Beleuchteter Reichstag

Der andere Mauerfall - Die Öffnung der innerdeutschen Grenze 1989


29.4.2013
Nach Günther Schabowskis berühmter Pressekonferenz am 9. November 1989 drängten DDR-Bürger nicht nur in Berlin gegen die Mauer. Astrid M. Eckert erinnert in diesem Artikel an den "anderen Mauerfall" - die Öffnung der innerdeutschen Grenze, das Ende des Grenzregimes und die vielfältigen Begegnungen im Grenzland.

Auf der Autobahn hat sich eine lange Schlange von Trabanten gebildet. An den Straßenrändern steht eine Menschenmenge und jubelt.Grenzöffnung am 11. November 1989 am Autobahnkontrollpunkt Helmstedt. Lizenz: cc by-sa/2.5/

In den Darstellungen zur Friedlichen Revolution von 1989/90 nimmt der Fall der Berliner Mauer einen zentralen Platz ein. Hier spielte sich ein Drama von welthistorischer Bedeutung ab, das nicht nur das Schicksal der ungeliebten SED-Herrschaft besiegelte, sondern weltweit zum Symbol für das Ende des Kalten Krieges avancierte.[1] Die Ereignisse entlang der innerdeutschen Grenze nehmen sich im Vergleich wie eine Wiederholung des Berliner Skripts aus. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass die erste DDR-Bürgerin, die am Abend des 9. November 1989 nur "bloß gucken [wollte], ob die Grenze auf" sei, dies von Marienborn aus tat und nicht etwa an der Bornholmer Straße in Berlin. Den Ost-Berlinern war sie um immerhin fünf Minuten voraus, aber die Weltpresse stand nun einmal nicht in Helmstedt, sondern im Wedding, in Kreuzberg und am Brandenburger Tor.[2]

"Die größte Wiedersehensfeier des 20. Jahrhunderts"



Die berühmte Pressekonferenz von Günter Schabowski am frühen Abend des 9. November 1989 war der unmittelbare Auslöser für die "größte Wiedersehensfeier des 20. Jahrhunderts."[3] Schabowski gab die neue Reiseregelung bekannt, die das Zentralkomitee der Sozialistischen Deutschen Einheitspartei (SED) an jenem Tage verabschiedet hatte. Auf Nachfrage des italienischen Journalisten Riccardo Ehrman bestätigte Schabowski, dass "ständige Ausreisen" aus der DDR "sofort" und "unverzüglich" möglich seien, und zwar "über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD bzw. zu Berlin-West."[4] Die Fernsehberichterstattung über Schabowskis Versuche, seinen Sprechzettel zu interpretieren, elektrisierte nicht nur Ost-Berliner, sondern auch die DDR-Bürger im Grenzland. Vor den zwanzig regulären Grenzübergängen bilden sich Menschenmengen, die Durchlass begehrten, und zwar nicht zur "ständigen Ausreise", sondern um ihre Interpretation von Schabowskis Worten zu testen und anschließend in die DDR zurückzukehren.

Der Übergang Selmsdorf/Lübeck-Schlutup öffnete noch in der Nacht des 9. November. Kurz vor 22 Uhr fuhr der erste blaue Trabant nach Schlutup. Die Beamten des Bundesgrenzschutzes boten den Insassen Umsiedlerformulare an, allerdings wollten diese sich nur Lübeck ansehen und anschließend wieder nach Hause fahren.[5] Noch in der Nacht bildete sich eine "Trabischlange […] über Selmsdorf bis zum Horizont," tatsächlich am ersten Tag gut 60 Kilometer bis Wismar. Der Besucherstrom riss für die nächsten vier Wochen nicht mehr ab und stellte die Stadt vor ungeahnte logistische Herausforderungen. Nicht nur brach der Verkehr in und um Lübeck zusammen, die Besucher aus Mecklenburg mussten auch versorgt werden, denn viele von ihnen kamen aus der Stadt gar nicht mehr heraus. "Es wurde alles geöffnet, Rathaus und Schulen, damit [die Gäste] nicht in der Kälte sein mussten."[6] Auf dem Marktplatz entstand spontan eine Übernachtungsbörse, auf der die Lübecker private Unterkünfte zur Verfügung stellten. Der ehemalige Bürgermeister Michael Bouteiller ist heute noch überzeugt, dass man niemanden "in Lübeck finden kann, der das erlebt hat und sagt, dass das kein wichtiges Erlebnis für ihn gewesen sei."[7]

Die Szenen aus Lübeck wiederholten sich an anderen Grenzübergängen. Auch Worbis/Duderstadt, Henneberg/Eußenhausen und andere Übergänge öffneten noch in der Nacht des 9. November 1989. Das "Zonenrandgebiet" hieß seine Gäste willkommen. An jenem denkwürdigen Wochenende im November galten neue Spielregeln: Verkehrsverbünde transportierten Besucher aus der DDR ohne Fahrschein; westliche Tankstellen führten plötzlich Zweitakter-Gemisch; Falschparken war erlaubt; West-Kaufhäuser nahmen Ost-Mark an; Theater, Opern, Zoos und Hallenbäder verteilten Freikarten; unzählige Lokale und Privatpersonen schenkten Kaffee und Bier aus; viele Einzelhändler ließen sich Begrüßungsangebote einfallen.[8] Die kleinen und mittelgroßen Städte auf westlicher Seite wurden umgehend überrannt: Das bayerische Mellrichstadt mit seinen 5.000 Einwohnern beispielsweise lag nahe des Überganges Henneberg/Eußenhausen. Am 10. November waren die Einwohner schon in der Minderzahl: 7.000 Besucher bevölkerten die Stadt. Bis Ende des Monats zählte die Stadtverwaltung nicht weniger als 330.000 Besucher aus der DDR. Zwischen Freude und Verzweiflung schrieb der Bürgermeister an die bayerische Staatskanzlei und begehrte zu wissen, wer für die Mehrausgaben der Stadt aufkommen werde, die im Zuge der Grenzöffnung angefallen waren. In München hielt man den Besucherstrom jedoch für "beste Grenzlandförderung" – endlich war was los im "Zonenrandgebiet".[9]

