Beleuchteter Reichstag

12.7.2013 | Von:
Matthias Judt

"Bananen, gute Apfelsinen, Erdnüsse u.a. sind doch keine kapitalistischen Privilegien"*

Alltäglicher Mangel am Ende der 1980er Jahre in der DDR

Versorgungsengpässe in den 1980er Jahren

Sowohl für die Versorgung mit Textilien und Bekleidung als auch für Obst und Gemüse markiert das Jahr 1980 einen Wendepunkt. Bei der ersten Produktgruppe sorgte der verstärkte Export für ein deutlich verschlechtertes Angebot im Inland (vgl. Tabellen 5 und 6), bei der zweiten die fast vollständige Ablösung von Importen (vgl. Tabellen 7 und 8).

 
Tabelle 5: Warenbereitstellung aus eigner Produktion und aus Importen bei ausgewählten Sortimenten der Textilindustrie und Entwicklung der Pro-Kopf-Ausgaben für Textilien und Bekleidung 1981 bis 1988 (in %, 1980 = 100)[16]
 
Jahr Untertrikotagen für Kinder Obertrikotagen für Erwachsene Obertrikotagen für Kinder Strumpfwaren für Erwachsene Strumpfwaren für Kinder Pro-Kopf-Ausgaben für Textilien und Bekleidung
1981 103,5 99,3 97,8 102,2 99,4 99,6
1982 98,7 70,9 81,7 96,6 97,9 96,0
1983 92,3 73,8 78,5 101,2 95,8 95,9
1984 96,0 75,5 80,7 101,1 99,6 99,8
1985 98,6 79,3 77,9 102,3 112,2 104,2
1986 106,4 86,7 78,0 104,5 117,0 111,5
1987 109,5 86,8 82,5 109,2 121,9 116,4
1988 123,3 91,8 80,8 114,7 123,2 122,7


 
Tabelle 6: Warenbereitstellung bei Schuhen aller Art und Entwicklung der Pro-Kopf-Ausgaben für Schuhe 1981 bis 1988 (in %, 1980 = 100)[17]
 
Jahr Straßenschuhe für Erwachsene Straßenschuhe für Kinder Hausschuhe Pro-Kopf-Ausgaben für Schuhe
1981 101,5 100,5 98,8 102,6
1982 102,9 100,2 85,8 103,4
1983 106,0 98,7 85,0 105,6
1984 103,6 98,3 84,4 110,7
1985 100,5 108,7 86,5 117,6
1986 102,9 127,8 93,3 129,0
1987 100,8 142,2 96,3 136,7
1988 107,8 144,3 98,5 144,3


Der Blick auf die Entwicklung der Pro-Kopf-Ausgaben belegt für wichtige Sortimente, dass nunmehr für weniger Warenmenge von der Bevölkerung mehr Einkommen eingesetzt werden musste, das heißt die Preise stiegen. 1982/83 standen wegen verstärkter Exporte während der Kreditkrise für Erwachsene etwa 30 Prozent und für Kinder etwa 20 Prozent weniger Oberbekleidung zur Verfügung als 1980.[18] Bei einigen Sortimenten verbesserte sich zwar die Versorgung nach dem Ende der Kreditkrise schnell wieder. Bei anderen wurde jedoch das Versorgungsniveau von 1980 erst 1987 oder bis 1988 überhaupt nicht mehr erreicht. Die Warenbereitstellung bei Schuhen und Oberbekleidung für Erwachsene war in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre durchweg besser als in den 1980er Jahren.[19]

Die geringeren Warenmengen in diesem Bereich führten indes nicht zu Umsatzeinbußen, weil die Preise regelmäßig und verdeckt erheblich erhöht wurden. Zwischen 1980 und 1989 stiegen in der DDR die Lebenshaltungskosten für einen 4-Personenhaushalt mit mittlerem Einkommen insgesamt um 12,3 Prozent, bei Bekleidung und Schuhen aber um 32,1 Prozent. Die Umsatzwerte je Mengeneinheit stiegen beim gesamten Warenumsatz um 14,8 Prozent, bei Schuhen und Lederwaren jedoch um 47 Prozent, bei Konfektion und Stoffen um 29,6 Prozent sowie bei Wäsche und Trikotagen um 19,6 Prozent.[20] Diese Daten machen deutlich, dass das Abschöpfen von gewachsener Kaufkraft vor allem durch Preiserhöhungen und nicht durch vergrößerte Warenbereitstellung realisiert wurde.

