30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
Beleuchteter Reichstag

27.11.2014 | Von:
Tessa Gütschow

Tagungsbericht: Sektion "Herrschaft und Widerstand gegen die Mauer"

Auf der Deutschlandforschertagung 2014 wurde in mehreren Sektionen der Leitfrage "Was bleibt von der Mauer?" nachgegangen. In der Sektion "Herrschaft und Widerstand gegen die Mauer" beschäftigten sich die Referentinnen und Referenten unter anderem mit dem Grenzregime und dem dichten Netz von Zugträgern und Informanten der Stasi.

Ein Reststueck der Berliner Mauer, aufgenommen am Samstag (01.08.11) am Baudenkmal Berliner Mauer auf dem Gelaende des Dokumentationszentrums Topographie des Terrors.Was bleibt von der Mauer? Reststück der Berliner Mauer auf dem Gelände des Dokumentationszentrums Topographie des Terrors (© picture-alliance/dpa)

Zum 25. Jubiläum des Mauerfalls befasste sich die Deutschlandforschertagung 2014 mit der Frage "Was bleibt von der Mauer?" und lud dazu ein, das Thema neben der deutschen Dimension auch in einem europäischen Kontext zu betrachten. Am zweiten Tag der Tagung, die vom 30. Oktober bis zum 1. November in Weimar stattfand, wurde in mehreren Sektionen gearbeitet.

"Herrschaft und Widerstand gegen die Mauer" lautete der Titel der ersten Sektion. Geleitet wurden sie von Dr. Andreas Malycha, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte in Berlin.

Widerstand, Tourismus und Normalität – Leben in den Grenzregionen

Den Einstieg machte Dr. Michael Heinz von der Außenstelle Rostock des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen zum Thema "Verurteilt wegen 'staatsgefährdender Hetze' - Reaktionen auf den Mauerbau im Bezirk Rostock". Heinz legte die Argumentation für den Mauerbau von Seiten der Staatsführung dar, die den Schutz der Bürgerinnen und Bürger vor "den Verlockungen der angeblich attraktiven Fassade des kapitalistischen Systems in Westdeutschland"[1] vorschützte – so der erste Sekretär der SED-Bezirksleitung, Karl Mewis. Der Bau der Berliner Mauer wurde auch im Bezirk Rostock kritisiert. Heinz vollzog einige Protestaktionen nach. Darunter auch eine Bootstour, auf der junge Erwachsene eine Erklärung aufsetzten, die als "staatsgefährdend" bewertet wurde. Diese Aktion endete mit der Verhaftung der Beteiligten. Zahlreiche Verurteilungen im Bezirk Rostock seien im Übrigen auf Denunziationen aus der Bevölkerung zurückzuführen.

Marie-Thérèse Heinrich, Doktorandin an der Universität Rostock, stellte die bisherigen Erkenntnisse aus ihrem Promotionsvorhaben vor, in dem sie sich mit dem westdeutschen Ostseetourismus in die DDR beschäftigt, der mit Unterzeichnung des Grundlagenvertrages 1972 deutlich anstieg. Der Titel ihres Vortrages lautete "'Operativ interessante Gäste' - Der Tourist als Sicherheitsproblem in den Nordbezirken der DDR 1972-1989".

Die SED-Führung forcierte den Tourismus aus dem Westen, da er wertvolle Devisen einbrachte. Gleichzeitig wurden die Besucherinnen und Besucher aus dem kapitalistischen Ausland aber als Sicherheitsproblem wahrgenommen. Um etwaige Spionagetätigkeiten, Fluchthilfe oder generelle Einwirkungen auf Bürgerinnen und Bürger der DDR zu vermeiden, erfolgte eine umfassende Überwachung der Touristen während ihres gesamten Aufenthaltes. Heinrich verwies in diesem Zusammenhang auf die "Helfer der Volkspolizei" und die "Freiwilligen der Grenztruppen", die neben den inoffiziellen Mitarbeitern (IM) der Stasi tätig wurden.

Kontrovers diskutiert wurde das tatsächliche Ausmaß der Überwachung. Dem Einwand eines Zuhörers, er sei während seiner häufigen Besuche in die DDR seiner Wahrnehmung nach nicht überwacht worden, wurde entgegengehalten, dass der Sinn des Abschöpfens ja gerade darin bestehe, dass der Abgeschöpfte es nicht merke. Andere Zuhörer verwiesen darauf, dass die Aktenlage das Ausmaß der Überwachung eindeutig bewiese. Selbst die Überwachungsgruppen, so ein Teilnehmer, wurden bei Verdacht auf Dekonspiration, also bei Zuwiderlaufen oder Aufdeckung der Überwachungstätigkeiten, ausgetauscht.

