Beleuchteter Reichstag

150 Jahre SPD – 150 Jahre Arbeiterturn- und Sportbewegung


16.12.2013
Turnen war seit der Revolution von 1848 in Deutschland Teil einer großen bürgerlichen Volksbewegung. Ende des 19. Jahrhunderts bildeten sich auch sozialistische und kommunistische Turn- und Sportvereine heraus, in denen zeitweise über 1 Millionen Menschen organisiert waren. Worin bestand die Faszination des Arbeitersports? Wie unterschieden sich die Vereine von den bürgerlichen Turn- und Sportvereinen?

Brandenburgisches Kreis-Turnfest im Stadion in Frankfurt an der Oder, Juli 1930.Brandenburgisches Kreis-Turnfest im Stadion in Frankfurt an der Oder, Juli 1930. (© Bundesarchiv, Bild 102-10065, Foto: Georg Pahl)
Die SPD feierte im Wahljahr 2013 einen großen, runden Geburtstag. Sie wurde 150 Jahre alt und ist damit die älteste politische Partei in Deutschland. Was hat dieser Geburtstag der SPD und die Geschichte der Arbeiterbewegung mit dem Sport, mit Turnen und Gymnastik zu tun?

Turnen, Spiel und Sport waren wichtige Themen und Teil der Arbeiter- und Arbeiterkulturbewegung insgesamt. Wenn jedoch von der Arbeitersportbewegung die Rede ist, sind in der Regel die Turn- und Sportvereine gemeint, die sich seit dem Deutschen Kaiserreich und dann in der Weimarer Republik politisch und ideologisch den sozialistischen und kommunistischen Parteien zugehörig fühlten bzw. ihnen angehörten. Das heißt aber nicht, dass alle Arbeiter und Arbeiterinnen, die sich turnerisch und sportlich betätigten, in diesen Parteien organisiert waren. Je nach dem was überhaupt unter dem Begriff Arbeiter verstanden wird, waren die meisten Arbeiter eher nicht in politisch aktiven Vereinen organisiert, sondern in den fachlich und sportlich ausgerichteten Turn- und Sportvereinen. Eine im politischen Sinn sozialistische und kommunistische Turn- und Sportbewegung gab es im Grunde erst nach 1890, als das Sozialistengesetz nicht mehr verlängert wurde. Seitdem bildete die Arbeiterturn- und Sportbewegung bis zum Jahr 1933 eine starke Säule der organisierten Leibesübungen in Deutschland – neben der sogenannten bürgerlichen Sportbewegung, der bürgerlichen Deutschen Turnerschaft und auch neben den konfessionellen Verbänden von Turnen und Sport sowie den politisch und ideologisch neutralen Spiel- und Sportverbänden. Weit über eine Million Menschen waren im Durchschnitt in den Arbeiterturn- und Sportvereinen organisiert. Als die Nationalsozialisten alle Arbeitervereine verboten, wurden auch die Turn- und Sportorganisationen geschlossen und deren Hallen und Plätze sowie ihr Vereinsvermögen eingezogen. Das bedeutete das Ende der organisierten Arbeitersportbewegung. Auch nach dem Krieg entstand sie nicht wieder neu.[1]

So gesehen ist die organisierte Arbeitersportbewegung wirklich Geschichte. Sie hat keine institutionelle Fortsetzung erlebt; was allerdings nicht heißt, dass die Werte, Ziele, Ideale oder allgemein gesagt der "Sinn" des Arbeitersports nicht Eingang in unser aktuelles Sportverständnis gefunden haben. Warum gab es aber überhaupt Arbeitersportvereine? Unterschieden sie sich von den bürgerlichen Turn- und Sportvereinen?

