Beleuchteter Reichstag

Typisch Ost - typisch West? Der Blick junger Schweizer auf Deutschland


31.1.2014
Welches Bild haben junge Schweizer von ihren Nachbarn aus dem "großen Kanton"? Unterscheiden sie zwischen Ost- und Westdeutschen, und lassen sich in der Nachwendegeneration überhaupt noch Unterschiede feststellen? Anne Schreiter hat junge Schweizer zu ihrem Deutschlandbild interviewt.

Ein Schweizer Flagge weht im Wind.Schweizer Flagge Lizenz: cc by-sa/3.0/de (Wladyslaw)
In der Schweiz leben und arbeiten derzeit etwa 280.000 Deutsche - trotz steigender Rückkehrerzahlen bei acht Millionen Schweizern eine beachtliche Menge. Das in den Medien kontrovers dargestellte und immer wieder diskutierte Verhältnis der Schweizer Bevölkerung zu den Zugereisten aus dem "großen Kanton" pendelt dort zwischen polemischer Ablehnung und dem Ruf nach internationalem Fachpersonal, zwischen dem Selbstbild des selbstbewussten und multikulturellen Arbeitgebers und einer diffusen Angst vor Überfremdung. Dabei scheint vordergründig die konservative Schweizer Presse - wenn auch sehr vereinfacht - zu unterscheiden: Einerseits zwischen den arroganten, hierarchieverliebten Westdeutschen in Führungspositionen und andererseits den dankbaren und arbeitsamen "Ossis" im Dienstleistungssektor, die den "öden Landschaften Ostdeutschlands" entfliehen konnten.[1] Obwohl in den Schweizer Statistiken kein Unterschied mehr zwischen Ost- und Westdeutschen gemacht wird, ist tatsächlich ein großer Teil der Ostdeutschen in der Bau- oder Baunebenbranche, aber auch in der privaten Pflege oder im Servicesektor tätig.[2]

Die Kombination aus einem hauptsächlich medial vermitteltem und negativ gezeichnetem Bild der ehemaligen DDR und den weniger prestigeträchtigen Jobs ostdeutscher Einwanderer vermittelt zumindest eine diffuse Aura impliziter Abwertung gegenüber dieser Gruppe. Gleichzeitig schreiben Schweizer der Gruppe der Ostdeutschen häufig Eigenschaften wie "Zurückhaltung", "Gemeinschaftssinn" und "Bescheidenheit" zu, die sie auch für sich selbst beanspruchen - "Ossis" seien den Schweizern also näher und damit angenehmer im Umgang als ihre arroganten und lauten Mitbürger aus dem Westen der Bundesrepublik.[3]

"Dritte Generation Ost"



Diese hier holzschnittartig wiedergegebenen Stereotypen und Kategorisierungen von Ost- und Westdeutschen aus einer hauptsächlich durch einige Medien vertretenen Schweizer Perspektive ähneln fast erschreckend den nach wie vor anzutreffenden und grob gezeichneten Bildern deutscher Bürger in Ost und West. Inzwischen mehren sich jedoch die Stimmen der Nachwendegeneration in Deutschland, der "dritten Generation Ost", die sich abseits solcher Klischees positioniert.[4] In einem historisch-gesellschaftlichen Kontext umfasst diese Generation zunächst all diejenigen, die in etwa zwischen 1975 und 1985 in der ehemaligen DDR geboren wurden. Anders als ihre Eltern und Großeltern erlebte diese Gruppe die Wende entweder als Schul- oder sogar noch als Kleinkinder. Die tiefgreifenden Transformationsprozesse der 1990er Jahre sahen sie durch die Brille von Heranwachsenden, deren Bezugspersonen plötzlich zwischen Unsicherheit und dem Ausschöpfen neuer Freiheiten, zwischen völliger Neu-Orientierung und Enttäuschung hin- und herschwankten. Dieser Balanceakt gelang einigen gut, andere zerbrachen daran.

