Beleuchteter Reichstag

Politische Fremdbestimmung durch Gruppen – Stabilisator des SED-Staates


15.5.2014
Individualität war in der DDR nicht gefragt. In allen Lebensbereichen dominierten Gruppen wie das "Arbeitskollektiv" das Schicksal des Einzelnen. Die politische Fremdbestimmung durch Gruppen war ein stabilisierender Faktor für das SED-Regime - und wird in der Rückschau häufig verklärt.

Walter Ulbricht empfängt im Juni 1961 eine Pioniergruppe in seinem Amtssitz in Niederschönhausen. Wer als Kind nicht zu den Pionieren gehörte, war gesellschaftlich isoliertWalter Ulbricht empfängt im Juni 1961 eine Pioniergruppe in seinem Amtssitz in Niederschönhausen. Wer als Kind nicht zu den Pionieren gehörte, war gesellschaftlich isoliert (© Bundesarchiv, Bild 183-83465-0006, Foto: Heinz Junge)

Viel wurde bisher über den SED-Staat veröffentlicht und die Diskussionen werden auch heute noch kontrovers geführt, aber eine Frage blieb dennoch weitestgehend unbeachtet, nämlich die, wie die politische Konformität der Masse erreicht wurde. Das Heer der Mitläufer hat dieses System über Jahrzehnte gestützt. Die Angepasstheit großer Teile der Bevölkerung wurde nicht allein durch den Drohfaktor des Ministeriums für Staatssicherheit erreicht. Es gab daneben diverse Zwänge und Abhängigkeiten, die den Untertanengeist beförderten. Ein wichtiger Aspekt war die politische Fremdbestimmung über Gruppen, der jeder Bürger ausgesetzt war und die dem Machterhalt diente.

1. Gruppenleben in der DDR



Das Gruppenleben war in der DDR vielschichtig. Die kindliche Entwicklung führte über Kinderkrippen, Kindergärten hin zum Schulkollektiv. Hier wurden erste Grundsteine für Anpassung, Unterordnung und politische Fremdbestimmung gelegt, denn es ging nicht allein um die Förderung der individuellen Entwicklung des Kindes oder Jugendlichen, mit Hilfe der Pionierorganisation und Freien Deutschen Jugend (FDJ) erfolgte die Beeinflussung hin zur "richtigen politischen" Meinungsäußerung.

Dass diese Einflussnahme von Spiel, Spaß und Sport begleitet wurde, gehörte zum Konzept. Die Kinder waren stolz auf ihr Halstuch und an Jugendtanz mit blauer FDJ-Bluse erinnern sich viele heute noch gerne, fanden sie dabei doch vielleicht ihre erste große Liebe.

Die das frühe Leben begleitende politische Vereinnahmung und die Abwertung der Individualität erfolgten schleichend und wurden kaum bemerkt, denn schließlich machten (fast) alle mit. Ein Kind, das nicht zu den Pionieren gehörte, stand abseits, war ausgestoßen, durfte nicht an den Bastelnachmittagen und Geländespielen teilhaben. Wer wollte so etwas seinen Kindern antun? Die politische Vereinnahmung war der Preis, den jeder "bezahlen" musste, der dazugehören wollte.[1] Der Wechsel von einer Gruppe in die nächste erfolgte nahtlos. Es gab kaum DDR-Bürger, die losgelöst von diesem Gefüge existierten. Solche starken Charaktere, die sich der Vereinnahmung widersetzten, wurden argwöhnisch beobachtet und oftmals mit Zwang in eine der Gruppen eingebunden, um sie zu "erziehen", wie es damals hieß.

Beim Erwachsenen war die Fremdbestimmung durch Gruppenmeinungen aufgrund dieser Entwicklung in Kindheit und Jugend bereits stark ausgeprägt. Egal, welcher Gruppe der Einzelne beitrat, die politische Vereinnahmung war allgegenwärtig. Selbst die Kleingartenvereine blieben davon nicht verschont. Sie beschlossen ihre Programme auf der Grundlage der SED-Parteitage. "Parteigruppenorganisatoren der Spartenvorstände" und die "Genossen Spartenvorsitzenden" organisierten den "sozialistischen Wettbewerb", und weil die Kleintierzucht eine rückläufige Tendenz zeigte, schätzen sie ein, dass ihnen der Beschluss des SED-Politbüros vom 22. Januar 1980 eine große Unterstützung sein würde.[2] Ob Sportverein, Taubenzüchter oder Volkstanzgruppe, wenn es um Rechenschaftsberichte ging, wurde stillschweigend geduldet, dass das Zelebrieren des politischen Gehorsams Pflicht war. Die Masse wollte keinen Ärger haben, und deshalb wurde diese lästige Forderung akzeptiert, auch wenn der Einzelne ganz anderer Meinung war. Mit der Arbeitsaufnahme kamen die Bürger in die wichtigste Gruppe, das Arbeitskollektiv. Durch die "ehrenvolle" Pflicht zur Arbeit waren dort nahezu alle DDR-Bürger erfasst. Jedes Arbeitskollektiv war zugleich Gewerkschaftsgruppe (FDGB) und bei SED-Mitgliedschaft auch Parteigruppe des Betriebes. In den Volkseigenen Betrieben (VEB) gab es hauptamtliche SED-Parteisekretäre und Gewerkschaftsfunktionäre. Daneben existierten Kampfgruppen, jeder wurde agitiert, der Gesellschaft für "Deutsch-Sowjetische Freundschaft" (DSF) beizutreten, was Voraussetzung für die Verleihung des Titels "Kollektiv der sozialistischen Arbeit" (verbunden mit einer Prämie für die nächste Kollektivfeier) war.

Die Bedeutung und Stellung des Arbeitskollektivs werden heute vielfach einseitig dargestellt. In der individuellen Rückschau erinnern sich viele nur daran, dass sie Arbeit hatten und dazugehörten. Dass die Arbeitsbedingungen, insbesondere in der Produktion, oft katastrophal waren, die Löhne kärglich ausfielen, die Arbeitskräfte aufgrund von fehlendem Material gar nicht voll ausgelastet waren und dass es Scheinbeschäftigungen in der Verwaltung ohne Auslastung des Arbeitsvermögens gab, wird oftmals schlichtweg verdrängt.