Zur Entstehung der Arbeiterturn- und Sportvereine



Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) führt ihre Gründung auf Ferdinand Lassalle und seinen Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein zurück, der im Jahr 1863 in Leipzig gegründet wurde. Zur selben Zeit, im sogenannten Reichsgründungsjahrzehnt, bildeten sich auch zahlreiche Turnvereine in Deutschland. Diese feierten ebenfalls in Leipzig 1963 ihr drittes großes, nationales Turnfest, bei dem faktisch die Deutsche Turnerschaft (DT) gegründet wurde, der Dachverband aller Turnvereine in Deutschland. Den Vereinen der Deutschen Turnerschaft gehörten überwiegend Arbeiter und Handwerker, meistens junge Handwerksgesellen, aber auch kleine Handwerksmeister und Gewerbetreibende an. Sie machten damals rund 60 Prozent der Mitglieder in den Turnvereinen aus. Es handelte sich also letztlich um dieselbe Klientel, die auch bei der Gründung der Lassalle‘schen Arbeiter- und Bildungsvereine die maßgebliche Zielgruppe war. Turnlehrer Alwin Martens, der dem großen Leipziger Turnverein mit über 1.000 Mitgliedern vorstand, bemerkte 1862, dass diejenigen, die man als Turner bezeichne, "fast ausnahmslos dem Gesellen- und Handwerkerstand angehören". "Aufgeklärte Nobilitäten" und "Intelligenzen", wie er sich ausdrückte, würden die Vereine protegieren und gelegentlich auch leiten.[2]

Turnplatz in der Hasenheide. Angelegt 1811 vom Begründer der deutschen Turnbewegung, Friedrich Ludwig Jahn. Stahlstich, um 1850.Turnplatz in der Hasenheide. Angelegt 1811 vom Begründer der deutschen Turnbewegung, Friedrich Ludwig Jahn. Stahlstich, um 1850. (© picture-alliance/akg)
Im Arbeiterfreund, der Zeitschrift des Zentralvereins für das Wohl der arbeitenden Klassen in Preußen, wurde im Jahrgang 1866 in einer Artikelserie nach der Bedeutung der Vereine für das Alltagsleben der Arbeiter gefragt. Damit waren Bildungs- und Fortbildungsvereine gemeint, aber auch die Turnvereine, in denen besonders die geselligen und gemeinschaftsbildenden Bedürfnisse und Vergnügungen der Arbeiter und Handwerker gepflegt würden. Es gebe Turnvereine, hieß es in dem Artikel, in denen drei bis viermal jährlich Turnfeste und alle paar Wochen gemeinsame Turnfahrten durchgeführt würden. Schauturnen zählten zu den festen Bestandteilen der Frühjahrs- und Herbstfeste der Arbeitervereine; ebenso Ausflüge und gemeinsame Wanderungen. In den Arbeiterbildungsvereinen gehörte Turnen ebenso zum Unterrichtsprogramm wie Rechnen, Schreiben, Lesen und gewerbliche Buchführung; so jedenfalls war es nach dem vom Vereinstag der Arbeiterbildungsvereine 1864 in Leipzig verabschiedeten gemeinsamen Lehrplan vorgesehen, allerdings mit dem Zusatz, sofern kein passender Turnverein vor Ort existiere.[3]

Turnen war seit der Revolution von 1848 in Deutschland Teil einer großen bürgerlichen Volksbewegung. Zu ihr zählten selbstverständlich und vor allem die einfachen Handwerker und Arbeiter. Sie bildeten den sozialen Kern dieser Volks- und Bürgerbewegung. Das ist insofern nicht verwunderlich, als der Körper bzw. körperliche Kraft und Stärke sowie körperliche Gesundheit, Ausdauer und Leistungsfähigkeit das eigentliche "Kapital" der Arbeiter waren und sind, wenn man in diesem Zusammenhang die marxistische Terminologie anwenden möchte. Die Sorge um die körperliche Unversehrtheit, Gesundheit und Leistungsfähigkeit sowie die disziplinierte Übung und Ausbildung körperlicher Fähigkeiten und Fertigkeiten zählten deshalb zu den grundlegenden Motiven von Handwerkern und Arbeitern, sich in Turnvereinen zu organisieren und zu betätigen.

