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29.11.2012 | Von:
Harald Engler
Ute Hasenöhrl
Andreas Butter

Architektur als Medium der Vergesellschaftung

Der Beitrag der Bau- und Planungsgeschichte zu einer Gesellschaftsgeschichte der DDR

Weshalb ist die Planungs-, Bau- und Architekturgeschichte der DDR spannend?

Das Bedürfnis des Menschen, in der bebauten Welt Zuflucht und Schutz vor der ihn umgebenden Umwelt zu suchen, bildet eine anthropologische Grundkonstante des Lebens und der Sozialisation. Architekturen formen aber nicht nur das materielle Rückgrat der Gesellschaft, sie stellen auch wichtige Identitätsfaktoren dar. Angesichts der profunden Auswirkungen, die Veränderungen der materiellen Umwelt für den Lebensalltag der Menschen besitzen, bieten die Planung und Gestaltung der gebauten Welt – beispielsweise als Kaufhäuser oder Autobahnen, wie in den Beiträgen von Tobias Michael Wolf und Sylvia Necker dargestellt – in mehrfacher Hinsicht einen wichtigen Zugang zur Mikro- und Makrogeschichte der kollektiven Identitäten und individuellen Erfahrungsräume in der DDR. Erstens mit Blick auf die politische (Planungs-)Ebene, auf der versucht wurde, gesellschaftliche Visionen in physische Realitäten zu übertragen. Zweitens auf der Alltags- und Identitätsebene hinsichtlich des Umgangs der Bürger mit den gestalteten Umwelten im Sinne von Aneignung oder Widerstand. Drittens, als mittlere Ebene und Mediatoren zwischen den beiden Sphären, mit Blick auf die Planer und Architekten mit ihren individuellen Zielen und Vorstellungen. Und viertens gewährt die gebaute Umwelt in ihrer gesellschaftlichen Verhaftetheit auch über Transformationsvorgänge hinweg ein identitätsstiftendes Projektionsfeld, das ausreichend Stoff für gesellschaftliche Debatten bietet.

Leipzig-GrünauErinnerungs- und Sozialisationsort "Platte": Heute weitgehend negativ konnotiert, bedeuteten Großsiedlungen wie hier in Leipzig-Grünau für viele DDR-Bürger das ersehnte und hart erkämpfte Ziel einer modernen Wohnung – ein subjektiv-identitätsstiftender Ort der Sozialisation und Erinnerung der besonderen Art (© IRS Erkner, Wissenschaftliche Sammlungen)
In dieser Gemengelage der Interessen und Wahrnehmungen dient Architektur also nicht nur als ebenso wirkmächtiges wie umstrittenes Kommunikationsmedium der Gesellschaft,[22] sie bildet selbst ein konstitutives und transitives Medium der Vergesellschaftung.[23] Architektur und die gebaute Umwelt verbildlichen quasi die Materialisation der gesellschaftlichen Verhältnisse ihrer Entstehungszeit. Sie können auf diese Weise sowohl staatstragende als auch eigensinnig-selbstbestimmte Aneignungsformen ihrer Nutzer dokumentieren.[24] Hiervon legen die Diskurse und Konflikte um die Gestaltung des städtischen Raums Zeugnis ab – man denke nur an die jüngsten Debatten um den Umgang mit dem baulichen Erbe der DDR. Dabei ist zu beobachten, dass die Architektur angesichts ihres vermeintlich hohen Legitimationscharakters für das ostdeutsche Herrschaftssystem nach dem Ende der SED-Diktatur ebenfalls oft als entwertet und unerwünscht betrachtet wird – und damit akut vom Abriss bedroht ist, wie aktuelle Vorgänge in Potsdam oder Dresden beweisen.[25] Es darf zumindest bezweifelt werden, ob solche historischen Eliminierungs- und Entsorgungsvorgänge, die häufig wenig reflektiert und wenig differenziert vorgenommen werden, angemessen zu einer gesamtdeutschen Identitätsbildung beitragen.[26]