Auch wird selten hinterfragt, wie sehr die politische Einflussnahme und die Kontrolle des Einzelnen über den Arbeitsprozess aufgrund von diversen Abhängigkeiten organsiert waren. Die Einbindung der Masse in den Arbeitsprozess hatte, was heute die Akten belegen, nicht nur die Aufgabe der Versorgung, sondern sie trug dazu bei, politisches Wohlverhalten einzufordern.

2. Arbeitskollektiv – Lebenszentrum mit Abhängigkeiten



Abgebildet ist eine Familie in ihrem Wohnzimmer.Die Betriebe entschieden über die Vergabe der knappen Wohnungen

Original-Bildtitel (1972): "Heidrun und Joachim Strobel, beide arbeiten als Schlosser im RAW '7. Oktober', konnten im Januar dieses Jahres mit ihrem Töchterchen Anett in eine modernisierte Altbauwohnung ziehen. Sie wurden von ihrem Arbeitskollektiv beim Ausbau dieser Wohnung vorbildlich unterstützt." (© Bundesarchiv, Bild 183-L0207-0022, Foto: Wolfgang Thieme)
Der DDR-Alltag war vom permanenten Mangel bestimmt, der fast jeden Lebensbereich der Bürgerinnen und Bürger berührte. Am meisten bedrückte die große Wohnungsnot. Familien lebten zusammengepfercht in kleinen Wohnungen von schlechter Qualität. Die Häuser zerfielen, weil kein Baumaterial vorhanden war, Hauseigentümer durften nicht bestimmen, wer Mietverträge bekam.[3] Alles unterlag der staatlichen Lenkung. Die knappen Wohnungen wurden zugeteilt. Einen freien Wohnungsmarkt gab es nicht.

Die Wohnungskommissionen der örtlichen staatlichen Räte arbeiteten eng mit den Betrieben zusammen. Das eigentliche Verteilungsverfahren fand auf der Arbeitsstelle statt, denn Mitglieder der gewerkschaftlichen Wohnungskommissionen in den Betrieben befanden über die Dringlichkeit der Wohnungsanträge und unterbreiteten Vorschläge für eine gerechte Verteilung.[4] Den VEB wurde ein "Wohnungsfonds"[5] zur Verfügung gestellt, um den ein heißer Kampf entbrannte, denn die Zuteilung war nur der "Tropfen auf den heißen Stein." Dringlichkeitslisten zeigten auf, dass viele schon unzumutbar lange warten mussten. So beschwerte sich zum Beispiel der Matrose Gerd K. der Seehandelsflotte mit den Worten: "Was bringt denn der X. Parteitag für mich? Muß ich noch 10 Jahre warten, bis ich eine Wohnung bekomme? Für die Aufnahme in die AWG[6] unseres Betriebes muß ich schon 6 Jahre warten, dann noch 4 Jahre auf die Wohnung, dann bin ich fast 40 und brauche keine Familie mehr gründen."[7] Ob ein DDR-Bürger nach Jahren des Wartens endlich die ersehnte Zuweisung für eine Wohnung bekam, hing ganz wesentlich vom subjektiven Urteil dieser Kommissionsmitglieder im Betrieb ab. Wer politisch auffällig war, Gewerkschaftsarbeit verweigerte und auch sonst im Arbeitskollektiv nicht so gut angesehen war, musste mit ständigen Vertröstungen rechnen. Einen Klageweg gab es gegen dieses Vergabeverfahren nicht.

Den Bürgern war bewusst, dass sie eine "positive" Beurteilung ihrer Person benötigten. Viele waren dafür bereit, politische Kompromisse einzugehen. Felix D. war in der Erwartung, sein Wohnungsproblem zu lösen, sogar in die SED eingetreten. Allerdings musste er später erkennen, dass dieser Schritt völlig umsonst war. Am 6.12.1979 wurde er aus der SED ausgeschlossen, in der Begründung heißt es: "Felix D. verstieß laufend gegen die Normen des Parteistatuts. Er nahm nicht an den Mitgliederversammlungen und dem Parteilehrjahr teil. Trotz Aussprachen vor der APO[8]-Leitung und der GO-Leitung änderte er sein Verhalten nicht. Auch bei der Bezahlung des Parteibeitrages gab es laufend Schwierigkeiten. In seinem Kollektiv tritt er nicht parteilich auf bzw. wird als Genosse nicht wirksam. Vielmehr äußert er in den Aussprachen den Standpunkt: ‘Wenn ich gewußt hätte, daß ich auch Beitrag bezahlen muß, wäre ich nicht eingetreten. In meiner Freizeit habe ich keine Zeit für Parteiarbeit, schmeißt mich raus. Ich habe gedacht, durch den Eintritt eine Wohnung zu bekommen."[9]

Politisches Wohlverhalten führte nicht zum Erfolg. Felix D. hatte eigentlich überhaupt kein Interesse an dieser Parteimitgliedschaft. Sein Zugeständnis war rein zweckgebunden. Dieser Mann hatte allerdings den Mut, offen auszusprechen, was er dachte. Die Mehrheit tat es nicht, sondern hoffte weiter darauf, dass ein angepasstes Leben die Sorgen des Alltags erträglicher machen würde.[10]

3. Anspruch auf Informiertheit des Arbeitskollektivs



Arbeiter des VEB Schwermaschinenkombinats "Ernst Thälmann" in Magdeburg gestalten 1974 eine Wandzeitung mit Plakaten des chilenischen Politikers Luis CorvalánArbeiter des VEB Schwermaschinenkombinats "Ernst Thälmann" in Magdeburg gestalten 1974 eine Wandzeitung mit Plakaten des chilenischen Politikers Luis Corvalán (© Bundesarchiv, Bild 183-N1122-0015, Foto: Manfred Siebahn)
Die Einbindung in das Arbeitskollektiv war mit dem Anspruch verbunden, dass der Einzelne bereitwillig Einblicke in sein Privatleben gestattete. In den Arbeitskollektiven herrschte eine große Vertrautheit. Das haben viele durchaus als angenehm empfunden, konnten sie sich doch über ganz private Probleme, wie Kindererziehung, Wohnungsnot, Ehekrisen und Nachbarschaftsstreitigkeiten austauschen.