Die Trennung der Arbeiter von der bürgerlichen Vereinsbewegung



Obwohl die zwei Männer, die 1878 Attentate auf Kaiser Wilhelm I. verübt hatten, keine Sozialdemokraten waren, nahm der "Eiserne Kanzler" Bismarck diese misslungenen Anschläge zum Anlass und setzte ein "Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie" durch, das sogenannte Sozialistengesetz.[4] Dieses verbat alle sozialdemokratischen, sozialistischen oder kommunistischen Organisationen, auch die Arbeiterturnvereine, die sich ausdrücklich als sozialdemokratisch verstanden oder von den Behörden so eingeschätzt wurden. Da sich die Turnvereine und vor allem die Führer der Deutschen Turnerschaft als kaisertreues "Bollwerk des Vaterlands" (so der DT-Vorsitzende Ferdinand Goetz) verstanden, fühlten sich viele zur Sozialdemokratie hingezogene Arbeiter in den DT-Vereinen nicht mehr wohl. Nachdem das Sozialistengesetz 1890 nicht mehr verlängert wurde, traten deshalb sowohl einzelne Mitglieder als auch ganze Gruppen und Vereine aus der DT aus und gründeten freie, d.h. politisch neutrale, und sozialdemokratisch gesinnte Turnvereine. Diese schlossen sich 1893 zum Arbeiter-Turnerbund (ATB) zusammen. "Für vaterlandslose Gesellen ist kein Raum" in der Deutschen Turnerschaft, hatte Goetz in Anlehnung an den Eisernen Kanzler Bismarck gesagt. Die DT unternahm nichts, um die Eingliederung sozialistisch gesinnter Arbeiter in die DT-Vereine zu fördern, sondern beteiligte sich an deren gesellschaftlichen Diskriminierung und Stigmatisierung.[5]

Von nun an setzte eine verstärkte Agitation von Seiten der Arbeitersportfunktionäre ein, um neue Mitglieder für ihre Vereine zu gewinnen. "Ihr aber mit uns denkende und fühlende Arbeiter in der DT", hieß es zum Beispiel 1902 in der Arbeiter-Turnzeitung, "ihr Hunderttausende, das Gros der DT, die ihr sehen müsst, wie eure Weltanschauung herhalten muss, um eure vorwärtsstrebenden Turn- und Klassengenossen bei den Behörden zu denunzieren und anzuschwärzen, treibt euch das nicht die Zornesröte in das bleiche Proletarierantlitz (...)? Wie könnt ihr auf der einen Seite in Gewerkschaften und anderen Organisationen tätig sein und Opfer bringen und auf der anderen Seite die Herde bilden für Personen, die für eure Leiden, für eure Interessen kein Gefühl und kein Verständnis besitzen. Weist es von euch als blinde Werkzeuge missbraucht zu werden gegen die Arbeiterturnbewegung, rafft euch doch endlich einmal auf und kämpft mit uns, aber nicht gegen uns".[6]

Friedrich Ludwig Jahn, auch "Turnvater Jahn" genannt.Friedrich Ludwig Jahn, auch "Turnvater Jahn" genannt. (© Public Domain, Lithographie von Georg Ludwig Engelbach, 1852.)
Der Arbeiter-Turnerbund verstand sich nicht als eine Unterorganisation der sozialdemokratischen Partei. Deren politische Ziele traten in den Vereinen des ATB, zumindest in der Anfangszeit bis zum Ersten Weltkrieg, deutlich hinter das Interesse zurück, sich als Arbeiterschaft gegen die gesellschaftliche Ausgrenzung zusammenzuschließen, die Kräfte zu bündeln, für bessere und gesündere Lebensverhältnisse einzutreten und sich ein eigenes gesellschaftliches und kulturelles Umfeld zu schaffen. Arbeiterkultur war ein ausgegrenzter Bereich der wilhelminischen Gesellschaft, und die Turnvereine der Arbeiter gehörten in diesen ausgegrenzten Bereich. In ihnen wurde zwar genauso wie in den bürgerlichen DT-Vereinen geturnt und gespielt, gewandert und gesungen, gefeiert und diskutiert; man blieb aber unter sich, sogar in betonter Abgrenzung zur DT und zu anderen bürgerlichen Vereinen und Verbänden. Auch die Politik spielte eine Rolle. Je mehr sich die DT als nationaler Verband fühlte und gebärdete, umso mehr verstanden sich die Arbeiterturnvereine als sozialistische Vereine, als Träger einer spezifischen proletarisch-sozialistischen Kultur oder Körperkultur. Das hieß aber nicht, dass sich die Arbeiterturner nicht den Traditionen und Idealen der Turnbewegung verpflichtet fühlten. Friedrich Ludwig Jahn wurde ebenso stolz in den Fahnen der Arbeiterturnvereine gezeigt wie in den Turnvereinen der DT oder auch in den Vereinen der "freien" Turner, die sich seit 1921 im Allgemeinen Deutschen Turnerbund organisierten. Das Jahn’sche Motto "frisch-fromm-fröhlich-frei" wurde vom ATB zum "frisch-frei-stark und treu" umgewandelt, was nicht minder bürgerliche Werte zum Ausdruck brachte; und aus dem "Gut Heil" wurde ein "Frei Heil", mit dem sich auch bürgerliche DT-Turner hätten einverstanden erklären können, wenn es nicht von den Sozialisten gerufen worden wäre.

