Beleuchteter Reichstag

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25.7.2012 | Von:
Bernd Florath

War Robert Havemann ein Antisemit?

Anmerkungen zu Götz Alys Börne-Preisrede und anderen Früchten unkritischer Romanlektüre

V.

Tatsächlich war Robert Havemann radikaler Gegner des Nationalsozialismus. Und er war das von Anfang an. Er nahm am Widerstand bereits in den ersten Stunden der Errichtung des Regimes teil: als unabhängiger, eigenständig denkender Kommunist, als Mitglied der linkssozialistischen Untergrundgruppe "Neu Beginnen", in der seine naturwissenschaftlichen Kenntnisse und Fähigkeiten von Walter Loewenheim, Richard Löwenthal, Karl B. Frank, Georg Eliasberg, Francis Carsten, Kurt Schmidt, Gerhard Bry – um nur die Namhaftesten zu nennen, mit denen er in Kontakt stand – hoch geschätzt wurden.[27] In dieser, zwischen KPD und SPD stehenden Organisation, die mit verdeckter politischer Einflussnahme die beiden großen Parteien zum gemeinsamen Kampf gegen die Gefahr des Nationalsozialismus bringen wollte, erlernte Havemann auch die Regeln konspirativen Arbeitens, noch bevor sozialistisches Engagement durch die Regierung Hitlers in die Illegalität gezwungen wurde.

Wie diese, Havemanns Biografie, seine Weltsicht und sein politisches Engagement nachhaltig prägende Zugehörigkeit aus dem Blick geraten kann und nur jene, seine legale Position sichernden, scheinbar dem NS-Regime gegenüber loyalen Äußerungen ins Gewicht fallen, ist schwer nachvollziehbar. Reinhard Rürup bewertete im Gedenkbuch für die verfolgten Wissenschaftler der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft das vermeintlich antisemitische Quellenmaterial Robert Havemanns sehr zurückhaltend, doch die Unkenntnis der nicht zu seinem wissenschaftshistorischen Forschungsthema gehörenden politischen Betätigung Havemanns führte ihn zu der absurden Bemerkung, es deute "nichts darauf hin", "daß Havemann zu diesem Zeitpunkt in prinzipieller politischer Opposition zu den neuen Machthabern stand".[28] Dass dies an der legalen Oberfläche seiner Existenz der Fall war, lag im Wesen der Konspiration, die Havemann in den "Kon"-Gesprächen der Schulungskurse von "Neu Beginnen" erlernt hatte. Hierzu zählte übrigens auch, dass es im Interesse der Sicherung der legalen Position eines Widerstandskämpfers liegen konnte, einen anderen Nazigegner zu belasten – vorausgesetzt, dass sich dieser bereits außerhalb des Zugriffs der Gestapo befand.[29] Insofern ist auch die Kontroverse über die Laborgeräte Herbert Freundlichs, von denen über ein Jahr später, im Oktober 1934, ein NS-Wissenschaftsoffizieller behauptet, Havemann habe eine "echt jüdische Klü[n]gellei" aufgedeckt,[30] als er im Sommer 1933 ihre Verschiffung ins englische Exil Freundlichs bekanntmachte, Teil einer politischen Camouflage. Die Erregung darüber konnte dem in England befindlichen Freundlich nicht mehr schaden, Havemann jedoch vom Geruch befreien, "politisch unzuverlässig" zu sein. Auch wenn Havemann im Kontext der Auseinandersetzungen am Kaiser-Wilhelm-Institut für physikalische Chemie und Elektrochemie[31] mit der ihm nachgesagten Aktion nicht sonderlich glücklich operiert hatte, hat er niemanden denunziert, der den Nazis zu diesem Zeitpunkt noch greifbar gewesen wäre.

Alys Auffassung, dass Havemanns Brief an den Vater vom 31. März 1933 als "typisch für die seinerzeit vorherrschende Stimmung erscheint", wäre allenfalls insofern zu begründen, als Havemann, gerade weil er nicht die eigenen, sondern fremde Auffassungen wiedergab, diese gleichermaßen auf ihren wesentlichen Ausdruck brachte. Die ihm fremden Gedanken konnte er genauer beobachten und in ihrer Stumpfsinnigkeit reproduzieren, als wenn er eigene Empfindungen frei von subjektiven Färbungen und Besonderheiten hätte niederschreiben sollen. Tatsächlich musste er bloß die Schlagzeilen des "Völkischen Beobachters" ein wenig auf die Situation seines Instituts applizieren. Wichtiger war ihm das Verdecken der eigenen Position, verbunden mit der Provokation des Vaters in dessen kurzsichtigem Opportunismus.

Havemann setzte die Aktivitäten im Widerstand, zu der die Hilfe für jüdische Freunde und verfolgte Juden, die er zuvor nicht gekannte hatte, selbstredend zählte, auch fort, als die Gruppe "Neu Beginnen" von der Gestapo weitgehend zerschlagen worden war. "Typisch für die seinerzeit herrschende Stimmung" des Antisemitismus scheint mir im Kontext der Biografie Robert Havemanns daher eher der Satz Roland Freislers in der Begründung des Todesurteils gegen ihn, Georg Groscurth, Paul Rentsch und Herbert Richter zu sein: "Wie schamlos die Gesinnung der vier Angeklagten ist, ergibt sich auch daraus, daß sie geradezu systematisch illegal lebende Juden unterstützten, ja sogar mästeten; aber nicht nur das, sie verschafften ihnen sogar falsche Ausweise, die sie vor der Polizei tarnen sollten, als wären sie nicht Juden, sondern Deutsche."[32]

Wer nur den von Aly zitierten Brief Havemanns liest, mag zu der Auffassung kommen, dass dessen Deutung zuträfe. Allein dieser laienhaften Deutung setzt die historische Wissenschaft die Quellenkritik entgegen. Sie ist der Dienst, den professionelle Historikerinnen und Historiker für die historisch Interessierten leisten. Es mag dem belletristen Enkel gestattet sein, das Material, das er zerstückelt verwendet, gründlich zu missdeuten, um seiner umfänglichen Erzählung über den Vater eine besonders zweifelhafte Note zu geben. Eine Arbeit, die sich ausschließlich darauf stützt, kann man Historikern des Formats von Götz Aly oder Reinhard Rürup indes nicht unwidersprochen durchgehen lassen.

Fußnoten

27.
Vgl. Richard Löwenthal, Ein Weg zum demokratischen Sozialismus. Kritischer Gruß an einen suchenden Einzelkämpfer, in: Hartmut Jäckel (Hg.), Ein Marxist in der DDR. Für Robert Havemann, München/Zürich 1980, S. 101–118; Gerhard Bry, Resistance. Recollections from the Nazi Years, West Orange N.J. 1979.
28.
Rürup (Anm. 5), S. 98.
29.
Freundlich hatte Deutschland bereits Ende Juli 1933 verlassen. Vgl. Margit Szölösi-Jancze, Fritz Haber, 1868–1934. Eine Biographie, München 1998, S. 655.
30.
Ebd., S. 670–674, zit. 671.
31.
Aly versetzt ihn in seiner Preisrede (Anm. 3) ebenso hartnäckig wie irrig an die Friedrich-Wilhelms-Universität.
32.
Urteil des Volksgerichtshofs gegen Havemann, Groscurth, Richter, Rentsch v. 16.12.1943, RHG, RH 043, Bl. 12.

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