Beleuchteter Reichstag

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25.7.2012 | Von:
Bernd Florath

War Robert Havemann ein Antisemit?

Anmerkungen zu Götz Alys Börne-Preisrede und anderen Früchten unkritischer Romanlektüre

Götz Aly hat jüngst Ausführungen in einem Brief Robert Havemanns von 1933 als "typisch für die seinerzeit vorherrschende Stimmung" bezeichnet. War der Antifaschist und spätere ostdeutsche Dissident ein Antisemit? In einer kritischen Analyse des biografischen Kontextes Havemanns wird dieser Frage nachgegangen.

I.

Als vor einigen Jahren der Berliner "Tagesspiegel" Robert Havemann Antisemitismus vorwarf, versah er seine Schlagzeile noch mit einem etwas relativierenden "offenbar": "Havemann war offenbar Antisemit" titelte die Zeitung am 17. November 2007[1], seine exklusive Präsentation des länglichen Prosatextes des Havemann-Sohnes Florian ankündigend. Der erzählt, erklärtermaßen subjektiv, "allein" der eigenen "Wahrheit" verpflichtet[2] – "sie zählt auch dann hier allein nur, wenn sie vielleicht nicht die Wahrheit ist" –, über sich und seinen Vater, seine Familie, andere Verwandte sowie Bekannte und wieder und wieder über sich.

Götz AlyGötz Aly bei seiner Rede zur Verleihung des Börnepreises in der Frankfurter Paulskirche, 3. Juni 2012 (© Wikimedia, Dontworry)
Nunmehr stellt Götz Aly in seiner Rede zur Verleihung des Börne-Preises am 3. Juni 2012 den damaligen Studenten Robert Havemann gar als "typisch für die seinerzeit vorherrschende Stimmung" des Jahres 1933 hin. Havemann sei demnach ein typischer Antisemit unter Antisemiten gewesen: Diese konnten "ihre Unterlegenheitsgefühle an den Staat abgeben und zusehen, wie diejenigen, die sie für anmaßend hielten, die sie als gewitzte Konkurrenten empfanden, von Amts wegen in ihren Rechten zurückgesetzt und so der nichtjüdischen Mehrheit neue Chancen eröffnet wurden".[3]

Aly sagt dies über einen Menschen, der vor sechs Jahren vom Staat Israel als "Gerechter unter den Völkern" geehrt wurde, weil er Juden unter Einsatz seines Lebens geholfen hatte. Nun mag diese Feststellung allein der Behauptung nicht zwingend widersprechen. Sie unterstreicht jedoch die Notwendigkeit sorgfältiger Beweise für so schwerwiegende Bezichtigungen.

Mag sein, dass Aly uns geläuterten Deutschen Trost spenden will: Nicht bloß unsere braunbehemdeten oder schwarzuniformierten Väter und Großväter, selbst die edelsten Charaktere der Nation – er nennt den preußischen Reformer Karl Freiherr vom Stein, Achim von Arnim, Caroline von Humboldt, Jakob Grimm, Joseph Görres, den Autor der Nationalhymne Heinrich Hoffmann von Fallersleben und Franz Mehring (erstaunlicherweise fehlt der sonst in dieser Reihung aufgefädelte Karl Marx) – seien nicht frei vom Judenhass gewesen. Man mag am Sinn dieses Arguments zweifeln, doch selbst wenn man von der Schlüssigkeit der Argumente seines jüngsten Buches[4] nur eingeschränkt überzeugt ist, wirft Aly – und hier bleibt er sich glücklicherweise treu – erneut die Frage auf, welch tödliche Konsequenzen eine auf ressentimentgefüttertem Geist gründende Politik zu zeugen vermag.

Dies alles kann und sollte Stoff von Debatten über Politik, Kultur, Geschichte und Gegenwart sein. Doch der eingangs benannten Legende, dass Robert Havemann "offenbar" oder "typisch" Antisemit gewesen sei, muss hier deutlich widersprochen werden:
Robert HavemannRobert Havemann (© Robert-Havemann-Gesellschaft)
Havemann war kein Antisemit. Er war es zu keiner Zeit. Selbst die wohlwollende Unterstellung, Havemann sei in einem Anfall "von politischer Orientierungslosigkeit" (so unter Verweis auf dieselbe Quelle Reinhard Rürup) 1933 dem nazistischen Zeitgeist erlegen,[5] wovon er sich im Laufe der folgenden Zeit befreit habe, ist unzutreffend und nicht anders denn als üble Nachrede zu betrachten, wenn man sich der historischen Zeugnisse über den Studenten Havemann vergewissert.

