Dennoch verließ Oetke 1958 mit Frau und Kind die DDR und kehrte zurück in seine alte Heimat Hamburg. Bei der Entscheidung zur Übersiedlung in die Bundesrepublik spielten neben einer Reihe privater Gründe auch politische Faktoren eine Rolle. Da Oetke kein Parteimitglied war, hatte er beruflich mit Benachteiligungen zu kämpfen.[5] Darüber hinaus gab es verschiedene Vorfälle, bei denen Oetke seine Forschungsergebnisse anonym ausgewertet und verfälscht sah.[6] Auch nach seiner Rückkehr nach Hamburg blieb Oetke dem Volkstanz verbunden. Er war ständiger Mitarbeiter der Vierteljahresschrift "Volkstanz" und Ehrenmitglied in der Deutschen Gesellschaft für Volkstanz. Seine Kontakte in die DDR brachen – bis zu seiner Veröffentlichung im Henschelverlag – völlig ab. Herbert Oetke verstarb 1999 im Alter von 95 Jahren.

Im nachfolgenden Drama tritt Oetke als westdeutscher Verfasser des Manuskripts "Der deutsche Volkstanz" auf, der sein Lebenswerk im DDR-Verlag Henschel veröffentlicht sehen will.
Kurt Petermann (1930–1984)Kurt Petermann (1930–1984) (© Ingeborg Stiehler, Leipzig)
Sein Gegenspieler im sozialistischen Volksstaat ist Kurt Petermann, der die Rolle des Gutachters und wissenschaftlichen Bearbeiters einnimmt. Petermann wurde 1930 in Holzweißig bei Bitterfeld geboren. Er studierte in Leipzig unter anderem Musikwissenschaft und Psychologie. Nach dem Abschluss seines Studiums war Petermann als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Volkskunstforschung beim Zentralhaus für Volkskunst in Leipzig tätig.[7] In dieser Eigenschaft wurde er 1957 mit der Gründung des Deutschen Volkstanzarchives beauftragt, welches sich "unter seiner Leitung sehr rasch zu einer zentralen Dokumentations- und Informationsstelle für alle Gebiete des Tanzes" entwickelte und als Tanzarchiv Leipzig bekannt wurde. Der Tanzwissenschaftler Petermann ist durch die Herausgabe der ersten deutschen Tanzbibliografie, in der alle deutschsprachigen Schriften zum Tanz vom 15. Jahrhundert bis 1963 verzeichnet sind, bis heute der Fachwelt bekannt.[8] Er starb 1984.

Vertragspartner des Autors Oetke und des Gutachters Petermann ist der Henschelverlag Kunst und Gesellschaft mit Sitz in Ost-Berlin. Der Verlag wurde 1945 von Bruno und Harald Henschel als Bühnenvertrieb, Zeitschriften- und Buchverlag gegründet. Das Publikationshaus gab in erster Linie Bücher und Zeitschriften auf dem Gebiet der darstellenden Künste heraus und hatte als Theatervertrieb für das Sprechtheater eine Monopolstellung in der DDR inne. Seit 1952 war der Verlag in SED-Besitz und fortan auch auf allen andern Gebieten der Künste verlegerisch tätig: Neben Theater- und Filmliteratur veröffentlichte Henschel Titel zu Musiktheater, Tanz, Unterhaltungskunst, Volkskunst und Bildender Kunst.[9]

Horst WandreyHorst Wandrey (M.) auf einer Buchvorstellung mit der Moskauer Autorin Natalie Saz in Berlin, 1966. (© Bundesarchiv, Bild 183-E0224-0019-001; Foto: Klaus Franke/ADN-ZB)
Im nachfolgenden Fünfakter tritt Horst Wandrey als Vertreter des Henschelverlages in Erscheinung. Wandrey führte den überwiegenden Teil der Verlagskorrespondenz mit Oetke und Petermann. Geboren wurde er 1929 in Nordhausen. Nach seinem Studium der Journalistik und Verlagswirtschaft arbeitete er kurze Zeit im Amt für Literatur und Verlagswesen. 1958 übernahm Wandrey die Stelle des Cheflektors im Henschelverlag und galt damals mit 29 Jahren als jüngster Cheflektor der DDR. Er übte diese Funktion bis 1990 aus. Danach blieb er zeitweise als Geschäftsführer und Programmleiter bei Henschel tätig. Heute lebt Horst Wandrey in Berlin-Köpenick.[10]


Fußnoten

1.
Vgl. Kurt Petermann, Brief an Oetke, 29.5.1981, Universitätsbibliothek Leipzig/Tanzarchiv Leipzig (UB/TAL), NL Kurt Petermann, 6.
2.
Vgl. Herbert Oetke, Verzeichnis der Schriften und Vorträge von Herbert Oetke, in: Ders., Der deutsche Volkstanz, Berlin 1982, S. 590–593.
3.
Vgl. Claus Oetke, Fragebogen zum Leben und Wirken Herbert Oetkes in der DDR, 29.8.2011, S. 1.
4.
Vgl. Herbert Oetke, Brief an Hr. Reutern (DFG), Hamburg 1.8.1969, UB/TAL, NL Herbert Oetke, 109.
5.
Vgl. Claus Oetke, E-Mail an d. Vf., 18.9.2011.
6.
Vgl. Herbert Oetke, Anlage zum Brief an Petermann, Hamburg 6.3.1976, UB/TAL, NL Kurt Petermann, 6.
7.
Vgl. Ilsedore Reinsberg (Hg.), In memoriam Dr. Kurt Petermann, Berlin 2002, S. 185f. Das Folgende ebd., S. 185.
8.
Vgl. Tanzarchiv Leipzig, Kurt Petermann (1930–1984), http://www.tanzarchiv-leipzig.de/?q=de/node/398#attachments [22.5.2012].
9.
Vgl. Franziska Galek, "Lesedramatik" im Henschelverlag Kunst und Gesellschaft bis 1990, in: Leipziger Jb. zur Buchgeschichte 18 (2009), S. 246–260.
10.
Vgl. "Horst Wandrey", in: aufgeblättert, 16/1997, S. 5, Privatarchiv Horst Wandrey, Pressesammlung.

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