Beleuchteter Reichstag

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29.11.2012 | Von:
Axel Zutz

Modern-postmoderne Landschaftsarchitektur im Zentrum der Hauptstadt –
der Gendarmenmarkt/Platz der Akademie

Der Gendarmenmarkt ist einer der bedeutendsten Stadtplätze Berlins. Er blickt auf eine lange, wechselhafte Geschichte zurück. In jüngster Zeit hat eine intensive Auseinandersetzung um die Gestaltung des Platzes stattgefunden, die in weiten Teilen auf Planungen aus der DDR-Zeit zurückgeht: Bewahrung, Abriss, Fällung, Neugestaltung oder Rekonstruktion?

"Erst aus dem Zusammenspiel und aus dem Komponieren der Arbeiten vieler Architekten geht durch Zusammenwachsen und Bewahrung des Erbes ein Zustand hervor, der prägend in die Zukunft wirkt."[1]


Im Jahr des umfangreich begangenen 300. Geburtstags Friedrichs des Großen und der 775-Jahrfeier Berlins zeichnet sich ein Kompromiss über die zukünftige Gestalt des Berliner Gendarmenmarktes inmitten der barocken Friedrichstadt ab: Der überwiegende Teil der Platzgestaltung aus dem Jahr 1984 wird mit seiner Landschaftsarchitektur gewahrt werden, welche die baugeschichtlich bedeutsamen Bauten auf dem Platz einrahmt.

Dabei sollte die einerseits historisierend, andererseits modern gehaltene Gestaltung aus DDR-Zeiten nach dem Willen der Verantwortlichen im Berliner Senat und der beauftragten Planer zunächst komplett verschwinden. Über das Ob der Instandsetzungsmaßnahme, die nun ein junges ostdeutsches postmodernes Gartendenkmal erhalten wird, gab es im Sommer 2010 einen erfreulich lebhaften Streit, den die Berliner Presse – die "taz" schrieb vom "Kugelahornkrieg" (18.8.2010), der "Tagesspiegel" titelte "Ahorn-Zorn" (30.7.20110) – ausführlich dokumentierte und der sich auch in teilweise sehr drastischen Worten in ihren Leserforen abbildete.

Gewonnen hat diese Auseinandersetzung eine kritische Öffentlichkeit, die sich dem Abriss der Anlage aus den späten Jahren der DDR und deren Ersatz durch eine sechs Millionen Euro teure Neugestaltung entgegenstellte. Gewonnen haben damit all jene Besucher des Platzes, denen das Erlebnis der seinerzeit vergleichsweise aufwändigen Landschaftsarchitektur weiterhin ermöglicht werden wird. Dies ist nicht zuletzt deswegen von Bedeutung, da anhand der Gestaltung aus DDR-Zeiten auch so manches über den sich auch hier in den 1980er-Jahren wandelnden Umgang mit öffentlichen Räumen sowie über den zeitspezifischen Umgang mit dem baukulturellem Erbe Preußens im Zentrum der Hauptstadt vermittelt werden kann.

Der "schönste Platz Berlins" (Laurenz Demps)[2] präsentierte sich also 2010 als Streitobjekt um ästhetische und politische Deutungshoheiten, um urbane Identitäten, denkmalpflegerische Leitbilder und damit auch um eine demokratische Planungskultur. Mit diesem Beitrag soll ein Einblick in die aktuellen und historischen planerischen Aspekte des bekannten Berliner Stadtplatzes gegeben werden. Dabei werden zunächst seine Freiraum-Geschichtlichkeit und die Besonderheiten der DDR-Planung erläutert und anschließend ein Eindruck von der Auseinandersetzung um Bewahrung, Abriss, Fällung, Neugestaltung und Rekonstruktion vermittelt. Schließlich kommen Fragen der Denkmalwürdigkeit, aber auch der historischen und aktuellen Funktionalität der Platzgestaltung zur Sprache.

Die Geschichte des Platzes kann in fünf (bzw. sechs) Phasen gegliedert werden:

I. Phase bis 1770: Marktplatz, Friedhof, Militärstandort

II. Phase 1770 bis 1870: spätbarocker Architekturplatz

III. Phase 1872 bis 1935: bürgerlicher Schmuckplatz

IV. Phase 1935 bis 1945 und 1948 bis 1984: Veranstaltungsplatz mit Grünflächen

V. Phase 1984 bis heute: historisierend moderner Stadtplatz

VI. Phase 1996 bis 2010: gartendenkmalpflegerische Initiativen

Die Phasen II und III bildeten in den 1970er-Jahren und heute die unterschiedlichen Bezugsebenen.

I.

Bis 1695 war die Friedrichstadt als westliche Erweiterung außerhalb der frühneuzeitlichen Befestigungsanlage aus der Zeit des Großen Kurfüsten abgesteckt.[3] Auf dem Platz, der drei Blöcke des gleichmäßigen Straßenrasters einnahm und eine Größe von 325 x 150 Meter (4,8 Hektar) hat, befanden sich ab 1700 im nördlichen und südlichen Block zwei Kirchen, eine lutherische und eine französisch-reformierte sowie die dazugehörigen Grabfelder. Das Mittelfeld blieb für militärische Nutzungen frei von Bebauung und wurde auch nicht für einen dritten Friedhof abgegeben, den die Friedrichswerdersche Kirche beantragt hatte. Ab 1710 ließ der "Soldatenkönig" Friedrich Wilhelm I. auf der Südseite des Platzes einen Pferdestall für seine berittenen Soldaten errichten, woher ab etwa 1800 der Name "Gendarmenmarkt" rührt. Ab 1729 diente der Platz schließlich an zwei Wochentagen als Markt, weshalb er zunächst "Mittelmarkt" bzw. "Friedrichstädtischer Lindenmarkt" hieß. Ein ursprünglich vorgesehener Marktbrunnen wurde nicht gebaut. Die Öffnung des Walls in Richtung Jägerstraße im Jahre 1735, noch heute bezeugt durch deren Aufweitung und ihren Knick in der Mitte, erlaubte den Anschluss der Friedrichstadt an die alte Stadt. Der Stall musste dafür abgerissen und verlegt werden.

