Beleuchteter Reichstag

28.6.2013 | Von:
Ehrhart Neubert

Geschichtspolitische Aspekte des 17. Juni

Ehrhart Neubert wagt in seinem Beitrag zum Jahrestag des 17. Juni 1953 einen weiten Überblick über die Aufschwünge und Abschwünge des Erinnerns an den Volksaufstand und seine Instrumentalisierung im Namen einer westdeutschen Identitätssuche und einer west- und ostdeutschen Geschichtspolitik.

Bundespräsident Karl Carstens hält am 17. Juni 1983 eine Rede im Bundestag.Bundespräsident Karl Carstens hält am 17. Juni 1983 eine Rede im Bundestag. Zum 30. Jahrestag des Volksaufstandes in der DDR nahm Helmut Kohl die in den Jahren zuvor unterbrochene Tradition der Feierstunde zum 17. Juni im Bundestag wieder auf. (© Bundesregierung, B 145 Bild-00160800, Foto: Ludwig Wegmann)

Die Schockwellen dramatischer Großereignisse durchlaufen weite Zeiträume, auch wenn sie vielfach gebrochen und umgelenkt werden. Und selbst wenn sie sich mit neuen großen Wellen kreuzen, tauchen ihre Ausläufer wieder auf. So erging es dem Volksaufstand im Juni 1953 in Ostdeutschland. Dieses als "17. Juni" bezeichnete Ereignis offenbarte in seiner Wucht die Instabilität des kommunistischen Weltmachtgefüges. Doch im Laufe der Jahre verflachten diese Ausläufer und nur Gekräusel schien auf der glatten Oberfläche übrig geblieben zu sein.

Doch letztlich sollte es anders kommen. Fast vergessen und oft bewusst ignoriert, tauchte es doch immer wieder als politisch relevantes Ereignis auf. Erinnerungen und neue politische Verhältnisse verliehen ihm neue Energien. Nach 1989 feierte der "17. Juni" eine glanzvolle Rückkehr. Jetzt verschmolz er geschichtspolitisch mit der Friedlichen Revolution und der Wiedervereinigung unseres Landes. Wer jetzt "17. Juni" sagte, hörte als Echo 1989 und umgekehrt.

Von Anfang an hatte dieser Aufstand etwas Unabweisbares für das deutsche Geschichtsbewusstsein an sich. Er sollte hinfort Gegenstand wichtiger geschichtspolitischer Kontroversen werden. Welche unterschiedlichsten Bedeutungszuweisungen und nationalen Sinnstiftungen er dabei in den verschiedenen Phasen in beiden deutschen Staaten erfuhr, hat 1999 Edgar Wolfrum nachgezeichnet. Sein Interesse am 17. Juni gilt vor allem dessen Rolle als "zentralem Indikator, an dem Veränderungen von Identitäten und historisch-politischen Selbstverständnissen" der alten Bundesrepublik "sichtbar gemacht werden können".[1] Wolfrum hatte vermutet, was dann auch eingetreten ist: "Es scheint, als würden sich der Revolutionsmythos und der Nationalmythos, die in der Bundesrepublik bereits 1953 entstanden waren, zu einem neuen Großmythos vereinen, wonach der 17. Juni Vorbote der Wiedervereinigungs-Revolution 1989/90 gewesen sei."[2]

Doch dieser Prozess verlief in einem höchst wechselhaften politischen Kontext. Zuweilen begünstigte dieser den eben erwähnten "Großmythos", wie er andererseits auch dafür sorgte, dass die Erzählung des 17. Juni nur noch peinlich beschwiegen wurde. In all diesen Debatten zeichnen sich auch Ansätze eines Umgangs mit dem 17. Juni ab, die bis heute und wahrscheinlich auch in Zukunft wichtige Elemente eines politisch-historischen Selbstverständnisses der Bundesrepublik sind.

Ein Aufstand für Deutschland

Schon der erste Bundespräsident Theodor Heuss hatte 1950 im Bundestag beklagt, dass am Beginn der Bundesrepublik keine deutsche Revolution stand. Die neue deutsche Demokratie konnte sich auf kein konstitutives Ereignis berufen, über das die meisten westlichen Demokratien verfügten. Es gab keine sinnlich nacherlebbare und erzählbaren Geschichten, keinen Ort, keine Zeit und keine alles zusammenführende Handlung.

