Beleuchteter Reichstag

Wege in die Opposition. Widerständiges Verhalten in der DDR


5.6.2014
Im gesamten Zeitraum zwischen 1945 und 1989 gab es in der Sowjetischen Besatzungszone und späteren DDR widerständiges Verhalten, dessen Motivation und Intensität sich im Laufe der Jahre aber mehrfach wandelte. Fundamentale Opposition dominierte am Anfang. Später herrschte eine reformorientierte Kritik vor. Sehr viele Oppositionelle hofften bis zum Herbst 1989 auf die Reformierbarkeit des sozialistischen Systems.

Montagsdemonstration in Leipzig am 24. Oktober 1989. Die Demonstranten setzten ihre Hoffnungen auf den sowjetischen Regierungschef Gorbatschow, der die DDR-Führung zu Reformen angehalten hatte.Montagsdemonstration in Leipzig am 24. Oktober 1989. (© AP)

"Doch irgendwann stand dann die Entscheidung an, entweder aktiv mitzumachen oder weiter vom 'sicheren Hafen' aus zuzusehen. Das wollte ich nicht mehr, obwohl ich mich nicht gern in die erste Reihe drängele – ich bin kein Kämpfertyp (…) Doch nun hielt es mich nicht mehr zu Hause. Das war wie ein Zwang."[1] Am 7. Oktober 1989 entschied sich Pfarrer Martin Kind erstmals, an den seit Wochen in Leipzig stattfindenden Demonstrationen teilzunehmen und nicht mehr nur den Studenten des Theologischen Seminars, an dem er tätig war, zu helfen, die seelischen Belastungen nach polizeilichen Zuführungen und Verhaftungen aufzuarbeiten.

Er wollte mit seiner Person für gesellschaftliche Veränderungen einstehen, wurde Mitglied im "Neuen Forum" und (wenig später) sogar einer seiner Sprecher in Leipzig. Er trat aus seinem eigenen Schatten heraus und ging in aktive Opposition zu den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen in der DDR – wie Andere vor ihm, in den viereinhalb Jahrzehnten kommunistischer Herrschaft im Osten Deutschlands, von der Bildung der Sowjetischen Besatzungszone 1945 bis zum Sturz der DDR durch eine friedliche, demokratische Revolution im Herbst 1989. Zuerst waren es nur wenige Mutige, die gegen die allgewaltige SED und ihre sowjetische Schutzmacht zu opponieren wagten und viel dabei riskierten; lange bevor im Herbst 1989 große Teile der Bevölkerung öffentlich Widerspruch erhoben gegen den gesellschaftlichen Zustand des Landes. Immer aber waren es Menschen verschiedener Weltanschauungen und mit unterschiedlicher Motivation, die sich im Verlauf der 45 Jahre dazu entschlossen haben, nicht mehr zu schweigen. Zugleich waren die von ihnen gewählten Formen widerständigen Verhaltens ebenso dem Wandel unterworfen, wie der Staat, auf den sie sich bezogen.[2] Betrachtet man den gesamten Prozess in seiner zeitlichen Abfolge, so stand in der zweiten Hälfte der 1940er bis Mitte der 1950er Jahre der verdeckte Widerstand – geprägt durch eine immer grundsätzlicher werdende Ablehnung der SED-Herrschaft und (ab Ende 1949) auch des Staates DDR – im Mittelpunkt widerständigen Verhaltens. Beginnend mit Stalins Tod im März 1953 wurde die reformorientierte Kritik am DDR-Sozialismus – bis weit in die 1980er Jahre hinein – zum bestimmenden Tenor des Dissens‘. Wichtige Stimmen dieser Kritik kamen vornehmlich (aber nicht ausschließlich) aus den Reihen der SED selbst. Öffentlichkeit erhielten sie zumeist nur über den "Umweg" der Medien im Westen Deutschlands.

Dies ging auch den oppositionellen Bewegungen so, die gezielt Veränderungen in einzelnen Gesellschaftsbereichen herbeiführen wollten. Sie bildeten sich in der DDR – stimuliert durch entsprechende Vorreiter in der CSSR und Polen – erst in den 1980er Jahren heraus. Doch verfolgten auch sie bis weit in den Herbst 1989 hinein hauptsächlich reformorientierte Ansätze. Die Macht der SED grundsätzlich in Frage zu stellen, wagten sie erst nach dem Fall der Mauer. Denn die SED-Führung versuchte stets alle Ansätze von Widerstand, Reformsozialismus und Opposition mithilfe eines aufgeblähten Repressionsapparates kategorisch zu unterbinden, um die von ihr diktatorisch ausgeübte Vorherrschaft zu sichern. Gelungen ist es ihr – dies sei vorab festgestellt – nie ganz; auch wenn man für den gesamten, zu betrachtenden Zeitraum sowohl Phasen eines stärkeren als auch eines schwächeren widerständigen Verhaltens ausmachen kann. Deutlich zu erkennen ist ebenso eine mit den Jahren wachsende Vielfalt an Formen des zivilen Ungehorsams gegenüber den Allmacht-Ansprüchen der SED, die vorgab, ihre Diktatur im Auftrag des Proletariats auszuüben, stets aber nur eine Diktatur zur Aufrechterhaltung der eigenen Herrschaft war. All dies kann im Rahmen dieses Beitrages nur grob umrissen und mit wenigen, prägnanten Beispielen belegt werden.

Verdeckter Widerstand in der SBZ und frühen DDR



In der Zeit vor der Gründung der DDR bestimmte die übermächtige Sowjetische Militäradministration (SMAD) nicht nur politisch und wirtschaftlich, sondern auch geheimdienstlich und juristisch die Geschicke der Ostdeutschen. Mit drakonischen Maßnahmen und Urteilen verdrängte sie nach und nach alle politischen Gegner der Kommunisten aus dem öffentlichen Leben. Etwa 150.000 Deutsche wurden von der SMAD in zehn "Speziallagern" gefangen gehalten, die sie ab Frühsommer 1945 auf dem Boden der SBZ errichtet hatte; infamer Weise zum Teil unter Nachnutzung von Konzentrationslagern der Nationalsozialisten.[3] Deren ehemalige Gefolgsleute zu internieren war ursprünglich Ziel dieser menschenverachtenden Einrichtungen. Unter den Zehntausenden, die dort verhungerten oder an (epidemischen) Krankheiten starben waren aber auch viele politische Gegner der KPD und SED: Politiker aus bürgerlichen Parteien, Sozialdemokraten, die sich gegen die (Zwangs-)Vereinigung mit den Kommunisten gewandt hatten, wie auch "Abweichler" aus den eigenen Reihen. Kurzum Menschen, die verdächtig erschienen, den Machtansprüchen der kommunistischen Partei im Wege zu stehen.

