Beleuchteter Reichstag
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26.10.2012 | Von:
Stefan Troebst

Eckstein einer EU-Geschichtspolitik?

Das Museumsprojekt "Haus der Europäischen Geschichte" in Brüssel

Durch die Osterweiterungen der Europäischen Union haben sich auch die Schwerpunkte der Erinnerungskultur innerhalb der EU verschoben: Neben Holocaust und Nationalsozialismus ist das Gedenken an die Opfer des Sowjetkommunismus getreten. Wie soll das geplante "Haus der Europäischen Geschichte" in Brüssel mit diesen – zum Teil widerstreitenden – Erinnerungspolitiken umgehen?

I.

Die beiden Erweiterungsschübe der Europäischen Union nach Osten von 2004 und 2007 haben die erinnerungskulturellen Gewichtungen im Europa der 27 dramatisch verschoben: Zu den dominierenden Erinnerungsorten "Holocaust" und "Nationalsozialismus" ist auf Drängen der neuen EU-Mitglieder das Gedenken an die Opfer von Verbrechen der Parteidiktaturen sowjetischer Prägung hinzugekommen. Seit 2005 sind daher Parlament, Kommission und Rat bemüht, daraus resultierende Memorialkonflikte zu entschärfen. Dies geschieht zum einen dadurch, dass die osteuropäische Opfererfahrung in Resolutionsform gegossen wird – so etwa in der Entschließung des Europaparlaments zum "Gedenken an den Holodomor, die wissentlich herbeigeführte Hungersnot von 1932/33 in der Ukraine" von 2008[1] –, zum anderen mittels Festlegung eines kleinsten gemeinsamen Nenners für eine gesamteuropäische Erinnerungskultur. Diesen glaubt man mit der kategorischen Ablehnung jeglicher Form von Diktatur unabhängig von ihrer ideologischen Färbung gefunden zu haben. Programmatischer Charakter kommt dabei der Entschließung des Europäischen Parlaments "zum Gewissen Europas und zum Totalitarismus" von 2009 zu.[2] Bereits 2008 war in einer Erklärung des Europaparlaments der 23. August, also der Tag der Unterzeichnung des als Hitler-Stalin-Pakt bekannten Deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrages samt Geheimem Zusatzprotokoll zur Aufteilung Ostmitteleuropas durch den Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop und den Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten Vjačeslav M. Molotov in Moskau im Jahr 1939, zum "Europäischen Gedenktag an die Opfer von Stalinismus und Nazismus" ausgerufen worden.[3]

Die Kompromissformel des "Totalitarismus" ist unverkennbar ein Erfolg der Parlamentarier der neuen EU-Mitgliedsstaaten, die sich parlamentsintern in einer Intergroup mit der Bezeichnung "Reconciliation of European Histories. For a better understanding of Europe's shared history" organisiert haben.[4] Wortführer sind hier die Abgeordneten Tunne Kelam aus Estland, Vytautas Landsbergis aus Litauen und József Szájer aus Ungarn. Von den 40 Mitgliedern der Gruppe kommen nur wenige nicht aus Osteuropa, darunter zwei Deutsche – der EU-Parlamentspräsident der Jahre 2007–2009, Hans-Gert Pöttering (CDU), und Bernd Posselt (CSU). Vorsitzende und Initiatorin ist die ehemalige lettische Außenministerin und EU-Kommissarin Sandra Kalniete, die in Deutschland vor allem durch ihre Rede zur Eröffnung der Leipziger Buchmesse 2004, in der sie Nationalsozialismus und Stalinismus als "gleichermaßen verbrecherisch" bezeichnet hat, und durch ihr Buch über die eigene Familiengeschichte in der sowjetischen Verbannung bekannt wurde.[5] Derzeit sind Kalniete und ihre Brüsseler Mitstreiter dabei, mittels der 2011 gegründeten und künftig von der EU zu finanzierenden "Plattform für das Gedächtnis und das Gewissen Europas" Lobbyarbeit für die Gründung eines internationalen Strafgerichtshofes zu leisten, vor den Verantwortliche für die Verbrechen kommunistischer Regime gestellt werden sollen.[6]