Auch knapp 25 Jahre nach dem Fall der Mauer sind die Folgen der innerdeutschen Teilung nach wie vor spürbar und aktuell, aber sie sind nicht selbsterklärend und auch nicht abgearbeitet. Doch wie sehen das junge Schweizer, die heute etwa im gleichen Alter sind wie die Deutschen der dritten Generation Ost? Wie nehmen sie die Wiedervereinigung des dominanten Nachbarn wahr, die auch sie bewusst kaum miterlebt haben? Inwiefern unterscheiden sie zwischen ost- und westdeutschen Kollegen, Vorgesetzten, Freunden? Tun sie das überhaupt noch? Diesen Fragen haben sich fünf von ihnen gestellt. Sie stehen illustrativ und stellvertretend für diejenigen Schweizer, die gut mit den gesellschaftlich engagierten Mitgliedern der dritten Generation Ost vergleichbar sind. So waren alle Interviewpartner zwischen 25 und 34 Jahren alt, alle sind politisch interessiert und haben einen akademischen Hintergrund, kommen aber aus unterschiedlichen Schweizer Regionen.

"Zeitnahe Geschichte" - Wissen über den Mauerfall



Ganz ähnlich wie auch die gleichaltrigen Deutschen erinnern sich auch die interviewten Schweizer entweder gar nicht oder nur sehr vage und verschwommen an die Ereignisse im November 1989. Es sind dann vor allem Bruchstücke von Fernsehbildern und Radioberichten, aber auch die Reaktionen der Eltern, die ein Gefühl davon vermittelten, dass hier etwas Besonderes passiert sein musste. Die 34-jährige Christina,[5] die nach eigenen Angaben aus einem politisch interessierten Elternhaus kommt, berichtet dazu Folgendes: "Als Kind habe ich nicht mitgeschnitten, worum es da geht. Meine Eltern haben dann versucht, mir zu vermitteln, dass es nicht ein Deutschland gibt, sondern zwei, aber das habe ich nicht verstanden. Ich habe gefragt: 'Warum?' Aber sie konnten mir keine befriedigende Antwort geben."

Die Ereignisse konnten dann erst in der Rückschau reflektiert und eingeordnet werden. Und obwohl die deutsche Wiedervereinigung im Geschichtsunterricht nur an einigen Schweizer Schulen Thema war, hatten alle Interviewpartner die markanten Daten parat und waren sich der historischen Bedeutung bewusst, wie die 32-jährige Julia es in Worte fasst: "Für die Einheit Europas war das der entscheidende Schritt dazu; sowohl symbolisch, inhaltlich und politisch ist das ja eines der bedeutendsten Geschehnisse." Für Julia und auch den 25-jährigen Erik wurde dieser Eindruck vor allem bei Besuchen in Berlin als "zeitnahe Geschichte", so Julia, greifbar. Erik empfand die Kontraste zwischen Ost und West in der Stadt "krass" - in Bezug auf die Architektur, zum Beispiel angesichts der Plattenbausiedlungen in Marzahn und Hellersdorf, die eine "ganz andere Aussagekraft" hätten, "als wenn man in Westberlin den Kudamm runtergeht." Hinzu kommt, dass Erik das Gefühl hatte, "dass im ehemaligen Osten mehr abgeht als im Westteil." Beeindruckt zeigten sich Julia und Erik von den Berliner Gedenkstätten zur deutsch-deutschen Grenze. Dabei attestierte sich Erik, dass er "etwas sozialromantisch" nach Berlin gekommen sei und angesichts der Grenztürme und der Kreuze für die Maueropfer "vielleicht […]manchmal das Leid dahinter" vergessen habe. Ihn fasziniere einfach, "was im Osten abging." Allerdings findet Erik es schwierig, Unterschiede zwischen Ost- und Westberlinern zu identifizieren: "Bewusst ist es, aber man merkt nicht unbedingt, dass einer aus dem Osten oder dem Westen kommt." Einzig über die Gespräche mit älteren Deutschen werden Bruchlinien sichtbar; beispielsweise wenn eine Ostberlinerin von "der Rolle der Frau und der Kinderbetreuungsstruktur" berichtet, die ganz anders als die im Westen waren. Oder aber wenn ein Westberliner, der schon lange im Ostteil der Stadt lebt, von "Ressentiments gegen ihn" erzählt. All das nimmt Erik aber mit dem Interesse des Außenstehenden wahr und ordnet die Erzählungen nicht in ein "Raster von positiv oder negativ" ein. Auch Julia macht Differenzen zwischen Ost und West nicht an den Menschen fest. Vielmehr sind ihr kulinarische Besonderheiten wie Spreewaldgurken im Kopf hängen geblieben. Sie erinnert sich an anderes Interieur und andere Alltagsgegenstände aus der ehemaligen DDR, die es inzwischen als begehrte Retro-Ware wieder in Berliner und sogar Zürcher Geschäften zu kaufen gibt.