Aber auch zahlreiche, politisch kaum in Erscheinung getretene Bürger gerieten aufgrund von Denunziationen in das Räderwerk der sowjetischen Besatzungsmacht, verschwanden in den Speziallagern und in den Gefängnissen des sowjetischen Geheimdienstes NKWD oder wurden in Arbeitslager bis nach Sibirien verschleppt. Diejenigen Internierten, die all dies überlebten, waren danach unter Androhung strengster Strafen für sich und ihre Familien zum absoluten Schweigen über ihre Hafterlebnisse verpflichtet. Das galt auch für die zivilen Opfer von Übergriffen durch Soldaten der Roten Armee. Auch wenn also über den brutalen Restriktionen der neuen Machthaber der "Mantel des (Ver-)Schweigens" lag, war dennoch in der Bevölkerung die Angst vor den "verhaftenden, beschlagnahmenden, demontierenden und kontrollierenden Besatzungssoldaten" allgegenwärtig. Ein organisierter Widerstand konnte so nicht entstehen.[4]

Dagegen sprach aber auch die von vielen Deutschen tief empfundene historische Schuld, welche ihr Volk durch die Verbrechen des Nationalsozialismus an der Bevölkerung der Sowjetunion und den anderen, von ihnen überfallenen Völkern auf sich geladen hatte. "Gehemmt wurde der Widerstandswille" im Osten Deutschlands zugleich "durch den die (neue) Macht adelnden Antifaschismus", wie der Schriftsteller Günter de Bruyn in seinen Erinnerungen an die Jugend in der SBZ festhält.[5]

Jakob Kaiser, 1950.Jakob Kaiser, 1950. (© Bundesarchiv, B 145 Bild-P001516)
Den nominell stärksten Widerstand der Nachkriegszeit gab es seitens ostdeutscher Sozialdemokraten, die sich zu Tausenden – meist in illegalen Zirkeln – gegen die Vereinigung ihrer Partei mit der KPD aussprachen. Rund 6.000 von ihnen büßten ihren Widerspruch mit langjährigen Strafen in Gefängnissen und Arbeitslagern. Darunter viele, die bereits von den Nationalsozialisten wegen ihrer politischen Haltung inhaftiert worden waren.

Auch in den bürgerlichen Parteien wurde Kritik gegen eine politische Parallelisierung laut. Politiker, die den Widerspruch wagten – wie der Mitbegründer und erste Vorsitzende der Ost-CDU, Andreas Hermes, und deren zweiter Vorsitzender, Jakob Kaiser – wurden daraufhin, auf Druck der SMAD, aus ihren Parteiämtern und in die Emigration in den Westen gedrängt. Wesentlich brutaler ging die Besatzungsmacht gegen weniger namhafte Kritiker vor:[6] Der Student Wolfgang Natonek, Mitglied der Liberal Demokratischen Partei (LDP) und Vorsitzender des Studentenrates der Universität Leipzig, wurde 1949 wegen seiner Kritik an der Unterdrückung von Meinungsfreiheit in der SBZ zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt, von denen er sieben Jahre abbüßen musste.[7] Den Rostocker Studenten Arno Esch, ebenfalls Mitglied der LDP, kostete sein öffentliches Eintreten gegen den Machtanspruch der SED und für Gewaltenteilung und Einhaltung der Bürgerrechte sogar das Leben. Noch von der SMAD verhaftet, wurde er 1950 zum Tode verurteilt und ein Jahr später in Moskau hingerichtet.[8]

Hermann Joseph Flade.Hermann Joseph Flade (1932–1980), Aufnahme Anfang der 1950er-Jahre. (© Robert-Havemann-Gesellschaft, Matthias-Domaschk-Archiv)
Sein Fall zeigt, wie widerständiges Verhalten in der SBZ und der frühen DDR in konzertierter Aktion von SMAD und den in Ostdeutschland neu gebildeten Justiz-Ämtern und Ministerien bekämpft wurde.[9] Je nach propagandistischem Bedarf geschah dies mal in aller Öffentlichkeit, mal verdeckt, wie zwei Prozesse wegen Flugblattaktionen gegen die erste Einheitslistenwahl der DDR-Geschichte vom Oktober 1950 (ein Jahr nach Bildung der Volkskammer) belegen: Der Oberschüler Hermann Joseph Flade aus Olbernhau im Erzgebirge wurde 1951 in einem öffentlichen Schauprozess zum Tode verurteilt, weil er – beim Verteilen der Flugblätter auf frischer Tat ertappt – sich seiner Verhaftung mit einem Taschenmesser widersetzt und dabei einen Polizisten verletzt hatte. Das öffentliche Zelebrieren der Gerichtsverhandlung rettete Flade aber letztlich das Leben, weil die gegen ihn verhängte Todesstrafe zu zahlreichen Demonstrationen in der Bundesrepublik und zu verdeckten Protesten in der DDR geführt hatte.[10] Der in geheimer Sitzung von einem sowjetischen Militärgericht ebenfalls wegen einer Flugblattaktion zum Tode verurteilte Leipziger Student Herbert Belter wurde dagegen 1951 in Moskau hingerichtet, ohne die Öffentlichkeit davon in Kenntnis zu setzen.