Aly scheint – wie offenbar auch Rürup – der Annahme zu folgen, dass Havemann 1933 Antisemit gewesen und erst durch die Verfolgung seiner jüdischen Nachbarn, Lehrer, Freunde in den Widerstand gegen das NS-Regime geraten sei, dass Havemann mithin – wie nicht wenige bedeutende Widerständler – "einen weiten Weg von anfänglicher NS-Begeisterung bis zu ihrem Widerstand zurückgelegt" habe, wie Jens Jessen diesen Typ von Lebensverläufen in seiner Laudatio auf den Börne-Preisträger Götz Aly beschreibt.[6] Dies täte Havemanns Ruf, seinem später gezeigten Mut im Widerstand, seiner Bedeutung als Verteidiger und Unterstützer von Juden, Zwangsarbeitern und anderen Verfolgten keinen Abbruch. Er befände sich in bester Gesellschaft – nicht nur in der des Großvaters des Laudators, Jens Peter Jessen. Einer solchen Wertung ließe sich, wollte man die Lebensleistung als beispielgebend beschreiben, folgen, allein: Ihr Ausgangspunkt ist falsch!

II.

Havemann war niemals Antisemit. Er wuchs in einer Atmosphäre auf, in der die Anwesenheit jüdischer Gesprächspartner und Freunde in dem offenen Haus, das
Familie HavemannDie Familie Robert Havemanns, Ende der 1920er-Jahre: Roberts Bruder Hans Erwin, seine Mutter Elisabeth, sein Vater Hans, Robert und eine unbekannte Person (v.l.) (© Robert-Havemann-Archiv)
seine Eltern führten, eine überhaupt nicht thematisierte, geschweige denn problematisierte Selbstverständlichkeit war.[7] Der seine Studienzeit nicht nur vergiftende, sondern radikal von den Nazis vorangetriebene Judenhass widerte ihn an.[8] Die stumpfsinnige Primitivität der Naziparolen, die er gemeinsam mit einem befreundete Kommilitonen in Augenschein nahm, als er im Münchner Löwenbräukeller eine NSDAP-Veranstaltung mit Adolf Hitler als Hauptredner besuchte,[9] erschütterte ihn weniger wegen des demagogischen Unsinnes, der dort geredet wurde, als wegen des hirnlosen Fanatismus, mit dem die Meute diesem folgte: "Daß die riesige Schicht der deutschen Kleinbürger subaltern und reaktionär war und heute noch ist, ist ein ekelhaftes Grundübel der Deutschen."[10] Bei dem Freund, mit dem er diesen Ausflug unternahm, handelte es sich um Alfred H. Sommer, einen Kommilitonen aus einer jüdischen Familie, was für ihre Freundschaft ohne Bedeutung war, bis die Nazis auch Sommer in die Emigration zwangen, sodass die Freunde den Kontakt zueinander über lange Zeit verloren. Erst 1978, während des in der DDR gegen Havemann verhängten Hausarrestes, schrieb Sommer dem verloren geglaubten Freund. In der sich anschließenden Korrespondenz erinnerten beide sich an ihre abenteuerliche studentische Exkursion in die Höhle des Bösen ebenso wie sie fortfuhren, über Religion zu streiten.[11]

Havemanns Bewunderung für seine direkten und indirekten akademischen Lehrer, darunter Heinrich Wieland, Kasimir Fajans, Fritz Haber, Otto Hahn, James Franck, Walther Nernst, Herbert Freundlich, Michael Polanyi, Hartmut Kallmann, Wolfgang Köhler, Georg Ettisch, Otto Warburg und Wolfgang Heubner, beruhte nicht darauf, dass diese Juden waren oder nicht, sondern auf der Tatsache, dass er das Vergnügen genießen durfte, bei den bedeutendsten, faszinierendsten Vertretern seines Faches studieren zu können. Als temperamentvoller Atheist hatte Havemann kein Verständnis für religiöse Auffassungen, unter Naturwissenschaftlern schon gar nicht. Aber ob diese Auffassungen protestantisch oder jüdisch, katholisch oder muslimisch waren, blieb ihm vollkommen irrelevant.