Eine lange Autoschlange staut sich auf einer Straße. Aus dem Dachfenster des vordersten Autos schaut ein Kind.Am Grenzübergang Wartha im Kreis Eisenach staut sich am 10. November 1989 der Verkehr. (© Bundesarchiv, Bild 183-1989-1110-038, Foto: Jürgen Ludwig)
Die Dynamik an den bestehenden Grenzübergängen verlagerte sich in den folgenden Tagen an Orte entlang der Grenze, die keinen eigentlichen Übergang, aber eine ehemalige Verkehrsverbindung besaßen. Wiederum war "people power" am Werk: Menschen sammelten sich spontan auf beiden Seiten des Zaunes und forderten die Öffnung der Grenze. Viele trotzten den kalten Novembernächten und harrten bis in die frühen Morgenstunden aus. An der Gebrannten Brücke zwischen den thüringischen Sonneberg und dem bayerischen Neustadt fiel der Schlagbaum am 12. November, einem Sonntag, morgens um 4:48 Uhr.[10] Ähnlich hatten am Tage zuvor Anwohner den Abbau des Grenzzauns in Stapelburg erzwungen, um über die Ecker nach Eckertal und Bad Harzburg zu gelangen. Als westdeutsche Bundesgrenzschützer die Demarkationslinie überschritten, um den zugewachsenen Weg freizuschneiden, verwies ein Major der DDR-Grenztruppen sie ein letztes Mal in die Schranken: "Bis hierher und nicht weiter!" Den Rest der Nacht arbeiteten west- und ostdeutsche Grenzer jedoch einträchtig an der Konstruktion einer Behelfsbrücke über die Ecker. Auch die anfänglichen Versuche, noch Übergangskontrollen in Stapelburg durchzuführen, gaben die DDR-Grenzeinheiten schnell auf.[11]

Eine Blaskapelle marschiert durch ein Dorf. Vorneweg geht ein älterer Mann und schwingt einen Taktstock. Im Hintergrund ist ein Plakat zu erkennen, das die Aufschrift trägt: "Die Riether Jugend grüßt Zimmerau/ Sternberg"Die Bürgerinnen und Bürger der Orte Rieth in Thüringen sowie Zimmerau und Sternberg in Bayern feiern im Dezember 1989 die Grenzöffnung. (© Kreisheimatpfleger Reinhold Albert, Sulzdorf-Sternberg)
Je später Grenzöffnungen stattfanden, desto koordinierter liefen sie ab. Kommunalpolitiker und Vertreter der jeweiligen Grenzorgane legten im Vorfeld das Datum der Öffnung fest, die Zugangswege zum neuen Übergang wurden befestigt, Lokalzeitungen kündigten das Ereignis an, die Anrainergemeinden organisierten gegenseitige Begrüßungsfeiern. Die Bilder und Abläufe begannen sich zu ähneln: Mit Spielmannszug oder Blaskapelle vorweg zogen Ostdeutsche und Westdeutsche in der jeweiligen Nachbargemeinde oder -stadt ein, wo sich umgehend Volksfeststimmung ausbreitete.[12] Fremde lagen sich in den Armen, alte Bekanntschaften wurden aufgefrischt, gemeinsame Dialekte wiederentdeckt, Schlagbäume symbolisch zersägt. Auch Politprominenz ließ sich an verschiedenen Grenzorten blicken. Im geteilten Dorf Mödlareuth an der thüringisch-bayerischen Grenze ging am 9. Dezember sogar eine Grußbotschaft des amerikanischen Präsidenten George Bush ein, der die Westseite des Dorfes sechs Jahre zuvor besucht hatte.[13] Oft öffneten die Grenztruppen eine neue Übergangsstelle zwar kurzfristig auf Druck der versammelten Menschen, schlossen den Zaun dann aber wieder und richteten anschließend eine Abfertigung mit festen Öffnungszeiten ein.

Bei aller Freude stürzte die Grenzöffnung viele DDR-Bürger auch in Verunsicherung. "Man kam ja mit den Gedanken und Gefühlen gar nicht mehr nach," erinnert sich ein leitender Mitarbeiter der LPG in Böckwitz im Bezirk Magdeburg. "[M]an war doch total überwältigt, regelrecht schockiert." Tief saß die Furcht vor Repressionen, mit denen in der DDR bei wirklichen oder vermeintlichen Grenzüberschreitungen zu rechnen war. Deshalb hatte man "bei allem Trubel auch ein bisschen Angst. Es hätte doch wirklich gut sein können, dass es nur ein paar Tage dauert. Und dann wäre man möglicherweise für die Dinge bestraft worden, die man jetzt so in der Ausgelassenheit machte. Die DDR bestand ja schließlich noch…"[14] Gerade weil die Freude nicht frei war von Sorge, behielten auch die späteren Grenzöffnungen für die Beteiligten noch den Charakter eines Tabubruchs. Die "Befreiung" des Brockens im Harz beispielsweise blieb auch am 3. Dezember 1989 noch brisant, weil sich auf dem Brockenplateau eine Abhöranlage der Sowjets und der Stasi befanden.[15] Die Öffnung der innerdeutschen Grenze zog sich von der Nacht des 9./10. November 1989 bis in das Frühjahr 1990. Im Februar 1990 bestanden 192 Grenzübergänge, fünf davon waren Fährverbindungen über die Elbe.[16] "Reisefreiheit" wurde das Wort des Jahres 1989.

"Und plötzlich kommt und geht jeder, wie er will?" – Das Ende des Grenzregimes



So ansteckend die Feierstimmung der Grenzlandbewohner gewesen sein mag, die Offiziere der DDR-Grenztruppen teilten sie nicht. Anders als die Berliner SED-Führung sahen sich die Grenzer direkt mit den unzufriedenen DDR-Bürgern konfrontiert, die friedlich aber bestimmt die Öffnung der Grenze einforderten. Die Grenzer standen umgehend unter einem Rechtfertigungsdruck, der die SED-Spitze erst zeitversetzt erreichte. In den wenigen vorliegenden Erinnerungen von Grenzern an den 9. November 1989 spiegeln sich die Gemütszustände jener Offiziere, die sich mit Überzeugung der Sicherung der "Staatsgrenze West" verschrieben hatten.[17] Ein Tag, der noch ganz normal begonnen hatte, endete in Aufruhr. Schabowskis Pressekonferenz läutete auch entlang der innerdeutschen Grenze das Ende des Grenzregimes ein. "Das Chaos nimmt seinen Lauf," notierte Oberstleutnant Harald Hentschel aus Bad Salzungen an jenem Tag in seinem Tagebuch. "Das ist das Ende des Sozialismus, meiner militärischen Laufbahn – meine Welt bricht zusammen. Alles, wofür ich gedient habe – es ist vorbei!"[18]