Nur drei Jahre später gab es dann ein solches Ereignis, den 17. Juni – in der DDR. Äußerlich betrachtet war der Aufstand kein gesamtdeutsches Geschehen. Aber der Ort der Handlung war für manchen damals einfach nur Deutschland, sein vorübergehend abgetrennter Teil. Während Tausende neue Flüchtlinge und die Schreckensnachrichten über Verhaftungen in der DDR eintrafen, wurde die Politik aktiv.

Die beiden großen Parteien brachten Ende Juni 1953 Gesetzesvorlagen in den Bundestag ein. Die SPD wollte den 17. Juni als arbeitsfreien "Nationalfeiertag" würdigen.[3] Die Regierungskoalition, CDU/CSU, FDP und Deutsche Partei (DP), schlug nur einen "nationalen Gedenktag" ohne Feiertagscharakter vor.[4] Die Bedenken der CDU/CSU-Fraktion, richteten sich vornehmlich dagegen, einen Nationalfeiertag jetzt einzuführen, da dieser einer späteren, realen Wiedervereinigung vorbehalten bleiben sollte. Als Kompromiss kam 1954 der arbeitsfreie "Tag der deutschen Einheit" zustande.[5] Die Bezeichnung ging auf einen Vorschlag von Herbert Wehner zurück.[6] Außer den Abgeordneten der KPD stimmten alle anderen Abgeordneten zu.[7]

Auffällig ist der überparteiliche Konsens, wenngleich die parteipolitische Orientierung in den Bedeutungszuschreibungen des Tages sichtbar blieb. Die Regierung konnte für die Einheit wenig tun, wenn auch Jakob Kaiser damals meinte, dass der Feiertag als "Ausgangspunkt neuer und intensiver Aktivitäten für die Wiedervereinigung verstanden werden [müsse]."[8] Adenauer betrieb unbeirrt die Westbindung der Bundesrepublik und nutzte den 17. Juni nur für symbolische Akte. Willy Brandt erklärte dagegen: "Uns liegt – gerade auch nach dem heroischen und tragischen Geschehen in der Zone – die gesamtdeutsche Haut näher als irgendein kleineuropäisches Hemd."[9] Brandt schrieb 1954 ein kleines Buch, in dem er den 17. Juni in die deutsche Arbeiterbewegung einordnete. Die Arbeiterklasse hätte im Osten ihren Freiheitswillen manifestiert. Der in der FDP starke nationalliberale Flügel feierte den 17. Juni bisweilen am Herrmann-Denkmal in Schwarz-Weiß-Rot statt in Schwarz-Rot-Gold.

Bis Mitte der 1960er Jahre avancierte der 17. Juni als Tag der deutschen Einheit geradezu zum Gründungsfest der Bundesrepublik. Es gab festliche Bundestagsreden, unzählige andere offizielle Feiern, Aufmärsche, Kundgebungen, Massenwanderungen an der Grenze, nächtliche Fackelzüge. Auch die Gewerkschaften waren dabei. Sie errichteten damals in West-Berlin ein Erinnerungsmahl für den Marsch der Henningsdorfer Stahlarbeiter durch West-Berlin zum Brandenburger Tor am 17. Juni 1953.

Wie elementar das Bedürfnis in der jungen Bundesrepublik nach einer demokratischen Gründungslegende war, erklärt sich aus den traurigen Besonderheiten der jüngsten deutschen Geschichte. Krieg und Völkermord waren damals nicht hinreichend aufgearbeitet, ja weithin verdrängt. Die Deutschen suchten nach einem positiven Anknüpfungspunkt in ihrer Geschichte. Während sich der diktatorische SED-Staat im Osten als wahrer und unschuldiger, antifaschistischer Staat ausgab, brauchte die Bundesrepublik ihr historisch belegtes demokratisches Fundament. Das war der 17. Juni.