Politische Prozesse waren nach Gründung der DDR an der Tagesordnung. "Allein im Jahre 1950 verurteilten die Gerichte […] 78.000 Angeklagte wegen politischer Delikte."[11] Daraus aber Rückschlüsse auf die tatsächliche Stärke des politischen Widerstandes in der jungen DDR zu ziehen, wäre sicher falsch. Vielmehr steht diese Zahl für das Bestreben der SED-Führung, durch die Instrumentalisierung der Justiz, aufkeimenden Widerstand von vornherein zu unterdrücken und damit ihre "politischen Ziele besonders nachdrücklich durchzusetzen."[12] Symptomatisch dafür sind die von April bis Juni 1950 im sächsischen Waldheim von einem Sondergericht im Schnellverfahren gefällten Urteile gegen 3.324 Häftlinge aus den aufgelösten sowjetischen Speziallagern. Im 30-Minuten-Takt wurden hier ohne rechtsstaatliche Verfahren Freiheitsstrafen von 15 bis 25 Jahren verkündet. 33 Häftlinge ereilte das Todesurteil, 24 davon wurden vollstreckt. Vorgeworfen wurden den Verurteilten, als überzeugte Nationalsozialisten (Kriegs-)Verbrechen begangen zu haben. Überwiegend waren es aber "Mitläufer, (frühe) Gegner des stalinistischen Systems und sogar zufällig Aufgegriffene. Die meisten waren seit 1945/46 interniert."[13] Ihre Verurteilung durch ein deutsches Gericht sollte die langen Lageraufenthalte nachträglich legitimieren.

Unter diesen lebensgefährlichen Bedingungen war organisierter Widerstand nur verdeckt möglich. Und doch fanden sich in diesen Jahren immer wieder kleine, regionale Gruppen von überwiegend jugendlichen Oppositionellen zusammen, die sich oft in der Widerstandstradition der "Weißen Rose" sahen,[14] um mit Flugblatt- und Störaktionen öffentlich auf das politische Unrecht in der DDR hinzuweisen. Sie wurden oft nach nur wenigen Widerstandsakten enttarnt und zu drakonischen Strafen verurteilt, wie die 19 Oberschüler, Lehrlinge und jungen Arbeiter aus dem sächsischen Werdau, die im Oktober 1950 durch das Verteilen von Flugblättern Kritik am Todesurteil gegen Hermann Joseph Flade und gegen die Manipulation der Volkskammerwahlen geübt hatten. Sie erhielten dafür insgesamt 130 Jahre Zuchthaus.

Eine andere jugendliche Widerstandsgruppe aus Altenburg bei Leipzig wollte mehr Menschen erreichen, als dies mit Flugblättern allein möglich war. Sie bauten einen Störsender. Damit überdeckten sie im Dezember 1949 die Ausstrahlung der Festansprache des DDR-Präsidenten Wilhelm Pieck zum 70. Geburtstag Josef W. Stalins. Statt der Elogen auf den großen Sowjetführer war – wenn auch nur für Minuten und regional begrenzt – im staatlichen Rundfunk zu hören: "Stalin ist ein Massenmörder!" und "Wir fordern freie demokratische Wahlen!" Diese Absage an das SED-Regime und seinen Ziehvater in Moskau kostete vier der mutigen Jugendlichen – Siegfried Flack, Ludwig Hayne, Wolfgang Ostermann und Joachim Näther – das Leben. Von einem sowjetischen Militärtribunal zum Tode verurteilt, wurden sie im berüchtigten Gefängnis Butyrka in Moskau hingerichtet; wie 919 andere Deutsche auch.[15]

Schwarz-Weiß-Foto: Zwei Demonstranten werfen in der Leipziger Strasse in Ost-Berlin während des Aufstands vom 17. Juni 1953 Steine auf zwei russische T-34-Panzer.Ostberliner Demonstranten werfen während des Aufstands vom 17. Juni 1953 Steine auf russische T-34-Panzer. (© AP)
Am 17. Juni 1953 wurde mit einem Schlag sichtbar, wie weit verbreitet die Ablehnung der noch jungen DDR in der Bevölkerung war. Ihre Hoffnung, dass sich nach dem Tod Stalins im März 1953 ein neuer Kurs in der Politik der SED durchsetzen würde, war bereits zwei Monate später zerstoben. Im Mai 1953 erhöhte die SED-Führung die Arbeitsnormen per Gesetz um 10,3 Prozent. Auch wenn sie dieses unter dem Druck der sowjetischen Führung kurz darauf wieder annullierte, war der im Land angestaute Unmut nicht mehr einzudämmen. Ausgehend von Ostberlin, brach sich der Protest in über 700 Städten der DDR in Streiks und Demonstrationen Bahn. Allein der massive Einsatz sowjetischer Panzer vermochte vielerorts den Widerstandwillen in der Bevölkerung zu brechen. Die blutige Niederschlagung des Volksaufstandes, wie auch die danach einsetzende größte Verhaftungswelle in der Geschichte der DDR, ließen für viele die Abwanderung in die Bundesrepublik oder nach Westberlin zur realen Alternative werden. Zwischen 1949 und 1961 verließen rund 2,8 Millionen Menschen die DDR.[16] In der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre stammten sie "vorzugsweise aus der jungen Generation, die sich einen Neuanfang 'drüben' zutraute.”[17] Der Anteil der 16- bis 25-jährigen unter den DDR-Flüchtlingen erreichte im 4. Quartal 1956 mit 43,2 Prozent seinen Höhepunkt, wobei der Anteil der Jugendlichen an der Gesamtbevölkerung damals lediglich 15,8 Prozent betrug. Allein daraus auf ein erhöhtes Widerstandspotenzial unter Jugendlichen in der DDR zu schließen, wäre aber voreilig. Aufgrund der in den Anfangsjahren der DDR gewährten Bildungs- und Aufstiegschancen für anpassungsbereite Jugendliche wurden damals – selbst in zeitgenössischen westlichen Quellen – in der Jugend der DDR nur 15 Prozent strikte Gegner des Systems vermutet.[18] Dennoch gelang es der SED in den 1950er Jahren nicht, die Masse der Jugendlichen über eine formale Mitgliedschaft in der FDJ hinaus an das ideologische System der DDR zu binden. Deshalb schwebte über dieser Generation bis zum Bau der Mauer im Sommer 1961 stets die Frage: Gehen oder Bleiben?[19]