Den "Totalitarismus"-Kompromiss tragen indes zahlreiche Europaabgeordnete vor allem aus den "alten" EU-Mitgliedsstaaten nicht mit, wie er auch bei jenen Beamten der EU-Kommission auf Skepsis stößt, die für die Bewilligung von Fördergeldern für einschlägige Projekte zuständig sind. Die Genfer Politikwissenschaftlerin Annabelle Littoz-Monnet hat daher einen geschichtspolitischen Graben ausgemacht, der die EU durchziehe und diesen mit der Formel "'The Holocaust as Unique' vs. 'Hitler and Stalin as equally Evil'" charakterisiert.[7] Ambivalent, gar verquast ist daher die genannte Grundsatzerklärung der Europäischen Parlaments "zum Gewissen Europas und zum Totalitarismus", will sie doch beides unter einen Hut bringen. Wie Ulrike Jureit konstatiert hat, geschieht dies um den Preis der Anonymisierung, ja Ausblendung der Täter und der Schaffung von Opferkonkurrenzen.[8] Allerdings hatte die Resolution schon deshalb keine europaweite öffentliche Wirkung gezeitigt, weil sie sehr lang ist und weil ihr Einerseits-andererseits-Duktus zwar der Selbstverständigung der Abgeordneten, nicht aber der Verständlichkeit seitens der von ihnen vertretenen 500 Millionen Bürger dient. Bezeichnend ist überdies, dass der neue europäische Gedenktag 23. August in den meisten EU-Staaten nicht beachtet wird.

II.

Haus der Europäischen GeschichteSiegerentwurf im Wettbewerb um das Haus der Europäischen Geschichte in Brüssel von JSWD Architekten Köln (© JSWD Architekten)
Gleichsam jenseits des Brüsseler Holocaust-Totalitarismus-Grabens initiierte der deutsche Christdemokrat Pöttering in seiner Amtszeit als Parlamentspräsident ein geschichtspolitisches EU-Großprojekt in Form eines Hauses der Europäischen Geschichte (House of European History) in Brüssel.[9] In seiner Antrittsrede sagte Pöttering im Februar 2007: "Die europäische Geschichte wird fast immer nur national in nationalen Museen dargestellt. Ich möchte einen Ort der Erinnerung und Zukunft anregen, an dem das Konzept der Idee Europas weiter wachsen kann. Ich möchte den Aufbau eines 'Hauses der Europäischen Geschichte' vorschlagen. Es soll kein langweiliges, trockenes Museum werden, sondern ein Ort, der unsere Erinnerung an die europäische Geschichte und das europäische Einigungswerk gemeinsam pflegt und zugleich offen ist für die weitere Gestaltung der Identität Europas durch alle jetzigen und künftigen Bürger der Europäischen Union. Ein solches 'Haus der Europäischen Geschichte' sollte am Sitz der Europäischen Institutionen gegründet und vernetzt werden mit vergleichbaren Einrichtungen in den Mitgliedsstaaten."[10]

Anders als verschiedene Parallel- und Konkurrenzunternehmungen auf EU-, auf nationalstaatlicher und auf nicht-staatlicher Ebene, wie etwa das Musée de l'Europe in Brüssel, das Musée des Civilisations de l'Europe et de la Méditerranée in Marseille oder das gescheiterte Bauhaus Europa in Aachen[11], verfügt dieses Vorhaben über eine relativ solide Finanzierung aus dem Haushalt des Europäischen Parlaments. Am Ende seiner Amtszeit sprach Pöttering davon, dass das Haus der Europäischen Geschichte nicht nur als "Ort der Erinnerung", sondern auch als Stätte, die "der Erneuerung unseres europäischen Selbstverständnisses" dienen solle,[12] ja "ein Gefühl für die Größe der europäischen Kultur und unserer gemeinsamen Identität wecken kann".[13] Zugleich gab er fünf zentrale Elemente zur "Vertiefung des Geschichtsverständnisses und [zur] weiteren Aufarbeitung unserer gemeinsamen Geschichte" vor, um auf diese Weise "das Gefühl der Zugehörigkeit zur Europäischen Union und das Gemeinschaftsempfinden zu stärken". Als wesentlich benannte Pöttering den "Holocaust: Nullpunkt der Geschichte Deutschlands und Europas", die "Europäische Einigung, Europäische Union", "Die Versöhnung mit den Nachbarn", "Neue Mitglieder der Europäischen Union" und die "Europäische Erinnerung: eine Verpflichtung für die Zukunft". Das Haus des Terrors (Terror háza) in Budapest, das seiner Gleichsetzung der Diktaturen der rechtsextremen Pfeilkreuzler 1944/45 und der Stalinisten ab 1945 wegen stark umstritten ist, bezeichnete er als Vorbild für die Brüsseler Museumsneugründung, da dort "auf eindrucksvolle Art […] die zwei blutigen Zeiten in der Geschichte Ungarns, der Faschismus und der Kommunismus, parallel dargestellt werden".[14]