Verweigerte jemand die Preisgabe seines Privatlebens, so kam er schnell in die Kategorie Außenseiter. Die Leiterin eines Kindergartens vermerkte zum Beispiel über eine Erzieherin am 22. November 1976: "Sie fühlt sich ihrer Familie sehr verbunden und läßt uns nur spärlich an ihren Freuden und Sorgen teilhaben."[11] Ähnlich kritisch am 08. Oktober 1982: "Kollegin K. H. arbeitet seit fünf Jahren in unserer Einrichtung als Hausarbeiter. Sie nimmt ihre Aufgaben sehr ernst, arbeitet fleißig, selbständig und diszipliniert. Sie ist zurückhaltend, verschlossen und schweigsam. Zu den Kolleginnen hat sie Kontakt, aber keine näheren Beziehungen. Kollegin H. ist kritikempfindlich. Sie selbst beleidigt aber manchmal die Mitarbeiter mit kurzen knappen unsachlichen Worten. K. H. ist Mitglied des FDGB und der DSF. Die Funktion als Kassierer bei der DSF legte sie ohne Begründung nieder. Bei aktuell-politischen Gesprächen verhält sie sich sehr schweigsam oder vertritt eine kirchlich gebundene Meinung. Sehr selten stimmt sie der positiven Meinung des Kollektivs zu."[12]

Ein Verhalten, das lobend eingeordnet wurde, liest sich in den Akten am 12. Juni 1976 so: "Zu den Kolleginnen des Kollektivs fand Koll[egi]n F. sehr schnell Kontakt und war auch bestrebt, die Aufgaben des Kollektivs mit zu lösen. Zwischen Kollegin F. und den Kolleginnen entwickelten sich gute zwischenmenschliche Beziehungen wie Hilfsbereitschaft, gegenseitige Achtung, Vertrauen (...)".[13] Ähnlich am 4. Januar 1980: "Im Arbeitskollektiv erleben wir Frau G. stets zuverlässig und hilfsbereit. Sie hat mit vielen Kolleginnen freundschaftliche Bindungen, die ihr persönlich viel geben und bedeuten. Dieses persönliche Glück und die Geborgenheit in unserem Staat bringt sie auch in Gesprächen zum Ausdruck. In der Gewerkschaftsgruppe arbeitet sie seit mehreren Jahren in der Leitung mit. An gesellschaftlichen Einsätzen beteiligt sie sich bereitwillig."[14]

Wer im Arbeitskollektiv Anerkennung bekommen wollte, musste dem Informationsbedürfnis der Gruppe nachgeben. Das führte oft zu Klatsch und Tratsch in den Betrieben mit möglichen Konsequenzen, die dem Betroffenen völlig verborgen blieben.

4. Informationsquelle Arbeitskollektiv



Zwei Arbeiter, die Helme tragen, und eine junge Frau im Gespräch.Es gab zahlreiche Überschneidungen zwischen Betriebs-, Gewerkschafts- und Parteiämtern

Original-Bildtitel (1981): "Zum ersten Mal kandidiert Wolfgang Schurig (M.), Meister im Tetra-Chloral-Betrieb des Chemiekombinates Bitterfeld, für den Bezirkstag Halle. Während einer Beratung in seinem Arbeitskollektiv äußerten seine Kollegen die Meinung, daß Wolfgang Schurig auch als Volksvertreter sein Bestes geben werde." (© Bundesarchiv, Bild 183-Z0428-024, Foto: Thomas Lehmann)
Die große Vertrautheit in den Arbeitskollektiven war bei der Überwachung der DDR-Bevölkerung von Bedeutung. Das wurde allerdings kaum bewusst wahrgenommen, denn es blieb den Arbeitskollegen verschlossen, wer welche Informationen zu welchem Zweck abrief. Jeder hatte im Betrieb eine Kaderakte, die ihn wie ein geheimnisvoller Schatten von Arbeitsstelle zu Arbeitsstelle begleitete, aber der Inhalt dieses Dossiers blieb dem Betroffenen völlig verborgen, denn ein Recht auf Einsichtnahme gab es nicht.

Wie bereitwillig die Informationsquelle Arbeitskollektiv funktionierte, zeigt sich in den Akten im Zusammenhang mit der Genehmigung einer Reise aus dringenden familiären Gründen in die Bundesrepublik. Ein West-Reisekandidat, der zur Silberhochzeit, zum runden Geburtstag oder zur Beisetzung von Vater und Mutter ausreisen wollte, war ein potenzieller "Republikflüchtling" und wurde sehr genau "unter die Lupe" genommen, auch durch das Arbeitskollektiv. Die "Arbeitsstelle" erhielt ein "Zustimmungsrecht" zu dieser Reise[15] und die Akten zeigen auf, dass nicht nur Aussagen zur politischen Zuverlässigkeit getroffen wurden, sondern auch sehr detaillierte Angaben zum Privatleben bei den Entscheidungsträgern ankamen, wie diese Beispiele belegen:

26. Juni 1973 "Genossin H. geht im Oktober in Rente. Ihr Ehegatte ist Invalidenrentner. Uns ist bekannt, daß sie sich abfällig über ihre Ehe geäußert hat und vor Jahren die Scheidung in Erwägung gezogen hat."[16]

19. Oktober 1981 "In den letzten Jahren war sie sehr anfällig an ihrer Gesundheit (...) Besonders litt Koll[egi]n F. darunter, daß ihr Sohn P. geb. (...) wegen Betrugs mehrfach vorbestraft wurde."[17]

20. April 1982 "Die Ehe der Kollegin B. ist kinderlos. Ihr Ehemann leidet seit Jahren an einer schweren Rheumaerkrankung. Die Familie hat sich ein gemütliches Heim geschaffen. Ihr Hobby ist die Pflege eines Pudels, für den sie viel Zeit und Tierliebe aufwenden."[18]

04. Dezember 1984 "Fam. R. bewohnt eine gut eingerichtete Dreiraumwohnung in Lütten -Klein. Finanzielle Schwierigkeiten sind mir nicht bekannt. Sie führt ein ordentliches Familienleben. Gesundheitlich leidet sie stark unter Rückenschmerzen."[19]

14. April 1986 "Sie ist verheiratet und Mutter von vier Kindern. Ihr Mann und der älteste Sohn fahren zur See. Mit den Kindern hat sie verhältnismäßig sehr große Probleme. Besonders zu dem ältesten Sohn, der zur See fährt, besteht ein besonders gespanntes Verhältnis. Frau L. bewohnt eine 2 1/2 Neubauwohnung in (...), die sehr gut eingerichtet ist. Sie besitzen einen Lada. Finanzielle Schwierigkeiten sind nicht bekannt."[20]