Arbeitersport in der Weimarer Republik



Plakat des Arbeiterschützenbund Deutschlands mit der Aufschrift: "Treibt Schießsport!"Plakat des Arbeiterschützenbund Deutschlands. (© Bundesarchiv, Plak 002-021-013)
Als das Kaiserreich am Ende des Ersten Weltkriegs zusammenbrach und nach der Revolution von 1918/19 die Sozialdemokratie die Macht mit übernahm, wurde die Stellung der Arbeiterorganisationen und auch des ATB gestärkt. SPD und Arbeiterorganisationen wurden in gewisser Hinsicht zu staatstragenden Institutionen, zumal die SPD diese Republik bis zu ihrem Ende stützte bzw. zu stützen versuchte. Das heißt aber nicht, dass sie gesellschaftlich von den höheren bürgerlichen Schichten akzeptiert worden wären. Die Gräben zwischen den verschiedenen Bevölkerungsschichten in Deutschland verringerten sich keineswegs, im Gegenteil: Zu den gesellschaftlichen Unterschieden und den wirtschaftlichen Ungleichheiten kamen unüberwindliche politische und weltanschauliche Differenzen. Während die bürgerlichen Turn- und Sportorganisationen sich für politisch neutral erklärten, aber in Wirklichkeit für bürgerliche und nationale Interessen - oder was sie dafür hielten - eintraten, bekannte sich die Arbeiterturn- und Sportbewegung zum Sozialismus, verstand sich als eine "Turnbewegung klassenbewusster Arbeiter", als "politische Turnbewegung".[7]

Die Arbeiterturn- und Sportvereine nutzten nun den im Vergleich zum Kaiserreich gewonnenen Spielraum, um eine spezifisch proletarisch-sozialistische Körperkultur auszubilden. Die Zahl der Mitglieder in den Arbeiterturn- und Sportvereinen wuchs steil an. Nach dem Krieg wurden 1919 etwa 190.000 Mitglieder gezählt, und schon 1922 erreichte die Arbeiterturn- und Sportbewegung mit rund 1,1 Millionen Mitgliedern einen Höchststand, der mit leichtem Rückgang auch bis zum Ende der 1920er Jahre gehalten werden konnte.[8]

