Beleuchteter Reichstag

28.11.2014 | Von:
Jérôme Vaillant

Die politische Großwetterlage beachten

Im Interview mit dem Deutschland Archiv betont Prof. Dr. Jérôme Vaillant, dass die Teilung und Vereinigung Deutschlands nur vor dem Hintergrund der politischen Großwetterlage betrachtet werden könne. Gleichzeit plädiert er für eine integrierte europäische Nachkriegsgeschichte, in die die deutsche Geschichte seit 1945 eingebettet ist.

Jérôme VaillantJérôme Vaillant (© Deutschland Archiv)
DA: Hat die (überwundene) Teilung Deutschlands noch eine Relevanz für die nachfolgenden Generationen oder wird die DDR rückblickend nur eine Fußnote der Geschichte bleiben?

Prof. Dr. Jérôme Vaillant: Die Teilung Deutschlands hat sicher heute noch eine gewisse Relevanz, einfach deswegen, weil die Folgen der Spaltung noch nicht völlig überwunden sind. Die staatliche und politische Einheit ist lange vollzogen; die innere Einheit, von der man 1990 sagte, sie brauche mindestens eine Generation, also 30 Jahre, braucht noch Zeit: die älteren Generationen bleiben zwangsläufig mehr in der Denkweise der alten DDR verhaftet, die jüngeren fühlen sich eher gesamtdeutsch - dies gilt je größer die Migrationsbewegungen zwischen Ost und West sind.

Interessanterweise lässt sich festhalten, dass die ehemaligen DDR-Bürgerinnen und Bürger sich mehrheitlich immer noch als solche empfinden, wenn sie auch gleichzeitig von sich behaupten, sie seien Deutsche. Die Linke als Nachfolgeorganisation von PDS und SED gilt in den neuen Bundesländern als "legitimistische DDR-Partei", schließlich hat sie es trotz der Vereinigung mit der westdeutschen WASG nicht geschafft, sich als gesamtdeutsche Partei zu etablieren: sie schwankt zwischen Relikt der alten DDR und einer sozialistischen Partei links von der SPD. Darüber hinaus ist es auch in der Bundesrepublik so, dass bei aller Einheit Vielfalt bestehen bleibt, also nicht nur Unterschiede zwischen Ost und West, sondern auch zwischen Nord und Süd.

Von der Architektur und der Ästhetik der Städte her betrachtet, ist viel erreicht worden. Dennoch bleibt von der DDR aber Etliches erhalten, auch wenn Plattenbauten abgerissen beziehungsweise renoviert wurden. In den kleinen Städten trifft man sowohl auf das "alte Deutschland", was so vielen Franzosen - auch Nicht-Kommunisten - zu Zeiten der DDR so gut gefiel als auch auf die noch nicht beseitigten Überbleibsel der DDR.

Wirtschaftlich ist Dank Transfers und Investitionen aus dem Westen ebenso viel erreicht worden: es bleibt aber immer noch festzuhalten, dass die die neuen Bundesländer ähnlich wie seinerzeit die DDR die alten Länder nicht einholen können. Das Gefälle in der Wettbewerbsfähigkeit liegt pauschal bei etwa 30 Prozent.

Es ist aber in der Tat so, dass vielen jungen Leuten die DDR als politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich autoritäres System nur schwer zu vermitteln ist. In der Literatur ostdeutscher Autoren lebt sie aber fort - ob als negative oder teilweise positive Erfahrung.

DA: Wie muss DDR-Geschichte im Sinne der politischen Bildung vermittelt werden, um die Nach-Wende-Generation zu erreichen?

Prof. Dr. Jérôme Vaillant: Die Teilung wie die Vereinigung Deutschlands sind nur zu vermitteln vor dem Hintergrund der weltweiten Großwetterlage, also Kalter Krieg, Entspannung und Wettbewerb der Systeme in der Welt. Die Geschichte des Kalten Krieges gehört also in den Vordergrund. Dann müssen die politischen und die Wertesysteme dargestellt werden, die zum Verständnis des Kalten Kriegs gehören. Historische Dokumente gehören genauso dazu wie Romane und Novellen aus der DDR und Nach-DDR-Zeit.

Als engere Auswahl der DDR-Literatur würde ich empfehlen: "Der geteilte Himmel" und "Kindheitsmuster" von Christa Wolf, "Die Aula" von Hermann Kant, "Franziska Linkerhand" von Brigitte Reimann, "Nachruf" von Stefan Heym, "Die Stasi war mein Eckermann" von Erich Loest, "Das rote Kloster" von Brigitte Klump und die vielen Gedichte von Wolf Biermann und Reiner Kunze und noch vieles mehr.

DA: In seinem Einführungsvortrag hat Christoph Kleßmann gefordert, die Geschichte der beiden deutschen Staaten nicht unabhängig voneinander zu betrachten. Warum brauchen wir eine solche integrierte deutsche Nachkriegsgeschichte?

Prof. Dr. Jérôme Vaillant: Ich kann dem Kollegen Kleßmann nur beipflichten. Es ist wichtig die gegenseitigen Wechselwirkungen der beiden deutschen Staaten aufeinander, die größer waren als allgemein angenommen, hervorzuheben. Nur so können die Transfers menschlicher wie kultureller Art, die Austausche zwischen den Gesellschaften, sichtbar werden. Genauso brauchen wir eine integrierte europäische Nachkriegsgeschichte und eine Geschichte des Kalten Kriegs, in die die deutsche Nachkriegsgeschichte eingebettet ist.

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Autor: Jérôme Vaillant für bpb.de
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