Reformorientierte Kritik in den 1950er bis 1980er Jahren



Max Fechner, 1952.Max Fechner, 1952. (© Bundesarchiv, Bild 183-15630-0026, Foto: Hans-Günter Quaschinsky)
Auch in den Reihen der SED wurde der von der Parteiführung eingeschlagene Weg und die von ihr eingesetzten Methoden früh hinterfragt. Kritik kam sowohl von ehemaligen SPD-Mitgliedern als auch von aus der Emigration heimgekehrten Kommunisten und bürgerlichen Humanisten. Sie hatte der in der SBZ/DDR propagierte Antifaschismus in den Osten Deutschlands gezogen. Selbst im Parteiapparat fehlte es nicht an kritischen Stimmen von "Abweichlern und Ausweichlern."[20] So sprach sich der DDR-Justizminister Max Fechner am 30. Juni 1953 im Neuen Deutschland – mit Verweis auf das in der DDR-Verfassung verankerte Streikrecht – gegen eine Strafverfolgung der Arbeiter aus, die mit ihren Arbeitsniederlegungen den Volksaufstand vom 17. Juni ausgelöst hatten. Fechner (Sozialdemokrat seit 1910) wurde daraufhin als "Feind des Staates und der Partei" seines Amtes enthoben und aus der SED ausgeschlossen. 1955 verurteilte ihn das Oberste Gericht der DDR zu acht Jahren Zuchthaus. Abgesessen hat er davon aber nur ein knappes Jahr. Bereits 1958 wurde er erneut in die SED aufgenommen, um 1973 als hochdekorierter Antifaschist zu sterben.[21]

Robert HavemannRobert Havemann (© Robert-Havemann-Gesellschaft)
Für viele Kritiker aus den eigenen Reihen führte der einmal eingeschlagene Weg der Dissidens jedoch nicht mehr zurück in den "Schoß der Partei", um deren Erneuerung willen sie angetreten waren. Die Liste ihrer Namen ist lang und reicht – um nur einige von ihnen zu nennen – von Rudolf Herrnstadt und Gerhart Ziller über Ernst Bloch, Robert Havemann, Walter Janka, Wolfgang Harich, Gustav Just bis zu Rudolf Bahro und Wolfgang Henrich.[22]

All ihr "Streben war darauf gerichtet", wie Robert Havemann noch 1978 bekannte, "die Politik der DDR positiv zu beeinflussen und weiterzuführen, um sie aus ihrer Sackgasse herauszubekommen."[23] Und sie waren sich sicher, dass die Ursache für das Dilemma der Partei und des Landes in der "kollektiven Selbstherrschaft einer Zentralbehörde" – in Gestalt des Zentralkomitees der SED – lag, die zur "inneren Gleichschaltung der Partei" und einer "Subalternität der (Volks-)Massen" geführt habe, wie Wolfgang Henrich 1989 in seiner Analyse des "vormundschaftlichen Staats" DDR betonte.[24]

Schon Rudolf Bahro hatte 1977 in seiner "Alternative" in diesem "Überstaatsapparat … die entscheidenden Entwicklungshemmnisse auf dem Weg zur weiteren Emanzipation des Menschen" gesehen. "Die Kommunisten sind in solchen Parteien gegen sich selbst und gegen das Volk organisiert."[25] Doch hielt die innerparteiliche Opposition diese Mängel lange Zeit noch für reparabel. So war sich Bahro sicher: "In der Stunde der Umgestaltung wird sich überall wie 1968 in der CSSR herausstellen, dass unter der harten Schale eine andere, neue Partei – wir müssen sagen: mindestens eine – auf ihre Entbindung gewartet hat."[26]

Rudolf BahroRudolf Bahro bei einer Pressekonferenz in Bonn, Oktober 1979 (© ddp/AP)
Zwar waren die Schriften von Havemann und Bahro, später auch die von Henrich, nur im Westen erschienen und damit für Leser in der DDR nur bedingt verfügbar, dennoch hatten sie "eine immense Wirkung auf die sich entwickelnde Opposition" im Lande.[27] Sie kursierten in wenigen, zerlesenen Exemplaren oder als mühsam mit der Schreibmaschine abgetippte Manuskripte unter Vertrauten und Freunden. Selbst wenn viele Vertreter nachwachsender Generationen mit dem Festhalten dieser Autoren am Sozialismusmodell nur noch wenig anfangen konnten, so fanden sie doch in deren Analyse und Kritik des real-existierenden Sozialismus ihre gesellschaftlichen Erfahrungen mit der DDR nachhaltig bestätigt.[28] Wirkung erzielte vor allem aber, dass sich Havemann und Bahro – anders als viele "SED-Renegaten" vor ihnen – weigerten, öffentlich "abzuschwören" und stattdessen ins Gefängnis gingen oder jahrelangen Hausarrest erduldeten. Das machte sie "zu Symbolfiguren eines allgemeinen Widerspruchs."[29] Gleiches galt in der DDR auch für kritische Schriftsteller, Künstler und Liedermacher – von Wolf Biermann bis Christa Wolf –, die "gerade jenen eine Brücke" bauten, "die sich an das sozialistische System gebunden fühlten, es aber für verbesserungsbedürftig hielten."[30]

Der Bedarf nach solch moralischem Rüstzeug wuchs vor allem nach der blutigen Niederschlagung des "Prager Frühlings" durch die Truppen des Warschauer Paktes im Sommer 1968. Der Traum vom demokratischen Sozialismus mit menschlichem Antlitz schien für viele damit endgültig gescheitert; ebenso die Hoffnung, der Sozialismus könne sich aus sich selbst heraus reformieren. Zu brutal hatten die "Bruderparteien" des Ostblocks die Reformversuche der KPC, der kommunistischen Partei der CSSR, zunichte gemacht. Spontan kam es in der gesamten DDR zu einer Vielzahl von Protesten: Mit Mauerinschriften, selbst verfassten Flugblättern und vereinzelt auch Demonstrationen manifestierten vor allem Lehrlinge, junge Arbeiter und Schüler ihren Unmut und ihre Enttäuschung. Die Staatssicherheit registrierte bis Ende 1968 insgesamt 422 "Delikte der Verbreitung selbst gefertigter Hetzschriften", konnte aber trotz 1.290 eingeleiteter Ermittlungsverfahren nur 90 davon aufklären.[31] Das MfS musste zugleich feststellen, dass sich im Querschnitt die innerhalb der Partei geäußerten kritischen Haltungen zu den Vorgängen in der CSSR nicht von denen in der Bevölkerung unterschieden.[32]

