Beleuchteter Reichstag
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20.9.2012 | Von:
Antonia Ritter

Eine deutsch-deutsche Koproduktion:
die "Orientalische Bibliothek"

Die "OB" ist ein Mosaikstein im innerdeutschen Literaturtransfer. Das konkrete Beispiel zeigt, wie durch die wirtschaftlichen Vorteile deutsch-deutscher Koproduktionen ein geistiger Austausch auf Verlags- und letztlich auch auf gesellschaftlicher Ebene ermöglicht werden konnte, der die physische innerdeutsche Grenze wenigstens teilweise unterminieren konnte.

Logo der "Orientalischen Bibliothek"Logo der "Orientalischen Bibliothek" (© Gustav Kiepenheuer Verlag/C.H. Beck Verlag)
Die Kiepenheuer Verlagsgruppe aus Leipzig und der C. H. Beck Verlag in München brachten in den 1980er-Jahren zwei gemeinsame Buchreihen heraus: die "Bibliothek des 18. Jahrhunderts" und die "Orientalische Bibliothek". Damals herrschten bei einigen Verlagen wie Brockhaus und Reclam, die unter gleichen Namen in beiden Teilen Deutschlands operierten, zwar immer noch Streit und Boykott,[1] doch gehörte die deutsch-deutsche Kooperation bei einzelnen Buchprojekten, Lizenzvergaben und den sogenannten Mitdruckgeschäften sonst längst zum Alltagsgeschäft. Die Koproduktion ganzer Buchreihen bildete jedoch ein seltenes Ausnahmephänomen. Auf welche Art und Weise funktionierte diese Koproduktion zwischen Ost und West, und warum kam sie überhaupt zustande? Und inwieweit gab die Zusammenarbeit Möglichkeiten, durch den materiellen auch einen geistigen Durchlass zu schaffen?

Die "OB" und die "18."

Die "OB", wie die "Orientalische Bibliothek" im Folgenden genannt werden soll, ist eine Buchreihe, die von 1985 bis 1991 im C. H. Beck Verlag erschien und auf ostdeutscher Seite durch die Kiepenheuer Verlagsgruppe und den Verlag Volk und Welt[2] realisiert wurde. (Volk und Welt wird im Folgenden aufgrund seiner hier untergeordneten Rolle nicht weiter betrachtet.) Von der "OB" erschienen 25 Bände, die Autoren sowohl aus dem arabischen Raum als auch aus China und Indien vereinten. Man wollte die weite Welt in die DDR holen – so jedenfalls hat es der Verleger
Roland LinksRoland Links, Aufnahme von 1977 (© Christoph Links)
Roland Links formuliert.[3] Links hatte 1977 die Leitung der neugegründeten Verlagsgruppe Kiepenheuer übernommen, einen Zusammenschluss des Insel Verlags, des Paul List Verlags, der Dieterich'schen Verlagsbuchhandlung mit dem Leipziger Gustav Kiepenheuer Verlag. Erst diese Zusammenlegung versetzte Kiepenheuer überhaupt in die Lage, mit Hilfe der erwähnten Partnerverlage, die sich hauptsächlich auf Literatur aus dem rechtefreien Fundus des mehr oder weniger klassischen "Erbes" spezialisiert hatten, ein derart langfristiges Projekt wie die "Orientalische Bibliothek" zu realisieren. Die sogenannte Erbegruppe gehörte, betrachtet man die Zahl der Veröffentlichungen, zu den mittelgroßen Verlagen in der DDR und zu den kleineren der exportierenden. Schon seit 1980 gab es ein älteres Gemeinschaftsprojekt von Beck und Kiepenheuer, die "Bibliothek des 18. Jahrhunderts". Nach anfänglichen Schwierigkeiten war die "18." auf Erfolgskurs geraten und hatte damit Anlass zu der Hoffnung gegeben, sich auch mit einer ähnlichen Reihe über den Nahen und Fernen Osten auf dem Markt behaupten zu können.