Viele Grenzer sahen sich angesichts der direkten Herausforderung durch die Bürger im Grenzland von ihren Vorgesetzten verraten und verkauft. Von oben drangen keine Handlungsanweisungen für die plötzliche Ausnahmesituation durch. "Die Führung war total kopflos," erinnert sich der Grenzaufklärer Mario Gaudig aus Böckwitz, "auf einmal gab es keine direkten Befehle mehr."[19] Entsprechend standen die Wachposten "den ersten, die über die Grenze wollten, hilflos und uninformiert gegenüber."[20] An der Grenze, wo es für die Angehörigen der Grenztruppen nur den einen einzigen, systemerhaltenden Auftrag gegeben hatte; wo jahrzehntelang der Schutzstreifen mit wenigen Ausnahmen nur von Grenztruppen betreten werden durfte, dort "kommt und geht [plötzlich] jeder, wie er will? Als Grenzer stand man da wie der allerletzte Nachtwächter!"[21] Oberstleutnant Hentschel reagierte mit wachsender "Verbitterung" auf die Ereignisse und beklagte sich über den "Haß", der ihm von Seiten der ostdeutschen Grenzlandbewohner entgegenschlage. Dass Hentschel weder die weit verbreitete Aversionen gegen das Grenzregime noch die Freude über die Grenzöffnung nachvollziehen konnte, zeigt sich in seiner Beschreibung der Grenzöffnung Theobaldshof/Andenhausen in der Rhön. Die Bewohner sah er im Moment des Grenzübertritts "wie Vieh, das zur Tränke rast!!!", den Superintendenten, der sich bei ihm bedankte, als "verlogen."[22] Als sich von Gemeinde zu Gemeinde ein Übergang nach dem anderen auftat, rutschten die Grenztruppen selbst in einen unkoordinierten Auflösungsprozess.[23] "Das war," beschrieb einer der Grenzsoldaten, "wie wenn Sie mit 230 Sachen ein Auto fahren und lassen plötzlich das Lenkrad los. Genau so. Der Prozess war völlig ungesteuert."[24] Der ehemalige Kompaniechef in Böckwitz, Hans Habermann, fand im August 1990 noch nicht einmal mehr jemanden in der Kleiderkammer vor, der ihm die Uniform abgenommen hätte. "Da fühlt man sich schon ziemlich mies, wenn das nach einem Vierteljahrhundert so unrühmlich zu Ende geht. […] Ohne Anstand und Würde."[25]

Den Angehörigen des Bundesgrenzschutzes (BGS) und des Zollgrenzdienstes (ZGD) fiel es offensichtlich leichter, die Freude der Grenzlandbewohner zu teilen. Trotzdem warf der Mauerfall auch für sie Fragen über die berufliche Zukunft auf. Dem BGS standen aufgrund des Schengener Abkommens von 1985 ohnehin strukturelle Veränderungen ins Haus, die durch den Wegfall der innerdeutschen Grenze erst recht auf die Tagesordnung rückten.[26] Anders als ihre ostdeutschen Gegenüber mussten zwar weder Mitarbeiter des BGS noch des ZGD um ihren Arbeitsplatz fürchten, Versetzungen an neue Dienstorte standen freilich zu erwarten. Auch westlichen Grenzern war im November 1989 bewusst, dass ihre Routine ausgedient hatte.[27] In den verfügbaren Erinnerungen von westdeutschen Grenzern stehen aber nicht Reflexionen über die Zukunft, sondern Begegnungen mit den ostdeutschen Grenzsoldaten im Vordergrund: Kooperation bei der Öffnung neuer Grenzübergänge, Fachsimpeln über den gemeinsamen Grenzabschnitt, Neugierde über Einrichtungen und Ausrüstung des "Gegners", Fußballspiele von Grenzern Ost gegen Grenzer West sowie private Einladungen. Ein beliebtes Gastgeschenk bei solchen Anlässen waren offenbar jene Fotos, die die Grenzaufklärer regelmäßig von den westdeutschen Grenzbeamten geschossen hatten.[28]

Noch aber ging der Grenzdienst weiter, wenngleich sich die Aufgaben radikal verändert hatten. Für die plötzliche Reisefreiheit mussten neue Grenzübergänge sicher angelegt, der Verkehr geleitet, unzählige Anfragen beantwortet werden. Wie gehabt rapportierte der BGS auch weiterhin über die Grenzsicherung der DDR, wobei den Beamten klar war, dass sie über ein System in Auflösung berichteten.[29] Ein letztes Mal hefteten die Grenzschützer des Grenzschutzkommandos Nord im Mai 1990 dienstbeflissen auch noch einen Vermerk zu einer kuriosen "Flucht" über die innerdeutsche Grenze ab. Zwei jungen Männern "gelang … die Flucht durch die Elbe in die Bundesrepublik Deutschland. Sperranlagen," so hieß es weiter, "sind im Bereich der Fluchtstelle nicht mehr vorhanden."[30] Die Personenkontrolle an der innerdeutschen Grenze, die sich seit der Grenzöffnung oft nur aufs Durchwinken beschränkt hatte, wurde am 1. Juni 1990 offiziell eingestellt. Einen Monat später gaben beide Seiten auch den Streifendienst auf.

Nach der Party: Die "D-Mark-ation"



Ein ausgedienter Wachtum trägt die Aufschrift: "MÜPIK Grenz-Snak"Ein ausgedienter Wachturm am ehemaligen Grenzübergang Duderstedt wird im September 1990 für Werbezwecke genutzt. (© Bundesarchiv, Bild 183-1990-0919-307, Foto: Ralf Hirschberger)
Bei offener Grenze traf das wirtschaftliche Ungleichgewicht zwischen der Bundesrepublik und der DDR hart aufeinander und brachte Zustände und Verhaltensweisen hervor, die das Grenzland schon in den späten 1940er und 1950er Jahren bestimmt hatten. Bevor der militärische Ausbau der Demarkationslinie im Mai 1952 seinen Anfang nahm, hatte sich die Grenze bereits als eine wirtschaftliche Binnengrenze entpuppt und Ost und West scharf voneinander geschieden. Schwarzmarktaktivitäten waren charakteristisch für die Trümmergesellschaft der Nachkriegsjahre, florierten aber besonders prächtig in der Viersektorenstadt Berlin und entlang der Demarkationslinie. Das wirtschaftliche Gefälle zwischen Ost und West verschärfte sich mit der Währungsreform vom Juni 1948. Gelegenheitsschmuggel weitete sich zu professionellen Schiebereien aus. Der Währungsdualismus beförderte auch das sogenannte "Grenzgängertum", das von beiden Seiten heftig bekämpft wurde. Ostdeutsche pendelten in die westlichen Grenzkreise, um dort D-Mark zu verdienen, lebten aber weiterhin östlich der Demarkationslinie und profitierten von den günstigeren Lebenshaltungskosten. Bewohner im westlichen Grenzland hingegen machten sich die niedrigeren Preise auf der östlichen Seite zunutze und kauften dort Waren und Dienstleistungen ein. Noch vor der Grenzschließung von 1952 sorgte die materielle Disparität für stereotype Wahrnehmungen vom "reichen Westen" und "armen Osten". Auch ohne elaborierte Grenzanlagen funktionierte die Grenze also bereits als "D-Mark-ationslinie".[31]

In den Tagen nach der überraschenden Grenzöffnung machte sich das alte ökonomische Gefälle umgehend am Begrüßungsgeld fest. Dieses Handgeld, eingeführt 1970 in Höhe von 30 DM, sollte DDR-Bürgern auf Westreisen aushelfen, denen ihre eigene Regierung nur geringe Geldumtauschbeträge genehmigte. 1988 wurde die Auszahlung auf 100 DM erhöht, nachdem Honecker den 1:1 Umtausch auf 15 Mark reduziert hatte und die DDR-Rentner, für die eine vereinfachte Besuchsregelung galt, damit quasi mittellos auf Westreisen schickte. Am 31. Dezember 1989 stellte die Bundesregierung die Zahlung des Begrüßungsgeldes ein, nachdem westdeutsche Stellen seit dem 10. November gut zwei Milliarden DM ausgegeben hatten.[32]