Unter der Leitung des deutschen Museumsmachers Hans-Walter Hütter, seit 2007 Präsident der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, legte ein neunköpfiger Sachverständigenausschuss um den polnischen Zeithistoriker Włodzimierz Borodziej und den finnischen Neuzeithistoriker Matti Klinge im September 2008 ein internes Papier zu den konzeptionellen Grundlagen eines solchen Museums vor.[15] Am 15. Dezember desselben Jahres beschloss das Präsidium des EU-Parlaments die Gründung des Hauses der Europäischen Geschichte. Gemäß der Expertenkonzeption soll die Einrichtung als "modernes Ausstellungs-, Dokumentations- und Informationszentrum" betrieben werden, und dies in "institutioneller Selbständigkeit", aber mit "kontinuierlicher Finanzierung". Zur Gestaltung des "Herzstücks des neuen Museums" heißt es: "Die Dauerausstellung soll nicht die Summe nationaler oder regionaler Geschichten Europas abbilden, sondern sich vielmehr auf europäische Phänomene konzentrieren. Die Friedensphase seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges soll hierbei eine herausgehobene Rolle spielen. Dabei ist zu beachten, dass die Vielfalt Europas das eigentliche Signum des Kontinents ist."[16]

Abgesehen vom nicht eben originellen Bezug auf das EU-Motto "In Vielfalt geeint" und der historisch fragwürdigen Charakterisierung von Kaltem Krieg, Ost-West-Konflikt und nuklearem Wettrüsten als "Friedensphase" ist die Hintanstellung "nationaler oder regionaler Geschichten" zweifelsohne ein ebenso mutiger wie zweckmäßiger Schritt, ebenso wie die Konzentration auf "europäische Phänomene", welche im Weiteren allerdings nicht spezifiziert werden. Auch eine den detaillierten und chronologisch angeordneten "Inhaltlichen Grundlinien der Dauerausstellung" angefügte Liste von "Fragen an die europäische Zukunft" zeugt von Courage: "Wann wird die Erweiterung der EU beendet sein? Kann die Türkei Vollmitglied in der EU werden? […] Warum kann die EU keine wirkliche Begeisterung unter den Bevölkerungen in den Mitgliedsstaaten hervorrufen? Wie kann die EU die strukturelle Schwäche in militärischen Fragen, in der Außenpolitik generell überwinden?"[17]

Mangels zügiger Veröffentlichung des Konzeptionsentwurfs fand keine öffentliche, geschweige denn eine europaweite Diskussion dieses geschichtspolitischen Vorhabens statt. Lediglich in Polen kam es zu einer Debatte über die vorgeblich unzureichende Berücksichtigung der eigenen Nationalgeschichte,[18] die durch einen offenen Brief zweier polnischer EU-Parlamentarier, des Parlamentsvizepräsidenten Adam Bielan und des Solidarność-Historikers Wojciech Roszkowski, an Hans-Gert Pöttering ausgelöst worden war. Während darin einerseits die Idee, ein EU-Geschichtsmuseum zu gründen, begrüßt und ihr – so wörtlich – "oberste Priorität" beigemessen wurde, wurden andererseits nicht weniger als 22 "ernste Versäumnisse und Fehldeutungen" des Konzeptionsentwurfes kritisiert.[19]

III.