Friedemann BergerFriedemann Berger, undatierte Aufnahme (© Börsenblatt des deutschen Buchhandels; privat)
Friedemann Berger, Cheflektor bei Kiepenheuer von 1977 bis 1985, und Jürgen Fischer, Lektor bei C. H. Beck, erfüllten sich damit einen Wunsch, da beide eine Leidenschaft für orientalische Literatur hegten. Schon 1980 wurde die Herausgabe einer zuerst "Asiatische Bibliothek" genannten Reihe erwogen. Bis das erste Buch erschien, musste aber noch Überzeugungsarbeit beim Beck Verlag geleistet werden. Prinzipiell war man in München für die Herausgabe, aber es fehlte an Lektoratskapazität. Später lag denn auch diese Arbeit in Leipziger Händen, die Mitarbeiter von Beck segneten die Ergebnisse meist nur noch ab. Gab es doch einmal inhaltliche – ideologische – Probleme, wurde selbst dann noch verständnisvoll reagiert: "Wenn wir noch mehr Nachworte dieser Art in der nächsten Zeit in der Bibliothek des 18. Jahrhunderts oder in der Orientalischen Bibliothek haben werden, dann graben wir ihr selbst das Grab"[4], heißt es in einem Brief aus dem Hause Beck an die Nachfolgerin Friedemann Bergers bei Kiepenheuer, Beate Jahn.

Beide Bibliotheken kann man als Geschwister auffassen. Die Auflage lag jeweils bei durchschnittlich 12.000 Exemplaren, wobei noch 3.000 Exemplare für den Westexport hinzuzurechnen sind. In beiden Reihen wurden entweder zeitlich oder geografisch abseitige Themen behandelt, für die es nur kleine potenzielle Leserkreise gab. Diese Kreise galt es durch Reihen auf sich aufmerksam zu machen und sie an den Verlag zu binden.[5] Besonderer Wert wurde deshalb auf die Gestaltung der Bände gelegt, um so schon vom Äußeren auf die Reihe aufmerksam zu machen. Der einzige Gegensatz bestand darin, dass die "Bibliothek des 18. Jahrhunderts" illustriert wurde, wohingegen die "OB" als Lesebibliothek Gestalt annahm. Da die Gemeinsamkeiten überwogen, können auch Quellen aus den Verlagsarchiven zur "Bibliothek des 18. Jahrhunderts" für die "OB" als wichtige Zeugnisse angesehen werden.

Die Devisenpolitik der DDR als Hintergrund

Wieso ließ die Zensur in der DDR solche Bücher aber überhaupt zu? Offiziell begründet wurde der Nutzen der Reihe mit dem umfassenden Bildungsanspruch, den der Staat für die Bürger stellte. Dass die Verlagsgruppe als geeigneter Herausgeber erschien, ergab sich aus der Profilierung der Erbegruppe. Diese resultierte aus den Traditionen der vorher selbstständigen Verlage, die sich erstens miteinander verbinden ließen und zweitens orientalische Titel bereits im Verlagsprogramm aufweisen konnten. Die Möglichkeit des Exports war jedoch das wichtigere Argument für die Genehmigung der Reihe. Schließlich musste sich die für die Wiedergabe von Eigennamen
OB-Cover Weisheit IndiensWeisheit des alten Indien, herausgegeben von Johannes Mehlig. Umschlag von Band 2: Buddhistische Texte (© Gustav Kiepenheuer Verlag Leipzig/C.H. Beck Verlag München)
notwendige Anschaffung eines typografischen Satzes von diakritischen Zeichen rechnen. Den Mitarbeitern konnte es dabei nicht um den unmittelbaren finanziellen Gewinn gehen, da dieser ohnehin von der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel (HV) und damit vom SED-Staat abgeschöpft wurde. Die Koproduktion lag demnach nicht im genuinen Interesse des Verlages, sondern wurde letztlich von der SED forciert. Wie auch andernorts häufig im "real existierenden Sozialismus" wurde dieses Ziel mit Ideologie verbrämt. Literaturexport aus der DDR in den Westen sollte immer die Leistungsfähigkeit bzw. Überlegenheit des sozialistischen Systems demonstrieren und die Werte dieser Ideologie im kapitalistischen Ausland vermitteln.