Würzburger Schulmädchen bei gymnastischen Übungen am Rhönrad, 1930.Würzburger Schulmädchen bei gymnastischen Übungen am Rhönrad, 1930. (© Bundesarchiv, Bild 102-16234, Foto: Georg Pahl)
Wie im bürgerlichen Sport breiteten sich auch im Arbeitersport viele neue Sport-, Spiel- und Gymnastikaktivitäten aus; neue Verbände, Vereine und Abteilungen kamen hinzu, vom Arbeiter Athletenbund bis zum Radfahrerbund Solidarität. Die Arbeitersportverbände organisierten sich und gaben Bücher, Zeitungen, Zeitschriften heraus – die bekannteste war die Arbeiter-Turnzeitung –, in denen auch der Sinn, die "Ideologie" des Arbeitersports verbreitet wurde. 1926 konnte der Arbeiter- Turn- und Sportbund (ATSB) – in den sich der ATB 1919 umbenannt hatte – in Leipzig seine prächtige Bundesschule, einschließlich einer Geschäftsstelle und einer Druckerei einweihen. Ein Schwerpunkt war die Jugendarbeit, in der die Arbeiterturn- und Sportvereine Vorbildliches leisteten. Der Radfahrerbund Solidarität verfügte mit über 5.000 Ortsgruppen und bis zu 350.000 Mitgliedern in ganz Deutschland über eine eigene Fahrradfabrik Frischauf in Offenbach. 1926 produzierte sie über 26.000 Fahrräder und Motorräder. Der ATSB veranstaltete große Bundesfeste, 1922 in Leipzig und 1929 in Nürnberg.[9] Die Verbände traten internationalen Sportorganisationen bei und beteiligten sich an den Arbeiterolympiaden. 1925 wurde in Frankfurt von der Luzerner Sportinternationalen (LSI), später Sozialistische Arbeitersport-Internationale (SASI), die 1. Internationale Arbeiter-Olympiade durchgeführt. Die SASI war der Zusammenschluss sozialdemokratischer und sozialistischer Arbeitersportorganisationen aus aller Welt, die sich aber gegen eine Zusammenarbeit mit dem kommunistischen Sport der Sowjetunion aussprachen.

Plakat der Kampfgemeinschaft für rote Sporteinheit, 1933. Aufschrift: "Kampf gegen Kapitalismus, Faschismus-Imperialismus. Für Klassensport in der Einheitsfrontaktion für Sozialismus"Plakat der Kampfgemeinschaft für rote Sporteinheit, 1933. (© Bundesarchiv, Plak 002-019-044)
Wie in der Politik kam es auch in der Arbeiterturn- und Sportbewegung auf dem Höhepunkt ihrer Entwicklung in der Weimarer Republik zum Streit. Nachdem kommunistische Vereine und Parteien immer wieder versucht hatten, einzelne Arbeitersportler und ganze Vereine zu unterwandern und auf diese Weise die gesamte Arbeitersportbewegung bzw. die ganze Arbeiterkulturbewegung unter den Einfluss der KPD zu bringen, wusste sich die Führung des sozialdemokratischen ATSB nicht mehr anders zu helfen, als auf dem 16. Bundestag des ATSB 1928 in Leipzig einen Antrag auf Ausschluss kommunistischer Agitatoren aus dem Bund einzubringen. Der Antrag wurde mit großer Mehrheit angenommen. Trotzdem bedeutete der Trennungsbeschluss eine erhebliche Schwächung der Arbeitersportbewegung insgesamt. Die kommunistischen Turn- und Sportvereine bildeten seit 1930 die Kampfgemeinschaft für Rote Sporteinheit. Auf internationalem Parkett war bereits 1920/21 die Spaltung von sozialistischem und kommunistischem Arbeitersport erfolgt. Der Sozialistischen Arbeitersport-Internationale stand die 1921 in Moskau gegründete kommunistische Rote Sport-Internationale gegenüber. Diese Organisation versuchte mit den Spartakiaden ihre eigene internationale Sport-Festkultur aufzubauen.[10]