28.02.1989 "Koll[egi]n P. ist verheiratet und bewohnt mit ihrem Mann und zwei erwachsenen Söhnen eine 4-Raum-Neubauwohnung. Die Familie ist gut eingerichtet, verfügt aber über keine größeren Besitztümer. Frau P. kümmert sich sehr viel um ihre kranke Mutter in (...) und beschäftigt sich in ihrer Freizeit vorwiegend mit Handarbeiten."[21]

Diese Beispiele verdeutlichen, wie selbstverständlich über das Privatleben der Arbeitskollegen geurteilt wurde. Die Entscheidungsträger mussten diese Informationsquelle lediglich abrufen, aber in welchem Umfang Auskünfte gegeben wurden, hing sehr von den Charakteren ab, die Verantwortung trugen und informieren sollten. Wer als Vorgesetzter nur kurz und knapp seine Zustimmung zur Westreise des Kollegen erklärte, ohne auf persönliche Schwierigkeiten oder politisch zweifelhafte Auffassungen des Reisekandidaten hinzuweisen, ging ein großes Risiko ein.[22] Wenn der reisende Kollege nicht in die DDR zurückkehrte, also nach damaligem Verständnis "Republikflucht" beging, musste sich der Vorgesetzte für seine Fehleinschätzung verantworten und ein beruflicher Abstieg war deshalb nicht ausgeschlossen.

5. Gruppentribunale



In der DDR gab es Gruppentribunale, um das Individuum "zu erziehen" oder auch für seine Angepasstheit zu loben.[23] Dazu gehörte auch das Arbeitskollektiv, dem ganz unterschiedliche Kompetenzen eingeräumt wurden, die dem Einzelnen einen Rechtfertigungszwang auferlegten. Auf der Arbeitsstelle wurde kollektiv verteilt, gelobt und getadelt. Beendete jemand beispielsweise sein Arbeitsverhältnis, so hatte er einen rechtlichen Anspruch auf eine Beurteilung, ähnlich wie heute, nur damals entstand diese Einschätzung unter Hinzuziehung des Kollektivs: "Der Betrieb hat zu sichern, dass die Beurteilung im Arbeitskollektiv beraten wird und der Werktätige an der Beratung teilnehmen kann."[24] Bei der Erfüllung kollektiver Arbeitsnormen bekam der Einzelne seinen Lohnanteil "nach Beratung im Kollektiv".[25] Die Jahresendprämie wurde vom Betriebsleiter "nach Beratung im Arbeitskollektiv festgelegt".[26] Vorschläge für "staatliche Auszeichnungen" waren "im Arbeitskollektiv zu beraten".[27] Erzieherische Verfahren vor der Konfliktkommission hatte der Disziplinarbefugte "unter Mitwirkung der Werktätigen" so auszuführen, dass der Werktätige seine Fehler erkennen konnte und künftig seine Arbeitspflichten ordnungsgemäß wahrnahm."[28]

Beging ein Arbeitskollege eine Straftat, so konnte das Arbeitskollektiv eine "Bürgschaft" übernehmen und dem Gericht vorschlagen, eine Strafe ohne Freiheitsentzug auszusprechen. Wenn das Gericht dem folgte, so war das Kollektiv "verpflichtet, die Erziehung des Rechtsverletzers zu gewährleisten."[29] Der Verurteilte hatte in bestimmten Abständen Rechenschaft über die Einhaltung seiner Auflagen abzugeben. War das Arbeitskollektiv der Meinung, dass der Kollege seinen Pflichten nicht nachkam, so konnte der Vollzug der Freiheitsstrafe beim Gericht beantragt werden.

Die Machtverhältnisse waren eindeutig. Die Gruppe dominierte die Entscheidung und der Einzelne konnte nur um Wohlwollen bitten, denn er war sich der Abhängigkeiten durchaus bewusst. Ein Beispiel aus den Akten soll aufzeigen, welche Konsequenzen es hatte, wenn jemand die dominante Rolle der Arbeitskollektive negierte:

Frau B. wollte als Invalidenrentnerin ihre kranke Tante in der Bundesrepublik besuchen. Obwohl sie schon aus dem Arbeitsleben ausgeschieden war, benötigte sie die Zustimmung der letzten Arbeitsstelle für diese Reise. Am 29. Oktober 1985 gab das Kollektiv diese Stellungnahme ab:

"Nach Rücksprache mit der Kollegin erfuhren wir, daß ihre 75-jährige Tante sich einer Operation unterziehen muß und den Wunsch hat, ihre Nichte noch einmal zu sehen. Wir sind der Meinung, daß Koll[egi]n B. schon weiten Abstand vom Kollektiv gewonnen hat, denn sonst hätte sie uns sicher von ihrem Vorhaben in Kenntnis gesetzt. Koll[egi]n B. ist seit einem ¾ Jahr Invalidenrentner, daher ist unser Kollektiv der Meinung, daß die Koll[egi]n B. den Antrag verfrüht gestellt hat. Zu einem späteren Zeitpunkt würde das Kollektiv auf Grund der geleisteten Arbeit im Kindergarten keinen Einwand haben."[30]

Wäre Frau B. vor ihrer Antragstellung mit einem Kuchen im Kindergarten vorstellig geworden und hätte um das Wohlwollen der Kollegen gebuhlt, wäre die Stellungnahme vielleicht anders ausgefallen. Außerdem wussten die Schreiber, dass Frau B. den Inhalt dieser Mitteilung nicht zur Kenntnis bekam. Sie mussten sich vor ihr selbst nicht rechtfertigen und konnten den eingeräumten Machtspielraum hinter dem Rücken der Frau selbstherrlich ausnutzen.