Der Verlagsgruppe selbst kam höchstens die Erwerbung ausländischen Bildmaterials zugute, da illustrierte Bücher mit einem besseren Absatz in der DDR rechnen durften. Da die Bildbeschaffung im Westen meist mit der Lektoratsarbeit im Osten verrechnet wurde, waren hierfür auch kaum Devisen aufzubringen.[6] Dies war ein zusätzliches Argument, illustrierte Bände herauszubringen, obwohl die Polygrafie in der DDR aufgrund der unzureichenden Technik meist Probleme beim Druck hatte.

Der Export – und damit der Devisengewinn – war also der vorrangige Grund für die Koproduktion seitens der DDR. Folglich war ein maximaler Gewinn an Devisen bei minimalem Material- und Arbeitsaufwand anzustreben. Es wurde versucht, die Minimierung des Aufwands mittels Verordnungen in den Verlagen durchzusetzen.[7] Maximale Devisen konnten dagegen nur durch Verhandlungen bzw. eine gute Verhandlungsposition und durch attraktive Produkte erlangt werden. Mit der Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage in der DDR wurde ihr Devisenhunger größer. Mithin wurden sowohl die Verhandlungsbasis als auch die Produkte schlechter, sodass man zwangsläufig bei den Devisen Abstriche in Kauf nehmen musste. Um die Produktqualität sicherzustellen, wurden Beistellungen (Westpapier etc.) genehmigt. Traten trotzdem Produktmängel auf, wurde meist der Preis gedrückt oder die Ware nicht abgenommen. Alle drei Möglichkeiten bedeuteten einen Verlust an Devisen. Sieht man die Verlagswirtschaft als einen Mikrokosmos der gesamten DDR-Ökonomie, zeigt sich deutlich die Abwärtsspirale aus Devisenknappheit, dadurch bedingter Nutzung veralteter Technik und damit einhergehender niedriger Produktivität, was die Staatsverschuldung der DDR mit der Zeit immer schneller ansteigen ließ.

Die Verhandlungsbasis hätte nur durch eine generelle Verbesserung der Wirtschaftslage konsolidiert werden können, die aber bis zum Ende der DDR nicht erreicht wurde. Dazu soll noch einmal die Exportsituation in der Verlagslandschaft vergegenwärtigt werden. In den 1980er-Jahren waren bei einer Verlagsproduktion von circa 90 Titeln "fünfzig Titel jährlich" durch Mitdruckgeschäfte gebunden.[8] Dazu kam noch der Sortimentsexport, der bei ungefähr 20 Prozent lag.[9] Für die Koproduktionen waren regelmäßig persönliche Absprachen nötig, die durch gegenseitige Messebesuche in Frankfurt und Leipzig abgedeckt wurden. Der beschriebene Devisenmangel wirkte sich nicht nur auf Materialmenge und -qualität aus, sondern auch auf den Umfang der Reisemöglichkeiten, da hierfür ebenfalls Devisen benötigt wurden. So wurde der Etat der Verlagsgruppe für Reisen ins westliche Ausland 1987 von 32 auf 26 Tage gekürzt. Andere Verlage wie zum Beispiel Reclam Leipzig mussten empfindlichere Einschränkungen hinnehmen. Dass damit die Exportplanerfüllung zusätzlich erschwert wurde, liegt auf der Hand, folglich lösten diese Einschränkungen vehementen Protest bei den Verlagen aus.[10]

Zum Umfang der Ausfuhr von Büchern gibt es verschiedene Einschätzungen. Der Export in das "SW", das sozialistische Wirtschaftsgebiet, habe 30 Prozent der gesamten Verlagsproduktion in der DDR betragen, meint Nils Kahlefendt.[11] Der durchschnittliche Gesamtexport der DDR-Verlage habe bei 24 Prozent gelegen, heißt es dagegen bei Reinhard Wittmann.[12] Die Wahrheit dürfte irgendwo dazwischen liegen, kann hier jedoch nicht näher bestimmt werden. Der Hauptverwaltung für Verlage und Buchhandel unterstanden Mitte der 1980er-Jahre 55 Verlage. Darunter war die Kiepenheuer Verlagsgruppe mit 84.500 Valutamark im NSW-Export zunächst relativ klein. Verlage wie beispielsweise der Verlag der Kunst erwirtschafteten im gleichen Zeitraum 356.000 VM und auch Henschel und E. A. Seemann rangierten in der gleichen Größenordnung, um nur einige zu nennen.[13]