III.

Götz Aly zitiert in seiner Rede in der Frankfurter Paulskirche den Brief Robert Havemanns an dessen Vater Hans vom 31. März 1933. Indes zerstückelt er ihn nicht nur, er ignoriert im Wortsinne den Kontext, in dem dieser Brief geschrieben wurde. Er kann ihn nicht kennen, weil er sich – ganz gegen seine übliche Arbeitsweise – der Mühe nicht unterzogen hat, ins Archiv zu gehen und die im Nachlass Havemanns befindlichen Briefe dieser Zeit einzusehen. Vielmehr zitiert er ihn aus zweiter Hand und verlässt er sich dabei auf das absichtsvoll verzeichnete Bild des Enkels Florian, der von den Dutzenden Briefen aus der Studienzeit seines Vaters an seinen Großvater diesen einen Brief heraushob und isoliert abdruckte.[12] Florian Havemann verfuhr mit diesem Schreiben wie mit jenen, die sein Vater Jahre später aus der Todeszelle geschrieben hatte. Aus diesen destilliert er eine Textcollage, die sich auf die für die Augen des zuchthäuslichen Zensors bestimmten Zeilen beschränkt, in denen sein Vater aus dem Vorraum der Guillotine Reue und Wiedergutmachungswilligkeit vorspielte,[13] während er zur selben Zeit klandestin seine Haftgenossen über illegal abgehörte Rundfunknachrichten informierte und Waffen für den Aufstand präparierte. Der Enkel verfuhr in dieser Weise, obwohl er im Archiv den gesamten Briefbestand eingesehen hatte und auf die Kontexte hingewiesen worden war.

Florian HavemannFlorian Havemann, Aufnahme von 2002 (© ddp/AP, Jan Bauer)
Der Skandal, den Florian Havemann produzieren wollte, ist derweil auf ihn selbst zurückgefallen: Mit seinem Buch voll solipsistischer Egomanie wollte er den Vater vom Sockel stürzen, weil er "kein Denkmal zum Vater haben möchte".[14] Er tritt im Gestus des Zeitzeugen auf. Und je weniger er tatsächlich Zeuge der Dinge ist, über die er mutmaßt, desto autoritärer will er abweichenden Auffassungen entgegen zur Geltung bringen, dass "ich dies doch alles recht sicher wisse, denn ich sei sein Sohn".[15] Nur behandelt Florians Buch zum überwiegenden Teil Zeitabschnitte der Biografie seines Vaters, die er gerade nicht miterlebt hat, für die er mithin kein Zeitzeuge ist, ja nicht einmal Zeitgenosse.

Die Kritik hat das Buch als Werk der epischen Literatur überwiegend ignoriert, allenfalls als Großtat der neuen Kunst des Vatermordes gewürdigt.[16] Umso verwunderlicher ist die implizite Akzeptanz des Textes als zeithistorisches Dokument, wo er über Selbstaussagen des Autors hinausgeht.[17] Der wiederum hat das Fiktionale seines Textes ausdrücklich hervorgehoben, was auch nicht dadurch relativiert wird, dass er es geschehen lässt, als vermeintlich authentischer Zeuge präsentiert zu werden. Entscheidende Personen des Romans, die mit ihren bürgerlichen Namen Objekt seiner teils obszönen Phantasmagorien wurden, haben erfolgreich gegen die Verbreitung des Textes geklagt. Wo Florian mithin Zeitzeuge wäre, ist seine Verlässlichkeit gerichtsnotorisch vom Tisch. Warum also gilt sein Text einigen Historikern gerade in jenen Teilen, in denen er weder Zeitzeuge noch Zeitgenosse ist, überhaupt als Quelle? Ist es die nachhaltige Verlockung des Skandalösen? Sohn stürzt Vater vom Sockel? Tatsächlich war der Skandal nicht verursacht durch die Art und Weise, wie er schrieb, noch durch das, was er schrieb. Einzig die Zuschreibung seiner Phantasien zu realen, ja lebenden Menschen sorgte für Aufregung. Die selbstgewählte Rolle als Tabubrecher indes war zu dürftig ausgestattet, die Aufregung, die er der Langeweile der Aufarbeitungsroutine entgegensetzen wollte, blieb kurzatmig.