Wie wichtig es für den Einzelnen war, mit dem Gruppenleben in Eintracht zu stehen, zeigt ein weiterer Aktenvorgang auf. Kapitän Jürgen R. war 30 Jahre lang im VEB Deutsche Seereederei tätig. 1984 besuchte er während seiner letzten Reise heimlich Verwandte in Neumünster und erlaubte auch dem E-Ingenieur "BRD-Verwandte aufzusuchen", was als "grober Verstoß gegen die Klassenwachsamkeit" gewertet wurde.[31] Daneben führte er Geschenke (Lackbilder aus Vietnam, drei Vasen, ein Radio, Stoff und einen Katalog) unerlaubt in die DDR ein. Die Konsequenzen waren hart. Er wurde fristlos entlassen und bekam ein Arbeitsverbot in allen Kombinatsbetrieben. Zusätzlich drohte der Ausschluss aus der SED. Der Kapitän wehrte sich gegen diese unangemessene Bestrafung nicht, sondern bereute seine Handlungen zutiefst und bat untertänig um ein Absehen vom Rauswurf aus der SED:

"Ich hatte mit einer strengen Bestrafung gerechnet, die eingeleiteten Maßnahmen waren jedoch äußert hart. Die fristlose Abberufung, Streichung des Sichtvermerks, Arbeitsverbot in allen Kombinatsbetrieben und der wahrscheinliche Ausschluß aus der Partei sind für mich ein politisches, gesellschaftliches und berufliches Aus, von dem ich mich niemals wieder erholen kann. Dabei wiegt natürlich eine Parteiausschluß sehr schwer. Jeder Betrieb wird mit Recht skeptisch sein, einen mit den disziplinarischen Höchststrafen des Gesetzbuches der Arbeit und des Parteistatuts bestraften Genossen einzustellen. In Anbetracht meiner 30jährigen Dienstzeit im Kombinat und 18jährigen Tätigkeit als Kapitän wage ich die Bitte zu äußern, von einem Ausschluß noch einmal abzusehen, um mir außerhalb des Kombinates einen neuen Anfang zu ermöglichen." Doch auch diese Bitte wurde ihm verwehrt. Am 9. Januar 1985 erfolgte der Ausschluss aus der SED wegen "politisch verantwortungslosem Verhalten", "persönlicher Bereicherung" und "Raffgier". Jürgen R. war für das Gruppentribunal nur noch "Abschaum" und so sah er sich auch selbst:

"Werde Schwierigkeiten haben, Arbeit zu bekommen (…) wollte gerne doch noch irgendwie im Hafen arbeiten, aber das geht wohl nicht, wer nimmt schon so einen."

Die anerzogene Abwertung der Individualität kommt in den vom Bestraften selbst gewählten Worten "wer nimmt schon so einen" zum Ausdruck. Der Kapitän war ein Ausgestoßener, dem der schwere Weg bevor stand, eine neue, anerkannte Einbindung in die gesellschaftlichen Gruppen zu finden.

6. Politische Erziehungsfunktionen



Jungpioniere unterzeichnen einen Apell zur Freilassung Nelson Mandelas. Im Hintergrund ist ein Plakat mit Nelson Madela zu erkennen.In den Pionierorganisationen gingen Spiel, Spaß und Sport mit politischer Einflussnahme Hand in Hand

Original-Bildtitel (1987): "Die Nelson-Mandela-Oberschule in Ilmenau verabschiedete einen Appell für die Freilassung des Führers des Afrikanischen Nationalkongreses (ANG) von Südafrika, dessen Namen sie trägt. Jungpioniere bei der Unterzeichnung des Appells." (© Bundesarchiv, Bild 183-1987-0805-026, Foto: Helmut Schaar)
Die SED-Funktionäre waren sich der Vorteile der Einflussnahme über die Arbeitskollektive wohl bewusst und nutzten diese Mechanismen auch, um politische Probleme, wie den drastischen Anstieg von Ausreiseanträgen in die Bundesrepublik in den Griff zu bekommen. So heißt es in einer "Vertraulichen Verschlußsache" des Innenministers der DDR, Friedrich Dickel, dass zur Zurückdrängung dieser Anträge eine "breite gesellschaftliche Front" geschaffen werden solle.[32] Dazu gehörte, dass sogenannte Vorbeugungsgespräche in den Betrieben gehalten werden mussten.

Diese Gespräche forderte die Staatssicherheit ein, sie wurden bei "geringsten Anzeichen auf ein baldiges illegales Verlassen der DDR", zum Beispiel dem Verkauf von Möbeln oder Auflösen von Konten, zwangsweise abgehalten. Je nach "operativem Nutzen" fanden die Gespräche unvorbereitet auf der Arbeitsstelle oder auf dem Polizeirevier statt. Die Staatssicherheit appellierte an alle "fortschrittlichen" Kräfte, hier mitzumachen, ausdrücklich aufgeführt: "Vertreter der örtlichen Organe, Funktionäre aus dem Betrieb, Autoritätspersonen aus dem Arbeitskollektiv, Funktionäre von Parteien und Massenorganisationen, die zu ihnen im Wohn- und Freizeitbereich Kontakt haben".[33]

Die Frage, ob jemand tatsächlich eine solche Ausreise beabsichtigte, war unwichtig. Das Ziel war, den in Verdacht geratenen Bürger einzuschüchtern. 1984 verschärfte sich der Ton. Der Staatssekretär Kurt Kleinert übermittelte in einer "Vertraulichen Verschlußsache", was die politische Führung von den Arbeitskollektiven erwartete:

"Durch die Leiter der Betriebe (…) ist in jedem Einzelfall konkret zu prüfen und festzulegen, welche weiteren Formen und Methoden der politisch-ideologischen Einflussnahme unter Beachtung der konkret vorhandenen Bedingungen weiter anzuwenden sind. Stärker als bisher sind dabei die Möglichkeiten der Arbeitskollektive zur unmittelbaren und wirksamen Einflussnahme auf die Zurückdrängung von ersten Anzeichen auf eine beabsichtigte Übersiedlung sowie eine offensive Zerschlagung bereits bestehender Übersiedlungsabsichten einzusetzen. Dort, wo Übersiedlungsersuchende arbeiten, wo man sie am besten kennt, sind alle aufrichtigen und klassenbewussten Bürger, der ‚Kollege nebenan’, in die offensiven Auseinandersetzungen mit solchen Personen einzubeziehen. Diese Auseinandersetzungen in den Arbeitskollektiven müssen frühzeitig beginnen, bereits bei den ersten Anzeichen, ohne auf eine offizielle Aufforderung zu warten. Bei Versuchen solcher Personen, sich gegen die Kollektive zu stellen und diese bzw. unseren Staat verächtlich zu machen, müssen sie, ausgehend von einem klaren Standpunkt der Arbeiterklasse, konsequent in die Schranken verwiesen werden."[34]

Die Funktionäre forderten ein schärferes Vorgehen des Gruppentribunals Arbeitskollektiv ein, was sie allerdings nie öffentlich machten, sondern immer in "Vertraulichen Verschlußsachen" regelten. Dass dieses Verlangen oftmals am menschlichen Anstand der Kollegen scheiterte, ist unbestritten, aber das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass so mancher Parteisekretär, Gewerkschaftsfunktionär oder einfach nur der kleine politische Wichtigtuer im Arbeitskollektiv Freiräume für Repressalien bekam, die jenseits der juristischen Kontrolle angesiedelt waren und die dieser Personenkreis politisch gehorsam nutzte.