Für den illustrierten "OB"-Band "Schahname", der in einer kleinen Auflage von 4.500 Exemplaren erschien, wurde bei einem Verlagsabgabepreis (VAP) von 55,25 Mark ein Exportpreis von 85,– Mark verlangt. Bei geplanter Abnahme von 400 Stück durch Sortimentsexport in den Westen lag der Erlös bei 17.000 Valutamark.[14] Der Valutapreis ergab sich durch das "Preisniveau der kapitalistischen Märkte, das durch Preisbeobachtung und Preisforschung im Prozeß der Valutapreisbildung ermittelt werden muss."[15] Der Wert war also keine feste Größe und wurde zur Zeit der Planung, folgt man der Planrechnung, auf das Doppelte einer DDR-Mark geschätzt.[16] Der Erlös wäre nach Plan einer der höchsten für ein einzelnes Werk gewesen. Die Pläne wurden im Laufe eines Jahres immer wieder der tatsächlichen Produktion angepasst. Da sie auf realen Vorgaben beruhen, soll diese Rechnung als Beispiel für tatsächliche Preisbildung stehen. Illustrierte Sonderbände waren also selbst bei kleinen Auflagen im Export lukrativ. Durch Mitdruck des "Vishnu-Schreins" zum Beispiel wurde bei einer Westauflage von 2.000 Stück ein Erlös von 37.000 VM erzielt. Insgesamt wurden 1988 im NSW-Export 592.900 VM durch die Verlagsgruppe erwirtschaftet. Der Exportpreis wurde in einem verlagsinternen Entscheidungsprozess, dem sogenannten Titelannahmeverfahren (TAV), "inhaltlich in keiner Beziehung zu inländischen Preisen oder Kosten" stehend, festgelegt.[17] Der Export der Verlagsgruppe hatte sich seit 1977 innerhalb von fünf Jahren auf das Elffache gesteigert und wuchs somit schneller als die allgemeine Produktion der Verlagsgruppe. Zu Recht monierten die Verantwortlichen für die "18." im Verlag: "Export ist eine wichtige, aber nicht die einzige Aufgabe dieser Bibliothek".[18]

Für die Kiepenheuer Gruppe ging es zu 80 Prozent um Mitdruckgeschäfte, und nur 20 Prozent des Exports wurden durch Sortimentsausfuhren erzielt.[19] Die größten Partner waren hierbei Beck, Schünemann und Dausien. Durch den Exportdruck konkurrierte die Erbegruppe, neben anderen Verlagen, zunehmend mit den sortimentsexportierenden Verlagen, die ebenfalls die wenigen qualitativ guten polygrafischen Einrichtungen für sich in Anspruch nehmen wollten. Bei gleichzeitiger Androhung von Prämienkürzung[20] wurden die staatlichen Auflagen immer so hoch angesetzt (1986: 725.000 VM), dass Kiepenheuer und seine Partner nur in Ausnahmefällen diese "Kampfziele" erreichen konnten.[21] Durch die langfristig gebundenen Mitdruckgeschäfte bei den Reihen war es dem Verlag nur schwer möglich, den jährlich geforderten Exporterhöhungen Folge zu leisten. Außerdem drohten bei Ausfall eines Exporttitels finanzielle Vertragsstrafen von der HV. Dies führte immer wieder zu Querelen mit den Druckereien, die hauptsächlich für die Terminverzögerungen verantwortlich waren.[22] Dass die Verlagsgruppe trotzdem eine gute Exportarbeit leistete, erkannte auch der (Außenhandelbetrieb) AHB Buchexport an. Dieser Erfolg wird auch daran ersichtlich, dass Mitarbeiter der Verlagsgruppe anlässlich einer Arbeitstagung über die "erfolgreiche Realisierung der Exportgeschäfte" sprechen sollten.[23]

Der Nutzen für Beck



Wo lagen nun die Vorteile der Koproduktion für den C. H. Beck Verlag? Im Gegensatz zur DDR war der Absatz für den Münchner Verlag eine entscheidende Größe für oder gegen den Entschluss zur Koproduktion. Abgesehen davon kann ein Verlag mit einer gut lektorierten Reihe auch sein Renommee in der Öffentlichkeit vergrößern. Der Anfang der "18." war in Ost und West schwierig.[24] Dem Beck Verlag gelang 1983 der Durchbruch dieser Reihe auf dem Markt. Im Osten wurde dagegen noch 1986 angemerkt, dass die "18." sich teilweise schlecht verkaufe.[25] Der Erfolg in der Bundesrepublik war für Beck ein Argument, auch eine zweite Reihe ähnlicher Art gemeinsam mit Kiepenheuer in Leipzig herauszugeben. Allerdings waren beide Partner sich dessen bewusst, dass es wie bei der "Bibliothek des 18. Jahrhunderts" Anfangsschwierigkeiten geben würde.