Wolf Biermann bei seinem legendären Konzert am 14. November 1976 in Köln.
Foto: AP, © dapd.Wolf Biermann bei seinem legendären Konzert am 14. November 1976 in Köln.
Foto: AP, © dapd. (© APimages )
Ein Vorgang, der sich nach der Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann im November 1976 wiederholte. Offen gegen die aufkommende Resignation wagten damals aber vergleichsweise nur wenige SED-Mitglieder zu protestieren. Wie stark der Unmut unter den Genossen in den folgenden Jahren weiter anwuchs, wird aus der Tatsache ersichtlich, dass allein zwischen 1981 bis 1985 die innerparteilichen Kontrollgremien über 100.000 Parteiverfahren eröffneten, in deren Folge 90.000 Mitglieder und Kandidaten aus der SED ausgeschlossen oder gestrichen wurden. Auch wenn nicht immer ein politischer Hintergrund dafür "gegeben sein mochte, kann diese hohe Zahl als Gradmesser für das erhebliche Maß an Unzufriedenheit" unter den Genossen "gewertet werden."[33]

Ein Ventil fand ihre Unzufriedenheit aber erst Mitte der 1980er Jahre, als Michael Gorbatschow die politische Bühne betrat. Nun, da der "Revisionismus" von der Spitze der KPdSU ausging, schien die Chance für eine Demokratisierung des Ostblocks endlich gegeben zu sein. Gorbatschows Politik der "neuen Offenheit" ließ selbst aus ihrer kommunistischen Heimat gedrängte Dissidenten wie Lew Kopelew ausrufen: "Man muss an Wunder glauben" und den Liedermacher Wolf Biermann die "große Skepsis " gegen noch "größere Hoffnung" eintauschen.[34] Der Ende der 1970er Jahre aus der DDR in die Bundesrepublik übergesiedelte Dichter Günter Kunert blieb dagegen eher skeptisch, dass die von linken Zeitgenossen "so inständig erhoffte Regenerationsfähigkeit des Systems" von innen heraus, damit bewiesen sei: "Die Botschaft hör ich wohl …"[35]

Was die Reaktion der greisen SED-Führung betraf, sollte Kunert Recht behalten. Sehr zum Verdruss auch vieler reformwilliger Parteimitglieder, die sich im Herbst 1989 zusammen mit hunderttausenden, bis dahin eher "unpolitischen" Menschen auf den Straßen und Plätzen der DDR zum friedlichen Protest für eine Reform des politischen Systems versammelten.

Die gezielte Opposition der 1980er Jahre



Im Herbst 1989 traf sich viel Verdruss, Wut, Zorn und Veränderungswillen auf den Straßen der DDR. Bei jedem Demonstranten stand eine spezielle Lebensgeschichte dahinter.[36] Lauter Individualisten allein machen aber noch keine Revolution, auch wenn sie zu Tausenden aufmarschieren. Sie bedürfen gemeinsamer Ziele, um an Überzeugungs- und Schlagkraft zu gewinnen. Und sie benötigen eine organisatorische Klammer, die ihren individuellen Veränderungsdrang zu gemeinsamer Stärke bündelt und ihm eine Richtung gibt.[37]

Im Herbst 1989 leistete das vor allem die Bürgerbewegung "Neues Forum" – flankiert von der "Initiative Frieden und Menschenrechte", den Bürgervereinigungen "Demokratie jetzt" und "Demokratischer Aufbruch" sowie der wiedergegründeten Sozialdemokratischen Partei (SDP).[38] Sie konnten diese Funktion wahrnehmen, weil viele ihrer Initiatoren bereits über längere oppositionelle Erfahrungen aus der unabhängigen Friedensbewegung im ersten Drittel der 1980er Jahre[39] und ihrer späteren Formierung als Demokratiebewegung[40] in thematischen Basisgruppen verfügten, inklusive der Organisation von (ersten) öffentlichen Aktionen und Demonstrationen.

Den Schutzraum – aus dem heraus die sich formierende Opposition für lange Jahre agierte – bot die Evangelische Kirche. Mit den Friedensgebeten wurden die Gotteshäuser dann auch zu den lokalen Kristallisationspunkten der Entwicklung der Opposition, bevor sie ihren Protest auf die Straßen trug.[41] Bis dahin war es aber ein weiter Weg: Beflügelt durch das KSZE-Abkommen über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa kam es nach 1975 in vielen Staaten des Ostens zu einer Beförderung des Bürgerrechtsgedankens. Auch die DDR-Regierung hatte in Helsinki den Anspruch ihrer Bürger auf Meinungs- und Reisefreiheit sowie die freie Wahl des Wohnortes unterschrieben. Schlagartig kam es zu einem Anwachsen der Ausreiseanträge. Im Sommer 1976 stellten bereits über 100.000 Menschen einen "Antrag auf ständige Ausreise" aus der DDR, ohne über lange Jahre eine reelle Chance zu haben, das Land tatsächlich verlassen zu können. Stattdessen mussten sie und ihre Kinder massive Nachteile in Beruf und Bildung in Kauf nehmen.

Mit der wachsenden Bedrohung des Friedens durch die Nachrüstung in Ost und West kam es um 1980 auch in der DDR – "allerdings mit erheblicher zeitlicher Verzögerung und wesentlich schwächerer Rückendeckung durch die offizielle Kirche"[42] als in Polen und der CSSR– zur schrittweisen Herausbildung erster Bürgerinitiativen. Noch vermieden sie bei Protesten wie gegen die Einführung des Wehrunterrichtes (1978) als Gruppen in Erscheinung zu treten. Unter ihren Eingaben stand zumeist nur eine Unterschrift. Jeder Hinweis auf eine "anti-sozialistische Gruppenbildung" hätte der Staatsmacht Angriffsfläche geboten. Dennoch kam es immer wieder zu Vorladungen, Verhaftungen (wie 1983 bei den "Frauen für den Frieden")[43] und zu Ausweisungen einzelner Bürgerrechtler.