Das Begrüßungsgeld trug maßgeblich zum Kollaps der Infrastruktur im westdeutschen Grenzraum bei. In Braunschweig standen am 10. November 2.000 DDR-Bürger vor der Stadtverwaltung Schlange. In Duderstadt, wo am gleichen Tag schon eine halbe Million DM ausgezahlt worden war, ging an jenem Abend das Geld aus. Auch in Lübeck waren die Geldvorräte bald erschöpft. Die Stadt lieh sich daraufhin Geld bei einer Bank. Als auch der Bank das Geld ausging, sprang eine große Kaufhauskette ein. Von da an lief das Geld im Kreis: vom Kaufhaus in die Auszahlungsstellen, von dort in die Hände der DDR-Besucher und in großen Teilen zurück ins Kaufhaus.[33] Der Aktienmarkt spekulierte sofort auf die Explosion der aufgestauten Konsumwünsche der Ostdeutschen: die Kurse der etablierten Kaufhausketten legten deutlich zu.[34] Aber nicht jeder Besucher aus der DDR verfiel in einen Kaufrausch, wie es die westdeutsche Presse in den Tagen nach der Grenzöffnung gern hervorkehrte. In Hamburg stellten die Einzelhändler schnell fest, dass die DDR-Bürger sich gerne im Kaufhaus umschauten, den dort angebotenen Umtauschkurs von 1:9 oder 1:10 aber nicht sofort akzeptierten. Das Begrüßungsgeld allein reichte ohnehin nicht für teure Konsumgüter wie begehrte Elektrogeräte, sondern wurde in der Regel in kleineren Beträgen in Lebensmittel umgesetzt.[35] Am 12. November 1989, einem Sonntag, als der Einzelhandel in vielen grenznahen Städten öffnete, blieben die Geschäfte in Hamburg deshalb geschlossen.[36]

Währungsdualismus



Das Begrüßungsgeld stand symbolisch für die wieder greifbaren Probleme des Währungsdualismus. Das Währungsgefälle machte Geld-Spekulationen in kleinem Rahmen attraktiv. "Umrubeln" hieß der Vorgang im Wende-Jargon, den sogar Helmut Kohl dem amerikanischen Präsidenten George Bush erklärte: "Wenn jetzt z.B. ein Ehepaar mit drei Kindern in den Westen reise, erhalte es 500 DM Begrüßungsgeld. Wenn es für 200 DM Ware bei uns kaufe und 300 DM zum Kurs von 1:20 wieder in Ost-Mark der DDR umtausche, bringe es von dieser Reise noch praktisch 6 Durchschnittsgehälter mit zurück."[37] Angesichts des Geldüberhanges der Privatsparer in der DDR schreckte aber selbst der Wechselkurs vom 1:10 nach ein paar Tagen nicht mehr. Besser als das mühsam Ersparte bei einer möglichen Währungsreform entwertet zu sehen, schien es immer noch, das Geld im Westen einfach auszugeben.[38]

Auch Schmuggel spielte an der innerdeutschen Grenze plötzlich wieder eine Rolle. Wenn DDR-Bürger die hart erarbeitete Ost-Mark nur unter hohen Verlusten in West-Mark konvertieren konnten, lag es nahe, Sachwerte in der Bundesrepublik zu verkaufen. Antiquitäten, Briefmarken, Münzen, Meissner Porzellan, Jenaer Glas, optische Geräte von Zeiss-Jena, in der DDR subventionierte Lebensmittel und Textilien wanderten über die Grenze in die Bundesrepublik oder nach West-Berlin.[39] Nicht nur Konsumgüter konnten versilbert werden: das Bonner Umweltministerium zeigte sich besorgt über die Ausfuhr geschützter Tiere. Über Vogelbörsen und Zoohändler, in Kleinanzeigen und auf Flohmärkten lief ein schwunghafter Handel mit besonders geschützten Tieren – lebend oder ausgestopft. Heimische Greifvögel, aber auch exotische Vögel wurden entweder eingefangen oder auch in Zoos gestohlen, um auf dem Schwarzmarkt gegen Westgeld verhökert zu werden.[40] Schließlich kehrte ein weiteres Phänomen der 1950er Jahre an die Grenze zurück: das Grenzgängertum. Wer keine Ost-Mark zu tauschen oder keine Sachwerte zu versetzen hatte, konnte immer noch versuchen, im Westen durch Schwarzarbeit ein paar Mark zu verdienen.[41]

Die Gewinner des Währungsgefälles waren die Westdeutschen. Mit der Aufhebung der Sperrzone am 13. November 1989 und dem Wegfall von Visumspflicht und Mindestumtausch am 1. Januar 1990 wurde das östliche Grenzland für Konsum-Ausflüge attraktiv. Hier ließ sich günstig einkaufen, nicht nur aufgrund der Kaufkraft der West-Mark gegenüber der Ost-Mark, sondern auch, weil diverse Waren und Dienstleistungen in der DDR hoch subventioniert waren. Der DDR-Ministerrat stellte fest, dass Westdeutsche "in grenznahen Orten […] als ständige Kunden für den wöchentlichen Familienbedarf auf[traten], wobei vor allem Brot, Brötchen, Teigwaren, Zucker, Mehl, Karpfen, Forellen und andere Nahrungsmittel gekauft werden."[42] Als es im Frühjahr 1990 in einem Sonneberger Supermarkt zum ersten Mal Bananen zu kaufen gab, fand der Abteilungsleiter zu seinem Erstaunen Bundesbürger in der Warteschlange vor.[43] Der Dezember war noch keinen Tag alt, da schätzte das DDR-Handelsministerium den Wert der von Touristen "abgekauften Waren" bereits auf über zwei Milliarden Mark, eingedenk der Subventionen gar auf drei bis vier Milliarden.[44] Die Bedingungen für diesen "Abkauf" waren für Westdeutsche in der Tat günstig: Wem der offizielle Wechselkurs von 1:3 für die subventionierten Preise in der DDR nicht ausreichte, schmuggelte noch Ost-Mark für den Einkauf dazu. An der Minol-Tankstelle am Ortsausgang von Sonneberg machte schwarz getauschte Ost-Mark das Tanken zu einem Pfennig-Vergnügen. Nicht nur der Tank, auch Ersatzkanister wurden gefüllt; ein Kunde brachte gar ein 200-Liter-Fass für Diesel mit. "Sonneberg," so schien es den Anwohnern, "das ist für sie ein einziger großer Wühltisch."[45]