Höhere Preise für neu eingeführte Produkte zu verlangen, ist zwar in jeder Wirtschaftsordnung ein übliches Verfahren und kann gerade im Bereich der modeabhängigen Textilien und Schuhe besonders leicht und entsprechend häufig angewendet werden. Im Falle der DDR wurde jedoch dabei zusätzlich kaschiert, dass sich das Warenangebot insgesamt verschlechterte. Dazu wurden regelmäßig Teile der inländischen, für den Binnenhandel vorgesehenen Produktion an Textilien und Bekleidung, exportiert, um westliche Produkte einführen und zu hohen Preisen im Inland absetzen zu können. Im Ergebnis wurden größere Mengen ausgeführt als aus dem Ausland eingeführt, ohne dass dieser Produktaustausch zu einem Umsatzrückgang führen musste. Jedes Mal hatte er den gleichen Effekt: Das Sortiment an angebotenen Waren wurde qualitativ verbreitert und quantitativ verringert.

Blick durch ein Schaufenster. im Vordergrund sind Konserven aufgestapelt, im Hintergrund ist eine wartende Menschenschlange zu erkennen.Blick in einen Exquisit-Laden in Ost-Berlin, 1978. In den Exquisit- und Delikat-Läden konnten DDR-Bürger zu hohen Preisen importierte Waren aus dem Westen erstehen. (© dpa)
Maßgeblich trugen zu dieser Entwicklung die Läden des Volkseigenen Handelsbetriebes (VHB) "Exquisit" bei. In den 1980er Jahren (außer 1983 und 1988) bestanden jeweils über 40 Prozent der dort angebotenen Waren aus Importen.[21] Zwischen 1978 und 1988 verkaufte das Unternehmen für 19,7 Mrd. Mark Textil- und Bekleidungserzeugnisse. 1988 hatte es einen Anteil von 14 Prozent am Gesamtumsatz im Bereich Textil/Bekleidung/Schuhe. Besonders hoch war dieser bei Oberbekleidung (47 Prozent), Badebekleidung (29,7 Prozent), Damenoberbekleidung (28,9 Prozent) und Straßenschuhen (23,8 Prozent). Hinsichtlich der Warenmengen lagen die Anteile jedoch unter diesen Werten. Bei Oberbekleidung betrug der Exquisit-Anteil nur 25,2 Prozent, bei Damenoberbekleidung 20,1 Prozent, bei Badebekleidung 12 Prozent und bei Straßenschuhen 10,4 Prozent.[22]

Die hohen Preise in den von der Bevölkerung "Ex" genannten Läden dienten vornehmlich der Abschöpfung von Kaufkraft, die in Form der sogenannten produktgebundenen Abgaben an den Staatshaushalt abgeführt wurde (zwischen 1978 und 1988 insgesamt fast 5,9 Mrd. Mark oder knapp 30 Prozent des Umsatzes). Besonders hoch war der Anteil der Abgaben am Umsatz in den Jahren 1980 (37,2 Prozent), 1982 (35,6 Prozent) und 1983 (35,4 Prozent).[23] Das Abschöpfen von Kaufkraft im Bereich der Versorgung mit Obst und Gemüse durch überhöhte Preise beschränkte sich vor allem auf verarbeitete Produkte, die in den Läden des Zentralen Handelsunternehmens (ZHU) "delikat" – nicht von ungefähr in Bevölkerung auch als "Fress-Ex" tituliert – verkauft wurden. Bei nicht-verarbeiteter Ware konnten Preiserhöhungen wegen des in der DDR-Propaganda herausgestellten Dogmas der "stabilen Preise für Grundnahrungsmittel" nur schwer und sehr eingeschränkt durchgesetzt werden, etwa durch Einführung von neuen Größenklassen bei Obstsorten.