Gleichwohl stellte sich die Situation bei der "OB" umgekehrt dar. In Westdeutschland verkaufte sie sich nur schwer, während in Ostdeutschland die Auflage bald nicht mehr zu haben war. So wurde beispielsweise in Leipzig über eine Nachauflage des Werkes "Über die Frauen" nachgedacht, was darauf schließen lässt, dass das Werk vergriffen war. Im Westen waren zu demselben Zeitpunkt aber noch 2.000 Exemplare vorhanden. Überspitzt formuliert, war die "18." eine "Westreihe" und die "OB" eine "Ostreihe". Dabei war der Erfolg mit zweierlei Maß zu messen. In Westdeutschland wurde eine kleinere Auflage auf einem größeren Markt angeboten, während in Ostdeutschland einer größeren Auflage ein kleinerer potentieller Leserkreis gegenüberstand. In der DDR war also zumindest das oberflächliche Interesse an orientalischer Literatur wesentlich größer als in der BRD. Ob die Bücher dann auch gelesen wurden, sei dahingestellt.

Wäre das Projekt "OB" an sich im Westen als rentabel eingeschätzt worden, hätte der Beck Verlag eine Koproduktion gar nicht in Erwägung ziehen müssen. Beide Verlage hätten eine ähnliche Reihe in entsprechendem Umfang auf seinem Absatzmarkt verkaufen können, und der zusätzliche Arbeitsaufwand durch eine Koproduktion wäre weggefallen. Der Vorteil der Koproduktion ergab sich erst aus der Verringerung des Absatzrisikos, das mit dem Erscheinen der Reihe verbunden war, da der Lesergeschmack in Westdeutschland mehrheitlich auf populäre Literatur ausgerichtet war und noch dazu mit anderen Freizeitbeschäftigungen konkurrierte. Durch die Koproduktion verminderten sich das Absatz- und damit auch das finanzielle Risiko für Beck, da sich durch die preisgünstigere Produktion die Investition schon bei geringem Absatz amortisierte. Außerdem konnten die günstigeren Produktionskosten an den Kunden weitergegeben werden, und der niedrigere Ladenpreis dürfte wiederum mehr Käufer angezogen haben. Von der "OB" nahm der Beck Verlag durchschnittlich 3.000 Exemplare ab. Selbst von dieser im Vergleich zum Osten verhältnismäßig kleinen Auflage wurden selten alle Exemplare verkauft. Bei einer Eigenproduktion hätten bei einer solchen Stückzahl die Preise für die einzelnen Titel wesentlich höher ausfallen müssen, was sich wiederum negativ auf den Absatz ausgewirkt hätte. Für Beck in München hätten also die "Bibliothek des 18. Jahrhunderts" und die "Orientalische Bibliothek" ohne Koproduktion ein zu großes Risiko dargestellt. Für die Verlagsgruppe Kiepenheuer in Leipzig hingegen wären die langfristigen Vorschusskosten auf Dauer zu hochgewesen, um sie allein bewältigen zu können. Deswegen wären die beiden Reihen ohne die Koproduktion wohl nicht zustande gekommen.