Maximilian Kutzner stellte die Ergebnisse seiner Bachelor-Arbeit vor, deren Kern eine empirische Untersuchung über die Erinnerungskultur des ehemaligen Grenzgebietes zwischen Geisa (Thüringen) und Rasdorf (Hessen) war. Die sogenannte "Oral History"-Methode, bei der Zeitzeugen möglichst ohne Beeinflussung durch den Fragensteller frei erzählen, bildete die Grundlage des gut strukturierten Beitrages. Das Ergebnis der sorgfältigen Untersuchung bestätigte die bisherige Forschung. Im Verlauf der Jahre sei das Leben in unmittelbarer Umgebung der Mauer für die Bewohner von Geisa-Rasdorf, obwohl diese eine ständige potenzielle Gefahr darstellte, "dann irgendwann normal" gewesen, so Kutzner: "Das Provisorium wurde zum Kontinuum".

Im Anschluss an den Vortrag kam es zu einer angeregten Diskussion unter anderem über die Frage, welche Bedeutung der Denunziation von ortsfremden Fluchtversuchenden durch Dorfbewohner zukam. In der Tendenz kam das Auditorium zu dem Ergebnis, dies sei ein eher nachrangiges Problem gewesen, da die Gebiete an der Grenze bereits unter umfassender staatlicher Überwachung standen.

Eine Zusammenfassung der Forschungsarbeit Kutzners ist 2013 unter dem Titel "Alltagsleben im Grenzgebiet" im Deutschland Archiv erschienen.

Vom Sinn und Unsinn des Vergleichens – Die DDR-Grenze und die Festung Europa

Einen Blick auf die "Legitimierung der Befestigung der Grenzanlagen" warf Johannes Schulze, der seine Masterarbeit an der Universität Leipzig schreibt. Er stellte einen "Vergleich zwischen der innerdeutschen Grenze und den EU-Außengrenzen" an. Obgleich selbst Schulze zu dem Ergebnis kam, eine Vergleichbarkeit dieser beiden Grenzen könne keinen tatsächlichen Erkenntnisgewinn bringen, weshalb er das Thema in seiner Master-Arbeit nicht mehr verfolgen will, folgte seinem Vortrag eine angeregte Diskussion.

Trotz der offensichtlich unterschiedlichen Entstehungshintergründe der beiden Grenzen (Ost-West-Konflikt versus Globalisierung und Abschottung gegen Wirtschaftsflüchtlinge), wurde angemerkt, dass es durchaus Ähnlichkeiten hinsichtlich sicherheitspolitischer und wirtschaftlicher Aspekte gebe. So seien beide Grenzen eine Reaktion auf eine gefühlte oder konstruierte Bedrohung von außen, und der Verzicht auf eine Abschottung wäre mit steigenden volkswirtschaftlichen Kosten verbunden. Dies sei, so Schulze, wissenschaftlich jedoch "vollkommen nichtssagend" Von größerer Bedeutung für die Debatte um die EU-Außengrenzen seien Fragen wie "Wer sind wir als Europäer und wer wollen wir sein?" und "Wem gehört der 'Raum der Freiheit'?"

Im "Schatten der Mauer" – Kritiker und Konspirateure

"Mit dem Donnerer gegen die Mauer – Nietzsche in der DDR", unter dieser Überschrift stand der Vortrag von Prof. Dr. Matthias Steinbach, Professor für Geschichte und Geschichtsdidaktik an der Technischen Universität Braunschweig.

Nietzsche passte nicht in das sozialistische Konzept der SED, weswegen lediglich ein einziges Werk Nietzsches, der Ecce Homo, in der DDR publiziert wurde. Oder wie Steinbach formulierte: Nietzsche sei "Argument für kommunalstaatlichen Eigensinn, gegen ökonomische Zumutungen und einen verwalteten und verwaltenden Großstaat."

