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20.9.2012 | Von:
Ingrid Sonntag

Langsamer Abschied von der DDR

Kommentar zu einer Festrede von Hans Mayer auf Anna Seghers am 26. Januar 1962

Resümee

Die kulturpolitischen Diskontinuitäten seit den Jubiläumsfeiern 1953 und 1954 im Jahr 1962 in eine Kontinuität umzumünzen, wäre einer öffentlichen Kritik gleichkommen, der sich Hans Mayer geschickt entzog. Nachdem der Redner in der Laudatio zwischen Provokation und Unterwerfung, Widerspruch und sachdienlicher Phrase hin und her gewechselt war, resümierte er, Anna Seghers habe "die Einheit ihres Lebens und ihres Werkes bewahrt." Herbert Melzer, der die sowjetischen Freunde im Stich gelassen hat, sei als amerikanischer Erfolgsschriftsteller zu einem Abweichler und DDR-Flüchtling geworden, dessen Gedicht indes gültig geblieben und Teil der Kulturgeschichte geworden sei.[54] Hans Mayer hat es seinen Zuhörern überlassen, sich ihren Reim auf die gefilterten Erinnerungen vom "exemplarischen Leben" und von der "exemplarischen Kunst" Anna Seghers' zu machen. Insofern er sich "verwickelt und versklavt" von den Herrschaftsstrukturen zeigte,[55] stellt die "Kleine Festrede" auch ein exemplarisches Beispiel für das Scheitern von Hans Mayers wahrscheinlich letztmalig in der DDR öffentlich vorgetragenen Bemühungen um Reformen im kommunistischen System dar. In seiner Bereitschaft, die damit einhergehenden Unterwerfungen – noch – zu akzeptieren, passte er sich nicht nur den Verhältnissen an, sondern konstituierte sie – noch – mit.

Anna SeghersAnna Seghers bei ihrer Lesung im Gohliser Schlösschen, 26. Januar 1962 (© Verlag Philipp Reclam jun. Stuttgart)
Nachdem Anna Seghers im Mai 1963 an der Spitze der Delegation der DDR zur Kafka-Konferenz nach Liblice gereist ist und Hans Mayer erneut die Teilnahme an einer – anderen – wissenschaftlichen Konferenz in Osteuropa verwehrt worden war,[56] folgte er Karola und Ernst Bloch und verließ noch im Sommer 1963 die DDR. Anna Seghers hingegen hat nur am ersten Konferenztag teilgenommen und sich nicht geäußert. Christine Zehl Romero berichtet, dass Seghers' "versäumter Beitrag" auf der Kafka-Konferenz sie nicht losgelassen habe.[57]

Der Leipziger Reclam-Verlag widmete dem Werk von Anna Seghers fortan besondere Aufmerksamkeit. Schon im Sommer 1963 wurde Christa Wolf gebeten, eine Seghers-Biografie zu schreiben.[58] Nach Gesprächen mit Seghers entschied sie sich, eher auf das Werk als auf die Biografie einzugehen, um "vor allem auf alle Freudschen Deutungsversuche [zu] verzichten", die in den vom Reclam-Verlag mitgeschickten "Bändchen" des Rowohlt Verlages – Wolfgang Borchert, Georg Büchner, Hans Fallada, Knud Hamsun, Gerhart Hauptmann, Robert Musil, Rainer Maria Rilke, Kurt Tucholsky –"manchmal überaus reichlich" vorhanden seien.[59] Nachdem der vertraglich festgelegte Termin 1. März 1964 verstrichen war, haben sich Christa Wolf und der Verlag gütlich darauf geeinigt, das Buchprojekt zu beenden.

Auch Hans Mayer wurde nicht vergessen. Am Jahresanfang 1967 fragte der nunmehrige Lektor Jürgen Teller seinen früheren Lehrer Ernst Bloch, "wie" der Reclam-Verlag Hans Mayer "eine Reminiszenz zu seinem 60. widmen" könne.[60] Erschienen ist schließlich Mayers Übersetzung von Aragons "Karwoche" aus dem Jahr 1961, nicht wie geplant 1969, im Nachgang zum kurzen europäischen "Frühling" von Paris und Prag, doch immerhin 1973, ein halbes Jahr nach Ablauf der dreimal verlängerten Lizenz des Verlages Volk und Welt, mit Nennung des Namens des Übersetzers im Druckgenehmigungsantrag und im Reclam-Buch.[61]

Fußnoten

54.
Das Thema hat Mayer noch im Alter beschäftigt: vgl. Linke Großbürgersöhne erinnern sich. Gespräch zwischen Hans Mayer und Stephan Hermlin, in: Berliner Zeitung, 29.4.1997.
55.
Vgl. Vaclav Havel, Versuch, in der Wahrheit zu leben, Reinbek 2000, S. 24f.
56.
Vgl. Hans Mayer an Peter Huchel, 13.41962, in: Lehmstedt, Mayer-Briefe (Anm. 1), S. 545: Mayer teilte Huchel mit, dass er keine Reiseerlaubnis zur Tagung der Ungarischen Akademie der Wissenschaften erhalten habe: "Kurt Hager telegrafiert, er könne nicht eingreifen. Begründung: Ich dürfe nicht mit [Georg] Lukács zusammentreffen."
57.
Christiane Zehl Romero, Anna Seghers. Eine Biographie 1947–1983, Berlin 2003, S. 226.
58.
Christa Wolf an Hans Marquardt, o. D., Eingang: 15.8.1963, RAL, Akte 159.
59.
Ebd. u. Christa Wolf an Hubert Witt, 2.1.1964, RAL, Akte 159.
60.
Teller an Bloch, Jahresanfang 1967, in: Bloch u.a. (Anm. 13), S. 128.
61.
Vgl. Schriftwechsel 23.2.1968–18.12.1973, Reclam Archiv Stuttgart (RAS), Vertragsakten, Nr. 495.

Hans Mayer versuchte 1953 nachzuweisen, dass beim Aufstand des 17. Juni in der DDR wie bei der Exekution der Rosenbergs zwei Tage darauf in den USA faschistische Tendenzen wirksam waren. Dieser verschollene Text des von 1948–1963 in Leipzig lehrenden Germanisten tauchte vor einem Jahr wieder auf.

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Unmittelbar nach der Niederschlagung des Aufstandes vom 17. Juni 1953 verfasste Hans Mayer seine Gedanken dazu. Er erkannte darin einen "faschistischen Putschversuch". Diese frühen Äußerungen werden verglichen mit zwei späteren Interpretationen Mayers aus den Jahren 1984 und 1991.

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