Literaturtransfer auf der Mikroebene

Cover eines Bandes aus der "Orientalischen Bibliothek"Cover eines weiteren Bandes aus der "Orientalischen Bibliothek" (© Gustav Kiepenheuer Verlag Leipzig/C.H. Beck Verlag München)
Aber ergab sich aus der geschilderten Koinzidenz der materiellen Interessenlagen auch ein geistiger Austausch? Dazu lassen sich hier nur einige generelle Aussagen treffen. Die obligatorischen Nach- und Vorworte zu den einzelnen Bänden waren insofern entscheidend, als hier etwaige Missliebigkeiten in den Werken für die Leser in der DDR ins sozialistisch-rechte Licht gerückt werden sollten. Mit dementsprechenden ideologischen Verbrämungen konnte so manches Werk veröffentlicht werden, das sonst keine Druckgenehmigung erhalten hätte. Das Bemerkenswerte an den beiden Reihen sind also nicht nur die veröffentlichten Werke, sondern auch die Kommentierungen dazu. Dies wird auch in einem Artikel des Frankfurter "Börsenblattes" über die "Bibliothek des 18. Jahrhunderts" festgestellt: "Selbstverständlich bleibt das Œuvre tabu. Die unterschiedlichen Auffassungen spiegeln sich im Vor- oder Nachwort, in den Kommentaren und Interpretationen, manchmal auch in der Werkauswahl wider – Austauschteile! Textidentische Ausgaben sind mithin die Ausnahme (sie erscheinen hierzulande meist in roteingefärbten Kleinverlagen)."[26] Bei der "OB" gab es zwar wenig politischen Zunder, aber auch hier findet man Nachworte im Geiste der SED-Ideologie. Dem Leser in Ost und West wurde dieselbe Argumentation und Denkweise nahegebracht, auch wenn die meisten Leser das nicht bemerkt haben dürften, da in den Büchern nicht gesondert darauf hingewiesen wurde. Eine freiere Perspektive ergab sich für die ostdeutschen Leser ohnehin dadurch, dass in der Reihe ausländische Werke verlegt wurden, die nicht den Geist sozialistische Indoktrination atmeten. Auch wenn die Lesarten in Ost und West divergiert haben dürften, wurde dem Leser in der Bundesrepublik in vielen Vor- bzw. Nachworten mehr oder weniger offen eine sozialistische Interpretation angeboten. Durch die an sich unpolitische Thematik der "OB" konnte sich der Leser in Westdeutschland bei aufmerksamer Lektüre anhand von Themen, die nicht von vornherein kontrovers erschienen, mit der Sicht der SED auf die Dinge auseinandersetzen. Die Kommentierungen in der "OB" transportierten also vornehmlich geistige Ideen von Ost nach West!

Durch die editorische Zusammenarbeit und die damit verbundenen Reisen zur Frankfurter Buchmesse konnten sich die zuständigen Mitarbeiter bei Kiepenheuer zugleich ein eigenes Bild vom Westen machen, sodass die Koproduktion mit Beck auch zu ganz praktischen Einsichten in die westdeutsche Lebensweise verhalf.


Die "OB" ist eine vom Volumen her marginale, für Einsichten in den Verlagsbetrieb und in den Buchhandel aber nicht unwichtige Facette des innerdeutschen Literaturaustausches. An ihr wird deutlich, dass viele kleine Bausteine dazugehörten, den literarischen Austausch zwischen West und Ost aufrechtzuerhalten. Im Gegensatz zwischen Ost und West tritt zu Tage, wie eng die Grenzen im Osten gezogen werden sollten. Dessen ungeachtet gab es in den 40 Jahren DDR mehr Buchprojekte zwischen Ost und West, als man annehmen könnte. In ihrer Gesamtheit trugen sie dazu bei, dass sich zumindest die kulturelle Kluft nicht allzu sehr vergrößerte. Jedes Einzelobjekt war also wichtig, denn der Literaturtransfer geschah auf der Mikroebene. Die Bücher waren zumindest auf offizieller Ebene der Grund, um legal miteinander in Kontakt zu treten. Nicht nur der Inhalt der Bücher legte eine gemeinsame Grundlage, sondern vor allem die gemeinsame Arbeit schuf eine Basis für den Austausch über die Grenze hinweg.
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Fußnoten