Seit Anfang der 1980er Jahre handelten die Basisgruppen jedoch immer selbstbewusster und ihr inhaltliches Spektrum differenzierte sich weiter aus: zu den Friedens- und Menschenrechtsgruppen kamen ökologische Initiativen und Dritte-Welt-Gruppen.[44] Die Größe der Gruppen betrug zumeist um die 15 Mitglieder. Ihr Alter lag im Durchschnitt bei etwas über 25 Jahren. Alle sozialen Schichten waren darin vertreten. Ein nicht unerheblicher Teil der Gruppenmitglieder war bei der Kirche angestellt oder studierte an kirchlichen Hochschulen.[45]

Friedensbewegung und Opposition



Von zentraler Bedeutung war das Anfang der 1980er Jahre von Christoph Wonneberger – damals Pfarrer in Weinböhla bei Dresden – entworfene Konzept des "Sozialen Friedensdienstes" (SoFd). Es sollte jungen Wehrdienstverweigerern eine zivile Alternative zum Armeedienst bieten. Die Verbreitung und Umsetzung des Konzepts wurde Wonneberger auf Druck staatlicher Behörden von der Kirchenleitung untersagt.[46] Die Schaffung der Friedensgebete – damals noch in Dresden – war seine Reaktion auf diesen Eingriff.[47] Im September 1982 wurde in der Leipziger Nikolaikirche im Rahmen der kirchlichen Friedensdekade erstmals ein Friedensgebet von einer Basisgruppe gestaltet. Die Friedensgebete entwickelten sich – als neue Form der Gegenöffentlichkeit – zu einem dauerhaften Forum der Verständigung über gesellschaftliche Probleme. Das Zeichen "Schwerter zu Pflugscharen" wurde ab 1982 zum Symbol der gesamten Bürgerbewegung. Später wurden die Friedensgebete immer wieder auch von Ausreisewilligen als Podium für ihr Anliegen und als Zufluchtsstätte benutzt.

Bärbel Bohley bei einer Kundgebung auf dem Berliner Alexanderplatz am 4. November 1990Bärbel Bohley bei einer Kundgebung auf dem Berliner Alexanderplatz am 4. November 1990 (© Bundesarchiv, Bild 183-1990-1104-006, Foto: Thomas Lehmann)
Politisch-alternative Szenen gab es in vielen Städten der DDR. In ihrer Anfangsphase – Mitte der 1970er Jahre – war Jena der wichtigste Ort. Später kamen entscheidende Impulse für die Opposition aus Dresden, Halle, Berlin und Leipzig. Viele dieser Gruppen standen zunehmend auch überregional in Kontakt miteinander. Im Januar 1988 war in Berlin der Versuch von Bürgerrechtlern, sich mit eigenen Spruchbändern – z.B. dem Luxemburg-Zitat "Freiheit ist auch immer die Freiheit des Andersdenkenden" – unter die Teilnehmer der jährlich stattfindenden offiziellen SED-Demonstration zum Gedenken an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht zu mischen, noch gescheitert. Von Stasi-Spitzel in den eigenen Reihen verraten, wurden rund 120 von ihnen bereits in ihren Wohnungen bzw. auf dem Weg zur Demonstration verhaftet. Bärbel Bohley, Werner Fischer, Freya Klier, Vera Wollenberger, Wolfgang Templin und Stephan Krawczyk wurden unter Androhung hoher Haftstrafen zur Ausreise in die Bundesrepublik oder nach England erpresst.[48] Ihre Verhaftungen lösten eine landesweite Protestwelle mit Fürbittgottesdiensten, Unterschriftensammlungen und Flugblattaktionen aus.[49]

Kulminationsjahr 1989



Ein Jahr später gelang Leipziger Bürgerrechtlern eine Luxemburg-Liebknecht-Demonstration durch das Stadtzentrum mit hunderten Teilnehmern. Deren Organisatoren kamen aus jenen Basisgruppen, die über lange Zeit die Friedensdekaden und Montagsgebete gestaltet hatten.[50] Nun drängten sie verstärkt aus dem schützenden Raum der Kirche in die Öffentlichkeit. Mit dieser Aktion setzten sie bereits im Januar 1989 ein deutliches Zeichen, dass ihr Wunsch nach gesellschaftlicher Veränderung in ein neues Stadium getreten war. Der Bürgerprotest erhielt eine neue Qualität und eine, sich bis zum Herbst hin immer weiter steigernde Quantität. Wichtige Meilensteine dazu waren im Verlauf des Jahres 1989 u.a.:
  • der DDR-weite Nachweis von Wahlfälschungen bei der Kommunalwahl am 7. Mai,[51]
  • die Protestaktionen in Eisenach, Berlin, Leipzig, Dresden, Altenburg und anderen Orten in der DDR gegen das blutige Massaker der chinesischen Parteiführung am Tiananmen-Platz in Peking vom 3. und 4. Juni,[52]
  • die Gründung eigener Bürgerbewegungen und Plattformen ab August und die landesweite Verbreitung ihrer Gründungsaufrufe.[53]
Rund 300 Ostdeutsche demonstrieren am 8. Juni 1989 in Berlin gegen die offiziellen Ergebnisse der Kommunalwahlen vom 7. Mai 1989. Die Kommunalwahlen waren ein wichtiger Auslöser für die gewaltlose Umwälzung. Es war die letzte Wahl, zu der die SED-Machthaber die Gelegenheit hatten, die Ergebnisse zu fälschen. Den Zorn auf das System fachte das weiter an.Rund 300 Ostdeutsche demonstrieren am 8. Juni 1989 in Berlin gegen die offiziellen Ergebnisse der Kommunalwahlen vom 7. Mai 1989. (© AP)
All dies war nur mit einer gezielten Opposition zu erreichen, die es zunehmend lernte, sich zu organisieren. Den nach dem Fall der Mauer im Osten Deutschlands auf den Plan tretenden Berufspolitikern des Westens waren sie dennoch nicht gewachsen. Schon allein deshalb nicht, weil sie (viel) zu lange auf die Schaffung einer anderen, besseren DDR fixiert waren; auch wenn im Gründungsaufruf des "Neuen Forums" aus taktischen Gründen das Wort Sozialismus vermieden wurde. Der SED-Dissident und Mitbegründer des "Neuen Forums", Wolfgang Henrich, begründete dieses Vorgehen am 26. Oktober 1989 – mitten im friedlichen Umbruch der DDR – in einem Gespräch mit dem Gewandhauskapellmeister Kurt Masur wie folgt: "Einen überstrapazierten Begriff einsparen heißt nicht, ihn über Bord werfen. […] Wir sahen uns angehalten, auch Menschen anzusprechen, die vielleicht schon auf gepackten Koffern saßen. Wenn wir den Begriff 'Sozialismus' nicht gebraucht haben, dann also deshalb, weil wir einen möglichst breiten Konsens herstellen wollten. Gleichwohl – das kann ich Ihnen deutlich sagen, ohne jede Einschränkung – ich kenne keinen im 'Forum', der den Sozialismus in Frage stellt." Allerdings wären alle auch verpflichtet, "uns neu zu fragen, was wir denn mit Sozialismus im einzelnen verbinden."[54]