Die Infamie seiner Verzerrungen versteckt sich zumeist im Schein abwägenden Räsonierens. Was im Falle der Zuchthausbriefe noch recht leicht zu durchschauen ist – und das den Nachlass Robert Havemanns betreuende und nach ihm benannte Archiv der DDR-Opposition wird in Kooperation mit dem Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen diese wie auch die Studentenbriefe demnächst vollständig publizieren[18] –, scheint im Falle des Briefes vom 30. März 1933 komplizierter zu sein.


Fußnoten

1.
Der Tagesspiegel, 17.11.2007.
2.
Florian Havemann: Havemann, Frankfurt a. M. 2007, S. 7.
3.
Götz Aly, Knechtsinn und Freiheitsangst, in: Die Welt, 9.6.2012, Literarische Welt, S. 5; Deutschlandradio, 3.6.2012, 17.05 Uhr, http://www.dradio.de/dlf/sendungen/kulturfragen/1773363 [14.6.2012].
4.
Götz Aly, Warum die Deutschen? Warum die Juden? Gleichheit, Neid und Rassenhass – 1800 bis 1933, Frankfurt a. M. 2011.
5.
So implizit Götz Aly, explizit Reinhard Rürup, Schicksale und Karrieren. Gedenkbuch für die von den Nationalsozialisten aus der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft vertriebenen Forscherinnen und Forscher, Göttingen 2008, S. 98.
6.
Jens Jessen, In Hitlers Gesellschaft, in: Die Zeit, 6.6.2012, S. 59.
7.
Vgl. die detaillierte und weit in das Milieu der Familie ausgreifende Studie von Harold Hurwitz, Robert Havemann. Eine persönlich-politische Biographie, Bd. 1, Berlin 2012, S. 154–168.
8.
Vgl. seine Beschreibung der Atmosphäre im München des Jahres 1929: Manfred Wilke (Hg.), Robert Havemann: Ein deutscher Kommunist. Rückblicke und Perspektiven aus der Isolation, Hamburg 1978, S. 36.
9.
Vgl. die Beschreibung dieses Besuches im Brief Robert Havemanns an Alfred H. Sommer, 20.7.1978, Robert-Havemann-Gesellschaft Berlin (RHG), RH 22/1, Bd. 78, dok.: europäische ideen, Sondernr. Robert Havemann 100, 2010, S. 60f. Die Beschreibung der Veranstaltung ist allerdings zu vage, um sie einem konkreten Auftritt Hitlers zwischen Mai 1929 und Mai 1932 zuordnen zu können. Möglicherweise handelte es sich um eine der Wahlveranstaltungen am 3.12.1929, bei denen Hitler nach Auftritten in 18 anderen Kneipen kurz vor Mitternacht auch im Löwenbräukeller sprach: Vgl. Klaus A. Lankheit (Hg.), Hitler. Reden. Schriften. Anordnungen. Februar 1925 bis Januar 1933, Bd. 3/2, München u.a. 1994, S. 497, Anm. 1.
10.
Havemann an Sommer (Anm. 9).
11.
Vgl. u.a. Sommer an Havemann, 7.10.1978, RHG, RH 22/1, Bd. 78.
12.
F. Havemann (Anm. 2), S. 136f.
13.
Ebd., S. 177–181.
14.
Ebd., S. 113.
15.
Ebd., S. 133.
16.
Vgl. bereits zu dem "Embryo" des 1.000-Seiten-Textes (Florian Havemann, "Alle machen aus meinem Vater einen Fall", in: Der Spiegel, 30.10.1978) Karl Heinz Bohrer, Die drei Kulturen, in: Jürgen Habermas (Hg.), Stichworte zur "Geistigen Situation der Zeit", Bd. 2, Frankfurt a. M. 1979, S. 636–669.
17.
Florian Felix Weyh, der sich am intensivsten auf die literarische Qualität des Buches und seine historische Verortung in den Abhängigkeiten der literarischen Landschaft der Bundesrepublik einlässt, betont in seiner Besprechung des "Havemann" im DeutschlandRadio (Büchermarkt: "Buch und Boxkampf", 3.2.2008) ausdrücklich, "dass kein ernsthafter Historiker je eine Zeile davon als Quellenmaterial akzeptieren dürfte".
18.
Bernd Florath (Hg.), Robert Havemann. Neue biographische Studien und Materialien, Göttingen 2012 (i. Vorber.).

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