Dieses lässt sich an einem von Klaus Harpprecht 1954 veröffentlichtem, gut recherchiertem Buch dokumentieren. Harpprecht hob den 17. Juni auf eine Stufe mit dem 20. Juli 1944. Für ihn bedeutete der Volksaufstand den legitimen Versuch, das völkerrechtliche Selbstbestimmungsrecht für Deutschland zurückzuerlangen. Er resümiert: "Die Revolution des 17. Juni meinte auch die Freiheit der Nation. Sie meinte ihr Recht, sich wieder in staatlicher Einheit zusammenzufinden. Sie wollte die Niederlage von 1945 und damit auch die Niederlage von 1933 auslöschen, sie wollte die Heimkehr zur freien deutschen Staatlichkeit. Sie wollte nicht Revanche, sie wollte nicht Nationalismus, sie wollte das Recht und sie wollte den Rechtsstaat. Sie wurde zur stellvertretenden Revolution für das ganze Deutschland, das seine Geschichte vielleicht einmal vom 17. Juni 1953 an datieren wird, wie Frankreich seine neuere Geschichte vom Sturm auf die Bastille an datiert. Der 17. Juni wollte ein Deutschland, das noch nicht ist und dennoch schon heute in der Kontinuität der Nationalgeschichte lebt."[10]

Der tragische Ausgang des Volksaufstandes hatte politisch die Teilung Deutschlands und Europas noch einmal festgeschrieben, obwohl sich die politische Rhetorik noch 1953 im Westen und auch im Osten um die Einheit Deutschlands drehte. Doch längst waren die Weichen ganz anders gestellt. Die Bundesrepublik befand sich im Prozess der Bindung an das westliche Machtsystem, und die DDR war unauflösbar in das sowjetische Großreich integriert. Die jeweiligen Bedingungen für eine Vereinigung waren für beide Seiten unannehmbar.

So war das Einheitsverlangen in Politik und Gesellschaft in der jungen Bundesrepublik einer mentalen Spreizung ausgesetzt. Einerseits bot die reale Politik keine Chance für eine Wiedervereinigung – nach dem Aufstand schon gar nicht. Andererseits nährte die Realpolitik auch die Hoffnung auf Wiedervereinigung. Westdeutschland war wirtschaftlich erfolgreich. Erstmals bewährte sich die ungewohnte demokratische Ordnung. Die Ostdeutschen flohen zu Hunderttausenden in den Westen. Der 17. Juni war damit auch ein Abgesang auf die kommunistischen Versprechungen und Visionen. Wie sollte diese Spannung zwischen politischer Wirklichkeit und kalkulierbaren Möglichkeiten in einer nationalen Orientierung gebündelt werden?

Der 17. Juni bot dies an. Er kompensierte geschichtspolitisch, was die reale Politik nicht leisten konnte. Der 17. Juni war gleichsam die Medizin, die die deutschen Wunden heilen konnte. Das Pathos dieser nationalen Hoffnung entsprach auch dem Zeitgeist, dem Verlangen nach einer positiv bestimmten deutschen Nation. Flankiert wurde dies durch das Fußballwunder von Bern 1954.

Aber es sollte anders werden. Harpprechts Buch wurde nach wenigen Jahren vergessen. Und der 17. Juni trat in der Öffentlichkeit deutlich zurück. Dass dies geschehen konnte, lag an der veränderten Deutschlandpolitik. Aber es gab einen weiteren Grund. Der 17. Juni stand auch im Schatten einer unbewältigten Vergangenheit. Eine positive nationale Bestimmung konnte offenbar nicht tragen, wenn die negative nicht hinreichend abgearbeitet war. Mit dem Verblassen des 17. Juni setzte zeitgleich eine energische Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen ein. Daraus ergibt sich auch eine Schlussfolgerung für heutiges geschichtspolitisches Handeln. Ohne eine konsequente Aufarbeitung der diktatorischen Vergangenheiten, lässt sich keine positive demokratische und nationale Orientierung in der Gesellschaft implantieren.