Der Währungsdualismus wirkte sich nachhaltig auf die Beziehungen zwischen Ost- und Westdeutschen in der Wendezeit aus und schlug bei aller Euphorie über die Grenzöffnung auch tiefe Wunden. Vor allem das Auftreten etlicher Westdeutscher blieb den östlichen Grenzland-Bewohnern in unguter Erinnerung. Zu den Schnäppchenjägern gesellten sich Immobilienspekulanten, gefolgt von kaufkräftigen Touristen, die sich aufführten wie "Hänschen Prahlhans".[46] Umgekehrt häuften sich in der westdeutschen Presse bald die Klagen über "Mehrfachabholer" des Begrüßungsgeldes, die beim ersten Mal den Personalausweis, beim zweiten Mal den Pass vorlegten oder sich mal mit, mal ohne Kinder anstellten.[47] Auch einen Anstieg der Ladendiebstähle meinten westdeutsche Kaufhäuser und Einzelhändler zu verzeichnen, obwohl der Anteil der Diebstähle gemessen am Besucheraufkommen von rund zehn Millionen DDR-Bürgern bis Mitte Dezember erstaunlich gering ausfiel.[48] Angesichts der 119.000 Übersiedler, die schon vor dem Mauerfall über Ungarn und die Tschechoslowakei in die Bundesrepublik gekommen waren und seit dem 9. November von weiteren 225.000 verstärkt wurden, ließen Westdeutsche ihre Besucher auch immer öfter wissen, dass sie herzlich willkommen seien, sofern sie auch wieder abreisten.[49]

"Ossi go home" – noch im November 1989 berichtete Der Spiegel über "Gewalt gegen Besucher aus der Nachbarrepublik" und die "altbekannte Arroganz [der Westdeutschen] gegenüber den armen Verwandten von drüben."[50] Noch einmal war es das Begrüßungsgeld, das den Stimmungsumschwung einfing. DDR-Bürger empfanden die gutgemeinten 100 DM "mehr und mehr als Demütigung, als Almosen, sie fühlen sich nicht wohl dabei."[51] Die Party war vorbei.

Ende im Gelände – Der Abbau der Sperranlagen



Die Bewohner eines Dorfes stehen zu beiden Seiten eines Baches. Im Vordergrund steht ein Schild mit der Aufschrift: "Border US-Zone - Grenze amerikanischer Sektor"Der Bach bildet die Zonengrenze zwischen Thüringen und Bayern, die mitten durch das Dorf Mödlareuth verläuft, Juli 1949. (© Bundesarchiv, Bild 183-N0415-363, Foto: Otto Donath)
Wie in Berlin konnte es vielen Grenzlandbewohnern zunächst aber gar nicht schnell genug gehen, die Sperranlagen verschwinden zu sehen. Zeitgleich mit dem Abriss von Grenzanlagen für die neuen Übergänge setzte der "private Abbau" ein. Ähnlich den "Mauerspechten" in Berlin waren auch im Grenzland Souvenirjäger unterwegs, die Schilder, Hoheitszeichen, Stacheldraht und Stücke des Metallgitterzaunes mitnahmen. Teilweise schlug die Souvenirjagd auch in Vandalismus um.[52] Was im Frühjahr 1990 nach der Einrichtung der neuen Grenzübergänge noch stand, wurde von den verbleibenden Grenztruppen abgebaut; etliche DDR-Grenzer hatten den Dienst aber schon längst quittiert. Als besonders kostspielig erwies sich die Suche nach Minen im Grenzstreifen. Zwischen 1961 und 1985, hatten die Grenztruppen der DDR 1,3 Millionen Minen verlegt. Die meisten Minenfelder wurden noch Mitte der 1980er Jahre wieder geräumt, allerdings belegten die vorhandenen Kataster eine Diskrepanz zwischen verlegten und geräumten Minen – fast 34.000 Minen wurden nie gefunden. Das Bundesverteidigungsministerium gab deshalb für mindestens 83 Millionen DM die Minennachsuche in Auftrag.[53] Bis Mitte der 1990er Jahre war der Abbau der Sperranlagen abgeschlossen, auch die Minennachsuche galt als beendet.[54] Im Frühjahr 2012 machte das Thema allerdings noch einmal Schlagzeilen, als das Land Thüringen abermals auf die Minengefahr im ehemaligen Grenzstreifen hinwies.[55]

Wachturm und Stacheldraht.Heute ist der ehemalige Grenzübergang in Mödlareuth ein Freilichtmuseum. (© Public Domain)
Nur wenige Grenzgemeinden besaßen Anfang der 1990er Jahre die Weitsicht, einen Teil der Grenzanlagen quasi als Freilichtmuseum zur Geschichte der deutschen Teilung zu erhalten.[56] Ein bekanntes Beispiel sind die Sperranlagen im ehemals geteilten Dorf Mödlareuth. In "Klein Berlin", wie das bayerisch-thüringische Dorf wegen seiner Grenzmauer genannt wurde, formierte sich noch 1990 ein deutsch-deutscher Museumsverein. Gut 200 Meter Grenzmauer und einen Beobachtungsturm konnten die Mitglieder bewahren. Besonders die zuvor abgeschirmten Thüringer Bewohner des geteilten Dorfes sahen in dem plötzlichen Besucherrummel anfangs jedoch keinen Gewinn an Lebensqualität. Mittlerweile hat sich das Dorf mit seiner Rolle als Freiluftmuseum arrangiert, obwohl auf jeden der knapp 60 Mödlareuther tausend Touristen pro Jahr kommen.[57] In Mödlareuth setzt sich damit ein Trend fort: Der westliche Teil des Dorfes war bereits vor November 1989 eine Attraktion für Grenztouristen gewesen. Diese Popularität blieb ungebrochen, nur ist das Dorf eben nicht länger Brennpunkt, sondern Museum des Kalten Krieges.[58]

Längst ist die ehemalige innerdeutsche Grenze musealisiert und fest im Kalender der Jubiläen zum Mauerfall und Vereinigung von 1989/90 etabliert. Eine Reihe von Grenzmuseen säumt die ehemalige Grenze, gut 100 Gedenktafeln erinnern sowohl an die Teilung, aber eben auch an die Grenzöffnung am jeweiligen Ort.[59] Einzelne Gemeinden feiern nach wie vor den Tag "ihrer" Grenzöffnung mit Blasmusik und Glühwein, die runden Geburtstage allemal. In der Erinnerung stehen in der Regel nicht die Missverständnisse und Demütigungen im Vordergrund, sondern die "grenzenlose Freude mitten in Deutschland."[60]

Zitierweise: Astrid M. Eckert, Der andere Mauerfall. Die Öffnung der innerdeutschen Grenze 1989, in: Deutschland Archiv Online, 26.04.2013, Link: http://www.bpb.de/158899