Im Frühjahr 2009 wurden ein 15-köpfiges Kuratorium unter dem Vorsitz Pötterings – mit dem genannten Wojciech Roszkowski aus Polen und dem kommunistischen Europaabgeordneten Francis Wurtz aus Frankreich als stellvertretenden Vorsitzenden – sowie ein aus 14 Mitgliedern bestehender Wissenschaftlicher Beirat unter Führung Włodzimierz Borodziejs berufen und die Eröffnung unter Bezug gleich auf mehrere Jubiläen – 25 Jahre 1989, 75 Jahre 1939 und 100 Jahre 1914 – auf Juli 2014 festgesetzt. Zugleich wurde ein Architektenwettbewerb für eine von der EU erworbene Brüsseler Immobilie, die in unmittelbarer Nähe zum Gebäudekomplex des EU-Parlaments gelegene ehemalige Eastman-Kinderzahnklinik im Léopold-Park, ausgeschrieben.[20] Anfang 2011 schließlich wurde die Kuratoren- und Teamleiterstelle mit der slowenischen Historikerin und vormaligen Direktorin des Stadtmuseums Ljubljana, Taja Vovk van Gaal, besetzt und ein Dutzend wissenschaftliche Mitarbeiter eingestellt.[21] Im Frühjahr 2011 kam es im Europäischen Parlament zu Diskussionen und vor allem in den britischen Medien zu kritischen Berichten über die Verdopplung der Kosten für den Ausbau des Museumsgebäudes sowie über die Höhe der laufenden Kosten.[22]

Bald darauf führte die offensichtlich von oben angeordnete Modifizierung der chronologisch strukturierten Borodziej-Klinge-Konzeption von 2008 in Richtung einer thematischen Gliederung zu Unmut im Beirat. "Mir scheint, als ob die Bürokraten das Konzept beeinflusst und verändert haben", mutmaßte Beiratsmitglied Matti Klinge nach einer Sitzung des Gremiums am 22. Juni 2011.[23] Wie die Kuratorin Taja Vovk van Gaal in einem Vortrag im Juli 2011 ausführte, sollen gemäß dem neuen Entwurf noch zu bestimmende Themenfelder, welche die Spezifik der Geschichte Europas sowie seinen hohen Integrationsgrad belegen sollen, den Schwerpunkt der Dauerausstellung bilden. Diese, europatypische Ereignisse, Entwicklungen oder Prozesse abbildenden Themenfelder sollen dabei jeweils drei Kriterien erfüllen:

"1. A process, event or development should have originated in Europe; 2. It should have been spread over Europe at a certain time; 3. It should be still of relevance today."[24]

Und in einer Broschüre des Museums aus dem Jahr 2012 heißt es: "Das Besondere an der Institution Haus der Europäischen Geschichte liegt in dem Bestreben, die europäische Geschichte von einem globalen und transnationalen Gesichtspunkt aus zu betrachten und dabei der Vielfalt dieser Geschichte sowie deren unterschiedlichen Interpretationen und Wahrnehmungen Rechnung zu tragen. Die jüngere Geschichte soll einem breiten Publikum dadurch verständlich gemacht werden, dass sie in einem Zusammenhang mit den vorhergehenden Jahrhunderten gestellt wird, die für die Entwicklung von Ideen und Werten ausschlaggebend waren. Auf diese Weise will das Museum den Bürgerinnen und Bürgern Kenntnisse und Informationen an die Hand geben, um so die Debatte über Europa und die Europäische Union zu fördern."[25] – Zu diesem Zweck sollen den künftigen Besuchern maximal drei "take-home messages" mitgegeben werden, darunter diejenige, dass Frieden in Europa keine Selbstverständlichkeit sei.[26]