Die DDR - eine Reliktekammer



Auf einem Flohmarkttisch liegen eine Blechschild mit der Aufschrift "DDR", alte Anhänger, Abzeichen und weitere DDR-Artikel.DDR-Trödel auf einem Berliner Flohmarkt Lizenz: cc by-sa/2.0/de (Florian B.)
Die DDR ist in den Augen dieser jungen Schweizer eine Reliktekammer, der sie nicht gleichgültig, sondern durchaus mit ehrlichem Interesse, aber ohne emotionalem Bezug gegenüberstehen. Neben der Romantisierung und dem Modeaspekt, die in die Bilder der DDR hineinwirken, spielen auch die Fremdheit und die Ferne der damaligen Zeit eine Rolle. Gerade die Interviewpartner, die noch nicht in den neuen Bundesländern waren, verbinden generell negativ konnotierte Aspekte mit dem heutigen Osten Deutschlands und nennen Attribute wie "strukturschwach, Armut, Zerfall, Rechtsextremismus." Martina, 32 Jahre alt, meint dazu allerdings, dass sie sich selbst nicht sicher sei, "ob das der Osten an sich ist oder eine politische Vorstellung vom Osten." Christina sieht ihre Einstellung durch ein "medial vermitteltes Bild" geprägt und ist sich bewusst, dass dies eine recht "einförmige" Vorstellung sei. Dennoch sei für sie Deutschland grundsätzlich nahe, Ostdeutschland hingegen "weit weg." Ihr sind die regionalen Besonderheiten der grenznahen Schwaben oder der Bayern vertrauter; die der entfernteren Norddeutschen oder Ruhrpöttler sind ihr zumindest nicht fremd. Etwas anders nehmen das Julia und Erik wahr. Für sie geht der Osten Deutschlands völlig in den zahlreichen deutschen Regionalismen auf. Die historischen Besonderheiten Ostdeutschlands sind daher nicht ständig präsent. Der Berlinaufenthalt, aber auch Filme wie "Goodbye Lenin" oder "Das Leben der Anderen" hätten im Bewusstsein der Schweizer Jugendlichen zwar schlaglichtartig den Fokus auf Ostdeutschland und seine besondere Geschichte gelenkt, allerdings differenzieren die beiden Schweizer weniger zwischen Ost- und Westdeutschland im Sinne politischer Zuschreibungen, denn geografischer Räume.

