Beleuchteter Reichstag
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"Mythos und schwelende Wunde":
die Treuhandanstalt


26.10.2012
Als "Skandal", als "Poker" ist die Arbeit der Treuhandanstalt bezeichnet worden, die vor 22 Jahren vor die Aufgabe gestellt wurde, die Volks(eigene)Wirtschaft der DDR zu privatisieren. Auch wenn die Treuhandanstalt vier Jahre später von der Bildfläche verschwand, hält das Interesse an ihrem Geschäft an.

Sammelrezension zu:
  • Otto Köhler: Die große Enteignung. Wie die Treuhand eine Volkswirtschaft liquidierte, Berlin: Das Neue Berlin 2011, 329 S., € 19,95, ISBN: 9783360021274.
  • Dirk Laabs: Der deutsche Goldrausch. Die wahre Geschichte der Treuhand, München: Pantheon 2012, 384 S., € 16,99, ISBN: 9783570551646.
  • Ulla Plener (Hg.): Die Treuhand – der Widerstand in Betrieben der DDR – die Gewerkschaften (1990–1994). Tagung vom 2. April 2011 in Berlin. Beiträge und Dokumente, Berlin: NORA 2011, 271 S., € 22,–, ISBN: 9783865572752.

Widersprüchliche Urteile über die Treuhandanstalt



Es sind bereits 22 Jahre vergangen, seitdem die Treuhandanstalt (THA) ihre Tätigkeit als Privatisierungsanstalt für die volkseigene Wirtschaft der DDR aufnahm. Vor 18 Jahren verschwand die Institution mit dieser Bezeichnung von der Bildfläche – um unter anderen Namen das Privatisierungsgeschäft als Liegenschaftsdienst (bis heute) fortzusetzen. Bereits zu der Zeit, da die THA noch existierte, war sie nicht nur Gegenstand unzähliger Beiträge in der Tagespresse, ihre Tätigkeit wurde auch mit Buchpublikationen wohlwollend bzw. kritisch begleitet.

Die jeweiligen Autoren schätzten die Tätigkeit der Treuhandanstalt auffallend kontrovers ein. Sie brachten ihre Haltung zu der Institution in der Regel bereits im Titel ihrer Publikationen zum Ausdruck. In "Treuhandanstalt. Das Unmögliche wagen"[1] schätzten Zeithistoriker, Wirtschaftswissenschaftler, Juristen und Ökonomen deren Tätigkeit positiv ein. Heinz Suhrs "Treuhand Skandal"[2] beurteilte die THA dagegen sehr kritisch, ebenso Martin Flug in seiner Veröffentlichung über den "Treuhand-Poker"[3]. Zumindest vom Titel her neutral blieben Christa Lufts "Treuhandreport"[4] und das von der früheren THA-Chefin Birgit Breuel herausgegebene "Tagebuch" unter dem Titel "Treuhand intern"[5].

Gründe für eine erneute Analyse der Treuhandaktivitäten



Die hier zu besprechenden drei Publikationen über die Treuhandanstalt sind zwei Jahrzehnte später erschienen, wobei es sich bei der Veröffentlichung Otto Köhlers um eine erweiterte Auflage seines 1994 veröffentlichten Treuhandberichtes handelt[6]. Auffällig ist, dass in allen drei Publikationen durchweg sehr kritisch mit der Tätigkeit der Treuhand und deren Folgen für Ostdeutschland umgegangen wird. Das geschieht, obwohl das offizielle Urteil über die Arbeit der Treuhand, 1994 von den drei Parteien gefällt, die die Mehrheit im Bundestags-Untersuchungsausschuss zur Tätigkeit der THA stellten (CDU, CSU, FDP), ganz positiv lautete: "Die Treuhandanstalt hat gute Arbeit geleistet."

Wenn sich ungeachtet dessen fast zwei Jahrzehnte später kaum ein Autor gefunden hat, der eine erneute Verteidigungsschrift für die Treuhand vorlegt, dann hat das wohl mit den ganz überwiegend negativen Folgewirkungen jener Privatisierungsverfahren der Jahre 1990–1994 zu tun, die heute Wirtschaftswissenschaftler und -historiker kaum mehr bestreiten.
Köhler, EnteignungOtto Köhler, Die große Enteignung (© Das Neue Berlin)
Am härtesten urteilt der Historiker, Wirtschaftswissenschaftler und Publizist Otto Köhler: "Die Treuhandanstalt war die größte Geschenk- und Enteignungsagentur der Welt, für wenige Tausende ein reicher Segen, für Millionen ein Fluch. Sie schuf Existenzen und vernichtete noch mehr." (275f). Der investigative Journalist und Filmemacher Dirk Laabs, der den Anspruch erhebt, "Die wahre Geschichte der Treuhand" geschrieben zu haben, formuliert sein vernichtendes Urteil schonender: "Alle Westdeutschen müssen der Wahrheit ins Auge sehen, dass sich 'ihr' System nach der Wende oft von der schlechtesten Seite gezeigt hat … Die eigentliche Funktion der Treuhand war die Enteignung der Ostdeutschen von ihrer Wirtschaft, vom Volkseigentum, und das zugunsten der Industrie im Westen. … Letzten Endes auf Kosten der Steuerzahler in Ost und West". (326, 342). Um eine nüchterne Einschätzung bemüht sich auch der ostdeutsche Wirtschaftswissenschaftler Klaus Steinitz, wenn er in dem von Ulla Plener herausgegebenen Band zusammenfassend feststellt: "Die Treuhandanstalt wurde zum wichtigsten Vollzugsorgan der Bundesregierung für die marktwirtschaftliche Transformation der ostdeutschen volkseigenen Wirtschaft in die kapitalistische Marktwirtschaft bei weitgehender Durchsetzung der Interessen des westdeutschen Großkapitals." (17)