Verzicht auf die Formel "Einheit in Freiheit"

Das Ausbleiben der Wiedervereinigung, die Errichtung der Berliner Mauer 1961 und die von Krisen begleitete politische Stagnation des Kalten Krieges machten die Hoffnungen einer raschen Lösung der deutschen Frage zunichte. Jetzt wurde auch der Gedenktag an den 17. Juni im Westen zum Spielball der veränderten Deutschland-politischen Konjunkturen. Mitte der 1960er Jahre ging die Hochzeit des 17. Juni zu Ende. Die Entspannungs- und Status-quo-Politik machte den "Tag der deutschen Einheit" und das Gedenken an den 17. Juni zum politischen Fremdkörper.

Schon die ersten intensiven Bemühungen um Entspannung der seit 1966 amtierenden Großen Koalition mit Kurt Georg Kiesinger und Willy Brandt waren von einer Abwertung der rituellen Symbolik des 17. Juni begleitet. Sie unternahm Anstrengungen, den Tag der deutschen Einheit als Feiertag abzuschaffen. Solche Vorschläge waren schon von der FDP ausgegangen. Sie scheiterten letztlich an den Gewerkschaften, die den arbeitsfreien Tag als sozialen Besitzstand betrachteten, wenngleich auch sie kein Interesse am politischen Gehalt des Tages mehr hatten. Erstmals seit 1954 fand im Bonner Bundestag am 17. Juni 1968, dem 15. Jahrestag des 17. Juni, kein Staatsakt mehr statt.

Die plötzliche Wendung der politischen Funktion des 17. Juni hatte nahezu alle Parteien erfasst. Typisch sind entsprechende Erklärungen dazu, hier von Bundesminister Karl Schiller (SPD): "Dieser Tag [ist] kein Sedantag der glorreichen Erinnerung, er ist kein Tag der politischen Kraftmeierei und des Säbelrasselns [...] Wir wollen ihn auch nicht missbrauchen zum bloßen Appell an die Weltöffentlichkeit mit der nur rituellen Pflicht, die Beschwörungsformel von der ‚Einheit in Freiheit’ ständig zu wiederholen. Mit dieser Gebetsmühle kämen wir in der Deutschlandfrage nicht einen Schritt weiter."[11]

Aus der Großen Koalition heraus kam die Idee, den 17. Juni entweder durch den 8. Mai oder durch den 23. Mai als nationalen Gedenktag abzulösen.[12] Der 8. Mai musste aber scheitern, da er auch bei einer positiven Bewertung der Befreiung, was damals durchaus nicht selbstverständlich war, Anlass zur nationalen Scham bot. Der 23. Mai scheiterte, weil er sich auf ein papiernes Ereignis im Westen bezog, der Verkündung des Grundgesetzes im Parlamentarischen Rat 1949. Noch war die sogenannte Selbstanerkennung der sich selbst genügenden Bundesrepublik nicht weit gekommen. Immerhin gab es auch keine Klarheit über einen zukünftigen deutschen Nationalstaat. 1971 hatte auch der neu gewählte Bundespräsident Gustav Heinemann in einer Aufsehen erregenden Rede aus Anlass des 100. Jahrestages der Reichsgründung unter den preußischen Königen den Abschied vom deutschen Nationalstaat in den Mustern des 19. Jahrhunderts vollzogen.[13] Eine demokratische gesamtdeutsche Alternative bot er nicht an.

Anzumerken ist, dass die DDR diese Entwicklung im Westen förderte. Zwei ihrer Spitzenagenten, die Bundestagsabgeordneten Karl Wienand (SPD) und William Borm (FDP), versuchten mehrfach den 17. Juni als Feiertag zu Fall zu bringen. Die Umwertung des 17. Juni bestimmte nun auch die intellektuellen Diskurse, die im Trend der Entspannungspolitik ein neues Bild vom Aufstand zeichneten. Anschaulich wird das an Arnulf Barings einflussreichem Buch.[14] Er definierte den 17. Juni als lediglich sozialen Aufstand klassenbewusster Industriearbeiter in Ost-Berlin, die keineswegs die Diktatur beseitigen wollten und die Wiedervereinigung angestrebt hätten. Der Aufstand sei von ziellosen Demonstranten radikalisiert worden, denen er Lynchmorde, Brandschatzungen und Plünderungen zur Last legte. Tatsächlich hat es nur einen solchen Lynchmord gegeben. Die Gewalt sei von diesen deklassierten Elementen und nicht von den Machthabern ausgegangen. Für die Toten auf der Seite der Aufständischen findet Baring keine Worte.

