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29.11.2012 | Von:
Tanja Seeböck

Ulrich Müthers Schalenbauten im Bauwesen der DDR

Ulrich Müther wurde für die Konstruktion und den Bau extravaganter, dynamisch geschwungener Schalenbauten bekannt. Wie gelang es ihm mit seinen Betonschalenbauwerken eine derart dominierende Position in der staatlich gelenkten Bauwirtschaft der DDR einzunehmen?

I.

Die von Ulrich Müther (1934–2007) seit den frühen 1960er-Jahren konzipierten Betonschalen sind heute international bekannt und werden zunehmend (wieder) wertgeschätzt.[1] Seine elegant geschwungenen Betondächer nehmen eine herausragende Stellung innerhalb der Baukunst der DDR ein. Diese federleicht wirkenden Solitäre aus Beton, Stahl und Glas wurden als moderne städtebauliche Gestaltungsmittel eingesetzt: Viele von ihnen bildeten auflockernde Kontraste im stadträumlichen Gefüge des industriellen Wohnungsbaus, wo sie mit ihrer großen Spannweite und dynamischer Formensprache wie Großplastiken zwischen den typisierten Wohnblöcken wirkten. Andere von ihnen wurden etwa an hervorgehobener Stelle am Strand, am See oder im Park platziert und setzten dort weithin sichtbare Blickpunkte.

Die Gründe, warum in der DDR insbesondere in den 1960er- und 70er-Jahren viele Schalenbauten errichtet wurden, sind vor allem in ihren konstruktiven Vorteilen zu sehen: Mit ihnen lassen sich große Spannweiten stützenfrei überspannen, und sie verfügen trotz ihrer geringen Materialstärke über eine große Stabilität. Außerdem waren sie schnell und materialsparend herzustellen und überzeugten ästhetisch: Durch ihre Leichtigkeit der Struktur sowie ihre ausdrucksstarke und kraftvolle Form, welche mit Hilfe vielfältig variabler Wölbungen der Schalenfläche zustande kam, eigneten sich diese Konstruktionen insbesondere für repräsentative Bauaufgaben wie zum Beispiel Mehrzweckhallen, Gaststätten, Sakralbauten oder andere Gesellschaftsbauten, die Individualität und Modernität ausstrahlen sollten.

Der aus Binz auf Rügen stammende Ulrich Müther war Bauingenieur und leitete seit 1959 den väterlichen Baubetrieb in seiner Heimatstadt.[2] Mit diesem Betrieb hatte er sich auf die Planung, Berechnung und Ausführung von Betonschalentragwerken spezialisiert[3] und zwischen 1963 und 1991 mit seinem Team – bestehend aus Ingenieuren, Architekten und speziell geschulten Arbeitskräften – etwa 74 dieser geschwungenen Konstruktionen konzipiert und errichtet.[4]

Zu den bekanntesten Schalenbauten Müthers gehört zweifellos die am Ostseestrand des Rostocker Stadtteils Warnemünde gelegene Ausflugsgaststätte "Teepott".
Teepott in RostockRostock-Warnemünde, "Teepott", Ansicht von Osten, 1968 (© Müther-Archiv an der Hochschule Wismar)
Der dreigeschossige Rundbau wurde auf Beschluss des Rates der Stadt anlässlich der 750-Jahrfeier Rostocks im Jahr 1968 auf den Grundmauern seines ebenfalls zylindrischen Vorgängerbaus, dem 1928 erbauten und 1945 abgebrannten "Teepavillon", errichtet. Zusammen mit dem unmittelbar benachbarten, 1897/98 erbauten, 39 Meter hohen Leuchtturm bildet er am Ende der Strandpromenade direkt neben der Hafeneinfahrt einen markanten städtebaulichen Blickpunkt. Ulrich Müther entwarf die Schalenkonstruktion, die Architekten Erich Kaufmann, Hans Fleischhauer und Carl-Heinz Pastor vom Wohnungsbaukombinat Rostock waren für die Gestaltung und den architektonischen Entwurf der Gaststätte verantwortlich.[5]

Die städtebauliche Anbindung des Gebäudes an den Strand und den benachbarten Leuchtturm war ein wichtiger Bestandteil der Projektierung. Da der Bau zu allen Seiten eine ausdrucksstarke Gestaltung aufweisen sollte, wurde eine dreifach geschwungene Hyparschalenkonstruktion gewählt.[6] Die insgesamt 1.200 Quadratmeter große, nur sieben Zentimeter starke Schalenfläche besteht aus drei zusammengesetzten hyperbolischen Paraboloidschalen (kurz: Hypar- oder HP-Schalen)[7] mit gerundeten Kanten und ist an ihren drei Tiefpunkten auf Stützenpaaren gelagert. Diese bestehen aus jeweils einer senkrechten Stahlbetonstütze, welche die Vertikalkräfte aus den Schalen aufnimmt, sowie einer Schrägstütze, welche die "Windkräfte und andere unsymmetrischen Horizontalkräfte" in die Fundamente überträgt.[8] Die Fassaden des Obergeschosses und an der zur Seeseite orientierten Nordseite des Erdgeschosses waren vollständig mit einer Stahl-Thermoglas-Konstruktion versehen, während die Südfassade im Erdgeschoss durch eine bandartige Strukturwand aus Stahl des Berliner Bildhauers Achim Kühn gegliedert wurde.[9]