Parlamentarium BrüsselParlamentarium in Brüssel (© Herbert Reul MdEP)
In gewisser Weise typisch für die nach Inhalt und Form wenig koordinierte Geschichtspolitik des EU-Parlaments ist der Umstand, dass mitten in der Konzipierungsphase des Hauses der Europäischen Geschichte im Oktober 2011 mit dem Parlamentarium ein Besucherzentrum im Hauptgebäude des Europäischen Parlaments in Brüssel eröffnet wurde, dessen Dauerausstellung sowohl einen historischen Vorspann zum Zweiten Weltkrieg als auch einen Durchgang durch die Geschichte von EWG, EG und EU enthält: "Dynamische und interaktive multimediale Darstellungen begleiten unsere Besucher durch die Geschichte der europäischen Integration und zeigen, wie sie unser tägliches Leben beeinflusst."[27] Die hoch technologisierte Exhibition arbeitet dabei einerseits stark mit Audio-, Licht- und Farbeffekten, andererseits setzt sie auch auf Gefühligkeit. Zielgruppe sind unverkennbar die unter 25-Jährigen, wobei das Gros der Besucher aus Schulklassen besteht. Das Angebot im Souvenirshop des Parlamentarium ist teilweise von unfreiwilliger Komik: Hier finden sich ein Memory-Spiel mit dem vielsagenden Titel "REMEMBER Europe"[28] – als sei die EU bereits versunken – sowie, ebenfalls passend zur Euro- und Finanzkrise, preiswerte Familienpackungen von
Euro-TaschentücherAus dem Souvenirshop des Brüsseler Parlamentariums: Euro-Taschentücher (© Invotis BV)
Einwegtaschentüchern mit aufgedruckten 50-, 100- und 200-Euro-Scheinen.[29] Warum sich das Europäische Parlament mit dem zentral lozierten Parlamentarium die mutmaßlich schärfste Konkurrenz zum einen Steinwurf entfernt liegenden künftigen Haus der Europäischen Geschichte selbst ins Haus geholt hat, erschließt sich nicht auf Anhieb. Dass hier parlamentsinterne Grabenkämpfe parteipolitischer Art eine Rolle spielten, kann nur vermutet werden.

IV.

Im Gegensatz zum unterfinanzierten Kommissionsprogramm "Aktive europäische Erinnerung" von 2007, zur Entschließung von 2009 zum "Gewissen Europas und zum Totalitarismus" und zur 2011 gegründeten monothematischen "Plattform für das Gedächtnis und das Gewissen Europas" wird das Museumsprojekt des EU-Parlamentspräsidiums die Nagelprobe der Konkretisierung, Visualisierung und Kontextualisierung der "EU interpretation of history" in Gestalt musealer Exponate, Bild-Text-Flachware, Audioguides, interaktiver Angebote, Flyer, Kataloge, Website, Veranstaltungsreihen, thematischer Führungen, Sonder- wie Wanderausstellungen und anderem mehr bestehen müssen. Entscheidend dafür, ob eine solche Dauerausstellung zur Europäischen Geschichte gelingt, ist das ihr zugrunde liegende Narrativ. Die Kuratorin hat diesbezüglich die Frage "Do Europeans need the House of European history?" ebenso affirmativ wie selbstreferentiell beantwortet: "Yes, there should be a House of European History, because 'Europe' as a multifaceted idea, that has grown out of a long past and can have a fascinating future, is a great theme to communicate to a broad audience through the means of a modern museum."[30]

Das kann man, eine optimistische Weltsicht vorausgesetzt, so sehen, doch ersetzt dies keine Konzeption. Die Veröffentlichung einer solchen war zwar in überarbeiteter Form für den Sommer 2012 angekündigt, doch war der Beratungsbedarf des Beirates größer als vermutet.[31] Dem von der Kuratorin und ihrem Team erstellten unveröffentlichten Konzeptionsentwurf mit dem Titel "Building a House of European History" vom Juni 2012 ist zu entnehmen, dass die Dauerausstellung in sechs Themenbereiche, davon vier chronologische – 1850–1914, 1914–1945, 1945–1973 und 1973–2007 – gegliedert sein soll. Die Themen 1 und 6 sind jeweils übergreifend geplant:

"The first theme […] focuses on the complexity and variety of European history and the forces which have shaped this history and Europe's values. The theme explores how ideas, images, and concepts of Europe – which have developed in terms of geography, culture and politics – have changed over time and space. […] This theme illustrates how history and memory play a constituent role in human life, both on an individual and social basis. […] The first theme also examines notions of a common European heritage and its roots from philosophy, literature, language, lawmaking, statecraft, and religion, and looks at whether there are historical phenomena and traditions which have been important for most or all of Europe. […]
The sixth and final theme of the exhibitions reflects on how the commitment of various generations to the ideal of European unity has transformed the continent over the past half century. […] This theme poses the question as to what the different visions of the future held by today's Europeans are, especially in view of the economic crisis. It also explores the role to be Played by the nation state in the future, looks into how effective regions and municipalities can be in dealing at the same time with diversity and the demand for good governance and considers which issues are best dealt with at a European level."[32]