Arbeitersport nach 1945



Nach dem Ende des Weltkriegs und des NS-Regimes wurde der Sport in Vereinen rasch wieder aufgebaut. Die wenigen übrig gebliebenen Arbeitersportler und ehemaligen Arbeitersportfunktionäre, die nicht im Krieg, in Gefangenschaft oder in Konzentrationslagern zu Tode gekommen waren, schienen am geeignetsten zu sein, eine neue Sportbewegung im Geiste des Arbeitersports zu begründen. Aber es kam anders. In der DDR wurde die Gründung von Vereinen durch die Staatspartei SED generell untersagt. Auch ehemalige Arbeiterturn- und Sportvereine durften sich nicht wieder gründen. In der Bundesrepublik herrschte die Meinung und Hoffnung vor, dass der Ton in der neuen Sportbewegung von den im Dritten Reich verbotenen und verfolgten Arbeitersportlern angegeben werden müsse. Fritz Wildung, der frühere Generalsekretär des ATB (und Vater von Annemarie Renger, ehemals Präsidentin des Deutschen Bundestags) und andere ehemalige Arbeitersportfunktionäre wie Oscar Drees oder Heinrich Sorg sprachen sich auch deshalb gegen die Gründung eigenständiger Arbeitersportvereine und -verbände aus. Sie beteiligten sich vielmehr am Aufbau eines einheitlichen Dachverbandes des deutschen Sports auf "freiwilliger Grundlage", dem Deutschen Sportbund.[11] Ein wichtiger Grund war wohl auch, dass es keine internationale Arbeitersportbewegung mehr gab, sondern sich die sozialistischen Länder um Anerkennung in der olympischen Bewegung bemühten. Die sozialistischen und kommunistischen Staaten, angeführt von der Sowjetunion, nahmen erstmals 1952 an internationalen Olympischen Spielen teil. Bald dominierten die Leistungen sowjetischer und DDR-Athletinnen und Athleten die Olympischen Spiele. Der Hochleistungssport, der einst von Arbeitersportfunktionären als kapitalistisch und unmenschlich gebrandmarkt worden war, wurde zum Lieblingskind in der Diktatur des Proletariats des ersten Arbeiter- und Bauernstaats in Deutschland. Der Volks- und Massensport bzw. die sozialistische Körperkultur, die noch in 1950er Jahren in der DDR als wesentliche Aufgabe des Staats propagiert worden war, wurde dagegen vernachlässigt. Im kapitalistischen Westen gingen dagegen in den wieder gegründeten Turn- und Sportvereinen des Deutschen Sportbundes mehr oder weniger auch die alten (sozialdemokratischen) Ziele und Ideale der Arbeitersportbewegung auf. Sport für alle, Turnen für Jedermann, Zweiter Weg des Sports, Breiten- und Freizeitsport, Reha- und Gesundheitssport usw. sind heute selbstverständliche Bestandteile der modernen Sportbewegung; und all das zu nach wie vor verhältnismäßig günstigen Preisen, vorbehaltlich des sozialen und ehrenamtlichen Engagements der Vereinsmitglieder.

Nachdem sich die alten, traditionellen Sozialmilieus aufgelöst hatten, und die Modernisierung von Wirtschaft und Gesellschaft neue, diversifizierte Sozialstrukturen hervorbrachte, ist so gesehen das erreicht worden, was sich die Sozialreformer im 19. Jahrhundert erträumt hatten: In den Turn- und Sportvereinen sind die sozialen Stände weitgehend gemischt. Der Sport kennt im Prinzip keine Grenzen, sondern nur Regeln. Sport ist schon lange kein Kennzeichen von Exklusivität und Reichtum mehr. Arm und Reich, Jung und Alt, Männer und Frauen, Deutsche und Nicht-Deutsche, Behinderte und Nicht-Behinderte, solche die etwas für Ihre Gesundheit tun möchten, andere, die Wettkämpfe bestreiten, und dritte, die nur Spaß haben wollen – alle sind im Prinzip gern gesehen in den Vereinen, auf den Sportplätzen und in den Turnhallen, selbst wenn es in der Praxis manchmal nicht so rosig und ideal aussieht. Zwar geben einige "Intelligenzler", wie sich Alwin Martens Mitte des 19. Jahrhunderts ausgedrückt hatte, oder solche, die sich dafür halten, nach wie vor den Ton an, aber bei über 27 Millionen Mitgliedschaften in mehr als 91.000 Vereinen in Deutschland kann man wohl behaupten, dass der Sport eine Massen- und Volksbewegung ist, die alle Schichten der Gesellschaft erfasst hat.