Beeindruckt von Baring war auch Rudolf Augstein.[15] Dieser behauptete, dass der 17. Juni "kein Volksaufstand [war], der von den sowjetischen Panzern im Blut erstickt worden ist. Es war eine nicht gezielte, nicht geplante Demonstration für bessere, freiere Lebensbedingungen, die mehr verlosch, als dass sie unterdrückt worden ist. […] Nein, es war kein Aufstand. Viel eher war es ein Unglück."[16] Von politischer Freiheit und nationaler Einheit, dem Geist des 17. Juni, war nichts mehr geblieben. Und damit verschwammen auch die Konturen des Gegensatzes zwischen Diktatur und Demokratie.

In Zukunft sollten die geschichtspolitischen Debatten in der Bundesrepublik kaum noch den 17. Juni als konstitutives Element enthalten. Nun wurde Auschwitz zur "Gründungslegende ex negativo der Bundesrepublik."[17] Der geschichtspolitische Fokus war die Beteuerung "Nie wieder Auschwitz!" Diesem Satz konnte und kann kein Vernünftiger widersprechen. Aber dieser Satz sagt allein noch nichts über eine demokratische Alternative aus, die ein solches Verbrechen verhindern kann. An diesen Vorgängen lässt sich gut ablesen, dass sich Geschichtsschreibung und auch staatliches Erinnern sehr leicht den politischen Bedürfnissen anpasst. Auch das enthält eine bis heute wichtige Botschaft. Die in historischen Ereignissen eingeschriebenen Werte sollten stets neu erarbeitet und geprüft werden. Aber sie sollten nicht aufgegeben werden, wenn sie sich auf Recht, Freiheit und Demokratie beziehen. Das kann bis heute die Erinnerung des 17. Juni leisten.

Annemarie Renger hält eine Rede im Deutschen Bundestag.Annemarie Renger bei der Gedenkveranstaltung des Bundestages am 17. Juni 1975 (© Bundesregierung, B 145 Bild-00048241, Foto: Engelbert Reineke)
Das der 17. Juni nicht völlig verschwand, lässt sich an berühmten Ausnahmen der bundesdeutschen Politik erkennen, für die der 17. Juni das Symbol des demokratischen Aufbegehrens gegen die Diktatur blieb. Zu ihnen gehörte die Sozialdemokratin Annemarie Renger, die als Bundestagspräsidentin den Staatsakt am 17. Juni im Bundestag erneuerte. Am 17. Juni 1975 sprach sie – unter Verweis auf den Freiheitswillen der Aufständischen – von Motiven, "die auch unser Handeln bestimmen müssen und die durch keinen Zeitablauf ihre Gültigkeit und Verpflichtungskraft verlieren" würden. Dazu gehöre "Freiheitsliebe, Selbstbestimmung, die Einheit unseres Volkes, die Zusammengehörigkeit unserer Nation und schließlich das Bemühen um ein menschenwürdiges Leben."[18]

Hervorzuheben ist auch die Haltung des damaligen Fraktionschefs der CDU/CSU im Bundestag, Helmut Kohl, der erklärte: "Es ging und es geht noch immer, auch 27 Jahre danach, um den Anspruch von 17 Millionen Deutschen auf Selbstbestimmung, auf Menschenrechte und Freiheit. Das ist und bleibt der Kern der Deutschlandpolitik."[19] Nach der Wende von 1982 setzte Helmut Kohl weitgehend die Politik der sozial-liberalen Koalition fort. Der Bundeskanzler griff aber wieder auf die historisch gefüllten Symbole der nationalen Frage zurück. So nahm er 1983 die in den Jahren zuvor unterbrochene Tradition der Feierstunde zum 17. Juni im Bundestag wieder auf. 1983 stellte er kategorisch fest, dass an diesem Tag, "den die Bundesrepublik Deutschland zum Tag der deutschen Einheit, zum nationalen Gedenktag des deutschen Volkes gemacht" habe, nicht gerüttelt werde.[20] Es erscheint wie eine Ironie der Geschichte, dass Kohl, dessen Verdienste an der Wiedervereinigung außer Frage stehen, den 17. Juni als Feiertag abgeschafft hat, zugunsten des 3. Oktobers, den Tag der realen Wiedervereinigung.