Es war eine Frage des einfachen menschlichen Anstands, ob sich jemand in diesen Repressionsapparat einbinden ließ. Solche, die es taten, behaupten heute gern, dass sie dazu gezwungen wurden.. Es gab auch DDR-Bürger, die gerne mitmachten und sich überlegen und wichtig fühlten, wenn sie andere "in die Mangel" nehmen konnten.

7. Fazit



Die politische Fremdbestimmung über Gruppen stabilisierte den SED-Staat. Nicht, was der Einzelne dachte und meinte, war von Bedeutung, sondern die Gruppenmeinung dominierte. Auf diese Art und Weise wurde die politische Konformität der Masse erreicht.

Den zentralen Zusammenschlüssen, wie den Arbeitskollektiven und betrieblichen Partei- und Gewerkschaftsgruppen, wurde eine völlig überzogene politische Bedeutung suggeriert, Gewissenskonflikte des Einzelnen wurden durch die vermeintliche Tatsache, dass es ja alle wollten, vielfach verdrängt. So entstand das Heer der Mitläufer, das diesen SED-Staat wesentlich über Jahrzehnte stützte und durch das auch Unrecht "von unten" angerichtet wurde. Ellen Brockhoff, ein Opfer des SED-Regimes, gab zu Protokoll:

"Und ich sage mir auch heute, daß es nicht nur der Staat war und nicht nur das System, nicht nur die da oben. Das waren, gerade für mich, auch die da unten, die zu allem fähig waren wie schon einmal, als nur wenige die Hand zum Gruß nicht hoben. Die fürchterlichen Gesetze kamen zwar von oben, aber nirgends stand geschrieben, besonders grausam zu sein. Das setzten die Untertanen des Regimes der letzten Jahrzehnte von ganz allein und mit Erfindungsreichtum gegen ihre Nachbarn, Kollegen, Freunde, Ehepartner in die Tat um, freudig manchmal, berechnend und eifrig öfter. (…) Die Macht war immer spürbar von oben, vom Staat. Die Bedrängnis aber, die Verletzung, die Beleidigung geschah vielfach durch Mitbürger."[35]

Heute wird dieser Teil der jüngsten deutschen Geschichte häufig verdrängt. Es entsteht oft der Eindruck, als hätte es in der DDR nur einen Unterdrückungsapparat, nämlich das Ministerium für Staatssicherheit gegeben, aber diese Sichtweise ist falsch. Das Unterdrückungssystem hatte viele Facetten, die in ihrem ganzen Umfang betrachtet werden müssen.

1989/1990 brach das gesamte Gruppengefüge praktisch über Nacht zusammen. Nicht Wenige fielen plötzlich in eine tiefe Isolation, die sie bis dahin nicht kannten und mit der sie auch nicht umgehen konnten. Orientierungslosigkeit und Existenzängste begleiteten diesen enormen Umbruch im Leben der Menschen.

Plötzlich wurde jeder damit konfrontiert, eigene Entscheidungen treffen zu müssen, Risiken selbst abzuwägen und die volle Verantwortung für sein Leben in einer völlig fremden Gesellschaft zu übernehmen. Die Rückkoppelung durch die Gruppe, ob etwas richtig oder falsch war, gab es nicht mehr. Das hat viele überfordert und völlig verunsichert, so dass im Abstand der Jahre die damals praktizierte Vereinnahmung durch Gruppen mit der Aufgabe der Eigenverantwortung und der Verpflichtung, nur das zu tun, was von der Allgemeinheit verlangt wird, als ganz annehmlich erscheint. Daraus nährt sich heute eine zunehmende Verklärung der DDR, insbesondere bei denen, deren berufliches Leben nach dem Zusammenbruch des Staates von Arbeitslosigkeit geprägt war. Der geschönte Rückblick auf den damaligen "Zusammenhalt" und das "Wir-Gefühl" vermittelt eine autoritätsfreundliche Sichtweise.

Es liegt wohl in der Natur der Menschen, nur die guten Seiten in Erinnerung zu behalten und die kritischen Aspekte auszublenden, aber das darf uns nicht davon abhalten, einen realistischen Rückblick auf das gesamte Machtgefüge dieser letzten deutschen Diktatur vorzunehmen.

Zitierweise: Heidrun Budde, Politische Fremdbestimmung durch Gruppen – Stabilisator des SED-Staates, in: Deutschland Archiv, 15.05.2014, Link: http:\\www.bpb.de\183475