So auffallend die Ähnlichkeiten mit dem EU-Speak auch sind, so bemerkenswert ist doch die gleichsam selbstverständliche, "im Westen" indes keinesfalls unumstrittene Einbeziehung Russlands und der Sowjetunion in das Narrativ. Neben der Oktoberrevolution von 1917, dem Stalinschen Großen Terror und der Rolle der UdSSR im Kalten Krieg soll auch das Projekt der Schaffung eines "neuen sowjetischen Menschen" dargestellt werden.[33] Hier ist der Einfluss der parlamentarischen Lobbyisten um Sandra Kalniete deutlich erkennbar. Schwach sind hingegen die Bezüge zu anderen Kontinenten: Nur am Rand firmieren die Kolonien der europäischen Imperien sowie die USA[34] – der Rest der außereuropäischen Welt taucht in diesem Entwurf ungeachtet transnationaler und globaler Rhetorik nicht auf.

2012, zwei Jahre vor der terminierten Eröffnung des Hauses der Europäischen Geschichte, wird über dessen Konzeption also weiter diskutiert. Das ist einerseits gut so, denn das neue Museum steht unter großem Erwartungsdruck und muss Maßstäbe setzen. Dass die Debatte über Ausstellungsstruktur, museale Inhalte und politische Botschaften indes weiterhin hinter verschlossenen Brüsseler Türen stattfindet, steht in krassem Gegensatz zum EU-Mantra eines "Europas der Bürgerinnen und Bürger".
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Fußnoten