Nur 14 Tage später fiel, unter dem Ansturm Tausender, die keine DDR mehr haben wollten, die Mauer; eine andere Form von gezielter Opposition. Die bürgerbewegte Gegenöffentlichkeit der DDR aber wurde in dem Maße überflüssig, wie sie Öffentlichkeit für sich erkämpfen konnte.[55]

Zitierweise: Bernd Lindner, Wege in die Opposition. Widerständiges Verhalten in der DDR, in Deutschland Archiv, 6.6.2014, Link: http:\\www.bpb.de\185289


Fußnoten

1.
Vgl. Martin Kind: Es war nicht umsonst, in: Bernd Lindner und Ralph Grüneberger (Hg.), Demonteure. Biographien des Leipziger Herbst, Bielefeld 1992, S. 212f.
2.
Vgl. Ulrike Poppe, Rainer Eckert und Ilko-Sascha Kowalczuk (Hg.), Zwischen Selbstbehauptung und Anpassung. Formen des Widerstandes und der Opposition in der DDR, Berlin 1995.
3.
Buchenwald, Jamlitz und Sachsenhausen; vgl. Sowjetischen Speziallager, in: Hans-Joachim Veen u.a. (Hg.), Lexikon Opposition und Widerstand in der SED-Diktatur, München 2000, S. 337f.
4.
Günter de Bruyn, Zwischenbilanz. Eine Jugend in Berlin, Frankfurt a. Main 1992, S. 300.
5.
Ebd., S. 374.
6.
Ehrhart Neubert, Geschichte der Opposition in der DDR 1949 - 1989, Bonn 1997, S. 36ff.
7.
Vgl. Karl Wilhelm Fricke, Wolfgang Natonek, in: Ilko-Sascha Kowalczuk und Tom Sello (Hg.), Für ein freies Land mit freien Menschen. Opposition und Widerstand in Biographien und Fotos, Berlin 2006, S.44-46; sowie Veen u.a. (Hg.), Lexikon Opposition und Widerstand (Anm. 3), S. 263.
8.
Vgl. Veen u.a. (Hg.), Lexikon Opposition und Widerstand (Anm. 3), S. 121; sowie Karl Wilhelm Fricke, Arno Esch, in: Kowalczuk und Sello, Für ein freies Land (Anm. 7), S. 47-49.
9.
Vgl. Klaus Schroeder, Der SED-Staat. Geschichte und Strukturen der DDR, München 1999, S. 423ff.
10.
Das Strafmaß für Flade wurde auf 15 Jahre Zuchthaus herabgestuft; vgl. Ilko-Sascha Kowalczuk, Stasi konkret. Überwachung und Repression in der DDR, München 2013, S. 282f.
11.
Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland und Zeitgeschichtliches Forum (Hg.), Demokratie jetzt oder nie! Diktatur - Widerstand - Alltag, Leipzig 2008, S. 68.
12.
Bundesministerium der Justiz (Hg.), Im Namen des Volkes? Über die Justiz im Staat der SED, Leipzig 1994, S. 13.
13.
Ebd., S. 61; vgl. auch Veen u.a. (Hg.), Lexikon Opposition und Widerstand (Anm. 3), S. 364f.
14.
Veen ua. (Hg.), Lexikon Opposition und Widerstand (Anm. 3), S. 373.
15.
Vgl. Arsenij Roginskij, Jörg Rudolph u.a., "Erschossen in Moskau ...". Die deutschen Opfer des Stalinismus auf dem Moskauer Friedhof Donskoje 1950-1953, Berlin 2005.
16.
Neubert, Geschichte der Opposition (Anm. 6), S. 93.
17.
Hartmut Zwahr, Umbruch durch Aufbruch, in: Hartmut Kaelble u.a. (Hg.), Sozialgeschichte der DDR, Stuttgart 1994, S. 443.
18.
Ernst Richert, Sozialistische Universität, Berlin (West) 1967, S. 247. Die Ergebnisse beruhen auf Befragungen von aus der DDR nach Westberlin geflohenen Jugendlichen.
19.
Zur Abfolge der Jugendgenerationen in der DDR und der Stellung der Aufbaugeneration darin vgl. Bernd Lindner, “Bau auf, Freie Deutsche Jugend” - und was dann? Kriterien für ein Modell der Jugendgenerationen der DDR, in: Generationalität und Lebensgeschichte im 20. Jahrhundert, hrsg. von Jürgen Reulecke, München 2003, S. 187-215.
20.
Neubert, Geschichte der Opposition (Anm. 6), S. 115.
21.
Haus der Geschichte und Zeitgeschichtliches Forum (Hg.), Demokratie jetzt oder nie! (Anm. 11), S. 82
22.
Vgl. Neubert, Geschichte der Opposition (Anm. 6), S. 101ff.; sowie Kowalczuk und Sello (Hg.), Für ein freies Land mit freien Menschen (Anm. 7), S. 122ff.
23.
Robert Havemann, Wie es zu den Vorlesungen kam, zitiert nach: Ders., Dialektik ohne Dogma?, Berlin 1990, S. 256.
24.
Wolfgang Henrich, Der vormundschaftliche Staat, Leipzig 1990, S. 62-68.
25.
Rudolf Bahro, Die Alternative, Berlin 1990, S. 294; kursive Hervorhebung im Original.
26.
Ebd., S. 295.
27.
Neubert, Geschichte der Opposition (Anm. 6), S. 224.
28.
Vgl. Lindner, "Bau auf, Freie Deutsche Jugend" - und was dann? (Anm. 19), S. 205 ff.; sowie Ders., Zwischen Integration und Distanzierung. Jugendgenerationen in der DDR in den sechziger und siebziger Jahren, in: Aus Politik und Zeitgeschichte B 45/2003, S. 33-39.