Ökonomische und politische Folgen der Treuhandprivatisierung



Folgen dieser Art Privatisierung waren nicht nur kurz- oder mittelfristig zu konstatieren. Die Hoffnung der Treuhandchefin Birgit Breuel, geäußert anlässlich der Schließung der Behörde 1994, die Früchte der Treuhandarbeit würden später reifen und dazu führen, dass ihre Mitarbeiter dann im Osten "ein bisschen besser angesehen sind, als das vielleicht bei manchen heute der Fall sein kann" (Laabs, 322), hat sich nicht erfüllt. Im Zuge der Deindustrialisierung, welche die Privatisierung begleitete, sank – wie Steinitz nachweist – die Zahl der Beschäftigten im produzierenden Gewerbe in Ostdeutschland während der Existenz der Treuhand von 3,5 Millionen auf eine Million und hat sich seitdem kaum verändert. Stärker noch als die wirtschaftlichen Schäden betont Laabs die politischen Folgen:
Laabs, GoldrauschDirk Laabs, Der deutsche Goldrausch (© Pantheon)
"Es war der Treuhand überlassen, wann und wie sie mit den Betroffenen redete. … Bei vielen Betroffenen blieb das Gefühl zurück, einer Institution hilflos ausgeliefert gewesen zu sein. Das politische System und der Glaube an die Demokratie überhaupt sind massiv beschädigt worden." (342)

Diese Urteile sind nicht prinzipiell neu, sie finden sich weitgehend schon in jenen Veröffentlichungen, die bereits in den Jahren 1991–1994 die Treuhandaktivitäten kritisch beleuchteten. Die Motive der Autoren, sich noch einmal zum Thema Treuhand zu äußern, ergeben sich erstens aus dem Wunsch, jene Seiten des Transformationsprozesses in den Betrieben bekannt zu machen, die in der früheren Literatur über die Tätigkeit der THA nicht genügend behandelt worden waren. Ulla Plener geht es dabei um die Darstellung des Widerstandes von Werksangehörigen bzw. um die Schilderung der Aktivitäten überbetrieblicher regionaler Aktionsbündnisse gegen die Schließung von Betrieben durch die THA.

Ein zweites Motiv, erneut über die Treuhand zu schreiben, resultiert daraus, dass im Verlauf der letzten Jahre Erinnerungen von Persönlichkeiten, die an der Vorbereitung der Privatisierung beteiligt waren, wie Theo Waigel[7] und Thilo Sarrazin[8], veröffentlicht worden sind, die es zu berücksichtigen gilt. Darum geht es vor allem Otto Köhler. Er hat aber noch ein weiteres Motiv, auf die Treuhandaktivitäten vor zwei Jahrzehnten aufmerksam zu machen: Die Treuhandprivatisierung ist von Politikern – unter anderen vom luxemburgischen Eurogruppenchef Jean Claude Juncker – als Vorbild für die dem verschuldeten Griechenland aufgezwungene Privatisierung seiner Staatsbetriebe ins Spiel gebracht worden – bei völliger Unkenntnis bzw. Leugnung dessen, welche Resultate die THA in Ostdeutschland ökonomisch und politisch erzielt hat. Auch für Dirk Laabs war dies ein wesentliches Motiv für die Veröffentlichung seiner Treuhandstudien in Buchform.



Fußnoten

1.
Wolfram Fischer u.a. (Hg.), Treuhandanstalt. Das Unmögliche wagen. Forschungsberichte, Berlin 1993.
2.
Heinz Suhr, Der Treuhand Skandal. Wie Ostdeutschland geschlachtet wurde, Frankfurt a. M. 1991.
3.
Martin Flug, Treuhand-Poker. Die Mechanismen des Ausverkaufs, Berlin 1992.
4.
Christa Luft, Treuhandreport. Werden, wachsen und Vergehen einer deutschen Behörde, Berlin/Weimar 1992.
5.
Birgit Breuel (Hg.), Treuhand intern. Tagebuch, Berlin 1993.
6.
Otto Köhler, Die Große Enteignung. Wie die Treuhand eine Volkswirtschaft liquidierte, Berlin 1994.
7.
Theo Waigel/Manfred Schell, Tage, die Deutschland und die Welt veränderte. Vom Mauerfall zum Kaukasus – die deutsche Währungsunion, München 1994.
8.
"Es war keiner da, dem etwas einfiel …". Die deutsch-deutsche Währungsunion 1990. Thilo Sarrazin im Gespräch mit Jens Schöne, in: DA 43 (2010) 3, S. 419–424.

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