Dialekte und regionale Unterschiede



Unabhängig davon, wie Ostdeutschland wahrgenommen wird, trennen die befragten Schweizer zwischen dem politisch-medialen Bild und ihren eigenen, konkreten Erfahrungen mit Deutschen in der Schweiz. Denn im direkten Kontakt können sie keine Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen ausmachen, ähnlich wie das auch mit Ost- und Westberlinern der Fall war. So stellen sie zwar - wenn überhaupt - dialektale Besonderheiten fest, behandeln in ihrer Bewertung dabei aber Sächsisch nicht anders als Schwäbisch. Auch wenn Julia über ihre ostdeutschen Kollegen witzelt und lachend erklärt: "Na ich sage dann schon im Spaß so Sachen wie ‚Ihr hattet ja nix' oder so", sieht sie darin keine politische Aussagekraft: "Das ist nix anderes als wenn ich sage, die Schwaben seien geizig." Für Christina ist der "Monolith Deutschland" durch ihre Kontakte zu Deutschen während ihres Studiums zum ersten Mal aufgebrochen, und sind Unterschiede überhaupt sichtbar geworden. Bis heute hat sie jedoch "kaum ein Gefühl für deutsche Regionalität." Eine tieferliegende Bewertung von innerdeutschen Stereotypen wird den Schweizer Interviewten daher vielmehr erst durch andere Deutsche gespiegelt. Erik erklärt dazu: "Wenn zwei Deutsche sich treffen, da kommt sehr schnell die Frage: 'Wo kommst du her?' Das fällt mir auf. Und was dann schnell kommt, ist 'Ach ja, aus'm Osten' und dann lachen meistens die Westdeutschen über die Ostdeutschen, aber es wird auch zurückgelacht." Obwohl Erik hier eine negative Tendenz gegenüber "dem Osten" anspricht, relativiert er sie sogleich wieder. Vorurteile beruhten eben auf Gegenseitigkeit und so fährt er fort: "Es geht ja uns Schweizern genauso, ich werde in Basel auch wegen meines Ostschweizer Dialekts belächelt. Wie in Deutschland gibt’s bei uns natürlich Bewertungen, ich komme mit meinem Thurgauer Dialekt da immer schlecht weg, provinziell und Bauern und Bratwurst, und ich habe aber bei den Baslern auch meine Vorurteile" Und so gesteht er Ost- und Westdeutschen zwar "Unterschiede im Erlebten" zu, ergänzt aber: "Es wird immer schwieriger, das nachzuvollziehen, was ist Ost und West. Erstens habe ich das zeitlich nicht erlebt und es ist schwierig, aus der Schweiz eine Außensicht zu haben; Stereotype zwischen geografischen Regionen kann man auch in der Schweiz ausmachen. In Deutschland war das zwar extremer mit der Trennung, ohne direkte Beteiligung ist das aber schwierig zu bewerten." Auch Johannes, 29 Jahre alt, bemerkt zwar bei seinen Landsleuten tiefgreifende regionale Rivalitäten, "der 'Röstigraben'[6] ist das offensichtlichste, aber das geht schon bei Nachbargemeinden los." Allerdings beobachtet er bei den "deutschen Kabbeleien, die man so von Kollegen mitkriegt" noch einen Aspekt, der über kulturelle oder sprachliche Differenzen hinausgeht: "Naja, da spielt vielleicht noch die Bedeutung des politischen Systems eine Rolle. Also der [Ostdeutsche] ist von den Gewohnheiten und der Sprache nicht nur anders, sondern vertritt vielleicht noch ein ganz anderes politisches Programm oder trauert der DDR nach. Und der andere [der Westdeutsche] sieht sich als überlegen, weil er ja im ‚richtigen' Land aufgewachsen ist. Sowas in der Art." Genau wie Erik nimmt Johannes solche Auseinandersetzungen jedoch nur aus der Beobachtung von Deutschen im Kontakt miteinander wahr. Er selbst wäre auf ein solches Muster nicht gekommen: "Aber das ist jetzt nur so eine Interpretation von außen."

"Typische Deutsche"?



Anders als es die Grenzziehungen in der Schweizer Presse vermuten lassen könnten, scheinen die befragten jungen Schweizer also etablierte Ost-West-Differenzen für sich nicht mehr gelten zu lassen. Das liegt einerseits an der wahrgenommenen Verwässerung deutlicher Unterschiede bei den unter 35-Jährigen sowie dem fehlenden historisch-emotionalen Bezug der jungen Schweizer; andererseits sind die aktuellen und übergeordneten Reibungspunkte zwischen der Schweiz und Deutschland deutlich präsenter. Auf die Frage nach dem "typischen Deutschen" antworten die Interviewpartner übereinstimmend. Das Bild vom lauten, direkten, ehrgeizigen "Deutschen" lasse sich nach Martina aber sowohl auf West- als auch auf Ostdeutsche projizieren: "Man kann Charakterisierungen finden, wenn man sie finden will, aber ich glaube, bei einem Ostdeutschen, genau wie bei einem Westdeutschen." Trotz dieser Gleichheitsdiagnose von Ost- und Westdeutschen zieht Julia im Gespräch eine interessante Parallele zwischen der Schweiz und den neuen Bundesländern. So sei Integration in einem Land wie der Schweiz mit vier Sprachräumen und unterschiedlichen Mentalitäten eine alltägliche Herausforderung, ganz ähnlich der vor der Deutschland im Zuge der Wiedervereinigung stand. Auch Christina erwähnt, dass die Schweiz eine "lange Geschichte von reinnehmen und assimilieren" aufweist. Julia, die selbst im Tessin nahe der italienischen Grenze aufgewachsen ist, empfand es bei Aufenthalten in der deutschsprachigen Schweiz jedoch immer als seltsam, dass sie sprachlich und kulturell zu dem einen, aber politisch zu einem anderen Land gehörte. Auch dass sie sich mit Vorurteilen konfrontiert sah, die die Bewohner der größeren Schweizer Kantone und Städte gegenüber den kleineren oder auch gegenüber ländlichen Regionen haben, bezieht sie auf die Situation zwischen den alten und den neuen Bundesländern: "Politisch und strukturell war das in Deutschland schon anders, aber ich kann die Situation der Ostdeutschen nach der Wiedervereinigung schon irgendwie nachvollziehen."