29.
Neubert, Geschichte der Opposition (Anm. 6), S. 158.
30.
Ebd., S. 228.
31.
Vgl. Haus der Geschichte und Zeitgeschichtliches Forum (Hg.), Demokratie jetzt oder nie! (Anm. 11), S. 124.
32.
BStU, ZA, ZAIG, Nr. 1568, zitiert nach: Thomas Klein: Reform von oben? Opposition in der SED, in: Poppe, Eckert und Kowalczuk (Hg.), Zwischen Selbstbehauptung und Anpassung (Anm. 2), S. 135.
33.
Schroeder, Der SED-Staat (Anm. 9), S. 278.
34.
Glasnost. Stimmen zwischen Zweifel und Hoffnung. Gesammelt von Freimut Duve, Reinbek 1987, S. 63-73 und S. 15-22.
35.
Ebd., S. 74.
36.
Vgl. Lindner und Grüneberger (Hg.), (Anm. 1).
37.
Formierungsschritte wie sie Canetti bereits in seinem fundamentalen Werk "Masse und Macht" benannt hat: "Masse will immer wachsen... Innerhalb der Masse herrscht Gleichheit... Die Masse liebt die Dichte... Die Masse braucht eine Richtung.", in: Elias Canetti, Masse und Macht, Frankfurt und Wien 1988, S. 30.
38.
Bernd Lindner, Die demokratische Revolution in der DDR 1989/90, Bonn 2010, S. 74f.
39.
Vgl. Veen u.a. (Hg.), Lexikon Opposition und Widerstand (Anm. 3), S. 141f.; sowie Neubert, Geschichte der Opposition (Anm. 6), S. 335ff.
40.
Neubert, Geschichte der Opposition (Anm. 6), S. 499ff.
41.
Vgl. Gerhard Rein, Die protestantische Revolution, Berlin 1990.
42.
Ludwig Mehlhorn, Der politische Umbruch in Ost- und Mitteleuropa und seine Bedeutung für die Bürgerbewegung in der DDR, in: Enquête-Kommission 1995, Bd. VII/2, S. 1421.
43.
So kam es zu "Zuführungen" durch staatliche Sicherheitsorgane, als sich - auf Initiative der Berliner "Frauen für den Frieden" - am 17. Oktober 1983 schwarz gekleidete Frauen im Hauptpostamt am Berliner Alexanderplatz versammelten, um per Einschreiben ihre Verweigerung im Falle einer Einberufung zur Nationalen Volksarmee abzugeben. Vgl. Irena Kukutz, "Nicht Rädchen, sondern Sand im Getriebe, den Kreis der Gewalt zu durchbrechen", Frauenwiderstand in der DDR in den achtziger Jahren, in: Poppe, Eckert und Kowalczuk (Hg.), Zwischen Selbstbehauptung und Anpassung (Anm. 2), S. 279.
44.
In Leipzig waren z. B. Anfang 1989 bereits zwischen 20 und 25 politisch-oppositionelle Gruppen aktiv, in denen ca. 300 Personen engagiert waren. Mit Gruppierungen wie "Arbeitsgemeinschaft Umweltschutz", "Hoffnung Nicaragua", "Initiativgruppe Leben", "Frauen für den Frieden" oder "Arbeitsgruppe Menschenrechte" war die ganze thematische Breite der Bürgerrechtsbewegung vertreten. Vgl. Leipziger Gruppen, in: Freunde und Feinde. Dokumente zu den Friedensgebeten in Leipzig zwischen 1981 und dem 9. Oktober 1989, hrsg. von Christian Dietrich und Uwe Schwabe, Leipzig 1994, S. 495-504.
45.
Wolfgang Elvers und Hagen Findeis, Die politisch alternativen Gruppen im gesellschaftlichen Wandel, in: Wolf-Jürgen Grabner, Christian Heinze und Detlef Pollack (Hg.), Leipzig im Oktober. Kirchen und alternative Gruppen im Umbruch der DDR. Analysen zur Wende, Berlin 1990, S. 98f.; sowie Detlef Pollack, Politischer Protest. Politisch alternative Gruppen in der DDR, Opladen 2000, S. 137ff.
46.
Thomas Mayer, Der nicht aufgibt, Christoph Wonneberger - eine Biographie, Leipzig 2014, S. 43-52.
47.
Ebd., S. 53-57; sowie Christoph Wonneberger, Ich habe immer tun müssen, was ich für richtig hielt, in: Bernd Lindner (Hg.), Zum Herbst ’89. Demokratische Bewegung in der DDR, Leipzig 1994, S. 192-199.
48.
Zu den einzelnen Akteuren vgl.: Gesichter der Revolution, Berlin 2011, S. 26, 70, 72, 130 und 80.
49.
Veen u.a. (Hg.), Lexikon Opposition und Widerstand (Anm. 3), S. 246f.; sowie Neubert, Geschichte der Opposition (Anm. 6), S. 696 ff.
50.
Lindner, Die demokratische Revolution in der DDR 1989/90, (Anm. 38), S. 13f.
51.
Ebd., S. 35ff.
52.
Ebd., S. 45ff.
53.
Ebd., S. 65ff.
54.
Henrich, Der vormundschaftliche Staat (Anm. 24), S. 320.
55.
Vgl. Hélène Camarade und Sibylle Goepper (Hg.), Résistance et opposition en République démocratique allemande (1949-1990), Villeneuve d'Ascq (im Erscheinen).
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