Dresden, KulturpalastUngeliebtes DDR-Erbe: Auch wenn sie interessante Beispiele einer Architektur der Ostmoderne darstellen, bilden Bauten wie der Kulturpalast in Dresden von 1969 (Architekt: Werner Hänsch) in den Augen bestimmter nostalgieorientierter Kritiker ein architektonisches und städtebauliches Ärgernis dar, das schnellstmöglich verschwinden soll (© IRS Erkner, Wissenschaftliche Sammlungen)
Teepott WarnemündeIkone der DDR-Moderne: der "Teepott" in Warnemünde von Ulrich Müther, 1968 – einer der wenigen DDR-Bauten, die es in die neue deutsche Architekturwirklichkeit geschafft haben (© IRS Erkner, Wissenschaftliche Sammlungen)
Als Folie und Spiegel gesellschaftlicher Zustände und Entwicklungen kann die Bau- und Planungsgeschichte als Sektionsfeld einer tiefensondierten Gesellschaftsgeschichte dienen, und zwar sowohl historisch als auch aktuell-rezeptionsgeschichtlich.[27] Dabei gilt es gerade auf dem Gebiet der Planungs- und Architekturgeschichte der DDR eklatante Forschungs- und Erinnerungslücken zu schließen, indem in West und Ost vergessene Planer und Architekten überhaupt bekannt gemacht werden. So gab es auch in der DDR wichtige Vertreter einer architektonischen Moderne, die allerdings in großer Zahl an den wachsenden Schwierigkeiten, qualitätvolle Architektur hervorzubringen, verzweifelten. Sie wurden im Lauf der Zeit gleich mehrfach entwertet – zu DDR-Zeiten, als sie als Komplexprojektanten bei großen Baueröffnungen gar nicht mehr erwähnt wurden,[28] und erneut in der aktuellen Rezeption. Schon deshalb haben sie es verdient, dass wir uns heute mit ihrem Wirken beschäftigen und sie einer breiteren Öffentlichkeit bekannt machen.[29]

Die Beiträge in diesem Themenschwerpunkt

Berlin, Fernsehturm und MarienkircheArchitektur ohne Architekten?: Bei der Eröffnung des Ost-Berliner Fernsehturms am 3. Oktober 1969 durch SED-Chef Walter Ulbricht wurden nicht etwa die Planer, sondern die am Bau beteiligten Poliere namentlich genannt (© IRS Erkner, Wissenschaftliche Sammlungen)
Stallknecht, BernauInnovation oder Ärgernis?: Obgleich schon zeitgenössisch umstritten, bemühten sich die Planer im Kollektiv von Wilfried Stallknecht beim Umbau von Bernau (nördlich von Berlin) seit Ende der 70er Jahre um eine farblich differenzierte und die alten Höhendominanten der Stadt respektierende Transformation der Mittelstadt in adaptierter Plattenbauweise (© IRS Erkner, Wissenschaftliche Sammlungen)
Im vorliegenden Themenschwerpunkt zur Bau- und Planungsgeschichte werden ausgewählte Beiträge des letzten IRS-Werkstattgesprächs vom Januar 2012 vorgestellt. Ziel war es dabei zum einen, die Forschungen zur DDR in einen vergleichenden Kontext zu stellen, um gerade mit Blick auf die Entwicklungen in der Bundesrepublik und im inter- wie transnationalen Kontext Spezifika und systemübergreifende Gemeinsamkeiten zwischen den beiden deutschen Staaten zu akzentuieren. Zum anderen sollten einige markante Forschungslücken auf dem Gebiet der Planungs- und Architekturgeschichte der DDR geschlossen werden. Insgesamt liefern die hier zusammengestellten Beiträge einen mehrfachen Einblick in die Mikroebene der Bau- und Architekturgeschichte, wobei sie auch den makrostrukturellen Kontext der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen reflektieren und mit einem deutsch-deutschen Vergleich einen Beitrag zur Einordnung der DDR in die Verlaufsgeschichte der gesellschaftlichen Moderne – gespiegelt an der Folie Bundesrepublik – bieten.