Privilegierte Einwanderer



Poster der Schweizerischen Volkspartei mit der Aufschrift: "Masslosigkeit schadet! Masseneinwanderung stoppen"Poster der Schweizerischen Volkspartei gegen "Masseneinwanderung". (© picture-alliance/dpa)
Im Schweizer Alltag sind Deutsche aus West- oder Ostdeutschland in ihrem Status als verhältnismäßig privilegierte Einwanderer vereint. Die Reaktionen auf die Zuzügler aus dem "großen Kanton" sind dann freilich unterschiedlich, auch in Hinblick auf die jüngeren Schweizer. Wenn Emotionen in gesellschaftspolitischen und sozialen Diskursen aufkochen, drängen nationale Zuschreibungen in den Vordergrund, und Angela Merkel oder Peer Steinbrück werden als Vertreter einer deutschen und häufig der Schweiz weniger zuträglichen Politik wahrgenommen. Doch während beispielsweise die Jugendorganisation der populären rechtskonservativen Schweizer Volkspartei (SVP) sich gewohnt skeptisch bis polemisch gegenüber Ausländern aller Art zeigt und ein gewisses Unbehagen angesichts der Menge deutscher Zuwanderer durchaus auch bei jüngeren Schweizern spürbar ist, sind die Interviewpartner den Deutschen eher pragmatisch und kollegial eingestellt: "Überfremdungsargumente ziehen ja bei den Deutschen nicht. Und im direkten Kontakt merkt man dann doch recht schnell, dass die ja eigentlich ganz normal sind", fasst Christina mit einem Lachen zusammen. Dass das für Deutsche aus den neuen und den alten Bundesländern gleichermaßen zutrifft, muss sie dabei nicht mehr hinzufügen.

Fruchtbare Unterschiede



Der zentrale Unterschied zwischen der dritten Generation Ost in Deutschland und den etwa gleichaltrigen Schweizern liegt in der historischen, emotionalen und gesellschaftspolitischen Betroffenheit. Während sich die erlebte DDR- und Nachwendezeit unmittelbar auf die jüngeren Ostdeutschen ausgewirkt hat und womöglich in konkrete politische Forderungen münden könnte, stehen für die interviewten Schweizer gegenwärtige und zukünftige Entwicklungen mit deutschen Einwanderern ganz allgemein im Fokus. Daher spielt beispielsweise die tagesaktuelle Politik der Schweiz eine größere Rolle als das durchaus vorhandene Interesse für die jüngere Vergangenheit des stark präsenten Nachbarlandes. Innerdeutsche Unterschiede sind im direkten Kontakt zwischen Schweizern und Deutschen daher weniger präsent, sie scheinen aus Schweizer Sicht aber auch keine Rolle im täglichen Miteinander zu spielen. Wahrgenommene Differenzen bewerten die befragten Schweizer als oberflächliche Merkmale, wie sie nicht nur innerhalb Deutschlands, sondern auch in der Schweiz zu finden sind. Gleichzeitig bemerken sie mitunter Nuancierungen in den Zuschreibungen, wenn West- und Ostdeutsche interagieren. Hierbei scheinen sie ein Gefälle in der gegenseitigen Anerkennung zu beobachten, das in typische Regionalismen verpackt latent mitschwingt. Dabei lassen sich aber durchaus auch Parallelen zu Schweizer Minderheiten oder weniger privilegierten Ausländergruppen ziehen, die ähnliche gefühlte Ungleichgewichte erleben.