1.
Vgl. hierzu u.a. zur Vorgeschichte bei Reclam Anke Schüler, Ein Name, zwei Wege: Reclam Leipzig und Reclam Stuttgart, http://www.bpb.de/139840.
2.
Simone Barck/Siegfried Lokatis (Hg.), Fenster zur Welt. Der Verlag Volk und Welt in der DDR, Berlin 2003.
3.
Roland Links: "Warum hast du uns nicht gleich gesagt, dass du so einen schönen deutschen Verlag leitest?": Roland Links im Gespräch mit Ingrid Sonntag, in: Siegfried Lokatis/dies. (Hg.), 100 Jahre Kiepenheuer Verlage, Berlin 2011, S. 309–318.
4.
Brief von E.-P. Wieckenberg an Cheflektorin B. Jahn, 17.11.1988, S. 2, Sächs. Staatsarchiv Leipzig (StA-L), Archiv des Gustav Kiepenheuer Verlages (GKV), Nr. 1250.
5.
Links (Anm. 3), S. 315: "Dass Reihen die Leser anziehen, hatte ich bei Volk und Welt gelernt."
6.
Vgl. Brief von F. Berger an E.-P. Wieckenberg, 8.7.1981, S. 2, StA-L, GKV Nr. 1251.
7.
Vgl. Verordnung zum sparsamen Papierverbrauch, 1.9.1983, StA-L, GKV Nr. 1260.
8.
Brief von R. Links an Dr. Müller, Artemis & Winkler Verlag Zürich, 1.11.1985, StA-L, GKV Nr. 0703.
9.
Aktennotiz über Exportberatung mit Kiepenheuer 9.9.1986, 11.9.1986, StA-L, BE Nr. 0555.
10.
Vgl. Aktennotiz über eine Zusammenkunft der Marktbearbeitungsgruppe Belletristik am 26.5.87 im Verlag Volk und Welt in Berlin, 27.5.1987, StA-L, GKV Nr. 0668.
11.
Nils Kahlefendt, Abschied vom Leseland. Die ostdeutsche Buchhandels- und Verlagslandschaft zwischen Ab- und Aufbruch, in: APuZ, 13/2000, http://www.bpb.de/25675 [10.7.2012].
12.
Reinhard Wittmann, Geschichte des deutschen Buchhandels, München 1999, S. 401.
13.
Vgl. Zusammenstellung der Umsätze der HV-Verlage I.–IV. Quartal 1983, StA-L, BE Nr. 005.
14.
Vgl. Anlage zum Absatzplan NSW 1988, StA-L, GKV Nr. 0652.
15.
Vgl. Richtlinie für die Bildung von Valutapreisen beim Export von Verlagserzeugnissen in das NSW, Anhang, S. 5, StA-L, GKV Nr. 1260.
16.
85,– M x 400 Stück = 34.000 M/17.000 VM = 2.
17.
Richtlinie (Anm. 15), S. 1.
18.
Protokoll der ersten Beratung zur Vorbereitung der Frankfurter Messe im Lektoratskreis am 25.8.1982, S. 1, StA-L, Nr. 703.
19.
Vgl. Aktennotiz über Exportberatung mit Kiepenheuer am 9.9.1986, 11.9.1986, StA-L, BE Nr. 0555.
20.
Aktennotiz v. 16.12.1981: Über die Cheflektorenrunde am 15.12.1981 in der Hauptverwaltung Verlage, StA-L, GKV Nr. 0672.
21.
Überarbeitung Exportthemenplan 1986 v. 25.11.1985: "Leider gelingt uns die von Ihnen empfohlene Überspezifizierung der Staatlichen Planauflage noch immer nicht, das heißt, wir bleiben noch mit etwa 100,0 TM unter der Vorgabe.", StA-L, GKV NR. 0652.
22.
Vgl. Aktennotiz über Anruf von Buchexport zur IB[Insel-Bücherei]-Bibliographie, 15.1.1987, StA-L, BE Nr. 0555.
23.
Vgl. Ablauf der Arbeitstagung der Verlags- und Buchhandelsökonomen, 22.2.1982, S. 3, StA-L, GKV Nr. 1260.
24.
Vgl. Protokoll über Besprechung mit Beck, 18.2.1982, StA-L, GKV Nr. 1251.
25.
Brief von Jürgen Fischer an R. Links u. F. Berger, 13.12.1983, StA-L, GKV Nr. 1251.
26.
Hartmut Panskus, Wie es zur "Bibliothek des 18. Jahrhunderts" gekommen ist. Sonderfall einer deutsch-deutschen Edition, in: Börsenblatt des deutschen Buchhandels (Frankfurt a. M.) 70 (1982), S. 1865f.

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