Dass in der DDR Architekten trotz begrenzter individueller Handlungsspielräume durchaus interessante Wirkungsmöglichkeiten entfalten konnten, präsentiert Tanja Seeböck mit ihrem biografischen Zugriff auf den bekannten Bauingenieur Ulrich Müther. Bei ihm handelte es sich um eine Persönlichkeit, die aufgrund ihrer internationalen Verbindungen und Aufträge sowie des architekturtechnologischen Innovationsgehaltes der Gebäude als exzeptionell einzustufen ist. Müther konnte mit dem von ihm geleiteten Betrieb, ohne in ein Baukombinat eingebunden zu sein, Planungen und Ausführungen eigenverantwortlich vornehmen – eine singuläre institutionelle Konstellation, die zeigt, zu welchen Leistungen die Architektur in der DDR mit einem größerem Maß an individuell-unternehmerischer Freiheit hätte fähig sein können. Wie schwierig sich in der DDR die Realisierung architektonischer Spezialgebäude im Spannungsfeld zwischen der Zentrale in Berlin und den regionalen Fachverantwortlichen durchsetzen ließen, unterstreicht Wiebke Janssen in ihrem Aufsatz über den Bau des Klinikums Halle-Kröllwitz. Ihre Analyse verdeutlicht die entscheidende Funktion, die Netzwerke von Akteuren und Institutionen sowie regionale Parteigrößen der SED in der DDR bei der Hervorbringung von Architektur einnahmen.

Ebenfalls am Beispiel Halle dokumentiert Peer Pasternack in seinem Aufsatz über Kunst am Bau für Halle-Neustadt einen Moment der Utopie in den frühen "sozialistischen Städten" der DDR. Dabei zeigt er, dass die Kunstobjekte und -werke in der Chemiearbeiterstadt trotz des großen Aufwands bei ihrer Gestaltung von überraschend wenigen direkt politischen Botschaften geprägt waren. Tanja Scheffler thematisiert mit der Prager Straße in Dresden Transformationen eines zentralen öffentlichen Raums (nicht nur) in der DDR. Dabei problematisiert sie die aktuellen Umbaumaßnahmen in der Elbestadt, welche durch die Orientierung am touristisch und stadtidentitätsrelevanten "Mythos Dresden" des 18. Jahrhunderts[30] zur systematischen Eliminierung der DDR-Architektur führen könnte. Axel Zutz zeigt in seinem Beitrag zum Berliner Gendarmenmarkt, dass auch die Freiraum- und Grünplanungen der postmodernen Phase der DDR in ihrer Existenz gefährdet sind. Hier gelang es jedoch in jüngster Zeit einer Anwohner-Bürgerinitiative, den auf DDR-Planungen beruhenden Status quo gegen die restaurativen Absichten der Senatsbaudirektorin von Berlin zu verteidigen – ein beredtes Beispiel dafür, wie stark die gebaute Umwelt aus der DDR-Zeit auf aktuelle Diskurse und Debatten über die Identität von stadträumlichen Nachbarschaften weiterwirkt.

Schließlich analysieren Tobias Wolf und Sylvia Necker in ihren deutsch-deutsch vergleichenden Beiträgen Parallelen und Abweichungen bei Bauprojekten in der Bundesrepublik und der DDR. Wolf untersucht die Architekturwirklichkeit in beiden deutschen Staaten am Beispiel der Bautypologie von Kaufhäusern, einer Gebäudegattung, die im Gegensatz zu den häufig beschriebenen Staats- und Repräsentationsbauten der DDR besonders nahe am Alltag der Menschen lag. Sylvia Necker nimmt in ihrem Beitrag die kultur-, sozial- und politikgeschichtlich höchst interessante Geschichte der Autobahn Berlin-Hamburg als einem Begegnungsraum zwischen Ost und West in den Fokus und skizziert mit ihrem Forschungsprojekt auch die Methodik deutsch-deutscher Vergleiche auf dem Feld der Planungsgeschichte, die mit der Einbeziehung des gesellschaftlichen und kulturgeschichtlichen Kontextes beider Gesellschaftssysteme und Staaten eine tragfähige Perspektive für künftige Forschungen bietet.