1.
Entschließung des Europäischen Parlaments […] zu dem Gedenken an den Holodomor, […] Brüssel 23.10.2008, http://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?type=TA&reference=P6-TA-2008-0523&language=DE [24.8.2012]. Zum Kontext vgl. Katrin Hammerstein/Birgit Hofmann, Europäische "Interventionen": Resolutionen und Initiativen zum Umgang mit diktatorischer Vergangenheit, in: Dies. u.a. (Hg.), Aufarbeitung der Diktatur – Diktat der Aufarbeitung? Normierungsprozesse beim Umgang mit diktatorischer Vergangenheit, Göttingen 2009, S. 189–203.
2.
Entschließung des Europäischen Parlaments […] zum Gewissen Europas und zum Totalitarismus, Brüssel 2.4.2009, http://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?pubRef=-//EP//TEXT+TA+P6-TA-2009-0213+0+DOC+XML+V0//DE [24.8.2012]. Vgl. dazu Stefan Troebst, Die Europäische Union als "Gedächtnis und Gewissen Europas"? Zur EU-Geschichtspolitik seit der Osterweiterung, in: Etienne François u.a. (Hg.), Geschichtspolitik in Europa seit 1989. Deutschland, Frankreich und Polen im internationalen Vergleich, Göttingen 2012 (i. Ersch.).
3.
Erklärung des Europäischen Parlaments zur Ausrufung des 23. August zum Europäischen Gedenktag an die Opfer von Stalinismus und Nazismus, Brüssel 23.9.2008, http://www.europarl.europa.eu/sides/getDoc.do?type=TA&reference=P6-TA-2008-0439&language=DE [24.8.2012]. Vgl. dazu Stefan Troebst, Der 23. August als euroatlantischer Gedenktag? Eine analytische Dokumentation, in: Anna Kaminsky u.a. (Hg.), Der Hitler-Stalin-Pakt 1939 in den Erinnerungskulturen der Europäer, Göttingen 2011, S. 85–121.
4.
Siehe dazu die Website der Gruppe: http://eureconciliation.wordpress.com [24.8.2012].
5.
Sandra Kalniete, Ar balles kurpem Sibirijas sniegos, Riga 2001 (Dt.: Mit Ballschuhen im sibirischen Schnee. Die Geschichte meiner Familie, München 2005). – Zur Rede Kalnietes in Leipzig vgl. u.a. Bernd Faulenbach, Konkurrierende Vergangenheiten? Zu den aktuellen Auseinandersetzungen um die deutsche Erinnerungskultur, in: DA 37 (2004) 4, S. 648–659, hier 650.
6.
Siehe dazu die Website der Plattform: http://www.memoryandconscience.eu [24.8.2012].
7.
Annabelle Littoz-Monnet, The EU Politics of Remembrance, Genf 2011, http://graduateinstitute.ch/webdav/site/international_history_politics/shared/working_papers/WPIH_9_Littoz-Monnet.pdf [24.8.2012].
8.
Ulrike Jureit/Christian Schneider, Gefühlte Opfer. Illusionen der Vergangenheitsbewältigung, Stuttgart 2010, S. 98f u. 231.
9.
Vgl. dazu grundlegend Claus Leggewie, Der Kampf um die europäische Erinnerung. Ein Schlachtfeld wird besichtigt, München 2011, S. 46–48, 72, 182–188 u. 216–219, u. Wolfram Kaiser u.a., Europa ausstellen. Das Museum als Praxisfeld der Europäisierung, Köln u.a. 2012, S. 35–38, 58f, 80–84, 147–151 u. 174.
10.
Hans-Gert Pöttering, Programmrede, Straßburg 13.2.2007, S. 12, http://www.hieronymi.de/PDF%20Dokumente/Programmrede.13.2.2007.DE.pdf [24.8.2012].
11.
Kaiser u.a. (Anm. 9), S. 32–47 u. 143–147.
12.
Gespräch mit dem Präsidenten des Europäischen Parlaments, Hans-Gert Pöttering, in: European Interview, Nr. 34, 19.5.2009, http://www.robert-schuman.eu/doc/entretiens_europe/ee-34-de.pdf [24.8.2012].
13.
Hans-Gert Pöttering, Die Erinnerung ist das Tor zu einer humaneren Zukunft, in: Zsuzsa Breier/Adolf Muschg (Hg.), Freiheit, ach Freiheit … Vereintes Europa, geteiltes Gedächtnis, Göttingen 2011, S. 229–234, hier 234.
14.
Ebd., S. 233.
15.
Sachverständigenausschuss des Hauses der Europäischen Geschichte, Konzeptionelle Grundlagen für ein Haus der Europäischen Geschichte, Brüssel 15.9.2008. Seit 2010 ist das Papier im Internet zugänglich: http://www.europarl.europa.eu/meetdocs/2004_2009/documents/dv/745/745721/745721_de.pdf [24.8.2012]. Vgl. dazu Włodzimierz Borodziej, Das Haus der Europäischen Geschichte – ein Erinnerungskonzept mit dem Mut zur Lücke, in: Volkhard Knigge u.a. (Hg.), Arbeit am europäischen Gedächtnis. Diktaturerfahrungen und Demokratieentwicklung, Köln u.a. 2011, S. 139–146; Birgit Schwelling, Erinnerung als Medium der kulturellen Integration Europas? In: Johannes Wienand/Christiane Wienand (Hg.), Die kulturelle Integration Europas, Wiesbaden 2010, S. 212–234, hier 229–232; Helga Trüpel, Haus der europäischen Geschichte, in: Jb. f. Kulturpolitik 9 (2009), S. 185–191; u. die kritischen Anmerkungen bei Marcel Siepmann, Ein Haus der Europäischen Geschichte wird eingerichtet, in: GWU 63 (2012) (i. Ersch.).
16.
Sachverständigenausschuss (Anm. 15), S. 7f u. 9.
17.
Ebd., S. 11–26.
18.
Vgl. dazu Piotr Semka, Politycznie poprawna historia Europy [Eine politisch korrigierte Geschichte Europas], in: Rzeczpospolita, 1.12.2008, http://www.rp.pl/artykul/9158,227641.html [24.8.2012]; Karol Sauerland, Westen und Osten. Die Polen und das "Haus der Europäischen Geschichte", in: FAZ, 15.12.2008; u. Gerhard Gnauck, Museum für Geschichte: Polen attackieren europäische Konzepte, in: Die Welt, 12.12.2008.
19.
Brief von Wojciech Roszkowski, MEP, u. Adam Bielan, MEP, an EU-Parlamentspräsident Hans-Gert Pöttering, Brüssel 4.12.2008, http://www.roszkowski.pl/www/media/files/aktualnosci/2008/34/List_ws_Domu_Historii.pdf [24.8.2012].
20.
Vgl. House of European History, International Architectural Competition. Exhibition, Bruxelles, 24.4.–12.5.2012, Brussels 2012, S. 8–13.
21.
House of European History, State of Play. Background briefing for the Committee on Culture and Education, Brussels 7.3.2011, http://www.europarl.europa.eu/meetdocs/2009_2014/documents/cult/dv/houseeuropeanhistorybriefing/houseeuropeanhistorybriefingen.pdf [24.8.2012].
22.
Bruno Waterfield, "House of European History" cost estimates double to £137 million, in: The Telegraph, 3.4.2011; Nikolaus Busse, Stolz und Scham. Die EU bekommt in Brüssel ein Haus der Geschichte, in: FAZ, 26.1.2012.
23.
Matti Klinge, E-Mail a. d. Vf., 4.8.2011.
24.
Taja Vovk van Gaal/Constanze Itzel, The House of European History project in Brussels, in: Włodzimierz Borodziej/Joachim von Puttkamer (Hg.), Europa und sein Osten. Geschichtskulturelle Herausforderungen, München 2012, S. 75–80, hier 79.
25.
House of European History, International Architectural Competition (Anm. 20), S. 64f.
26.
Taja Vovk van Gaal, Eastern Europe in the Future House of European History. Vortrag auf der Eröffnungstagung des Imre Kertész Kollegs der Friedrich-Schiller-Universität Jena "Europas Osten im 20. Jahrhundert. Geschichtskulturelle Herausforderungen für die Gegenwart", Jena 8./9.6.2011.
27.
S. dazu die Website http://www.europarl.europa.eu/visiting/de/parlamentarium.html [24.8.2012], sowie Matthias Krupa, Parlamentarium: Europa gucken. 3000 Quadratmeter und 21 Millionen Euro für die schöne Seite der EU, in: Die Zeit, 18.10.2011.
28.
S. dazu die Website der deutschen Firma Remember: http://www.remember.de/Spiele/REMEMBER-44-Europe.html [24.8.2012].
29.
Produkt Nr. 1403 der niederländischen Firma Invotis "Sneeze Euro bills tissue paper": vgl. Firmenkatalog, S. 24, http://www.invotis.com/catalogue.html [24.8.2012].
30.
Vovk van Gaal (Anm. 26).
31.
Taja Vovk van Gaal, E-Mail a. d. Vf., 31.7.2012.
32.
European Union. Directorate-General for Communication. House of European History, Building a House of European History, Brussels June 2012, S. 11–15, hier 11 u. 14.
33.
Ebd., S. 12f.
34.
Ebd., S. 11–13.