Überhaupt zeigt die Versorgung mit Obst und Gemüse in den 1980er Jahren auch hinsichtlich der Breite und der Menge des Sortiments einen anderen Trend als die Versorgung mit Textilien und Bekleidung. Der Pro-Kopf-Verbrauch an Obst und Gemüse und die bereitgestellten Mengen wuchsen zwar, doch die Vielfalt an regelmäßig erhältlichen Sorten verringerte sich. Bis 1988 stieg der Verbrauch an Obst und Südfrüchten auf fast 34 kg pro Kopf und Jahr (vgl. Tabelle 7). Nunmehr machten jedoch die im Inland geernteten Obstsorten deutlich das Gros des Angebots aus, während importierte Sorten erheblich an Bedeutung verloren. Letztere machten 1988 nur noch knapp ein Drittel des Pro-Kopf-Verbrauchs aus, darunter die Südfrüchte weniger als ein Viertel.[24]

                                                   
 
Tabelle 7: Pro-Kopf-Verbrauch an ausgewählten Obstsorten in der DDR 1978 bis 1988 (in kg)[25]
 
Sortiment1978198019871988
Äpfel12,19 14,0 14,9 14,32
Süßkirschen- 0,36 0,9 -
Erdbeeren0,71 0,64 1,0 0,86
Pflaumen0,93 1,6 0,9 2,46
Birnen0,9 1,2 0,8 1,5
Weintrauben1,53 0,9 0,55 0,8
Pfirsiche/Aprikosen1,02 0,74 0,2 0,28
Übriges Obst0,60 - - 1,79
Bananen6,31 - - 2,82
Apfelsinen/Mandarinen6,36 - - 5,52


Besonders stark war der Rückgang bei Pfirsichen und Aprikosen, von denen 1988 nur noch weniger als 4,7 kt in den DDR-Handel kamen, mithin nur 16 Prozent der Menge von 1970. 1987 hatte diese Menge sogar noch um 1,1 kt niedriger gelegen. Konnten DDR-Bürger 1974 pro Kopf noch 2,03 kg Pfirsiche und Aprikosen konsumieren, waren es 1988 nur noch 280 g (1987: ca. 215 g).[26] Bei Weintrauben fiel der Rückgang 1988 gegenüber 1974 zwar weniger stark aus (von 1,85 kg auf 800 g), doch hatte er in den Jahren unmittelbar vor 1988 noch niedriger gelegen. Vergleicht man die bereitgestellten Warenmengen im schlechtesten Jahr mit dem besten, so standen 1985 nur etwas mehr als 21 Prozent der Menge von 1973 zur Verfügung. 1988 erreichte sie knapp 37,5 Prozent der Liefermenge von 1973.[27] Bei Bananen ging der Verbrauch zwischen 1978 und 1988 um mehr als 55 Prozent von gut 6,3 auf etwa 2,8 kg pro Kopf und Jahr zurück. Der Rückgang bei Mandarinen und Orangen fiel mit 13,3 Prozent zwar geringer aus, doch wurden in den 1980er Jahren vor allem Apfelsinen aus Kuba importiert, die wegen anderer klimatischer Bedingungen weniger geschmackvoll waren als Orangen aus dem Mittelmeerraum.[28] Kubanische Apfelsinen konnten ohne den Einsatz harter Devisen eingeführt werden, weil sie im Rahmen des Intra-RGW-Handels von der Karibikinsel bezogen wurden.

Das in den 1980er Jahren dennoch gestiegene Obstangebot basierte also zum großen Teil auf inländischer Ernte und daher auf einer Verengung auf hier leicht zu kultivierende Sorten, wobei vor allem Äpfel das Angebot prägten. Seit 1979 stammte das Obstangebot in der DDR weit überwiegend aus dem Inland. 1988 lieferten inländische Agrarbetriebe fast 89 Prozent der angebotenen Ware.[29] Bereits Mitte der 1970er Jahre hatten Äpfel einen Anteil von zwei Dritteln, ein Wert, der 1981 mit 77,3 Prozent sogar noch deutlich übertroffen wurde. Bis 1978 wurden noch mehr als die Hälfte der Äpfel importiert, in einzelnen Jahren sogar deutlich über 60 Prozent. Seit 1982 war der Importanteil indes sehr gering. 1985 und 1986 erfolgte sogar überhaupt keine Einfuhr, ohne dass das erhebliche Auswirkungen auf die insgesamt bereitgestellte Warenmenge an Äpfeln haben sollte.[30] Bei der Versorgung mit Gemüse wurden in den 1980er Jahren zwar wachsende Mengen bereitgestellt (vgl. Tabelle 8), doch die Sortimentsbreite verengte sich auch hier. Der weiter sinkende Importanteil wurde durch den Zuwachs der inländischen Produktion von Weißkohl, Rotkohl und Möhren ausgeglichen. Die noch verringerten Importe hatten nun zur Folge, dass "in bestimmten Zeiträumen des Jahres das Versorgungsniveau gegenüber früheren Jahren" zurückging, "da in der Republik für eine Eigenproduktion entweder die natürlichen oder [die] ökonomischen Voraussetzungen nicht gegeben" waren.[31]

