Beleuchteter Reichstag

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20.9.2012 | Von:
Antonia Ritter

Eine deutsch-deutsche Koproduktion:
die "Orientalische Bibliothek"

Der Nutzen für Beck



Wo lagen nun die Vorteile der Koproduktion für den C. H. Beck Verlag? Im Gegensatz zur DDR war der Absatz für den Münchner Verlag eine entscheidende Größe für oder gegen den Entschluss zur Koproduktion. Abgesehen davon kann ein Verlag mit einer gut lektorierten Reihe auch sein Renommee in der Öffentlichkeit vergrößern. Der Anfang der "18." war in Ost und West schwierig.[24] Dem Beck Verlag gelang 1983 der Durchbruch dieser Reihe auf dem Markt. Im Osten wurde dagegen noch 1986 angemerkt, dass die "18." sich teilweise schlecht verkaufe.[25] Der Erfolg in der Bundesrepublik war für Beck ein Argument, auch eine zweite Reihe ähnlicher Art gemeinsam mit Kiepenheuer in Leipzig herauszugeben. Allerdings waren beide Partner sich dessen bewusst, dass es wie bei der "Bibliothek des 18. Jahrhunderts" Anfangsschwierigkeiten geben würde.

Gleichwohl stellte sich die Situation bei der "OB" umgekehrt dar. In Westdeutschland verkaufte sie sich nur schwer, während in Ostdeutschland die Auflage bald nicht mehr zu haben war. So wurde beispielsweise in Leipzig über eine Nachauflage des Werkes "Über die Frauen" nachgedacht, was darauf schließen lässt, dass das Werk vergriffen war. Im Westen waren zu demselben Zeitpunkt aber noch 2.000 Exemplare vorhanden. Überspitzt formuliert, war die "18." eine "Westreihe" und die "OB" eine "Ostreihe". Dabei war der Erfolg mit zweierlei Maß zu messen. In Westdeutschland wurde eine kleinere Auflage auf einem größeren Markt angeboten, während in Ostdeutschland einer größeren Auflage ein kleinerer potentieller Leserkreis gegenüberstand. In der DDR war also zumindest das oberflächliche Interesse an orientalischer Literatur wesentlich größer als in der BRD. Ob die Bücher dann auch gelesen wurden, sei dahingestellt.

Wäre das Projekt "OB" an sich im Westen als rentabel eingeschätzt worden, hätte der Beck Verlag eine Koproduktion gar nicht in Erwägung ziehen müssen. Beide Verlage hätten eine ähnliche Reihe in entsprechendem Umfang auf seinem Absatzmarkt verkaufen können, und der zusätzliche Arbeitsaufwand durch eine Koproduktion wäre weggefallen. Der Vorteil der Koproduktion ergab sich erst aus der Verringerung des Absatzrisikos, das mit dem Erscheinen der Reihe verbunden war, da der Lesergeschmack in Westdeutschland mehrheitlich auf populäre Literatur ausgerichtet war und noch dazu mit anderen Freizeitbeschäftigungen konkurrierte. Durch die Koproduktion verminderten sich das Absatz- und damit auch das finanzielle Risiko für Beck, da sich durch die preisgünstigere Produktion die Investition schon bei geringem Absatz amortisierte. Außerdem konnten die günstigeren Produktionskosten an den Kunden weitergegeben werden, und der niedrigere Ladenpreis dürfte wiederum mehr Käufer angezogen haben. Von der "OB" nahm der Beck Verlag durchschnittlich 3.000 Exemplare ab. Selbst von dieser im Vergleich zum Osten verhältnismäßig kleinen Auflage wurden selten alle Exemplare verkauft. Bei einer Eigenproduktion hätten bei einer solchen Stückzahl die Preise für die einzelnen Titel wesentlich höher ausfallen müssen, was sich wiederum negativ auf den Absatz ausgewirkt hätte. Für Beck in München hätten also die "Bibliothek des 18. Jahrhunderts" und die "Orientalische Bibliothek" ohne Koproduktion ein zu großes Risiko dargestellt. Für die Verlagsgruppe Kiepenheuer in Leipzig hingegen wären die langfristigen Vorschusskosten auf Dauer zu hochgewesen, um sie allein bewältigen zu können. Deswegen wären die beiden Reihen ohne die Koproduktion wohl nicht zustande gekommen.