Fußnoten

1.
Der Beruf des Lehrers wurde als "Staatsfunktionär" (in: Schreiben vom 20.1.1975, Archiv der Hansestadt Rostock (AHR), Akte VA 1860/90 oder "politischer Funktionär" (in: Schreiben vom 13.11.1972, AHR, Akte VA 1844/90) eingeordnet. In einem Schreiben vom 11.3.1986 wurde Frau I., eine Fachlehrerin für Mathematik kritisiert, weil sie "stark religiös gebunden" war und "nicht als politischer Leiter eines Schulkollektivs" auftrat (in: Schreiben vom 11.3.1986, AHR, Akte VA 1860/90). Ähnlich erging es Herrn L., der Lehrer für Sport und Russisch war. Ihm wurde vorgehalten, dass er Schwierigkeiten hatte, seine Aussprachen mit den Schülern so zu führen, dass er dabei "die führende Rolle eines verantwortlichen Leiters für ein politisch organisiertes Kinderkollektiv übernimmt" (in: AHR, Akte VA 1844/90).
2.
Bericht des Sekretärs des Verbandes der Kleingärtner, Siedler und Kleintierzüchter in der Bezirksorganisation Rostock für das Jahr 1979, in: Landesarchiv Greifswald (LAG), Aktenzeichen Rep. IV D 2.3, Nr. 142.
3.
"Hauseigentümer (…) haben die Pflicht, (…) freien, frei werdenden und neu geschaffenen Wohnraum sowie die unberechtigte Nutzung unverzüglich zu melden (…) Hauseigentümer (…) sind verpflichtet, auf der Grundlage der Wohnungszuweisung einen Mietvertrag abzuschließen. Sie dürfen im Interesse einer planmäßigen Wohnraumversorgung der Bürger ohne gültige Zuweisung des für die Wohnraumlenkung zuständigen Organs Wohnraum an Dritte nicht überlassen." Verordnung über die Lenkung des Wohnraums vom 14.9.1967, in: Gesetzblatt (GBL) der DDR, Teil II, Nr. 105, §§17 und 18. Bei Nichteinhaltung drohte ein Ordnungsstrafverfahren. Gleichwohl waren die Eigentümer für die Instandsetzung, Instandhaltung und Modernisierungen der Wohnungen auf eigene Kosten verpflichtet. Die Folge war, dass die Eigentümer von Mehrfamilienhäusern diese finanzielle Belastung nur loswerden wollten und sie unentgeltlich in Volkseigentum überführen ließen. So haben sich die Hausbesitzer praktisch freiwillig enteignet.
4.
"In den Betrieben wirken gewerkschaftliche Wohnungskommissionen als Organe der Betriebsgewerkschaftsleitung an der Wohnraumlenkung mit. Sie unterbreiten Vorschläge für eine zweckmäßige Nutzung und gerechte Verteilung des Wohnraums (…)", Verordnung über die Lenkung des Wohnraums vom 16.10.1985, in: GBL der DDR, Teil I, Nr. 27, § 17 Absatz 2.
5.
§ 6 der Verordnung über die Lenkung des Wohnraums vom 14.9.1967, in: Gesetzblatt (GBL) der DDR, Teil II, Nr. 105.
6.
Arbeiter-Wohnungsbaugenossenschaft.
7.
Dokument der Kreisleitung der SED, Seeverkehr und Hafenwirtschaft, Abt. Parteiorgane/Information vom 13.8.1981 mit dem Titel "Stimmen und Meinungen der Werktätigen zu aktuellen innen- und außenpolitischen Fragen", in: LAG, Aktenzeichen IV/D/4/12, Nr. 184.
8.
Abteilungs-Parteiorganisation.
9.
Beschluss über die Erteilung einer Parteistrafe (Parteiintern) Vertrauliche 13/12/94 Verschlußsache Nr. 43/80, LAG, Rep IKL IV/D/4/12 Nr. 222.
10.
Verteilungskämpfe gab es nicht nur zu Wohnungsfragen, auch gewerkschaftliche Urlaubsplätze sowie Kinderkrippen- und Kindergartenplätze wurden über die Betriebe zugewiesen.
11.
Konvolut. Besuchsreisen in die BRD 1970 bis 1979, in: AHR, Akte VA 1844/90.
12.
Konvolut. Besuchsreisen in die BRD 1980 bis 1983, in: AHR, Akte VA 1843/90.
13.
Konvolut. Besuchsreisen in die BRD 1970 bis 1979, in: AHR, Akte VA 1844/90.
14.
Konvolut. Besuchsreisen in die BRD 1980 bis 1983, in: AHR, Akte VA 1843/90.
15.
"Bei der Beantragung von Ausreisen nach nichtsozialistischen Staaten und Westberlin haben Berufstätige eine schriftliche Zustimmung ihrer Arbeitsstelle vorzulegen." Anordnung über Regelungen im Reiseverkehr von Bürgern der DDR des Ministers des Innern vom 17.10. 1972, in: GBL der DDR, Teil II, Nr. 61, Seite 653 und 654, 3 (1).
16.
Konvolut. Besuchsreisen in die BRD 1970 bis 1979, in: AHR, Akte VA 1844/90.
17.
Konvolut. Besuchsreisen in die BRD 1980 bis 1983, in: AHR, Akte VA 1843/90.
18.
Ebd.
19.
Konvolut. Besuchsreisen in die BRD 6/1984 bis 6/1986, AHR, Akte VA 1876/90.
20.
Ebd.
21.
Konvolut. Besuchsreisen in die BRD 1/1989 bis 9/1989, in: AHR, Akte VA 1848/90.
22.
Die geheimen Vorschriften gingen davon aus, dass ein DDR-Bürger, der gerade in einer Ehekrise lebte oder sonstige Probleme in der Familie hatte, eher geneigt war, in der Bundesrepublik zu verbleiben, also ein Kandidat für eine "Republikflucht" war. Deshalb war man an solchen Informationen besonders interessiert. Siehe Anweisung des Ministers des Innern Nr. 0157/76 über Ausreisen von Bürgern der DDR nach der BRD und Westberlin, erlassen am 24.09.1976 als "Vertrauliche Verschlußsache" Nr. I 020784.
23.
Das begann schon in der Schule. Bei schweren Verfehlungen wurde der Betroffene beim Fahnenappell öffentlich an den Pranger gestellt oder musste sich vor der Klasse rechtfertigen.
24.
Arbeitsgesetzbuch der DDR (AGB) vom 16.07.1977, § 67 Absatz 2, GBL der DDR I, Nr. 18, S.185 ff.
25.
AGB, § 108.
26.
AGB, § 118.
27.
AGB, § 93 Absatz 3.
28.
AGB, § 256 Absatz 3.
29.
§ 31 Strafgesetzbuch der DDR vom 19.12.1974, GBL der DDR I 1975, Nr. 1, S. 13ff.
30.
Besuchsreisen in die BRD 6/84 bis 6/86, in: AHR, Akte VA 1876/90. Grundlage für die Forderung nach der Zustimmung der Arbeitsstelle war die interne Dienstvorschrift Nr. 40/74 des Ministers des Innern und Chefs der Deutschen Volkspolizei über den grenzüberschreitenden Personenverkehr vom 30.11.1974. Unter Punkt 3.1.2 war vorgegeben, dass Rentner, auch Invalidenrentner, noch bis drei Jahre nach Ausscheiden aus dem Arbeitsprozess diese Zustimmung der letzten Arbeitsstelle benötigten, in: Bundesarchiv (BArch), DO 1/60127-60216.
31.
Beschluss über die Erteilung einer Parteistrafe (Parteiintern) Vertrauliche 13/12/94 Verschlußsache Nr. 9/85, in: LAG, Aktenzeichen Rep. IV E 4/12 Nr. 257. Die nachfolgenden Aussagen des Kapitäns beziehen sich auf diese Akte.
32.
Ordnung Nr. 0118/77 des Ministers des Innern und Chefs der Deutschen Volkspolizei über das Vorgehen bei der Unterbindung und Zurückdrängung von Versuchen von Bürgern der DDR, die Übersiedlung nach der BRD oder nach Westberlin zu erreichen vom 8.02.1977, in: BArch, VVS I 020 815, Blatt 6, Akte DO 1/61217-61235.
33.
Grundlage war die Dienstanweisung Nr. 4/75 von Generalmajor Kraus als "Vertrauliche Verschlusßache Rst 001-117/75", in: BStU, Außenstelle Rostock-Waldeck, MfS BV Rostock Büro der Leitung, Archiv Nr. 985.
34.
Hinweise zur Erläuterung der "Verfügung des Vorsitzenden des Ministerrates zur Gewährleistung des einheitlichen, abgestimmten Vorgehens der staatlichen Organe, Kombinatsbetriebe, Einrichtungen und Genossenschaften zur Unterbindung und Zurückdrängung von Versuchen von Bürgern der DDR, die Übersiedlung nach nichtsozialistischen Staaten und Westberlin zu erreichen" (VVS B 2 – I 084246, S. 6-7) von Staatsekretär Kurt Kleinert am 11.07.1984 an die Leiter anderer zentraler Staatsorgane, Stellvertreter der Vorsitzenden der Räte der Bezirke für Inneres, Vorsitzende der Räte der Kreise, Stellvertreter der Vorsitzenden der Räte der Kreise für Inneres, Bürgermeister der Stadtbezirke, Stellvertreter der Bürgermeister der Stadtbezirke für Inneres, Chefs der BDVP, Leiter der VPKA, Generaldirektoren der zentralgeleiteten Kombinate und Direktoren der bezirksgeleiteten Kombinate gegeben, VVS B 2 – I 084246, S. 6-7. Quelle: Schriftgutverwaltung des Bundesministeriums des Innern.
35.
In: Enquete-Kommission zur Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland, Band IV Recht, Justiz, Polizei, 1995, S. 285 und 291.
Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Heidrun Budde für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.