Falsche Diskurse in der DDR

Über die geschichtspolitische Bewertung des 17. Juni durch die SED muss nicht viel gesagt werden. Diese kommunistische Partei war damals nur durch sowjetische Panzer zu retten. Sie blieb traumatisiert und musste sich durch immer neue Sicherheitsvorkehrungen aller Art bis 1989 vor dem eigenem Volk schützen. Vor allem aber hatte der SED-Staat ein grundsätzliches Legitimationsproblem. Er musste das Ereignis als Aktion von westlichen Agenten und faschistischen Elementen inspiriert diskreditieren. Er forderte, dass in der DDR keine andere Lesart zum Zuge kam.

Dennoch gab es in der DDR einen erbitterten Deutungskampf. Tatsächlich haben sich die DDR-Literaten, SED-treue und tatsächlich oder vermeintlich dissidentische Künstler, dieses Themas angenommen. Von 1953 bis 1989 schrieben sie über diesen Aufstand an die hundert Gedichte, Poeme, Novellen, Romane, Theaterstücke.[21] Diese offenbaren die von den Autoren gewählte Rolle als politisch Bekennende und spiegeln das zentrale historische Problem ihres Landes. Offenbar stellte sich ihnen die Gretchenfrage: Wie hältst Du es mit dem "17. Juni"? Alles was die DDR ausmachte, ihre Legitimation und ihr Anspruch als Alternative zur deutschen Vergangenheit standen im dramatischen Geschehen des Aufstandes auf dem Prüfstand.

Die große Mehrheit der DDR-Literaten hat ihre Deutungsmuster nahe an denen der SED-Propaganda platziert. Der Aufstand war für sie offen oder verdeckt, manchmal nur beiläufig und versteckt, aber eben doch ein Werk von Faschisten und Agenten und ausgeführt von deklassierten Elementen der ehemaligen bürgerlichen Klasse. Es gab Ausnahmen, wie Christoph Hein, der mit seiner Novelle "Der fremde Freund" und 1985 mit seinem Roman "Horns Ende" die Geschichtspolitik der SED kritisiert.[22] Sein Romanheld, der Historiker Horn, sagt kurz vor seinem Selbstmord über die offiziellen Geschichtsbilder: "Die Fälschungen und unsere Irrtümer sind der Kitt dieser Bilder, sie machen sie haltbar und griffig. Sie sind es, die unsere Weisheiten so einleuchtend machen."[23]

Stefan Heym signiert ein Buch, 1956.Stefan Heym 1956. Einige Schriftsteller in der DDR boten der SED gut gemeinte, aber doch abweichende Deutungen des 17. Juni an. (© Bundesarchiv, Bild 183-2010-0225-503)
Einige Schriftsteller, die sich der SED-Stereotypen bedienten, mussten Verbote oder ein Verschleppen des Erscheinens ihrer Werke erdulden, etwa Stefan Heym, Werner Heiduczek, Kurt Bartsch und Erich Loest. Sie hatten der SED gut gemeinte, aber doch abweichende Deutungen des 17. Juni angeboten. Was sie aber alle gemeinsam hatten, war das Leiden an dem im Aufstand aufgetretenen Riss zwischen Partei und Klasse, am Aufstand der irdischen Arbeiterklasse gegen die in der SED inkarnierte Arbeiterklasse. In dieser Literatur geht es nicht um die Auseinandersetzung zwischen Demokratie und Diktatur, sondern um einen mythologisierten Kampf zwischen dem Bösen im Westen und dem Guten im Osten. Wie irrational sich das bei vielen Schriftstellern liest, ist selbst noch an Stefan Heym zu erkennen. In seinen beiden Romanfassungen, in denen er verschlampte Frauen oder verkommene Prostituierte auftreten lässt, erscheint die Hure Babylon leibhaftig.[24]Er konstruiert eine amerikanische Inspiratorin des 17. Juni, die "durchaus Ausdruck zeigte, und zwar Wollust. Es war aber eine Wollust jenseits des Geschlechtlichen; oder vielleicht war es auch Geschlecht, das nicht mehr Mann oder Frau ersehnte, sondern ein Armageddon, in das sie die Heerscharen hineinpeitschte."[25]