Fußnoten

1.
Hans-Hermann Hertle, Der Fall der Mauer. Die unbeabsichtigte Selbstauflösung des SED-Staates, Opladen, 2. Aufl. 1999; Hans-Hermann Hertle, Kathrin Elsner, Mein 9. November. Der Tag an dem die Mauer fiel, Berlin 1999; Manfred Wilke, Der 9. November: Fall der Berliner Mauer, in: Klaus-Dietmar Henke (Hg.), Revolution und Vereinigung 1989/90. Als in Deutschland die Realität die Phantasie überholte, München 2009, S. 224-237.
2.
Zitat in: Die Grenzübergangsstelle Marienborn: Bollwerk, Nadelöhr, Seismograph, Marienborn, o. J. [Katalog zur Dauerausstellung], S. 61. Vgl. auch Jens Bauszus, "Schabowski hat gesagt, wir dürfen," »Focus online«, 09.11.2009, (April 2013);
Christine Berger, Museum für Passkontrolle, in: »tageszeitung (taz)«, 26.7.2003, (April 2013)
3.
Theo Sommer, "Oh Freiheit! Kehrest Du zurück?", »Die Zeit«, Nr. 47, 17.11.1989, (April 2013)
4.
Hertle, Der Fall der Mauer (Anm. 1), S. 171.
5.
Einmal Westluft schnuppern, in: Hamburger Abendblatt, 10.11.1989, S. 2.
6.
Karen Meyer-Rebentisch, Grenzerfahrungen. Dokumentation zum Leben mit der innerdeutschen Grenze bei Lübeck von 1945 bis heute, Lübeck 2009, S. 103-110, Zitate S. 105 und 109.
7.
Ebd.
8.
Aral mit Trabi-Gemisch; Alsterhaus nimmt Ost-Mark; Das müssen Sie wissen; Frühstücken und Bananen kaufen, alle in: Hamburger Abendblatt, 11./12.11.1989, S. 4, S. 6; "Die Katastrophe ist da," in: »Der Spiegel«, Nr. 46, 13.11.1989, S.131f,
Die Situation in West-Berlin in: Stefanie Eisenhuth, 9. November 1989: Achtung! Sie verlassen jetzt West-Berlin, in: Jens Schöne (Hg.), Revolution. Die DDR im Jahre 1989, Berlin 2010, S. 56-58, 60-63. »http://www.berlin.de/imperia/md/content/lstu/schriftenreihe/bd29_2011.pdf?«download.html
9.
Oskar Herbig, Bürgermeister Mellrichstadt, an Bay. Staatskanzlei (StK), 1.12.1989, BayHStA StK 19461. Dort auch Marginalie "Grenzlandförderung".
10.
Edith Sheffer, Burned Bridge. How East and West Germans made the Iron Curtain, New York 2011, S. 240. Dieser Übergang war 1952 geschlossen worden.
11.
Lars Stöhr, "Plötzlich gab es einen grossen Knall," »NDR.de«: 20 Jahre Mauerfall, (März 2013);
Zitat in Wolfgang Röhl, "Ein Bericht und Bilddokumente von der Grenzöffnung Eckertal - Stapelburg/DDR am 11. November 1989," »http://www.wolfgangroehl.de/Grenzoeffnung-Eckertal/Grenzoeffnung-Eckertal.htm« (März. 2013).
12.
Ausführliche Dokumentation der Grenzöffnungen im Bezirk Suhl/Bayern-Hessen in Reinhold Albert und Hans-Jürgen Salier, Grenzerfahrungen Kompakt. Das Grenzregime zwischen Südthüringen und Bayern/Hessen von 1945 bis 1990, Hildburgshausen 2009, S. 593-698. Darstellungen zur Grenzöffnung finden sich verstreut in lokalen und regionalen Publikationen und sind z. T. längst vergriffen. Vgl. z. B. Axel Kahrs, Christine Beyer (Hg.), "… mitten in Deutschland." Die Grenzöffnung 1989 im Spiegel der Elbe-Jeetzel-Zeitung, Lüchow 1992; Horst-Dieter Betz, Als die Grenze fiel. Grenzöffnung am 18.11.1989 zwischen Grasleben und Weferlingen, o. O. 2009; Herbert Ahrens (Hg.), Bad Harzburger Grenz-Report, Wernigerode 1994; Klaus Hartwig Stoll, Das war die Grenze. Erlebte Geschichte an der Zonengrenze im Fuldaer, Geisaer und Hünefelder Land von 1945 bis zur Grenzöffnung, Fulda 1997, S. 193-202; Achim Walther, Die eisige Naht. Die innerdeutsche Grenze bei Hötensleben, Offleben und Schöningen, Halle/S. 2011, S. 420-440.
13.
Jason Johnson, Dividing Mödlareuth: The Incorporation of Half a German Village into the GDR Regime, 1945-1989, Ph.D. dissertation, Northwestern University 2011, S. 289.
14.
Heinrich Thies, Weit ist der Weg nach Zicherie. Die Geschichte eines geteilten Dorfes an der deutsch-deutschen Grenze, Bergisch-Gladbach 2007, S. 209. Ähnlich äußerte sich der DDR-Bürgerrechtler Rainer Eppelmann in: Hertle/Elsner, Mein 9. November (Anm. 1), S. 211: "Auf den Gesichtern [an der Bornholmer Straße] konnte man alles zugleich ablesen: Freude, Zweifel, Jubel, Fassungslosigkeit, totale Verunsicherung und Glück. Ich weiss nicht, ob ich jemals wieder eine Situation erleben werde, in der solche gegensätzlichen Gefühle in wenigen Sekunden, in wenigen Minuten im Gesicht jedes einzelnen Menschen zu erkennen sind."
15.
Hendrik Bindewald, Brocken. Der Kalte Krieg im Äther, die grossen Ohren im Harz, in: Detlef Schmiechen-Ackermann, Carl-Hans Hauptmeyer, Thomas Schwark (Hg.), Grenzziehungen, Grenzerfahrungen, Grenzüberschreitungen. Die innerdeutsche Grenze 1945-1990, Darmstadt 2011, S. 122-126; Viktoria Urmersbach, "Eine ganz besondere Erstbesteigung," »NDR.de«: 20 Jahre Mauerfall, (März 2013).
16.
Zahl im Tätigkeitsbericht des BGS 1989, in: Zeitschrift des BGS, 17:4 (April 1990), S. 9. Eine Liste der Grenzöffnungen im Bezirk Suhl/Bayern-Hessen in: Albert/Salier, Grenzerfahrungen Kompakt (Anm. 12), S. 417-420. Eine Liste der Grenzübergänge im Juni 1990 in: Ingolf Hermann, Karsten Sroka (Hg.), Deutsch-deutsches Grenzlexikon. Der Eiserne Vorhang und die Mauer in Stichworten, Zella-Mehlis 2005, S. 63-64.
17.