 
Tabelle 8: Warenbereitstellung bei Gemüse 1981 bis 1987 und Plan 1988 (in kt)[32]
 
  1981 1982 1983 1984 1985 1986 1987 1988
Gesamt 776,5 788,6 761,5 784,3 842,7 809,4 858,8 835,5
Darunter aus Importen 92,0 71,6 52,3 75,9 82,8 80,6 84,0 84,8


Die Versorgung mit Obst und Gemüse in den 1980er Jahren belegt einen ausgeprägten Drang zur Autarkie. Importe wurden weitgehend vermieden und konzentrierten sich im Übrigen auf sehr kurze Fristen innerhalb des Jahres, etwa auf die sogenannte Festtagsversorgung zu Weihnachten, Ostern oder wichtigen Daten des sozialistischen Festtagskalenders (Gründungstag der DDR, 1. Mai).

Fußnoten

16.
Berechnet nach den Angaben in 1.000 Stück, in: StJb DDR 1984, Berlin (Ost) 1984, S. 231; StJb DDR 1985, Berlin (Ost) 1985, S. 233; StJb DDR 1988, Berlin (Ost) 1988, S. 233 und StJb DDR 1989, Berlin (Ost) 1989, S. 233.
17.
Berechnet nach ebd.
18.
Zur Kreditkrise, ihrer Bewältigung und den Beitrag der DDR-Bevölkerung dazu siehe u.a.: Matthias Judt, Der Bereich Kommerzielle Koordinierung. Das DDR-Wirtschaftsimperium des Alexander Schalck-Golodkowski – Mythos und Realität, Berlin 2013, S. 131-174, besonders S. 166-171.
19.
StJb DDR 1984, Berlin (Ost) 1984, S. 231; StJb DDR 1985, Berlin (Ost) 1985, S. 233; StJb DDR 1988, Berlin (Ost) 1988, S. 233 und StJb DDR 1989, Berlin (Ost) 1989, S. 233.
20.
StJb DDR 1990, Berlin 1990, S. 308.
21.
Analyse zur Entwicklung des EVP-Preisniveaus, der produktgebundenen Abgabe und der wirkenden Faktoren im Exquisithandel vom 18. November 1987, versandt vom Stellvertreter des Ministers für Handel und Versorgung, Merkle, an Jarowinsky, in: SAPMO-BA, DY 30, hier Büro Jarowinsky, Nr. 9026, Bl. 173-177, hier Bl. 173.
22.
Alle Angaben nach: Rodowitsch (Generaldirektor des VHB Exquisit) an Jarowinsky vom 1. August 1989, Analyse der Entwicklung des Exquisithandels für den Zeitraum 1977-1988, in: SAPMO-BA, DY 30, hier Büro Jarowinsky, Nr. 8998, Bl. 187-191, hier Bl. 187.
23.
Zusammengestellt und berechnet nach ebd.
24.
MHV, Auskunftsbericht vom 20. August 1989 (Anm. 10), Bl. 370; MHV, Information und Maßnahmen, (Anm. 12), Bl. 85.
25.
Zusammengestellt nach ebd.
26.
Zusammengestellt und berechnet nach: MHV, Auskunftsbericht vom 20. August 1989 (Anm.10), Bl. 344 und 362.
27.
Ebd., Bl. 370; MHV, Information und Maßnahmen, (Anm. 12), Bl. 85.
28.
Berechnet nach ebd.
29.
MHV, Auskunftsbericht vom 20. August 1989 (Anm. 10), Bl. 359.
30.
Ebd., Bl. 359.
31.
Ebd., Bl. 343.
32.
Zusammengestellt nach: MHV, Stand und Maßnahmen (Anm. 13), Bl. 70 und 79.
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Autor: Matthias Judt für bpb.de
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