Sie ist allerdings weder sozial noch in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht einheitlich, sondern unterschiedlich, differenziert und diversifiziert. In den letzten Jahren und Jahrzehnten scheint sie immer stärker in den Sog der Kommerzialisierung oder, wenn man so möchte, der kapitalistischen Verwertung der Spiel- und Sportbedürfnisse der Menschen geraten zu sein. Neben den gemeinnützigen Vereinen und Verbänden ist der gewerblich betriebene, privatwirtschaftlich organisierte Sport in Sport- und Fitnessstudios immer stärker geworden. Der Spitzensport sowie der Profisport, insbesondere der Fußballsport, der auch ein Sport der Arbeiter war und ist, stellen heute häufig staatlich hoch subventionierte Geschäftsbereiche oder einen Markt dar, auf dem viel Geld verdient, aber auch verspielt werden kann. Klassenbewusste Arbeitersportler vor 100 Jahren hätten diese Entwicklung sicher nicht klaglos hingenommen.

Zitierweise: Michael Krüger, 150 Jahre SPD – 150 Jahre Arbeiterturn- und Sportbewegung, in: Deutschland Archiv Online, 16.12.2013, http://www.bpb.de/175085


Fußnoten

1.
Einen Überblick über den aktuellen Stand zu Literatur und Quellen zur Geschichte des Arbeitersports geben Hans Joachim Teichler und Jens Klocksin, Arbeiter-Turn- und Sportbund (1893-2009), Bestände im Archiv der sozialen Demokratie und in der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung: mit einem Bestandsverzeichnis der Bibliothek des Sportmuseums Leipzig, Bonn 2012.
2.
Alwin Martens, Ueber das deutsche Turnen, Leipzig 1862, S. 32.
3.
Der Arbeiterfreund, 1866, Artikelserie über „Die Handwerker-, Arbeiter- und ähnliche Vereine in Preußen“, S. 40-90, 222-247, 293-325, hier 312.
4.
Siehe Helga Grebing, Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Von der Revolution 1848 bis ins 21. Jahrhundert, Berlin 2007; sowie Frank Engelhausen, Sozialdemokratie und Staat, in: Steffens (Hg.), Durch Nacht zum Licht? Geschichte der Arbeiterbewegung 1863-2013, Mannheim 2013, S. 408-423.
5.
Teichler und Klocksin, Arbeiter-Turn- und Sportbund (Anm. 1); sowie die Arbeiten zur Arbeiterturn- und Sportbewegung von Teichler, u.v.a Geschichte des ATB/ATSB 1892-2008, in: Anja Kruke (Hg.), Arbeiter-Turn- und Sportbund (1893 - 2009), Bonn 2012, S. 387-405.
6.
Arbeiter-Turnzeitung, 1902, S. 98.
7.
Erich Beyer, Sport in der Weimarer Republik, in: Horst Ueberhorst (Hg.), Geschichte der Leibesübungen, Berlin 1982, Bd. 3/2, S. 657-700, hier S. 681; sowie Hans Joachim Teichler, Arbeitersport als soziales und politisches Phänomen im wilhelminischen Klassenstaat, in: Ueberhorst (Hg.), Geschichte der Leibesübungen, S. 443-484.
8.
Carl Diem, Vereine und Verbände für Leibesübungen (Verwaltungswesen). (Handbuch der Leibesübungen, 1.). Berlin 1923, S. 92ff.
9.
Hans Joachim Teichler und Gerhard Hauk (Hg.), Illustrierte Geschichte des Arbeitersports, Berlin 1987, S. 248.
10.
Herbert Dierker, Arbeitersport im Spannungsfeld der Zwanziger Jahre. Sportpolitik und Alltagserfahrungen auf internationaler, deutscher und Berliner Ebene, Essen 1990; sowie André Gounot, Die Rote Sportinternationale, 1921 – 1937, Münster, Hamburg und Berlin 2002.
11.
Ommo Grupe (Hg.), Die Gründerjahre des Deutschen Sportbundes. Wege aus der Not zur Einheit, Schorndorf 1990.
Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/de/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/de/ Autor: Michael Krüger für bpb.de

 

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