Die Erinnerung von ehemaligen Mitgliedern der DDR-Grenztruppen ist bisher nicht wissenschaftlich aufgearbeitet worden. Die Lücke füllen derweil Online-Foren, die endlosen Platz für Reminiszenzen bieten. Dazu Anne-Dore Krohn, "Forum DDR-Grenze": Genosse Weichmolch und wie der die Welt sieht, »Frankfurter Allgemeine Zeitung«, 12.8.2011,
18.
Harald Hentschel, Von der Wende bis zum Ende, – Tagebuchauszug, in: Gerhard Schätzlein, Reinhold Albert, Hans-Jürgen Salier, Grenzerfahrungen. Bezirk Suhl – Bayern/Hessen. Zur Zeit der Wende, Hildburgshausen 2005, S. 546. Ähnlich der Oberstleutnant Wolfgang W. vom Grenzkommando Mitte, also Berlin, in: Hertle/Elsner, Mein 9. November (Anm. 1), S. 196. Für ihn brach angesichts der offenen Mauer "eine Welt zusammen." Als Grenzer definierte er sich über die Aufgabe, die "Zuverlässigkeit der Staatsgrenze wie [m]einen Augapfel" zu hüten. "Das war eben das Arbeitsprodukt – und jede Niederlage an der Staatsgrenze [wurde] auch als persönliche Niederlage" empfunden.
19.
Thies, Zicherie, (Anm. 14), S. 205. Dazu auch das Interview mit Oberstlt. Harald Jäger von der Passkontrolle an der Bornholmer Straße, in: Hertle, Der Fall der Mauer (Anm. 1), S. 380-389.
20.
Major Christof Baldrich, GrenzKomm Hildburgshausen, in: Schätzlein/Albert/Salier, Grenzerfahrungen (Anm. 18), S. 559.
21.
Hentschel, Wende bis Ende (Anm. 18), S. 552.
22.
Hentschel, Wende bis Ende (Anm. 18), S. 550.
23.
Hentschel, Wende bis Ende (Anm. 18), S. 553-560, beschreibt die Häufung von Entlassungsgesuchen, Fahnenflucht, und den allgemeinen Verfall von Stimmung und Disziplin. Die plötzliche Sinnlosigkeit des Grenzdienstes ritzte ein Grenzer als Graffiti in die Wand des Beobachtungsturms von Hötensleben: "Die Grenze ist jetzt offen // Das Wunder ist geschehen // Sie gehen alle Rüber und // lassen uns hier Stehen." Zitat in: Walther, Eisige Naht (Anm. 12), S. 438.
24.
Thies, Zicherie (Anm. 14), S. 235.
25.
Thies, Zicherie (Anm. 14), S. 231f.
26.
Die Reorganisierung des Bundesgrenzschutzes als Bundespolizei befand sich bereits in der Diskussion. Siehe Luftleerer Raum. Im Europa der offenen Grenzen werden Grenzschützer kaum mehr gebraucht. Sie suchen neuen Aufgaben, in: »Der Spiegel«, Nr. 26, 26.6.1989, S. 33, 35
27.
Siehe den leicht wehmütigen Rückblick auf den Grenzdienst von Manfred Krellenberg, Auf Grenzstreife zwischen Lübeck und Herrnburg/DDR, »http://www.grenze-luebeck.de/13707.html« (März 2013).
28.
Peter Matera, ehem. BGS Lübeck, in: Meyer-Rebentisch, Grenzerfahrungen (Anm. 6), S. 116.
29.
Veränderte Lage an der Grenze zur DDR, in: Zeitschrift des BGS 17:2 (Feb. 1990), 5f. Im April 1990 erinnerte ein BGS-Beamter daran, "daß beide Institutionen noch ihren Grenzdienst durchführen [und] einem unterschiedlich gearteten Grenzüberwachungsdienst nachkommen." Ebd., 17:4 (April 1990), S. 23.
30.
Grenzschutzkommando (GSK) Nord, Meldung von Flüchtlingen, Telex vom 9.5.1990, HStA Han Nds. 1050 Acc. 108/92 Nr. 296.
31.
Sheffer, Burned Bridge (Anm. 10), S. 50-70, zum Grenzgängertum ebd. S. 61-65; Fallstudie Grenzschieber in Sagi Schaefer, Ironing the Curtain: Border and Boundary Formation in Cold War Rural Germany, PhD. Diss. Columbia University, 2011, S. 67-72; Begriff "DMarkation" ebd.; Ernst Schubert, Von der Interzonengrenze zur Zonengrenze. Die Erfahrung der entstehenden Teilung Deutschlands im Raum Duderstadt 1945-1949, in: Bernd Weisbrod (Hg.), Grenzland. Beiträge zur Geschichte der innerdeutschen Grenze, Hannover 1993, S. 70-87. Zur Berliner Situation vgl. Paul Steege, Black Market, Cold War. Everyday Life in Berlin, 1946-1949, New York 2007; Frank Roggenbuch, Das Berliner Grenzgängerproblem. Verflechtung und Systemkonkurrenz vor dem Mauerbau, Berlin 2008.
32.
Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl bezifferte Anfang Dezember 1989 das ausgezahlte Begrüßungsgeld seit Grenzöffnung auf 1,8 Mrd. DM. Vgl. Dokumente zur Deutschlandpolitik (DzD) Nr. 109. Deutsche Einheit. Sonderedition aus den Akten des Bundeskanzleramtes 1989/90, bearb. Hanns Jürgen Küsters, Daniel Hoffmann, München 1998, S. 601f. Erhöhung Begrüßungsgeld 1988 in: Karl-Rudolf Korte, Deutschlandpolitik in Helmut Kohls Kanzlerschaft. Regierungsstil und Entscheidungen 1982-1989, Stuttgart 1998, S. 344. Ab 1. Januar 1990 stand ein Devisenfonds zur Verfügung, der einen günstigen Wechselkurs subventionierte. DDR-Bürger konnten in diesem Rahmen pro Jahr maximal 600,- Mark Ost in 200,- DM eintauschen. Dazu Dieter Grosser, Das Wagnis der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion. Politische Zwänge im Konflikt mit ökonomischen Regeln, Stuttgart, 1998, S. 140. Der Devisenfond wurde mit der Währungsunion hinfällig.
33.
Zu Braunschweig und Duderstadt vgl. "Die Katastrophe ist da," in: Der Spiegel Nr. 46, 13. 11. 1989, S. 131; zu Lübeck Meyer-Rebentisch, Grenzerfahrungen (Anm. 6), S. 108.
34.
Nikolaus Piper, Von der Mark geschockt, in: »Die Zeit«, Nr. 47, 17.11.1989, (April 2013)
35.