Die wirklichen SED-Gegner der 1980er Jahre nahmen die Geschichtsmythologie der Kommunisten nicht ernst. Aber für sie war der 17. Juni auch kein strategisches Leitbild. Sie hielten einen kollektiven Aufstand der Bevölkerung und auch den Untergang der sowjetischen Provinz nicht für möglich. Sie hofften, das Regime zu Reformen zwingen zu können. Immerhin haben Bärbel Bohley und ihre Mitstreiter im Sommer 1989 eine illegale Schrift unter dem ironischen Titel "Urkunde. 40 Jahre DDR" herausgegeben, die dem 17. Juni gewidmet war.[26] Diese Texte sind ein Aufruf zur gesellschaftlichen Mobilisierung gegen den SED-Staat. "Und dieser Kampf darf nicht so ausgehen wie am 17. Juni 1953", spricht Bärbel Bohley 1989 ihre Hoffnung aus.[27]

Die Diskurse um die Bedeutung des 17. Juni zeigen bis heute, dass Geschichte sehr leicht in mythische Bilder gepresst werden kann. Das trifft auch auf die Friedliche Revolution von 1989 zu. In ihren Bildern erscheinen viele falsche Heilsbringer und viele abgründige Bösewichter. Hier gibt es eine dauernde Aufgabe für die Erinnerungsarbeit, eine rationale Sicht zu ermöglichen.

Was bleibt?

Im Jahr 2013 wurde der Geschichts-Boom von 2003 nicht erreicht. Aber die geschichtspolitische Aufmerksamkeit für den 17. Juni ist geblieben. Es gibt immer wieder neue Versuche, den Tag aufzuwerten. Jüngst rief das "Bürgerbüro e. V. Verein zur Aufarbeitung der Folgeschäden der SED-Diktatur" die Politik dazu auf, "den 17. Juni zum Denktag über deutsche Geschichte nach 1945 zu ernennen."[28]

Darüber hinaus zeigt sich auf europäischer Ebene, dass der 17. Juni 1953 in die Reihe der fortgesetzten Aufstände und Freiheitsbewegungen im ehemaligen Ostblock gehört. Die geschichtspolitischen Initiativen der Europäischen Union haben darauf zu wenig reagiert. Die wichtigste transnationale, gemeinsame Erinnerung aller ostmitteleuropäischen Länder bezieht sich auf den gemeinsamen Widerstand. Der 17. Juni hätte, neben anderen Ereignissen, gute Chancen, in einen europäischen Erinnerungskanon verankert zu werden. Er stellte eine revolutionäre Volksbewegung für den demokratischen Verfassungsstaat dar. Er zielte auf die Überwindung von Grenzen. Er belegte, dass es sich trotz der übermächtig erscheinenden Großmacht, immer und überall lohnt, die Würde und die Freiheit des Einzelnen zu behaupten und zu verteidigen.

Damit ist auch angesprochen, dass die Eroberung von Freiheit und Recht nur durch eine sensibilisierte Zivilgesellschaft erfolgen kann. Das gilt auch für die vielen Freiheitsbewegungen in der Gegenwart in aller Welt. Die Politik demokratischer Staaten sollte hier ihre Partner suchen und Hilfe zukommen lassen.

Zitierweise: Ehrhart Neubert, Geschichtspolitische Aspekte des 17. Juni, in: Deutschland Archiv Online, 28.06.2013, http://www.bpb.de/164144.