Literaturtransfer auf der Mikroebene

Cover eines Bandes aus der "Orientalischen Bibliothek"Cover eines weiteren Bandes aus der "Orientalischen Bibliothek" (© Gustav Kiepenheuer Verlag Leipzig/C.H. Beck Verlag München)
Aber ergab sich aus der geschilderten Koinzidenz der materiellen Interessenlagen auch ein geistiger Austausch? Dazu lassen sich hier nur einige generelle Aussagen treffen. Die obligatorischen Nach- und Vorworte zu den einzelnen Bänden waren insofern entscheidend, als hier etwaige Missliebigkeiten in den Werken für die Leser in der DDR ins sozialistisch-rechte Licht gerückt werden sollten. Mit dementsprechenden ideologischen Verbrämungen konnte so manches Werk veröffentlicht werden, das sonst keine Druckgenehmigung erhalten hätte. Das Bemerkenswerte an den beiden Reihen sind also nicht nur die veröffentlichten Werke, sondern auch die Kommentierungen dazu. Dies wird auch in einem Artikel des Frankfurter "Börsenblattes" über die "Bibliothek des 18. Jahrhunderts" festgestellt: "Selbstverständlich bleibt das Œuvre tabu. Die unterschiedlichen Auffassungen spiegeln sich im Vor- oder Nachwort, in den Kommentaren und Interpretationen, manchmal auch in der Werkauswahl wider – Austauschteile! Textidentische Ausgaben sind mithin die Ausnahme (sie erscheinen hierzulande meist in roteingefärbten Kleinverlagen)."[26] Bei der "OB" gab es zwar wenig politischen Zunder, aber auch hier findet man Nachworte im Geiste der SED-Ideologie. Dem Leser in Ost und West wurde dieselbe Argumentation und Denkweise nahegebracht, auch wenn die meisten Leser das nicht bemerkt haben dürften, da in den Büchern nicht gesondert darauf hingewiesen wurde. Eine freiere Perspektive ergab sich für die ostdeutschen Leser ohnehin dadurch, dass in der Reihe ausländische Werke verlegt wurden, die nicht den Geist sozialistische Indoktrination atmeten. Auch wenn die Lesarten in Ost und West divergiert haben dürften, wurde dem Leser in der Bundesrepublik in vielen Vor- bzw. Nachworten mehr oder weniger offen eine sozialistische Interpretation angeboten. Durch die an sich unpolitische Thematik der "OB" konnte sich der Leser in Westdeutschland bei aufmerksamer Lektüre anhand von Themen, die nicht von vornherein kontrovers erschienen, mit der Sicht der SED auf die Dinge auseinandersetzen. Die Kommentierungen in der "OB" transportierten also vornehmlich geistige Ideen von Ost nach West!

Durch die editorische Zusammenarbeit und die damit verbundenen Reisen zur Frankfurter Buchmesse konnten sich die zuständigen Mitarbeiter bei Kiepenheuer zugleich ein eigenes Bild vom Westen machen, sodass die Koproduktion mit Beck auch zu ganz praktischen Einsichten in die westdeutsche Lebensweise verhalf.


Die "OB" ist eine vom Volumen her marginale, für Einsichten in den Verlagsbetrieb und in den Buchhandel aber nicht unwichtige Facette des innerdeutschen Literaturaustausches. An ihr wird deutlich, dass viele kleine Bausteine dazugehörten, den literarischen Austausch zwischen West und Ost aufrechtzuerhalten. Im Gegensatz zwischen Ost und West tritt zu Tage, wie eng die Grenzen im Osten gezogen werden sollten. Dessen ungeachtet gab es in den 40 Jahren DDR mehr Buchprojekte zwischen Ost und West, als man annehmen könnte. In ihrer Gesamtheit trugen sie dazu bei, dass sich zumindest die kulturelle Kluft nicht allzu sehr vergrößerte. Jedes Einzelobjekt war also wichtig, denn der Literaturtransfer geschah auf der Mikroebene. Die Bücher waren zumindest auf offizieller Ebene der Grund, um legal miteinander in Kontakt zu treten. Nicht nur der Inhalt der Bücher legte eine gemeinsame Grundlage, sondern vor allem die gemeinsame Arbeit schuf eine Basis für den Austausch über die Grenze hinweg.

Fußnoten

24.
Vgl. Protokoll über Besprechung mit Beck, 18.2.1982, StA-L, GKV Nr. 1251.
25.
Brief von Jürgen Fischer an R. Links u. F. Berger, 13.12.1983, StA-L, GKV Nr. 1251.
26.
Hartmut Panskus, Wie es zur "Bibliothek des 18. Jahrhunderts" gekommen ist. Sonderfall einer deutsch-deutschen Edition, in: Börsenblatt des deutschen Buchhandels (Frankfurt a. M.) 70 (1982), S. 1865f.

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