Zusätzlich wurde Nietzsche, nicht nur in der DDR, als philosophischer Wegbereiter des Nationalsozialismus wahrgenommen, von dem sich die DDR im Rahmen ihrer "antifaschistischen" Politik zu distanzieren suchte.[2] Diese Lesart Nietzsches könnte auch eine Erklärung dafür sein, dass die Bestände des Nietzsche-Archivs in Weimar zwar Forschern aus dem westlichen Ausland zugänglich gemacht wurden, sie aber für Bürgerinnen und Bürger aus der DDR weitestgehend verschlossen blieben. Dessen ungeachtet wurde am Grab des Philosophen in Lützen im heutigen Sachsen-Anhalt manch heimlicher Pilger gesichtet.

Steinbach ging auch auf Wolfgang Harich ein, der in der DDR der 1950er Jahre Philosophieprofessor in Berlin und Lektor des Akademie-Verlages war. Harich wandte sich gegen eine Darstellung Nietzsches als Nazi. Er las Nietzsche politisch, änderte aber offenbar seine Haltung, nachdem er 1957 aufgrund regimekritischer Äußerungen verurteilte wurde und mehrere Jahre im Zuchthaus zubrachte.

Dr. Müller-Enbergs, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Bundesbeauftragten für Stasi-Unterlagen, referierte unter dem Titel "Was bleibt vom unsichtbaren Schatten der Mauer – die Konspirateure". Leitfrage seine Vortrages war, "wie die SED-Diktatur konspirativ das Leben mit der Mauer in Ost und West" gestaltete. Müller-Enbergs stellte die These auf, dass es falsch sei, die inoffiziellen Mitarbeiter der Stasi pauschal als Hauptträger von Unrecht und Repression zu bezeichnen. Notwendigerweise zu erweitern sei der Fokus um diejenigen Auskunftspersonen, die auf eigene Initiative Informationen weitergegeben, also denunziert haben. Eine derartige Unterscheidung sei wichtig. Der Begriff "Konspirateur", also Verschwörer, im Titel seines Beitrages wurde in diesem Sinne, so Müller-Enbergs, als bewusste Provokation gewählt.

Auch plädierte Müller-Enbergs dafür, die Tätigkeit der IMs differenziert zu betrachten. Dafür teilte er die Informanten in unterschiedliche Kategorien ein, von denen nicht alle uneingeschränkt als "Spitzel" oder "Denunziant" bezeichnet werden könnten. So war der denunziatorische Eifer bei sogenannten Sitz-IM, die nur auf Anfrage Berichte verfassten und sich am unteren Ende der Hierarchie inoffizieller Mitarbeiter befanden, gering. Dahingegen sind die Akten der hochrangigen, wirklich wichtigen IM häufig nicht mehr auffindbar.

Die Motive für eine Denunziation bei der Stasi seien unterschiedlich gewesen: Etwa zwei Drittel, so Müller-Enbergs, hätten aus ideellen Gründen gehandelt. Nur wenige seien tatsächlich erpresst worden, jedoch habe die Angst, eine Mitarbeit zu verweigern, eine nicht zu unterschätzende Bedeutung gehabt. Bezeichnend ist die Auswertung von Karteikarten, die über alle Auskunft gebenden Personen angelegt wurden. Auf ihnen sei auch registriert gewesen, wie bereitwillig die jeweilige Person Auskunft gab. In dem exemplarisch untersuchten Kreis Saalfeld waren sechs Prozent der Bevölkerung als "Auskunftspersonen" erfasst. Laut Müller-Ensbergs gaben im Falle Saalfelds diejenigen von ihnen, die nicht IM waren, mehr Auskünfte. Aus diesem Grund plädierte Müller-Enbergs abschließend dafür, anstelle von "Denunzianten" den differenzierbaren Begriff Auskunftsperson zu verwenden, "einem Oberbegriff für all jene, die konspirativ dem SED-Staat, aber auch seinen Organen […], halfen, die Mauer zu sichern und somit das Alltagsleben zu bestimmen."

Zitierweise: Tessa Gütschow, Tagungsbericht: Sektion "Herrschaft und Widerstand gegen die Mauer", in: Deutschland Archiv, 28.11.2014, Link: http:\\www.bpb\197027

Fußnoten

1.
Landesarchiv Greifswald (LAG), SED-BL Rostock V/2/3, 325, Bl. 20.
2.
Henning Ottmann, Philosophie und Politik bei Nietzsche, Berlin 1999, 2. verb. u. erw. Aufl., S. 429.
Creative Commons License

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