Im Inneren befand sich ein Restaurant mit 128 Plätzen im Erdgeschoss, ein Café mit 162 Plätzen im Obergeschoss, das mit einer zentral angeordneten, als Tanzfläche dienenden, offenen Zwischenebene durch Leichtbautreppen verbunden war, sowie eine Bar mit 90 Plätzen im Sockel-/Untergeschoss des Gebäudes. Restaurant und Café waren zur Seeseite hin orientiert und boten einen Panoramablick auf Strand, Meer und Hafeneinfahrt.[10] Im Jahr 1969 erhielt der "Teepott" den zweiten Preis in dem vom Ministerium für Bauwesen ausgelobten Architekturwettbewerb, bei dem insgesamt elf Bauwerke ausgezeichnet wurden, die im Jahr zuvor von Architekten der DDR realisiert worden waren und interessante Lösungen mit innovativen Konstruktionen zeigten.[11] Das Gebäude konnte nach einem etwa zehn Jahre währenden Leerstand im Jahr 2002 saniert[12] und einer Mischnutzung aus Gastronomie, Cocktailbar, Tanzsaal, Büros und Einzelhandelseinrichtungen zugeführt werden.

II.

Angesichts des umfangreichen Werks an Betonschalen stellt sich die Frage, wie es unter den Bedingungen der Bauwirtschaft der DDR überhaupt dazu kommen konnte, dass ein einzelner Betrieb seine unternehmerische Eigenständigkeit bewahren und in Eigenregie zahlreiche Projekte planen und realisieren konnte – wie Ulrich Müther es mit seiner Baufirma tat.[13] Weiterhin ist interessant, auf welche Art und Weise manche seiner Aufträge zustande kamen – hierzu gab Müther in persönlichen Gesprächen bereitwillig Auskunft.[14] Im Folgenden sollen diese Fragen näher erörtert werden.

Die Gründe für die exzeptionelle Stellung Ulrich Müthers im Bauwesen der DDR waren vielschichtig. Seine erfolgreiche Tätigkeit im Schalenbau war eng verknüpft mit seiner Biografie. In besonderem Maße erwies es sich als vorteilhaft, dass er sowohl Ingenieur als auch Leiter einer Baufirma war und daher die Projekte von der Planung bis zur Herstellung aus einer Hand anbieten konnte: Müther trug nicht nur die Verantwortung für die Konzeption und die Konstruktion, sondern auch für die Ausführung des Tragwerks. In dieser Eigenschaft glich er den großen Pionieren des Schalenbaus, etwa Pier Luigi Nervi (1891–1979) und Félix Candela (1910–1997), die ebenfalls Ingenieure und Bauunternehmer in einer Person waren.

Ulrich Müther wurde 1959 technischer Leiter der von seinem Vater gegründeten Binzer Baufirma und übernahm 1960 den Vorsitz des Betriebes, der in eine Produktionsgenossenschaft des Handwerks (PGH) umgewandelt worden war. Ab 1972, nach der Umwandlung der PGH Bau Binz in einen Volkseigenen Betrieb (VEB), wurde er Direktor der fortan VEB Spezialbetonbau Rügen genannten Firma[15] Es gelang Müther 1972, die Eingliederung in ein Kombinat zu verhindern.[16] Der VEB Spezialbetonbau Rügen, der 1972 etwa 100 Mitarbeiter hatte,[17] wurde zuerst vom Kreis Rügen geleitet, später vom Bezirk Rostock.[18] Nach der deutschen Vereinigung führte Müther die Baufirma, die an ihn rückübereignet worden war, bis zur Insolvenz im Jahr 1999 als Privatunternehmen weiter.[19]

Zunächst baute Müther in den 60er- und 70er-Jahren viele Schalen im eigenen Land, bevor er auch Auslandsprojekte realisierte. Das erste Projekt im Ausland war das mit einem Kulturzentrum verbundene Raumflugplanetarium im libyschen Tripolis, das die Firma 1979/80 realisierte.[20]