 
Ernst Fraenkel, 1959.Heidrun Budde

Fraenkels "Doppelstaat" und die Aufarbeitung des SED-Unrechts

Heidrun Budde wendet ein Denkmodell des Politologen Ernst Fraenkel auf die DDR an. Sie arbeitet anhand von Beispielen heraus, dass in der DDR ein Nebeneinander eines "Normenstaates", der die eigenen Gesetze achtet, und eines "Maßnahmestaates", der die gleichen Gesetze übergeht, sobald eine Angelegenheit als "politisch" definiert wird, geherrscht hat. Weiter... 

Publikationen zum Thema

Deutschland Archiv 2016

Deutschland Archiv 2016

Der Band enthält eine Auswahl der wichtigsten Artikel, die im Jahr 2016 erschienen sind.

Schriftenreihe Bd. 1664 "Deutschland Archiv 2015": Cover

Deutschland Archiv 2015

Der Band enthält eine Auswahl der wichtigsten Artikel, die im Jahr 2015 erschienen sind.

Schriftenreihe Bd. 1544 "Deutschland Archiv 2014": Cover

Deutschland Archiv 2014

Der Band enthält eine Auswahl der wichtigsten Artikel, die im Jahr 2014 erschienen sind.

Coverbild Deutschland Archiv 2013

Deutschland Archiv 2013

Der Band enthält eine Auswahl der wichtigsten Artikel, die im Jahr 2013 erschienen sind.

WeiterZurück

Zum Shop

Deutschlandarchiv bei Twitter

Junge Pioniere mit ihren typischen Halstüchern vor dem Gebäude einer GrundschuleSchwerpunkt

Tagungsdokumentation

Zu dem Thema "Children of Transition, Children of War, the Generation of Transformation from a European Perspective" diskutierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der Deutschlandforschertagung 2016 vom 3. bis 5. November 2016 in der Universität Wien. Weiter... 

Bei der Aufarbeitung der DDR - Vergangenheit sind die Archive der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU) von grundlegender Bedeutung.Dossier

Geschichte und Erinnerung

Wird die DDR-Diktatur verharmlost? Und warum begann die intensive Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit erst so spät? Die Deutung von Geschichte ist oft umstritten - und nicht selten ein Politikum. Weiter... 

Brandenburger TorDossier

Deutsche Teilung - Deutsche Einheit

13. August 1961: In den frühen Morgenstunden beginnt der Bau der Mauer. Die Teilung bekommt eine konkrete Gestalt. Mehr als 20 Jahre nach dem Mauerfall ist Deutschland in vielem noch immer ein Land mit zwei Gesellschaften. Weiter... 

DDR-Demonstration, Ministerium für Staatssicherheit Stasi, ÜberwachungsmonitoreDossier

Stasi

Alles wissen, alles kontrollieren, Menschen manipulieren. Aus der Arbeitsweise der DDR-Geheimpolizei "Stasi" ist auch viel zu lernen über die Mechanismen von Diktaturen der Gegenwart. In der DDR überwanden couragierte Bürgerinnen und Bürger allerdings 1989 ihre Angst vor der "Staatssicherheit". Weiter... 

www.chronik-der-mauer.de

Chronik der Mauer

Es erwarten Sie ein Fülle von herausragenden und multimedial aufbereiteten Informationen zum Thema. Weiter... 

jugendopposition.deOnline-Angebot der bpb und der Robert-Havemann-Gesellschaft

jugendopposition.de

Wie haben junge Menschen in der DDR mit Mut und Musik gegen Stasi und SED-Diktatur gekämpft? Zeitzeugen berichten. Mit zahlreichen Texten, Videos, Audios, Fotos und Dokumenten. Weiter...