Fußnoten

22.
Joachim Fischer, Architektur: "Schweres" Kommunikationsmedium der Gesellschaft, in: APuZ, 25/2009, S. 6–10.
23.
Simmel, Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung, Berlin 1968 [Orig. 1908], S. 460–526; Fischer (Anm. 22), S. 7f; Heike Delitz, Gebaute Gesellschaft. Architektur als Medium des Sozialen, Frankfurt a. M./New York 2010.
24.
So gelang es dem Stadtarchitekten von Frankfurt (Oder), Manfred Vogler, einige wichtige Gebäude der Stadt wie die Marien- oder die Klosterkirche (als Konzerthaus) auf eigensinnige Weise als "Schwarzbauten" (u.a. durch am Ende des Planjahres übriggebliebene Mittel) wieder aufzubauen, die in keinem Staatshaushaltsplan standen, von den SED-Verantwortlichen dann aber feierlich eingeweiht wurden: Interview v. Harald Engler m. Manfred Vogler, 30.6.2010.
25.
Christian Klusemann, Platte, Plan und Preußen. Ein differenzierter Blick auf "DDR-Architektur" in Potsdam und den Umgang mit dem historischen Erbe, in: Potsdamer Neueste Nachrichten, 3.7.2012; Juliane Schiemenz, Kulturpalastkampf. Dresdens Lustspielhaus soll zum Hort der Klassik umgebaut werden, in: Die Zeit, 7.4.2011.
26.
Ross Campbell, Values, Trust and Democracy in Germany. Still in Search of 'Inner Unity'?, in: European Journal of Political Research 51 (2012) 5, S. 646–670.
27.
Die Historische Forschungsstelle des IRS verfolgt dezidiert einen disziplinär verschränkten methodischen Ansatz, in dem die grundlegenden kunst- und architekturgeschichtlichen Disziplinen in den Gesamtkontext einer europäischen Urbanisierungsgeschichte der Moderne des 20. Jahrhunderts gesetzt und mit politik- und sozialwissenschaftlichen Methoden erforscht werden. Auf diese Weise sollen sektorale Forschungsverengungen vermieden werden und die Bau- und Planungsgeschichte hinsichtlich ihrer Aussagekraft für die Gesamt- und Gesellschaftsgeschichte der DDR befragt werden: http://www.irs-net.de/forschung/forschungsabteilung-5/forschungsprofil.php [5.11.2012].
28.
So wurden z.B. in Veröffentlichungen anlässlich der Eröffnung des Fernsehturms am Berliner Alexanderplatz 1969 nicht die Planer und Architekten erwähnt, sondern neben SED-Chef Walter Ulbricht lediglich einige verdiente Bauarbeiter: Ingrid Brandenburg u.a., Fernsehturm Berlin, Berlin (O.) 1970; Bruno Flierl, Stadtplaner und Architekten im Staatssozialismus der DDR, in: ders., Gebaute DDR. Über Stadtplaner, Architekten und die Macht, Berlin 1998, S. 52–75, hier 67.
29.
Die Historische Forschungsstelle des IRS widmet sich durch biografische Studien und Interviews intensiv der Geschichte des Architektenberufs in der DDR: Holger Barth/Thomas Topfstedt (Bearb.), Vom Baukünstler zum Komplexprojektanten. Architekten in der DDR, Erkner 2000; Harald Engler/Anke Kuhrmann (Hg.), Entwerfen im System. Der Architekt Wilfried Stallknecht, Cottbus/Erkner 2009.
30.
Katja Marek, Rekonstruktion und Kulturgesellschaft. Stadtbildreparatur in Dresden, Frankfurt am Main und Berlin als Ausdruck der zeitgenössischen Suche nach Identität, Diss. Kassel 2009, https://kobra.bibliothek.uni-kassel.de/bitstream/urn:nbn:de:hebis:34-2009101330569/7/DissertationKatjaMarek.pdf [20.10.2012], insb. S. 9–52.

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