Gemein ist den hier ausgewählten Schweizern und Deutschen die Einsicht, dass sich ein Nachdenken über die Bedeutung und die Potenziale von Unterschieden, wenn auch in jeweils anderen Kontexten, für die eigene Weitsicht und gesellschaftliche Gestaltungsprozesse lohnen kann. In Zeiten der Globalisierung und damit einer drängenden Notwendigkeit für die Initialisierung und Entwicklung solcher Transformationsprozesse ist eine Verkapselung im Eigenen und Bekannten nicht förderlich. Gerade solche Tendenzen sind aber angesichts der Herausforderungen und Schwierigkeiten gesellschaftlichen Wandels sowohl in der Schweiz als auch in Deutschland zu beobachten. So findet die rechtspopulistische Schweizer Volkspartei mit Initiativen wie dem Minarettverbot oder einer EU-skeptischen, angstbesetzt-protektiven Außenpolitik breiten Zuspruch in der Bevölkerung. In Deutschland wurde bei der letzten Bundestagswahl sichtbar, dass ein ähnlich gefärbtes Programm ebenso Anklang finden kann, wie der Zuspruch zur neugegründete Partei Alternative für Deutschland (AfD) zeigt.

Dem ein mutiges Gegengewicht entgegenzustellen wäre die Aufgabe einer dritten Generation Ost, aber auch einer dritten Generation West und einer offenen Generation Schweiz mit den ihnen jeweils eigenen historisch und gesellschaftlich gewachsenen Kompetenzen.

Zitierweise: Anne Schreiter, Typisch Ost - typisch West? Der Blick junger Schweizer auf Deutschland, in: Deutschland Archiv Online, 31.01.2014, Link: http://www.bpb.de/178095


Fußnoten

1.
Neue Deutsche Welle, in: Die Weltwoche 11/2005.
2.
Vgl. Ostdeutsche in der Schweiz, SRF-Sendung vom 03.10.2010, Redaktion: Martina Arpagaus, online verfügbar unter: http://www.srf.ch/sendungen/input/ostdeutsche-in-der-schweiz (19.1.2014)
3.
Auch Ostdeutsche selbst beanspruchen diese Kategorisierung für sich, wenn auch aus anderen Motiven: Während eine kollektive Gesinnung und damit ein engmaschiges Beziehungsnetzwerk in der Mangelwirtschaft der ehemaligen DDR deutliche Vorteile verschaffen konnte, gehe es dem Schweizer eher darum, in der neutralen Masse nicht aufzufallen (vgl. SRF-Sendung vom 03.10.2010 (Anm. 2); Konrad Mrusek, Migration nach Maß. Die Schweiz profitiert von deutschen Zuwanderern, in: FAZ vom 7.8.2006.)
4.
Vgl. Michael Hacker u.a., Dritte Generation Ost - Wer wir sind, was wir wollen, bpb-Schriftenreihe, Bd. 1285, Bonn 2012.
5.
Die Namen der Interviewpartner wurden für die Publikation anonymisiert.
6.
Der "Röstigraben" verläuft als metaphorische Grenze zwischen Romandie und Deutschschweiz, den beiden größten Schweizer Sprachregionen. Dabei wirkt nicht nur die Sprache, sondern auch das unterschiedliche Abstimmungsverhalten beider Teile trennend. Das namensgebende Rösti ist ein beliebtes Deutschschweizer Kartoffelgericht. Als deutsches Pendant kommt der sogenannte "Weißwurstäquator" in Frage, der als kulturelle Grenze zwischen Altbayern und dem Rest Deutschlands gedacht wird.
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Autor: Anne Schreiter für bpb.de
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