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Deutschland Archiv 2013

Der Band enthält eine Auswahl der wichtigsten Artikel, die im Jahr 2013 erschienen sind.

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Zu dem Thema "Children of Transition, Children of War, the Generation of Transformation from a European Perspective" diskutierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der Deutschlandforschertagung 2016 vom 3. bis 5. November 2016 in der Universität Wien.

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Wird die DDR-Diktatur verharmlost? Und warum begann die intensive Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit erst so spät? Die Deutung von Geschichte ist oft umstritten - und nicht selten ein Politikum.

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13. August 1961: In den frühen Morgenstunden beginnt der Bau der Mauer. Die Teilung bekommt eine konkrete Gestalt. Mehr als 20 Jahre nach dem Mauerfall ist Deutschland in vielem noch immer ein Land mit zwei Gesellschaften.

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DDR-Demonstration, Ministerium für Staatssicherheit Stasi, Überwachungsmonitore
Dossier

Stasi

Alles wissen, alles kontrollieren, Menschen manipulieren. Aus der Arbeitsweise der DDR-Geheimpolizei "Stasi" ist auch viel zu lernen über die Mechanismen von Diktaturen der Gegenwart. In der DDR überwanden couragierte Bürgerinnen und Bürger allerdings 1989 ihre Angst vor der "Staatssicherheit".

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Es erwarten Sie ein Fülle von herausragenden und multimedial aufbereiteten Informationen zum Thema.

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Online-Angebot der bpb und der Robert-Havemann-Gesellschaft

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Wie haben junge Menschen in der DDR mit Mut und Musik gegen Stasi und SED-Diktatur gekämpft? Zeitzeugen berichten. Mit zahlreichen Texten, Videos, Audios, Fotos und Dokumenten.

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