Fußnoten

1.
Edgar Wolfrum, Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland. Der Weg zur bundesrepublikanischen Erinnerung 1948–1990, Darmstadt 1999, S. 6.
2.
Ebd., S. 356.
3.
Wortprotokoll zur 278. Sitzung des Deutschen Bundestages vom 1.7.1954, S. 13875.
4.
Antrag der Fraktionen der CDU/CSU, FDP, DP, Drucksache Nr. 4625 des Deutschen Bundestages (o. 
5.
Der neue Gesetzentwurf wurde am 3. Juli 1953 verabschiedet.
6.
Sabine Sütterlin, Der Tag der deutschen Einheit im Wandel der Zeit. Dissertation, Universität Kiel 1992, S. 28.
7.
Wortprotokolle zur 280. und 281. Sitzung des Deutschen Bundestages vom 3.7.1953, S. 14070.
8.
Bulletin der Bundesregierung Nr. 110 vom 16.6.1954, S. 981.
9.
Wortprotokoll zur 278. Sitzung des Deutschen Bundestages vom 1.7.1953, S. 13883 A.
10.
Stefan Brant (Pseudonym von Klaus Harpprecht) unter Mitarbeit von Klaus Bölling, Der Aufstand. Vorgeschichte, Geschichte und Deutung des 17. Juni 1953, Stuttgart 1954. S. 322.
11.
Rede von Karl Schiller vor dem American Council on Germany in New York am 19.6.1967, in: Bulletin Nr. 64 vom 20.6.1967, S. 545.
12.
Sütterlin (Anm. 6), S. 121 ff.
13.
Wolfrum (Anm. 1), S. 258-260.
14.
Arnulf Baring, Der 17. Juni 1953. Bonner Berichte aus Mittel- und Ostdeutschland, Bonn 1957 und weitere veränderte Auflagen bis 1983.
15.
Der Spiegel 25/1965, S. 78-88; Rudolf Augstein, 17. Juni. Kapitulation, Aufstand oder Was sonst?, in: Beilage zu Der Spiegel 26/1965, S. 12.
16.
Ebd.
17.
Rainer Eckert, Triumph über die Diktatur oder Verschleierung der Vergangenheit? Zwölf Jahre Auseinandersetzung mit der zweiten deutschen Diktatur: Eine vorläufige Bilanz, in: Horch und Guck, 39 (2002), S. 25.
18.
Wortprotokoll zur 179. Sitzung des Deutschen Bundestages vom 17.6.1975, S. 12556.
19.
Wortprotokoll zur 222. Sitzung des Deutschen Bundestages vom 17.6.1980, S. 17949.
20.
Wortprotokoll zur 16. Sitzung des Deutschen Bundestages vom 23.6.1983, S. 987 ff.
21.
Johannes Haupt gibt 82 Titel der Primärliteratur an, allerdings ohne Bertolt Brecht. Vgl. Johannes Haupt, Der 17. Juni 1953 in der Prosaliteratur der DDR bis 1989. Über den Zusammenhang von Politik und Literatur und die Frage nach einem Leseland DDR, Mannheim 1991, S. 451-454. In der neusten Bibliographie von Peter Bruhn, 17. Juni 1953. Bibliographie, Berlin 2003, S. 57-59, werden in der Primärliteratur, einschließlich der Werke von Brecht, 100 Titel, darunter 4 Nachauflagen, von 49 Autoren genannt. Doch auch hier fehlen einige Autoren, etwa Klaus Kordon, und deren Titel.
22.
Christoph Hein, Der fremde Freund, Berlin und Weimar 1982; Christoph Hein, Horns Ende, Berlin und Weimar 1985.
23.
Ebd., S. 279.
24.
Stefan Heym, Der Tag X, 1958, nicht erschienen; Stefan Heym, 5 Tage im Juni, München 1974.
25.
Zit. nach: Herbert Krämer, Ein dreißigjähriger Krieg gegen ein Buch. Zur Publikations- und Rezeptionsgeschichte von Stefan Heyms Roman über den 17. Juni 1953, Tübingen 1999, S. 43.
26.
Bärbel Bohley u. a. (Hg.), Urkunde 40 Jahre DDR, Samisdat Berlin 1989.
27.
Ebd., S.10.
28.
Bürgerbüro e.V. Verein zur Aufarbeitung von Folgeschäden der SED-Diktatur, Der 17. Juni soll Denktag werden, Pressemitteilung vom 8.6.2013, Berlin.
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Autor: Ehrhart Neubert für bpb.de
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