Fußnoten

1.
Zum Imagewandel und zur Rezeption der "Müther-Schalen" vgl. Tanja Seeböck, Die Betonschalen von Ulrich Müther zwischen Ablehnung und Wertschätzung – Imagewandel und Beispiele der gesellschaftlichen Rezeption, in: Mark Escherich (Hg.), Denkmal Ost-Moderne. Aneignung und Erhaltung des baulichen Erbes der Nachkriegsmoderne, Berlin 2012, S. 226–239; vgl. auch Jan Schröder, Denkmalpflege in der Hansestadt Rostock, in: Denkmalschutz und Denkmalpflege in Hansestädten Mecklenburg-Vorpommerns, Hg. Gehring Verlagsgesellschaft, Merseburg o. J. [2003], S. 5.
2.
Ingo Schönrock, "Ulrich Müther", unveröff. Vortragsms., Putbus 20.8.2008, Sammlung Schönrock, S. 2; Klaus Stiglat (Hg.), Bauingenieure und ihr Werk, Berlin 2004, S. 258.
3.
Die Betätigungsfelder des Baubetriebes, dem Müther vorstand, erstreckten sich auf mehrere Bereiche, einer davon der Schalenbau: Ulrich Müther, persönl. Mitteilung, Transkript, Binz 28.10.2006, S. 5.
4.
Zu den verschiedenen Bauaufgaben, die Müther mit seinen Schalen bediente, vgl. Seeböck, Betonschalen (Anm. 1), S. 226; dies., Die Betonschalenbauwerke von Ulrich Müther – Werk und Rezeption, (unveröff., noch nicht verteidigte) Diss. TU Berlin 2012, S. 115f. – Die Anzahl der "Müther-Schalen" war lange nicht bekannt. Die Angabe beruht auf eigener Ermittlung und ist das Ergebnis eines im Rahmen der Diss. d. Vf. erstellten Werkverzeichnisses: ebd.
5.
Erich Kaufmann/Ulrich Müther, "Teepott" Rostock-Warnemünde, in: Deutsche Architektur 18 (1969) 3, S. 157f.
6.
Ebd.
7.
Das hyperbolische Paraboloid ist eine doppelt gekrümmte Fläche, die in entgegengesetzter Richtung gekrümmt ist, also einerseits konkav und andererseits konvex. Der Vorteil einer HP-Schale besteht darin, dass sie aus lauter Geraden gebildet wird und sich infolgedessen auch mit geraden Brettern einschalen lässt: Jürgen Joedicke (Hg.), Schalenbau. Konstruktion und Gestaltung, Stuttgart 1962, S. 27.
8.
Kaufmann/Müther (Anm. 5), S. 159.
9.
Ebd.; Jastram + Buttler Architekten, Protokoll/Aktennotiz, Rostock 7.5.2002, Amt für Kultur und Denkmalpflege Rostock, Akte 2/4, S. 1.
10.
Kaufmann/Müther (Anm. 5), S. 158.
11.
O. Vf. (Red.), Preisträger im Architekturwettbewerb, in: Deutsche Architektur 18 (1969) 9, S. 515; Gerhard Krenz, Architekturwettbewerb 1969: Schöpferische Leistungen im Wettbewerb der "deutschen architektur" ausgezeichnet, in: Deutsche Architektur 18 (1969) 10, S. 585, 587.
12.
Matthias Grünzig, Der zweite Blick: "Teepott" in Rostock-Warnemünde, in: Deutsches Architektenblatt 34 (2002) 9, S. 37; Seeböck, Betonschalen (Anm. 1), S. 230f.
13.
Matthias Grünzig, Der zweite Blick: "Teepott" in Rostock-Warnemünde, in: Deutsches Architektenblatt 34 (2002) 9, S. 37; Seeböck, Betonschalen (Anm. 1), S. 230f.
14.
Rückblickende Gespräche, die Müther ab etwa 2000, als die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit seinem Werk einsetzte, mit verschiedenen Personen, etwa Architekten, Journalisten, Regisseuren oder d. Vf. führte.
15.
Kerstin Weinstock, Ulrich Müther. Vom 'Land-Baumeister' zum Schalenbauer, in: Deutsche Bauzeitung 133 (1999) 10, S. 156f; vgl. Holger Barth, Ulrich Müther, in: Barth u.a. (Anm. 15), S. 162.
16.
Kai Michel, Nach der Utopie, in: Brand Eins, 9/2003, S. 142.
17.
Ingo Schönrock, Unternehmensgeschichte Müther, Berlin 2008, unveröff. Ms., Sammlung Schönrock.
18.
Weinstock (Anm. 15), S. 157.
19.
Stiglat (Anm. 2), S. 260; Schönrock, Unternehmensgeschichte (Anm. 17); Müther, Mitteilung (Anm. 3), S. 6.
20.
Baudatum der Rohbauten, dat.: Gertrud Schille, Raumflugplanetarium in Tripolis, in: Architektur der DDR 31 (1982) 3, S. 150.

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