Die drei Nutzungen – Religion, Militär, Handel – haben nur wenige Jahrzehnte nebeneinander bestanden. Zwischen den 1760er/70er-Jahren hatten sich die ersten Nutzungskonflikte Kirchengemeinde versus absolutistischer Staat – Friedhof oder militärische Nutzung und Handel – erledigt. Die Friedhöfe erhielten infolge einer der Stadthygiene geschuldeten Anordnung Ausweichflächen an der Invalidenstraße und vor dem Halleschen Tor. Bis 1773/78 waren auch die nach der Platzöffnung ab 1733 um die beiden Kirchen herum errichteten Stallungen verlegt bzw. abgetragen worden.

II.

Durch diese Verlegungen war Raum für neue Nutzungsformen geschaffen: Ein spätbarocker Architekturplatz entstand, der mit dem Bau eines "Französischen Komödienhauses" (1774, Architekt: Jan Boumann) auf dem mittleren Feld nun einen kulturellen Nutzungsschwerpunkt erhielt. König Friedrich II. veranlasste noch 1779/85 den Bau der beiden 78 Meter hohen Kuppeltürme nach Entwürfen von Carl von Gontard (nach dem Einsturz des Deutschen Turmes 1781 durch Georg Christian Unger vollendet) zur städtebaulichen Aufwertung der Residenzstadt. Diese beiden Türme in spätbarockem klassizistischen Stil waren als Blickfang gedacht, als rein visuelle, der absolutistischen Repräsentation dienende Attrappen, ohne Innenleben und ohne Verbindung mit den Kirchenräumen. Mit dem Bau der Türme erhielt der Platz sein bis in die Gegenwart währendes Raumkonzept. Sie prägen die Stadtsilhouette bis heute und fanden Kopien am Neuen Stadthaus (1911, Architekt: Ludwig Hoffmann) und am Frankfurter Tor (1955/56, Architekt: Hermann Henselmann). Friedrich Wilhelm II. erklärte 1787 als Thronnachfolger Friedrichs II. das von seinem Onkel initiierte Theater zum Königlichen Nationaltheater. Damit erhielt der Ort eine weit über Berlin ausstrahlende, kulturnationale Bedeutung, denn der Bau sollte vorrangig dem deutschsprachigen Theater dienen.

Panorama des Gendarmenmarktes um 1822Panorama um 1822, unbekannter Künstler (© IRS Erkner, Wissenschaftliche Sammlungen)
1802 wurde ein größerer Bau für das Nationaltheater (Architekt: Carl Gotthard Langhans) eingeweiht, nach einem Brand erfolgte 1818 bis 1821 der Neubau des Schauspielhauses nach einem Entwurf von Karl Friedrich Schinkel. Dieser hatte übrigens auch eine erneute Umgestaltung der beiden von ihm als "geschmacklos" empfundenen Kirchenbauten nebst den Gontardschen Türmen in langgestreckte kubische Baukörper mit korinthischen Säulen konzipiert, womit das Raumbild einer griechischen Agora entstanden wäre.[4]

Der mit dem Schinkelbau zu einem "Architekturensemble von europäischem Rang" (Adalbert Behr, Alfred Hoffmann) aufgewertete und bereits 1787 gepflasterte Platz wurde weiterhin als Markt genutzt. Allerdings dehnte sich diese, zunächst auf Betreiben der Gemeinden auf die Mitte beschränkte Nutzung – sie hatten die Flächen um die Sakralbauten mit Holzpfählen abgegrenzt – bereits beginnend mit der Errichtung des Langhans-Baus zwischen 1800 und 1837 auf die beiden Kirchplätze aus.

Eine wichtige Rolle nahm der Platz während der 1848er-Revolution ein: Hier fanden politische Kundgebungen und Kämpfe statt. Bereits im April 1847 hatte, sich auf dem Gendarmenmarkt der "Kartoffelaufstand" abgespielt ausgelöst durch gestiegene Lebensmittelpreise. Barrikadenkämpfe in den Straßen rund um den Platz hielten am 18. März 1848 die dort stationierten Soldaten davon ab, in die umgebenden Stadtviertel vorzudringen. Der Trauerzug für die 188 Märzgefallenen nahm hier vier Tage später mit 100.000 Teilnehmenden seinen Ausgang, festgehalten in Adolph Menzels Gemälde "Aufbahrung der Märzgefallenen auf den Stufen des Deutschen Doms". Von September bis zu ihrer militärisch erzwungenen Auflösung im November tagte im Schauspielhaus die Preußische Nationalversammlung.


Fußnoten

1.
Laurenz Demps, Der Gensd'armen-Markt. Gesicht und Geschichte eines Berliner Platzes, Berlin 1987, S. 150.
2.
Vgl. Laurenz Demps, Der schönste Platz Berlins. Der Gendarmenmarkt in Geschichte und Gegenwart, Berlin 1993.
3.
Zu den geschichtlichen Daten und Fakten vgl. Adalbert Behr/Alfred Hoffmann, Das Schauspielhaus in Berlin, Berlin (O.) 1985, Demps, Gensd'armen-Markt (Anm. 1).
4.
Vgl. Behr/Hoffmann (Anm. 3), S. 110; Demps, Gensd'armen-Markt (Anm. 1), S. 292ff.

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