Annette Kaminsky, Konsumwünsche und Konsumverhalten der DDR-Bevölkerung in den achtziger Jahren im Spiegel der Studien des Instituts für Marktforschung der DDR, in: Günther Heydemann, Gunter Mai, Werner Müller (Hg.), Revolution und Transformation in der DDR 1989/90, Berlin 1999, S. 106.
36.
Kommentar "ds", in: Hamburger Abendblatt, 13.11.1989, S. 8.
37.
Zitat in: DzD Nr. 109 (Anm. 32), S. 601f.
38.
Michael Sontheimer, Schmuggler, Schieber, Spekulanten, in: »Die Zeit«, Nr. 49, 1.12.1989, (April 2013)
39.
Sontheimer, Schmuggler (Anm. 38); Stasi an den Schlagbaum. Interview mit Henry Otto, Stellvertretender Leiter der Zollfahndung der DDR, in: Die Zeit Nr. 49, 1.12.1989; Ost-mark zum Willkür-Kurs, Der Spiegel Nr. 48, 27.11.1989.
40.
Bundesumweltministerium, Abt. N3 an oberste Naturschutzbehörden der Länder, 27.03.1990, Betr. Illegale Einfuhren von geschützten Tieren und Pflanzen aus der DDR, BArch B295 Nr. 20719.
41.
Piper, Von der Mark geschockt (Anm. 34); Sontheimer, Schmuggler (Anm. 38). Zur Situation der fünfziger Jahre vgl. Anm. 31.
42.
Zitat in André Steiner, Die DDR-Volkswirtschaft am Ende, in: Henke, Revolution (Anm. 1), S. 124.
43.
Roland Kirbach, Sonneberg: Die tägliche Demütigung, in: Neue Presse (Coburg), 10.3.1990; auch in: Die Zeit Nr. 11, 9.3.1990, (April 2013)
44.
Sontheimer, Schmuggler (Anm. 38).
45.
Kirbach, Sonneberg (Anm. 43); zu Sonneberg auch Sheffer, Burned Bridge (Anm. 10), S. 243-247.
46.
Hänschen Prahlhans. Die Westdeutschen … steuern als neues Urlaubsziel die DDR an, in: Der Spiegel Nr. 51, 18. Dez. 1990, S. 101-102. Zu Immobilien vgl. Grundstücke: Glücksspiel im Osten, in: Der Spiegel Nr. 48, 27.11.1989, S. 133; Schwarzhandel: Leben wie ein Direktor, Der Spiegel Nr. 49, 4.12.1989.
47.
"Mit hungrigem Blick." Die Tricks von Besuchern und Besuchten, in: Der Spiegel Nr. 47, 20.11.1989, S. 31; Sontheimer, Schmuggler (Anm. 38); Meyer-Rebentisch, Grenzerfahrungen (Anm. 6), S. 108.
48.
Der "Anteil der Ladendiebe gemessen an den rund 10 Millionen Besuchern aus der DDR" falle "kaum ins Gewicht." Ende der Schonzeit, in: Der Spiegel Nr. 50, 11.12.1989, Zitat S. 60; ähnlich Sheffer, Burned Bridge (Anm. 10), S. 243: bei 120.000 Wochenendbesuchern in Coburg wurden 16 Fälle von Ladendiebstahl gemeldet.
49.
Wer zurückfährt, ist willkommen, in: Der Spiegel Nr. 47, 20.11.1989, S. 16f. Zur Flüchtlingskrise von 1989 vgl. Andreas Rödder, Deutschland einig Vaterland. Die Geschichte der Wiedervereinigung, München 2009, S. 71-83, 188-190, Zahlen S. 189.
50.
Ossi go home, in: Der Spiegel Nr. 48, 27.11.1989, S. 69.
51.
Oskar Herbig, Bürgermeister Mellrichstadt, an Bay. Staatskanzlei (StK), 1.12.1989, BayHStA StK 19461.
52.
Souvenirjäger DDR-Grenze: Wie warme Semmeln, »Der Spiegel«, Nr. 15, 9.4.1990, S. 50-51, (April 2013) Vandalismus: Hentschel, Wende bis Ende (Anm. 18), S. 574. Zum Abbau in Berlin siehe Gerhard Sälter, »Der Abbau der Berliner Mauer und noch sichtbare Reste in der Berliner Innenstadt«, Berlin 2004, S. 7-12, (April 2013)
53.
Martin Stehböck, Abbau der Grenzanlagen und Minennachsuche, in: Mitteilungen aus der Norddeutschen Naturschutzakademie 5:3 (1994), S. 24-30;Deutscher Bundestag, 13. WP, Drucksache 13/1023, 30.3.1995 darin Kosten auf S. 3, unten, (April 2013)
54.
Robert Lebegern, Zur Geschichte der Sperranlagen an der innerdeutschen Grenze 1945-1990, Erfurt 2004, S. 69.
55.
Thomas Otto, "Grünes Band voller Gefahren," DLF-Magazin auf dradio.de, 2.8.2012, (April 2013);
Saskia Döhner, "Minengefahr im Grenzstreifen," »Hannoversche Allgemeine Zeitung«, 11.5.2012,(April 2013);
Alexander Gies, An der innerdeutschen Grenze liegen noch immer Minen in der Erde, »Fuldaer Zeitung«, 3.5.2012, (April 2013)
56.
Zur Musealisierung der Grenzrelikte vgl. Maren Ullrich, Geteilte Ansichten. Erinnerungslandschaft deutsch-deutsche Grenze, Berlin 2006, S. 163-191.
57.
Johnson, Dividing Mödlareuth (Anm. 13), S. 291-293; siehe auch die Webpräsenz von "Little Berlin" unter »http://littleberlin.de/« (April 2013) hier bes. die Seiten unter "Was bleibt"; und des Deutsch-Deutschen Museums unter »http://www.museum-moedlareuth.de/« (April 2013).
58.
Zum Grenztourismus vor 1989 vgl. Astrid M. Eckert, "Greetings From the Zonal Border." Tourism to the Iron Curtain in West Germany, »Zeithistorische Forschung/Studies in Contemporary History«, 8:1 (2011), S. 9-36; Eckert, "Zaun-Gäste." Die innerdeutsche Grenze als Touristenattraktion, in: Schmiechen-Ackermann/Hauptmeyer/Schwark, Grenzziehungen (Anm. 15), S. 243-251.
59.
Die Erinnerungstafeln gehen auf die 2007 verabschiedete "Brocken-Erklärung" der Verkehrsministerkonferenz zurück, verfügbar unter »https://publikationen.sachsen.de/bdb/artikel/11642« (April 2013); Zu den Grenzmuseen vgl. Matthias Mahlke, Zukunft der Grenzmuseen. Sammlung, Präsentation, Konzepte, wissenschaftliche Forschung, Koordination. Hannover 2012, verfügbar unter »http://www.grenzprojekt.de/fileadmin/innerdeutsche_grenze/pdf/Bericht_Zukunft_der_Grenzmuseen.pdf« (April 2013); Siehe auch Ullrich, Geteilte Ansichten (Anm. 56).
60.
Wolfgang Schuller, Die deutsche Revolution 1989, Berlin 2009, S. 200.

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